Kurz: Willkommen im Jahr des Hoverboards

Ver­mut­lich wird uns das The­ma in ein paar Tagen völ­lig zum Hals raus­hän­gen, aber natür­lich ist es eine net­te Sache, wenn ein halb­wegs popu­lä­rer Film aus der Kind­heit die­ser Genera­ti­on im Jahr 2015 spielt. Und das eben jetzt ist. Die Rede ist selbst­ver­ständ­lich von Back to the future II aus dem Jahr 1989. Da lie­gen Ver­glei­che mit der heu­ti­gen Gegen­wart nahe. Auch wenn die Vor­stel­lung, dass die Haupt­auf­ga­be von Sci­ence Fic­tion dar­in lie­gen könn­te, Erfin­dun­gen vor­her­zu­sa­gen eher ein Fehl­schluss ist. Klar ver­sucht Sci­ence Fic­tion, eine halb­wegs rea­lis­ti­sche Zukunft dar­zu­stel­len – aber eben meist doch als Hin­ter­grund, vor und mit dem Din­ge pas­sie­ren, und nicht als rai­son d’etre des Gen­res. Für pop­kul­tu­rel­le Vari­an­ten von Sci­ence Fic­tion gilt dies erst recht.

Trotz­dem hal­te ich es nicht für unwahr­schein­lich, dass in den nächs­ten zwölf Mona­ten irgend­je­mand funk­ti­ons­fä­hi­ge Hover­boards ent­wi­ckeln wird. Oder zumin­dest sowas ähn­li­ches. Nicht nur, weil es einen ent­spre­chen­den Crowd­fun­ding-Auf­ruf gab, son­dern auch des­we­gen, weil es ein nice-to-have-Gim­mick aus einem Film ist, der einer jetzt in die Mid­life Cri­sis kom­men­den Genera­ti­on gut bekannt ist. Das Kon­zept ist da und anschluß­fä­hig im Dis­kurs ver­an­kert, es fehlt nur das rea­le Pro­dukt. 2015 könn­te also – fast schon als selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung – zum Jahr des Hover­boards wer­den. (Und anders als bei z.B. flie­gen­den Autos wäre es eine Erfin­dung mitt­le­ren Maßes, die ohne groß­ar­ti­ge neue Infra­struk­tu­ren etc. auskommt …)

Die Fra­ge, wie Sci­ence Fic­tion und tat­säch­li­che Inven­ti­ons-/In­no­va­ti­ons­prak­ti­ken zusam­men­wir­ken, und ob es mehr als ein pop­kul­tu­rel­les Hin­ter­grund­rau­schen ist, das bei­de Wel­ten ver­bin­det, fin­de ich ganz unab­hän­gig davon, ob die Hover­board-Pro­phe­zei­ung nun erfüllt wird oder nicht, nach wie vor inter­es­sant. Oder, augen­zwin­kernd umge­dreht: Wer im Jahr 2042 ger­ne 3D-Flug-Fuß­ball als Trend­sport­art eta­blie­ren möch­te, soll­te jetzt einen erfolg­rei­chen SF-Film in die Kinos bringen.

P.S.: Der Guar­di­an hat deut­lich umfang­rei­che­res A‑Z der Ver­glei­che zwi­schen 2015a und 2015b.

P.P.S.: Und das.

Klassentreffen

School buildingEs waren durch­aus gemisch­te Gefüh­le, mit denen ich zum 20-jäh­ri­gen Tref­fen mei­nes Abitur­jahr­gangs gegan­gen bin. Das hat ja doch immer was von Bilanz­pres­se­kon­fe­renz. Wobei, soweit sich das fest­stel­len ließ, mei­ne Abik­las­se kei­ne Berühmt­hei­ten her­vor­ge­bracht hat. Ber­lin, Leip­zig, Ham­burg, USA, aber vie­le sind doch hier in der Gegend geblie­ben oder wie­der zurück­ge­kehrt. Eine gan­ze Rei­he boden­stän­di­ger, respek­ta­bler Beru­fe. Gerad­li­nig­keit. Fast über­all Kin­der, zwi­schen ganz klein und schon aus dem Gröbs­ten raus. Baby­fo­tos wer­den her­um­ge­zeigt, Hoch­zei­ten als Mei­len­stei­ne berich­tet. Zwi­schen den Zei­len: mit der Ver­ein­bar­keit, das ist so eine Sache. Ererb­te, gekauf­te oder neu gebau­te Häu­ser. Im Gro­ßen und Gan­zen haben wir uns eingerichtet. 

