Kurz: Postindustrielle Forstwirtschaft

Waldspaziergang XVIIIAuf dem Kon­gress der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie im Jahr 2008 in Jena habe ich in der Sek­ti­on »Land- und Agrar­so­zio­lo­gie« einen Vor­trag über »Post­in­dus­tri­el­le Forst­wirt­schaft und den Struk­tur­wan­del länd­li­cher Räu­me« gehal­ten. Erschie­nen ist die­ser im Jahr 2010 in der CD-ROM-Bei­la­ge zum Kon­gress­band. Um den Vor­trag etwas zugäng­li­cher zu hal­ten, möch­te ich das Manu­skript hier zur Ver­fü­gung stel­len (in klei­ne­ren Punk­ten kann es Abwei­chun­gen von der CD-ROM-Fas­sung geben).

Inner­halb der Land- und Agrar­so­zio­lo­gie, aber auch inner­halb der Poli­tik für länd­li­che Räu­me wird vor allem der Land­wirt­schaft eine zen­tra­le Rol­le zuer­kannt (Pli­en­in­ger et al. 2006). Forst­wirt­schaft erscheint dem­ge­gen­über als sekun­dä­res Phä­no­men. Die­se Posi­tio­nie­rung mag damit zusam­men­hän­gen, dass gera­de auf der Sei­te der Forst­wis­sen­schaft ein spür­ba­rer Anspruch, ›allei­ne‹ für Forst­wirt­schaft und Wald­räu­me zustän­dig zu sein, fest­zu­stel­len ist. Eine regio­nal ori­en­tier­te Sozio­lo­gie länd­li­cher Räu­me müss­te die Wäl­der in den Blick neh­men. Dies gilt ins­be­son­de­re, da Forst­wirt­schaft sich als Kon­trast­fo­lie zur Land­wirt­schaft eig­net: Zwar wer­den zen­tra­le Eigen­schaf­ten – Boden­ge­bun­den­heit, Arbeit an der Natur, sozia­le Ver­an­ke­rung in länd­li­chen Milieus – geteilt, die sozio­öko­no­mi­sche Struk­tur und die poli­ti­sche Ein­bet­tung unter­schei­det sich jedoch deut­lich. Im Fol­gen­den möch­te ich – nach einem kur­zen Blick auf die unter­schied­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen – dar­auf ein­ge­hen, wie­so die aktu­el­le Ver­fasst­heit forst­li­cher Arbeit sinn­voll als ›post­in­dus­tri­el­le Forst­wirt­schaft‹ bezeich­net wer­den kann, um mit der Fra­ge zu enden, ob post­in­dus­tri­el­le Forst­wirt­schaft auch anders aus­se­hen könnte. […]

Zitier­wei­se: Wes­ter­may­er, Till (2010): »Post­in­dus­tri­el­le Forst­wirt­schaft und der Struk­tur­wan­del länd­li­cher Räu­me«, in Soeff­ner, Hans-Georg (Hrsg.): Unsi­che­re Zei­ten. Her­aus­for­de­run­gen gesell­schaft­li­cher Trans­for­ma­tio­nen. Ver­hand­lun­gen des 34. Kon­gres­ses der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie in Jena 2008. Wies­ba­den: VS, CD-ROM-Bei­la­ge 2010. Manu­skript.

Zwischenstation (Update 2)

Nur kurz ein Lebens­zei­chen (für alle, die mei­nen Micro­blog­ging-Twit­ter-Feed igno­rie­ren): ich war bis gera­de eben auf dem 34. Kon­gress der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie im beschau­li­chen Jena, und wer­de dann mor­gen zum grü­nen Lis­ten­auf­stel­lungs­par­tei­tag für Baden-Würt­tem­berg fah­ren (Hen­ning wird wohl live berich­ten). Zur Lis­ten­auf­stel­lung jetzt nichts wei­ter, zum Sozio­lo­gie­kon­gress noch ein paar Eindrücke:

Von der Besu­che­rIn­nen-Zahl her war der Kon­gress (dies­mal unter dem Mot­to »Unsi­che­re Zei­ten«) groß und bunt wie immer. Ins­ge­samt fand ich ihn sehr gelun­gen, vor allem auch die räum­li­che Nähe (fast alles in einem Gebäu­de, ganz anders als in Kas­sel vor zwei Jah­ren). Es gab eine gewis­se Arhyth­mik im Pro­gramm: mor­gens oft nicht so ganz span­nen­de Ple­nen par­al­lel, nach­mit­tags ungfähr 25 Ver­an­stal­tun­gen zur Aus­wahl, und abends ein nichts so ganz über­schnei­dungs­frei­es Programm.

