Zeit des Virus, Update VI

Norddeich (post-apocalyptic wasteland with evil overlord, I guess)

Im Juni hat­te ich ja davon berich­tet, eine Feri­en­woh­nung an der Nord­see gebucht zu haben. So ganz wohl war mir nicht dabei, aber letzt­lich haben wir trotz Coro­na-Kri­se Urlaub am Meer gemacht. Kon­kret waren das lan­ge Bahn­fahr­ten in recht lee­ren Zügen, teil­wei­se in der ers­ten Klas­se, in der ich sonst nicht fah­re, die aber noch­mal etwas mehr Abstand und etwas weni­ger Leu­te bie­tet. Erfah­run­gen mit dem Mas­ken­tra­gen: ja, so eine Mas­ke nervt natür­lich, aber sie lässt sich auch für acht Stun­den Zug­fahrt tra­gen, und mei­ne sonst ger­ne mal rebel­li­schen Kin­der hat­ten auch kein Pro­blem damit, son­dern frag­ten höf­lich, ob es ok sei, die Mas­ke abzu­set­zen, um etwas zu essen oder zu trin­ken. Es gab aller­dings immer auch – eini­ge weni­ge – Mitfahrer*innen, die ihre Nase aus der Mas­ke raus­hän­gen lie­ßen. In eini­gen Zügen gab es Durch­sa­gen und auch deut­li­che direk­te Anspra­chen des Zug­per­so­nals, in ande­ren wirk­ten die Zugbegleiter*innen eher über­for­dert und erwähn­ten die Mas­ken­pflicht noch nicht ein­mal bei den Ansagen.

Wir sind mehr­fach von Nord­deich nach Nor­der­ney mit der Fäh­re gefah­ren – bei fri­scher Luft auf dem Deck, und trotz­dem deut­li­chen Hin­wei­sen am Ein­gang und per Laut­spre­cher auf Mas­ken­pflicht und Abstands­ge­bo­te. Eben­so schie­nen mir die Restau­rants einen recht rou­ti­nier­ten Umgang damit gefun­den zu haben – »sie wer­den plat­ziert«, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, Mas­ken­pflicht in den Gän­gen und vie­le Plät­ze im Frei­en. In den Sou­ve­nier­lä­den etc. war es eher Glücks­sa­che, ob die Verkäufer*innen Mas­ke tru­gen (oder sich durch Plexis­glas­schil­de geschützt fühl­ten, oder ob es keins von bei­den gab), und auch im Walo­se­um gab es zwar deut­li­che Hin­wei­se (nur eine Fami­lie pro Raum, Mas­ken­pflicht, …), aber kaum Kon­trol­len die­ser Vor­schrif­ten und vie­le Expo­na­te zum Anfas­sen. Hm. 

Rela­tiv vie­le Ange­bo­te waren geschlos­sen – bei­spiels­wei­se der Indoor-Kin­der­spiel­platz, den es in Nord­deich eigent­lich geben soll­te, diver­se Leucht­tür­me etc. oder im Muse­um das Cafe. Am Strand wur­de dar­um gebe­ten, Strand­kör­be nicht zu ver­schie­ben und Abstand zu hal­ten; Mas­ken wur­den hier aller­dings nur an den Kios­ken getra­gen, eine Auf­sicht, Erfas­sung der Besucher*innen oder Kon­trol­le der Per­so­nen­zahl gab es nicht. Aller­dings waren die Strän­de auch nicht über­füllt, so dass hier pro­blem­los Abstand zwi­schen ein­zel­nen Fami­li­en war.

Letzt­lich waren wir – von ein­zel­nen Zug­fahr­ten, Laden- und Muse­ums­be­su­chen abge­se­hen – fast die gan­ze Zeit ent­we­der in der Feri­en­woh­nung oder an der fri­schen Luft. Inso­fern hof­fe ich, dass mein Risi­ko­ein­druck mich nicht täuscht und das ins­ge­samt akzep­ta­bel war. 