In der Abi­zei­tung hat­ten wir Fra­ge­bö­gen aus­ge­füllt. Was sind dei­ne Zukunfts­plä­ne? Wir waren kurz­sich­tig. Zivil­dienst. Erst­mal Urlaub. Und ziel­stre­big. Rea­lis­tisch. Da ste­hen kei­ne Träu­me, in die­ser Zei­le, da ste­hen Fächer­kom­bi­na­tio­nen. Die dann auch ein­ge­tre­ten sind. Und heu­te? Haben wir Zie­le über den Tag hinaus?

Sind wir eine Genera­ti­on Mit­tel­maß, die nicht so ger­ne ein Risi­ko ein­geht? Oder eine mit Maß, die ohne über­zo­ge­ne Ansprü­che durch­aus zufrie­den ist mit den Ver­hält­nis­sen? Poli­tik inter­es­siert uns nicht (naja, mich schon). Land­tag, was machst du da? Kein Abge­ord­ne­ter, ach so. Und wie ist der Kret­sch­mann so? Aber die Bildungspolitik! 

Span­nend ist, wer nicht da ist. Wer den Kon­takt auf­recht erhal­ten hat, und wer in neue Wel­ten auf­ge­bro­chen ist, abge­hau­en ist, raus­ge­gan­gen ist. Zurück­ge­kom­men ist? Wer Din­ge gesucht hat, die es in der hei­len Welt des ›Gymi‹ so nicht gab. Wer was davon mit­ge­nom­men hat. 

Zwan­zig Jah­re, aber haben wir uns über­haupt ver­än­dert? Mit treu­her­zi­gem Sozio­lo­gen­blick, insti­tu­tio­na­li­sier­tem Außen­sei­ter­tum, wun­de­re ich mich dar­über, wie sta­bil unse­re Per­sön­lich­keits­mus­ter sind, wie schnell ein­ge­üb­te Grup­pen­dy­na­mi­ken aus Jah­ren gemein­sa­mer Schul­zeit abruf­be­reit sind. (Und auch im Schul­ge­bäu­de hat noch vie­les den glei­chen alten Charme der 1970er Jah­re aus Sicht­be­ton und Knall­far­ben – bis wir dann vor dem Smart­board ste­hen). Hat gar die Schu­le, die­se Schu­le, uns zu dem gemacht, was wir sind? Und was ist dann in den zwan­zig Jah­ren danach mit uns passiert?

Klar dut­zen wir uns alle. Auch wenn wir das sonst nicht tun wür­den. Und wir wis­sen noch immer, wie wer und wer wie reagie­ren wird. Für einen Tag, für einen Abend passt das schon. Alle zwan­zig Jah­re mal. Wir ver­ste­hen uns.

Wie viel kann die­ser Ober­flä­che zuge­mu­tet wer­den? Was liegt dahin­ter? Trägt der Schein, oder täuscht er? Sind wir viel­leicht am Ende gar nicht so lang­wei­lig und vor­her­seh­bar, wie zuerst gedacht? Ver­stellt mir mei­ne wohl gepfleg­te Fremd­heit den Blick? 

Wir erzäh­len uns Bio­gra­fien. Zufall und Ver­letz­lich­keit kom­men ins Spiel. Da und dort schrä­ge Wege, Glück und Pech. Die­sen Roman muss ein ande­rer schrei­ben – aber ihn zu lesen, das wäre was. 

War­um blog­ge ich das? Wegen der eige­nen Welten.

Die Kinder der digitalen Revolution

Ganz ehr­lich: Ich kann mich nicht mehr dar­an erin­nern, wel­ches die ers­te Demo war, an der ich teil­ge­nom­men habe. Asyl­recht, Golf­krieg, hier in Frei­burg die Pro­tes­te gegen die Abhol­zung des Kon­rad-Gün­ther-Parks oder eine Akti­on zum Cas­tor oder zu Fes­sen­heim – irgend­et­was davon wird es gewe­sen sein, Anfang der 1990er Jah­re. Bei der heu­ti­gen Demo gegen das ACTA-Abkom­men kam ich mir dage­gen rich­tig alt vor. Ganz vie­le Schü­le­rIn­nen, ver­mut­lich war es für einen gro­ßen Teil davon die ers­te Demo. 

Ins­ge­samt, so wür­de ich schät­zen, gut 1000 Men­schen, die in Frei­burg den Minus­gra­den zum Trotz »Stop ACTA« gebrüllt haben, und diver­sen Red­nern – der jüngs­te davon 14 Jah­re alt – zuge­hört haben. Für uns Grü­ne hat Stadt­rat Timo­thy Simms gere­det, mir hat’s gut gefal­len, was er gesagt hat. 