Im Vor­feld habe ich von Leu­ten mit ande­rem Fach­hin­ter­grund gehört, dass ein ganz­wö­chi­ger Kon­gress ja Luxus sei. Aber ich glau­be, genau die­ser Luxus macht viel für die (wie ich immer noch fin­de, sehr star­ke) Fach­i­den­ti­tät aus. Nicht nur, dass so ein Kon­gress – er fin­det übri­gens alle zwei Jah­re statt – ein exzel­len­ter Gene­ra­tor für zufäl­li­ge Begeg­nun­gen (und den Über­blick über das sozio­lo­gi­sche Publi­ka­ti­ons­we­sen) ist. Er trägt auch stark dazu bei, sich zu ver­ge­wis­sern, dass es da – bei allen Schu­len­bil­dun­gen und hef­ti­gen Hahnen‑, Hen­nen- und Kücken­kämp­fen – eine weit geteil­te gemein­sa­me Grund­stim­mung gibt. Er nor­ma­li­siert den Modus der Ver­un­si­che­rungs­er­war­tung und ver­stärkt die Wahr­neh­mung, dass es eben doch noch ziem­lich vie­le ande­re gibt, die ähn­li­che Welt­be­ob­ach­tun­gen anstel­len. Also: Gemein­schafts­bil­dung (beson­ders gut sicht­bar in der Abschluss­ver­an­stal­tung, in der unter dem Mot­to »Män­ner auf ver­lo­re­nem Pos­ten« eine Sozio­lo­gin und ein (sehr sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher) His­to­ri­ker sowie 1000 Sozio­lo­gIn­nen mit einer pro­vo­kant-bio­lo­gis­ti­schen Medi­zi­ne­rin und Gerichts­gut­ach­te­rin dis­ku­tier­ten. Soll­te inter­dis­zi­pli­när sein, mach­te aber noch­mal klar, dass es sehr, sehr vie­le Men­schen gibt, die die Selbst­ver­ständ­lich­keit einer sozia­len Kon­struk­ti­on von Geschlech­ter­rol­len tei­len und mit so Kon­struk­ten wie der »natür­li­chen müt­ter­li­chen Für­sor­ge« und dem »beschüt­zen­den Mann« nichts anfan­gen kön­nen. Inso­fern span­nend, und ein schö­nes Mit­tel zum ima­gi­ned com­mu­ni­ty buil­ding).

Was habe ich selbst auf dem Kon­gress gemacht? 

1. Mir eini­ge Sachen ange­hört – u.a. Ire­ne Döl­ling, die noch mal sehr schön deut­lich gemacht hat, wie post­for­dis­ti­sche Ent­gren­zun­gen und die Auf­he­bung der Insti­tu­tio­nen im Beck­schen Indi­vi­dua­lis­mus letzt­lich natür­lich auch sowas wie Geschlech­ter­ar­ran­ge­ments irri­tie­ren und ver­än­dern. Und die Debat­te neben Nan­cy Fra­ser und Axel Hon­neth, die so mit­tel­span­nend war. Und noch ein paar Vor­trä­ge da und dort.