Trotz­dem bli­cke ich mit Sor­ge auf die inzwi­schen wie­der schnell stei­gen­den Fall­zah­len und bin froh, wie­der zuhau­se zu sein. Das Gedächt­nis der Men­schen scheint kurz zu sein; der Weg hin zu einem effek­ti­ven Impf­schutz ist noch weit. Bis dahin schei­nen mir Mas­ke­tra­gen und Abstand­hal­ten sowie der Ver­zicht auf unnö­ti­ge Men­schen­an­samm­lun­gen wei­ter sinn­voll zu sein. Auch wenn es unge­recht ist, hal­te ich in die­sem Sin­ne auch die Tests bei Reiserückkehrer*innen aus Risi­ko­ge­bie­ten für eine sinn­vol­le Sache. 

In Baden-Würt­tem­berg sind noch bis Anfang Sep­tem­ber Schul­fe­ri­en. Danach kommt der Herbst, und (wie im Juni schon geschrie­ben) auch die Schu­le läuft dann wie­der an. Laut Kul­tus­mi­nis­te­ri­um soll der Fokus auf dem »Kern­cur­ri­cu­lum« lie­gen, schul­spe­zi­fi­sche Ergän­zun­gen oder AGs wer­den als »kann weg­fal­len« betrach­tet. Bis­her ist dafür ein weit­ge­hend »nor­ma­ler« Prä­senz­be­trieb geplant. Nach jet­zi­gem Stand soll es eine Mas­ken­pflicht nur außer­halb des Unter­richts geben. Ob das so bleibt, bin ich skep­tisch – und ich hof­fe wei­ter­hin, dass unab­hän­gig von den Wei­sun­gen der Kul­tus­mi­nis­te­rin alle Schu­len sich inten­siv auf einen Plan B vor­be­rei­ten, bei dem grö­ße­re Teil des Schul­be­triebs im Distanz­un­ter­richt statt­fin­den wer­den. Selbst wenn wir im Sep­tem­ber nicht mit­ten in einer zwei­ten Wel­le mit Aus­gangs­be­schrän­kun­gen lie­gen, wird es ein­zel­ne Klas­sen und Schu­len geben, die auf­grund von Coro­na­fäl­len in Qua­ran­tä­ne gehen müs­sen, und es wird Kin­der geben, die auf­grund von Vor­er­kran­kun­gen oder aus Sor­ge der Eltern vom Prä­senz­un­ter­richt abge­mel­det sind. Auch die­se müs­sen erreicht wer­den. An vie­len Schu­len hat sich dafür in den letz­ten Wochen des letz­ten Schul­halb­jahrs eine gute Pra­xis ent­wi­ckelt. »Never chan­ge a run­ning sys­tem« heißt auch, dann nicht mit­ten in der Pan­de­mie auf neue Soft­ware umzu­stei­gen, wie es Frau Eisen­mann wohl plant. Bil­dungs­po­li­tisch wird es jeden­falls zuneh­mend heiß im Land.

Und etwas wei­ter in die Zukunft geblickt, ste­hen dann Lan­des- und Bun­des­par­tei­ta­ge an. Aktu­ell sind sol­che Ver­an­stal­tun­gen mit Hygie­nekon­zep­ten und Abstands­ge­bo­ten mög­lich. Ob das im Spät­herbst immer noch der Fall sein wird, ist die eine Fra­ge – ob es sinn­voll ist, sich mit ein paar hun­dert Dele­gier­ten in einer Hal­le zu ver­sam­meln, um über Pro­gram­me und Per­so­nen zu befin­den, die ande­re. (Die Auf­stel­lungs­ver­samm­lun­gen zur Land­tags­wahl im Wahl­kreis Frei­burg lie­fen mit viel Abstand im Bier­gar­ten – das ist aber lei­der nicht auf einen gro­ßen Par­tei­tag im Novem­ber übertragbar …). 

Zeit des Virus, Update V

Was hat sich geän­dert seit mei­nem letz­ten Update Anfang Mai? Eini­ges ist gleich geblie­ben – ich arbei­te nach wie vor im Home-Office, und die Tage sind trotz allem nach wie vor gut gefüllt. Nach wie vor gilt beim Ein­kauf und im ÖPNV eine Mas­ken­pflicht, und drau­ßen ein Abstands­ge­bot, auch wenn sich nicht alle dar­an halten. 