„Die Kin­der der digi­ta­len Revo­lu­ti­on“ weiterlesen

Obama: Amerika zum Gernhaben

Eine der gro­ßen Selt­sam­kei­ten gesell­schaft­li­cher Zeit ist die Tat­sa­che, dass es jeder Genera­ti­on so vor­kommt, als sei alles schon immer so gewe­sen. Seit Kin­des­ta­gen war Kohl Kanz­ler. Umso grö­ßer die Freu­de und die (dann lei­der oft ent­täusch­ten) Erwar­tun­gen, als die Grü­nen 1998 mit einem zweit­klas­si­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten die Regie­rung stellten. 

Und eben­so war Ame­ri­ka – genau­er gesagt: war die USA – schon immer »Das Reich des Bösen«. Rea­gan, Bush, mit Clin­ton ein zweit­klas­si­ger Sozi­al­de­mo­krat als ent­täusch­ter Hoff­nungs­schim­mer, wie­der Bush, Bush – die USA als Land des »bible belt«, der Waf­fen­ver­herr­li­chung, das Land mit dem höchs­ten CO2-Aus­stoss pro Kopf. Es war die USA, die sich zum uni­la­te­ra­len Welt­po­li­zis­ten auf­schwang, Krie­ge vom Zaun brach und Kyo­to igno­rier­te. Die zum »War on ter­ro­rism« auf­rief und dabei die ihr eige­nen Frei­heits­rech­te beer­dig­te. Die mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne – schon immer ame­ri­ka­ni­sche. Zwi­schen Kul­tur­im­pe­ra­lis­mus und rück­sicht­lo­sem Kapi­ta­lis­mus: alles USA. Das zur wahr­ge­nom­me­nen Wirk­lich­keit geron­ne­ne Kli­schee des lin­ken Antiamerikanismus.

Barack & Michelle Obama go to Washington
Foto: jur­vet­son, CC-BY

Die Wahl und ges­tern die Inau­gu­ra­ti­on Oba­mas las­sen einen ein wenig begrei­fen, wie das vor 40 Jah­ren, also lan­ge vor mei­ner selbst erin­ner­ten Zeit, mit Ken­ne­dy war. Sie mach­ten sicht­bar, dass die USA eben auch – und da war Oba­mas pathe­ti­sche »Hope-Rede« rich­tig span­nend – eine Geschich­te der Selbsteman­zi­pa­ti­on des Men­schen ver­kör­pern. Ein Bund der Aus­ge­stos­se­nen, ein Expe­ri­men­tier­feld der Demo­kra­tie, ein Land der Aus­wei­tung von Freiheitsrechten. 

Kei­ne Angst – auch ich habe die USA auch in den letz­ten acht Jah­ren nicht so schwarz-weiß wahr­ge­nom­men. Ich habe sie als Land wahr­ge­nom­men, das viel welt­po­li­ti­schen und bedroh­li­chen Unsinn anstellt, und als einen mar­tia­li­schen Ort, den ich nur ungern berei­sen wür­de. Ich habe aber auch wahr­ge­nom­men, dass es eine lan­ge Tra­di­ti­on der Bür­ger­be­we­gung und des Akti­vis­mus gibt. Dass auch die Hip­pies, der SDS, das Sili­con Val­ley und das MIT zur USA gehö­ren. Dass neben dem mitt­le­ren Wes­ten und texa­ni­schen Far­men ver­hei­ßungs­vol­le Orte wie Seat­tle, San Fran­cis­co, Bos­ton und Davis eben­so wie vie­le gemein­schaft­li­chen Expe­ri­men­te Tei­le der USA sind. Ich erin­ne­re mich noch gut an mei­ne Ver­wun­de­rung dar­über, wie z.B. öko­lo­gi­scher grass­root-Akti­vis­mus und gran­dio­ses pro­fes­sio­nel­le Poli­tik­ma­nage­ment zusam­men­pas­sen kön­nen, als ich die ers­ten Bro­schü­ren und Fly­er aus der ame­ri­ka­ni­schen Umwelt­be­we­gung in der Hand hielt.

Irgend­wie ver­bin­det sich mit der Wahl Oba­mas die Hoff­nung, dass die­ser Teil der Ver­ei­nig­ten Staa­ten jetzt, wenn schon nicht mehr­heits­fä­hig und ton­an­ge­bend, doch zumin­dest ein biß­chen wich­ti­ger gewor­den ist. Oba­ma hat sei­ne Inau­gu­ra­ti­on unter das Mot­to Hoff­nung statt Angst gestellt. Dass allei­ne fin­de ich schon beeindruckend. 