2. An den Ver­an­stal­tun­gen der Sek­ti­on Umwelt­so­zio­lo­gie teil­ge­nom­men (die Ple­nar­ver­an­stal­tung gemein­sam mit der Wis­sen­schafts- und Tech­nik­so­zio­lo­gie et al. hat mir gut gefal­len, die »Neue Trends«-Sektion war etwas schräg, da hät­te ich mir mehr erwar­tet, und die von mir mit­or­ga­ni­sier­te und mode­rier­te Sektions+Nachwuchsgruppensitzung heu­te hat mei­ne eige­nen Erwar­tun­gen trotz eini­ger tech­ni­scher Pro­ble­me zu Beginn deut­lich über­trof­fen – dort gab es vier Vor­trä­ge zum Kli­ma­wan­del, die, so mein viel­leicht etwas vor­ein­ge­nom­me­ner Ein­druck, ins­ge­samt ein sehr run­des Bild der sozio­lo­gi­schen Kli­ma­wan­delsde­bat­te gege­ben haben, und gezeigt haben, was Umwelt­so­zio­lo­gie alles machen kann. Von der Wis­sen­schafts­de­kon­struk­ti­on bis zu All­tags­prak­ti­ken und Fra­gen der (miss­lun­ge­nen) Verhaltenssteuerung).

3. Sek­tio­na­les Net­wor­king (Mit­glie­der­ver­samm­lung der Sek­ti­on, Mit­tags­tref­fen der Nach­wuchs­grup­pe Umwelt­so­zio­lo­gie in einem schön alter­na­ti­ven Gast­haus). Und natür­lich vie­le Gesprä­che mit vie­len Leuten.

4. Mich amü­siert, ins­be­son­de­re mit »DIE STERNE« auf dem Kon­gress­kon­zert (gute Idee). ((Anek­do­te: Ein­lass nur mit Stem­pel auf der Ein­tritts­kar­te, der nach­weist, dass die Extra­ge­bühr gezahlt wur­de. Wuss­te ich nicht, bei mir ist kein Stem­pel, Momen­te der Ver­un­si­che­rung, dann fällt mir ein, dass im Namens­schild noch so ein Stück Papier steck­te, das den Stem­pel ver­deckt hat.))

5. Selbst was vor­ge­tra­gen – zur post­in­dus­tri­el­len Forst­wirt­schaft, in der Sek­ti­ons­sit­zung der Sek­ti­on Land- und Agrar­so­zio­lo­gie. Deren Vor­sit­zen­der, was ich nicht wuss­te, und ande­re wohl auch nicht, u.a. auch Wald besitzt.

6. Beob­ach­tun­gen über Sozio­lo­gIn­nen ange­stellt (z.B. scheint es mir eine Koin­zi­denz zwi­schen phi­lo­so­phie­na­hen bzw. stark theo­rie­ori­en­tier­ten Vor­trä­gen, der Ableh­nung von Power­point (Vor­trag heißt »vom Blatt vor­le­sen«) und der Bevor­zu­gung leger-for­ma­len Klei­dung und Haar­schnit­te zu geben).

Und was habe ich nicht gemacht? U.a. nicht in die Ver­an­stal­tun­gen zur Inter­net­so­zio­lo­gie rein­ge­schaut (immer hat­te ich was ande­res par­al­lel). Scha­de, bin gespannt, ob sich da was erfah­ren lässt, wie es da lief (und zwar vor dem für 2010 zu erwar­ten­den Kongressband).

War­um blog­ge ich das? Weil die Ein­drü­cke noch frisch sind. Und als Merk­pos­ten, um recht­zei­tig für den Kon­gress 2010 in Frank­furt die Unter­kunft zu orga­ni­sie­ren. Die war in Jena trotz lan­ge vor­he­ri­ger Buchung näm­lich ziem­lich weit draußen.

Update: (14.10.2008) Einen lesens­wer­ten und etwas wis­sen­schaft­li­che­ren Bericht über die Ereig­nis­se aus der Markt- und Wirt­schafts­so­zio­lo­gie hat Tina Gün­ther über den Kon­gress geschrie­ben (wie wir schon auf dem Bahn­steig in Wei­mar fest­ge­stellt haben, haben wir kom­plett unter­schied­li­che Ver­an­stal­tun­gen besucht). Umso inter­es­san­ter, was dort pas­siert ist, wo ich nicht war.

Update 2: Und hier noch die von mir eben­falls lei­der nicht besuch­te Web 2.0-Ver­an­stal­tung.