Mehr oder weni­ger ver­schwun­den sind die Coro­na-Demos – mög­li­cher­wei­se auch des­we­gen, weil mit bis vor kur­zem schnell sin­ken­den Infek­ti­ons­zah­len recht gro­ße Locke­rungs­schrit­te umge­setzt wur­den. Es ist wie­der mög­lich, sich mit meh­re­ren Per­so­nen zu tref­fen, Sport­ein­rich­tun­gen und Schwimm­bä­der dür­fen unter bestimm­ten Umstän­den auf­ma­chen, die ers­ten Thea­ter- und Kino­vor­füh­run­gen mit stark redu­zier­ter Sitz­zahl fin­den statt, und es ist in Aus­sicht gestellt, dass auch grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen bald wie­der statt­fin­den kön­nen, solan­ge es sich dabei nicht um feucht-fröh­li­che Volks­fes­te han­delt. Ach ja, und die Schu­len – aber dazu gleich. 

Ins­ge­samt hat sich die Stim­mung ver­scho­ben. Das Virus wird längst nicht mehr so ernst genom­men. Auch wenn es nicht so gut gelun­gen ist wie in Neu­see­land, so scheint Deutsch­land doch über den Berg zu sein. Es gibt zwar nach wie vor kei­nen Impf­stoff, aber aktu­ell – das ist doch fast schon wie­der ein Zustand wie vor dem Aus­bruch der Pan­de­mie. Das scheint mir jeden­falls die in vie­len Köp­fen vor­herr­schen­de Mei­nung zu sein. Dass Mas­ken dann nicht mehr so gern getra­gen wer­den, dass auf das neu gelern­te regel­mä­ßi­ge Hän­de­wa­schen schnell mal ver­zich­tet wird … das ver­wun­dert dann auch nicht. Und selbst die­je­ni­gen, die mit einer zwei­ten Wel­le rech­nen, neh­men die Zeit jetzt als Pau­se zwi­schen den Aus­brü­chen wahr.

Ein biss­chen geht es mir auch so. Wobei vie­les unge­wiss ist. Ich habe jetzt für den August eine Feri­en­woh­nung an der Nord­see gebucht – mit dem etwas flau­en Gefühl, dass es eigent­lich völ­lig unklar ist, ob im August lan­ge Zug­fahr­ten und Urlau­be mög­lich sind, oder eher nicht. Also mit einem schlech­ten Gefühl. Gleich­zei­tig war jetzt schon vie­les ausgebucht.

Mehr oder weni­ger durch? Dann kam Tön­nies, dann kam Ber­lin-Neu­kölln, dann kam Göt­tin­gen – jeweils mit mehr oder weni­ger iso­lier­ten Aus­brü­chen, die aber doch zei­gen, wie schnell die Infek­ti­ons­zah­len wie­der hoch­ge­hen kön­nen. Was mich irri­tiert: eigent­lich müss­te zumin­dest im Fall Tön­nies längst die loka­le Lock­down-Rege­lung grei­fen. Die Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz hat­te dazu einen Wert von 50 Infek­tio­nen /​ sie­ben Tage fest­ge­legt – der ist deut­lich über­schrit­ten. Und auch wenn das Infek­ti­ons­ge­sche­hen alle mei­ne Urtei­le über Schlacht­hö­fe bestä­tigt, so wür­de es mich doch extrem wun­dern, wenn die hun­der­te infi­zier­ten Beschäf­tig­ten das Virus in der Schlacht­fa­brik gelas­sen hät­ten und nicht mit nach Hau­se, in Schu­len, Ver­ei­ne und Got­tes­diens­te mit­ge­nom­men und wei­ter ver­brei­tet hät­ten. (Ich wür­de ja fast dazu raten, ein­fach mal alle Schlacht­fa­bri­ken für zwei Wochen zu schlie­ßen – wohl wis­send, dass dahin­ter agrar­in­dus­tri­el­le Wert­schöp­fungs­ket­ten ste­cken, die bis zur »Tier­pro­duk­ti­on« reichen …)