Auch wenn ich wei­ter­hin ger­ne auf einen Teil des kar­ne­val­es­ken Pomps und des Säbel­ra­schelns ver­zich­te, ist es der pro­fes­sio­nel­le Akti­vis­mus, von dem sich die deut­sche Poli­tik ein gan­zes Stück abschnei­den kann. Das betrifft nicht nur change.gov, son­dern auch die Fra­ge, wie eine cha­ris­ma­ti­sche Figur mit direk­ter Betei­li­gung und Invol­viert­heit vie­ler zusam­men­pas­sen. Es gibt die Aus­sa­ge, dass die Grü­nen die ame­ri­ka­nischs­te der deut­schen Par­tei­en sein (gleich­zei­tig wird die »oba­ma machi­ne«, die er im Wahl­kampf auf­ge­baut hat, inzwi­schen mit der Orts­ver­bands-Struk­tur der deut­schen Volks­par­tei­en ver­gli­chen). Ich kann mir gut vor­stel­len, dass eine Mischung aus einer Poli­tik der Hoff­nung, einer pro­fes­sio­na­li­sier­ten Bewe­gungs­or­ga­ni­sa­ti­on und einem Auf-die-Men­schen-Zuge­hen, einem Die-Men­schen-Mit­neh­men auch in Deutsch­land Sinn machen wür­de. Jen­seits des »Yes we can« ist dies die Tie­fen­struk­tur des Oba­ma-Wahl­kampfs, viel­leicht auch der Oba­ma-Regie­rungs­zeit. Die brau­chen wir auch. Und die sehe ich (ganz im Gegen­satz zu der in Robert A. Wil­sons Roma­nen kar­ri­kier­ten öko­lo­gi­schen Poli­tik einer »Revo­lu­ti­on der gesenk­ten Erwar­tun­gen«) auch für grü­ne Poli­tik als drin­gend not­wen­dig an – eine pro­gres­si­ve und manch­mal auch popu­lis­ti­sche öko­lo­gi­sche Poli­tik der Hoff­nung, nicht der Angst.

Gro­ße Hoff­nun­gen kön­nen ent­täuscht wer­den. Oba­ma ist kein lin­ker Demo­krat, son­dern Zen­trist. Er hat die Repu­bli­ka­ner in sei­ne Regie­rung mit ein­ge­bun­den und wird vie­les, was jetzt auch von sei­nen Anhän­ge­rIn­nen gefor­dert wird, nicht umset­zen. Hier kommt das Behar­rungs­ver­mö­gen eines Sys­tems mit hin­ein, die Mei­nung der Mas­sen und die Schat­ten­sei­te des cha­ris­ma­ti­schen Popu­lis­mus. Poli­tik als schmut­zi­ges Geschäft. In einem Inter­view in der taz – ich mei­ne, mit Ayers – wur­de die Paro­le aus­ge­ge­ben, jetzt nicht mit Krit­te­lei­en zu begin­nen, son­dern Oba­ma erst ein­mal zu fei­ern – und sich bewusst zu sein, dass zu einer erfolg­rei­chen pro­gres­si­ven Prä­si­dent­schaft auch eine erfolg­rei­che Bür­ger­be­we­gungs­lob­by gehört, die ihn immer wie­der in die rich­ti­ge Rich­tung schubst. Unge­fähr so stel­le ich mir das Ver­hält­nis zwi­schen Par­la­ments­par­tei­en und Koali­ti­ons­re­gie­run­gen einer­seits und außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewe­gun­gen ande­rer­seits vor, inso­fern passt die­ses Bild gut.

Für heu­te also kei­ne Angst vor ent­täusch­ten Erwar­tun­gen, son­dern die Hoff­nung dar­auf, dass sich mit Oba­ma – und für mei­ne Kin­der – eine Genera­tio­nen­ge­schich­te eines vor­bild­haf­ten Ame­ri­kas ent­wi­ckelt, das auch auf die­ser Sei­te des Atlan­tiks gern gehabt wird, respek­tiert wird, bewun­dert wird. Dass einen sich selbst erhal­ten­den Kreis­lauf wach­sen­der Hoff­nung in Gang bringt, statt sich auf Angst und Furcht ange­wie­sen zu fühlen.

War­um blog­ge ich das? Weil ich mei­ne Gedan­ken ange­sichts der Inau­gu­ra­ti­on los­wer­den woll­te. Unbedingt.

Wir Kinder der Rebellion: oder Verstetigung eines Lebensstils?