Deut­lich macht das jeden­falls: das Wie­der­auf­flam­men des Virus kann schnell gehen. Dann wird sich zei­gen, ob die Coro­na-Warn-App (und die Digi­ta­li­sie­rung der Daten­ein­ga­be in den Gesund­heits­äm­tern) hilft, Infek­ti­ons­ket­ten schnell zu iden­ti­fi­zie­ren und ein­zu­däm­men. Bis­her bleibt die App – über zehn Mil­lio­nen Mal her­un­ter­ge­la­den – wohl auch auf­grund gerin­ger Fall­zah­len grün, aber das muss nicht so blei­ben. Apro­pos: dass die­se App Open-Source ist, auf einem daten­schutz­freund­li­chen dezen­tra­len Pro­to­koll auf­setzt, und dass es inten­si­ve Mög­lich­kei­ten zu Feed­back in der Ent­wick­lun­gen gege­ben hat, ist doch ganz beacht­lich. Viel­leicht ein Vor­bild für wei­te­re Soft­ware­pro­jek­te der öffent­li­chen Hand.

Ach ja, die Schu­len. Die brin­gen mit einer Tei­löff­nung Bewe­gung in den Tages­ab­lauf. Die sechs Wochen bis zu den baden-würt­tem­ber­gi­schen Som­mer­fe­ri­en fin­den im rol­lie­ren­den Prä­senz­un­ter­richt statt, d.h., um Abstands­re­geln ein­zu­hal­ten, ist jeweils die Hälf­te der Kin­der eine Woche in der Schu­le, die ande­re eine Woche zu Hau­se; bei den »Prä­senz­kin­dern« gibt es noch dazu Früh- und Spät­schich­ten. Effek­tiv sind es dann gera­de mal vier Unter­richts­stun­den pro Tag Anwe­sen­heit in der Schu­le; der Fokus liegt auf den Haupt­fä­chern. In der Fern­un­ter­richts­wo­che gibt es dage­gen Neben­fach­un­ter­richt auf Mood­le (was inso­fern ein biss­chen scha­de ist, als gera­de Fächer wie Bio­lo­gie, Phy­sik und Che­mie vom expe­ri­men­tel­len Machen leben). Ob die­ses Hin und Her zwi­schen Prä­senz und Fern­un­ter­richt letzt­lich mehr bringt als der zuneh­mend inten­si­ver betreu­te Distanz­un­ter­richt per Mood­le, bleibt abzu­war­ten. Auf jeden Fall führt er dazu, dass wir wie­der frü­her auf­ste­hen müs­sen – mei­ne Kin­der haben den Unter­richts­be­ginn um 8.00 Uhr erwischt, mit ent­spre­chen­dem Vor­lauf. Hat jetzt, in die­sen lan­gen Som­mer­ta­gen, auch posi­ti­ve Sei­ten. Und ob die Tat­sa­che, dass das eine Kind in den A‑Wochen, und das ande­re in den B‑Wochen in die Schu­le geht, eher ein Vor- oder ein Nach­teil ist, ist mir eben­falls noch nicht ganz klar. (Nach­teil: jede Woche an den Kin­der­ta­gen früh auf­ste­hen, Vor­teil: das jeweils ande­re Kind hat dann zu Hau­se wäh­rend der ver­kürz­ten Schul­zeit sei­ne Ruhe …). 

Nach den Som­mer­fe­ri­en soll es dann, heißt es, mög­li­cher­wei­se wie­der vol­len Prä­senz­un­ter­richt ohne Abstands­ge­bo­te geben. Ich glau­be noch nicht ganz dar­an – und hof­fe, dass die Kul­tus­bü­ro­kra­tie und die Schu­len die Som­mer­fe­ri­en auch dazu nut­zen, einen Plan B auf­zu­stel­len, der sys­te­ma­tisch und päd­ago­gisch sinn­voll 50 bis 100 Pro­zent Distanz­ler­nen auf eine klu­ge Grund­la­ge stellt. Ja, auch wenn dann nicht kon­trol­liert wer­den kann, ob Schü­le­rin X oder Schü­ler Y wirk­lich jede Test­auf­ga­be selbst gemacht hat – das wird ernst­haft als Argu­ment für den Prä­senz­un­ter­richt ange­führt; als ob es bei Schu­le vor allem dar­um gin­ge, Lern­stoff zu kontrollieren. 

Mög­li­cher­wei­se wird es mit der Prä­senz bei Kitas und Grund­schu­len anders aus­se­hen – das ist jeden­falls eine Deu­tung der »Kin­der­stu­die« der baden-würt­tem­ber­gi­schen Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken. Die bezieht sich aber – unab­hän­gig von allen auf­grund der Situa­ti­on nicht anders mög­li­chen Ent­schei­dun­gen über das For­schungs­de­sign – nur auf Kin­der bis zehn Jah­re. Und Isra­el zeigt, dass eine Öff­nung der Schu­len durch­aus auch Pro­ble­me nach sich zieht. Inso­fern befürch­te ich, dass wir im Sep­tem­ber noch längst nicht wie­der beim stink­nor­ma­len Prä­senz­un­ter­richt lan­den wer­den – und hof­fe gleich­zei­tig, dass der not­ge­drun­ge­ne Digi­ta­li­sie­rungs­schub auch über »Coro­na« hin­aus etwas an der Unter­richts­ge­stal­tung ändern wird.

Zeit des Virus, Update III

Flowers everywhere! - IX

All­mäh­lich wird aus der hek­ti­schen Betrieb­sam­keit der ers­ten Wochen etwas, das sich lang zieht, etwas, das nach Aus­dau­er und War­ten ruft. Etwas, das noch kein Ende kennt, ein Drit­tes neben Kri­se und Normalbetrieb.

In den letz­ten drei Wochen, seit ich zuletzt über die »Zeit des Virus« geschrie­ben habe, ist es gefühlt deut­lich schwie­ri­ger und anstren­gen­der gewor­den. Ostern hat ganz gut geklappt, Kern­fa­mi­li­en­fei­er, per Sky­pe zuge­schal­te­te Groß­el­tern und Geschwis­ter, gemein­sam ver­brach­te Zeit. Aber die Oster­fe­ri­en, die in Baden-Würt­tem­berg erst mor­gen enden, sind kei­ne Feri­en, weil die Kin­der bei­de noch Schul­stoff erle­di­gen müs­sen, und weil auch die Frak­ti­ons­ar­beit weit­ge­hend »nor­mal« weiterläuft.

Auch bei mir gibt es zuneh­mend das Gefühl, dass es doch mal auf­hö­ren müss­te mit die­sem Lock­down, mit den gan­zen Beschrän­kun­gen. Ich kann mir noch nicht so ganz vor­stel­len, wie die Kin­der damit klar kom­men sol­len, wei­te­re Wochen im »Home-Schoo­ling« zu ver­brin­gen. Für Mon­tag sind die nächs­ten Auf­ga­ben und Tele­fo­na­te mit den Lehrer*innen ange­kün­digt. »Macht doch mal was« bleibt trotz­dem an den Eltern hän­gen, und klar: es gibt so etwas wie einen Rhyth­mus, aber es sind doch Tage, an denen deut­lich weni­ger pas­siert als es in der Schu­le der Fall wäre. Und zumin­dest R. ist zuneh­mend frus­triert davon, wenn drau­ßen auf dem Hof Kin­der spie­len und ich nur sage, dass wir es nicht möch­ten, dass er dazu geht.

Gefühlt also Eile, trotz aller Intro­ver­tier­heit der Wunsch, dass die Zeit des Virus mal vor­bei gehen möge. Und gleich­zei­tig im Kopf das Wis­sen dar­um, dass wir noch längst nicht über den Berg sind, der Ärger dar­über, dass allein die Debat­te um »Locke­run­gen« bei eini­gen wohl dazu geführt hat, das alles nicht mehr ernst zu neh­men … ich möch­te nicht wis­sen, was das für die Anste­ckungs­zah­len in ein paar Tagen bedeutet.