Nina Pau­er fragt in der taz nach den Kon­se­quen­zen der »unmög­li­chen Rebel­li­on« von (Post-)68er-Kindern gegen die Eltern. Im Zen­trum steht fol­gen­de Frage:

So zumin­dest stel­len wir uns das vor. »Das Gute am Jung­sein ist, dass alle gegen dich sind« könn­te das Mot­to unse­rer Eltern­ge­nera­ti­on sein, die sich trotz all dem für uns so spa­ßig und wild Erschei­nen­den der 68er ihren Weg in die Eigen­stän­dig­keit gegen den Wil­len ihrer spie­ßi­gen, Nazi-ver­strahl­ten oder lang­wei­li­gen Eltern hart erkämp­fen muss­ten. Was aber, wenn nie­mand je gegen einen war? Uns ver­folgt die Unfä­hig­keit der Ab- oder Auf­leh­nung unser gan­zes jun­ges Leben lang. Eine Rebel­li­on gegen unse­re Eltern war nicht nötig, aber eben auch nie mög­lich. Klar könn­ten wir uns in die so oft besun­ge­ne Spaß­ge­sell­schaft stür­zen. Doch allein aus ästhe­ti­schen Grün­den kennt auch unse­re Trash-Affi­ni­tät kla­re Gren­zen; mehr als ein paar Minu­ten bil­dungs­fer­ner Sen­de­for­ma­te kön­nen wir am Stück nicht ertra­gen. Klar könn­ten wir Stei­ne schmei­ßen und alle­samt »anti­deutsch« wer­den. Aber dass die lin­ke Radi­ka­li­tät aus­pro­biert und geschei­tert ist, dass alter­na­tiv kei­ne Alter­na­ti­ve ist, konn­ten wir nie ernst­haft anzweifeln.

Pau­er kommt zum Fazit, dass weder Welt­re­li­gio­nen (dafür sind »wir« zu ratio­nal) noch Kon­su­mis­mus noch Spie­ßer­tum als Rebel­li­ons­al­ter­na­ti­ven in Fra­gen kom­men, endet aber irgend­wie ratlos-harmonisch.

Für mich steckt hin­ter die­sem Arti­kel noch eine ande­res The­mas, das die von Pau­er ange­spro­che­nen Fra­gen erst ermög­licht. Die Fra­ge, woge­gen »wir« den rebel­lie­ren soll­ten, wenn wir uns mit unse­ren Eltern eigent­lich ganz gut ver­ste­hen, und deren Lebens­stil auch eher vor­bild­haft als abzu­leh­nend anse­hen, stellt sich erst dann, wenn »Jugend­re­vol­te« als Nor­ma­li­tät ange­nom­men wird. Oder zumin­dest als stil­ty­pi­sche Normalität. 

Wenn der »post­ma­te­ria­lis­ti­sche« Lebens­stil der 68er- und 78er-Eltern dage­gen nicht auto­ma­tisch als an Jugend­pro­test gekop­pelt ver­stan­den wird, und als per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on, oder zumin­dest Rebel­li­on, gedacht wird, son­dern als umkämpf­te Neu­erfin­dung eines bis dato nicht wirk­lich exis­ten­ten Lebens­stil­fel­des, die Kon­sti­tu­ti­on eines Milieus? (Laut SINUS übri­gens das ein­zi­ge, das alle Alters­grup­pen umfasst). Dann gibt es auch nicht unbe­dingt die Not­wen­dig­keit zur Genera­ti­ons­re­vol­te, zur Abar­bei­tung an der Eltern­ge­nera­ti­on, son­dern viel­mehr zur Ver­ste­ti­gung eines meh­re­re Genera­tio­nen über­grei­fen­den Pro­jek­tes eines – letzt­lich – »rich­ti­gen Lebens«. Und dann erscheint es plötz­lich als ganz nor­mal, dass »Wir Kin­der der Rebel­li­on«, wie die taz den Arti­kel von Pau­er beti­telt hat, eigent­lich nur im Lang­fris­t­pro­jekt glück­lich wer­den kön­nen, den Wer­te­ho­ri­zont und die Lebens­ex­pe­ri­men­te unse­rer Eltern zum dau­er­haf­ten All­tag fortzuführen. 

War­um soll­te das auch nicht gelin­gen – auch die Söh­ne und Töch­ter des kon­ser­va­ti­ven Bür­ger­tums haben ja schein­bar kei­ner­lei Pro­ble­me damit, in der gro­ßen Mehr­zahl in die elter­li­chen Fuß­stap­fen zu treten.

War­um blog­ge ich das? Weil der taz-Arti­kel Fra­gen anspricht, denen näher nach­zu­ge­hen ich recht span­nend fin­de – und weil ich mich im »wir« des Arti­kels wiederfinde.