Und wenn ich ver­su­che, mir die ver­schie­de­nen Stra­te­gien, mit dem Virus umzu­ge­hen, vor Augen hal­te, dann wird klar: Her­denim­mu­ni­tät, der Auf­bau eines natür­li­chen Schut­zes bei einem gro­ßen Teil der Bevöl­ke­rung: das funk­tio­niert nicht, jeden­falls nicht ohne eine Viel­zahl an Toten in Kauf zu neh­men. Was jetzt pas­siert, ist das Sen­ken der Wei­ter­ver­brei­tung auf ein Maß, mit dem das Gesund­heits­sys­tem klar kommt. Das sieht aktu­ell gut aus, die Neu­in­fek­tio­nen sind zurück­ge­gan­gen und seit Tagen sta­bil, auch die Zahl der täg­li­chen Todes­fäl­le ist halb­wegs sta­bil (zynisch, dass das eine gute Nach­richt ist). Aber so wei­ter zu machen, heißt eben auch, einen Kern aus Kon­takt­ver­mei­dung und har­ten Beschrän­kun­gen noch min­des­tens bis in den Herbst, viel­leicht auch ins Früh­jahr auf­recht zu erhal­ten. Und dann ste­hen sowohl Selb­stän­di­ge, die nichts ver­die­nen, weil der­zeit zum Bei­spiel nie­mand Auf­trit­te von Künstler*innen bucht, vor einem Pro­blem – genau­so wie alle Eltern, die das Gewurs­tel der letz­ten Wochen bis weit in die Zukunft hin­ein wei­ter­füh­ren sol­len. (Und nein, bei wei­tem nicht jeder Haus­halt besteht aus Vater Allein­ver­die­ner, der päd­ago­gisch ver­sier­ten Mut­ter Hob­by­leh­re­rin und den bra­ven Kin­dern 1 und 2, die ger­ne mit dem Hund im Gar­ten tol­len). (Apro­pos: sehr gut dazu Anna­le­na Baer­bock in der taz).

Nahe lie­gen­de Lösun­gen für die­ses Pro­blem gibt es nicht, am bes­ten wäre wohl eine Kom­bi­na­ti­on aus ech­tem Tele­un­ter­richt für die Kin­der (aber das muss tech­nisch erst ein­mal klap­pen), einem rol­lie­ren­den oder sonst irgend­wie redu­zier­tem Sys­tem von Kita- und Schul­öff­nun­gen und Lohn­er­satz­leis­tun­gen für alle, die so nicht arbei­ten kön­nen. Und irgend­wann dann die Imp­fung. Aber so oder so heißt dass, das es noch eine gan­ze Wei­le wei­ter­geht mit dem Sta­tus quo.

Der klei­ne Hoff­nungs­fun­ke: die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen und die Zahl der Infek­tio­nen pro Per­son nimmt so stark ab, dass wie­der zu »Con­tain­ment« als Stra­te­gie gegrif­fen wer­den kann. Das hat aber zwei nicht ganz ein­fa­che Vor­aus­set­zun­gen. Zum einen braucht es schnel­le Tests, auch auf Immu­ni­tät, und Wis­sen dar­über, wie die Dun­kel­zif­fern aus­se­hen. Also Tests und Strich­pro­ben. Und zum ande­ren braucht es eine Ein­hal­tung sowohl der jetzt gel­ten­den Kon­takt­be­schrän­kun­gen wie auch der dann wei­ter not­wen­di­gen Hygie­ne­re­geln durch einen gro­ßen Teil der Bevöl­ke­rung, also Ein­sicht. Bei den Tests und Stich­pro­ben bin ich halb­wegs zuver­sicht­lich, bei der Ein­sicht habe ich der­zeit so mei­ne Zwei­fel. Der Heins­berg-Coup von Laschet ist dies­be­züg­lich, um es deut­lich zu sagen, hoch­gra­dig kontraproduktiv.

In der Pres­se und in der Frak­ti­on – genau­so wie in den sozia­len Medi­en – gibt es der­zeit eigent­lich nur ein The­ma. Auch das trägt dazu bei, dass die­se Tage sich stre­cken. Es geht immer um Coro­na. In der Arbeit. In der Frei­zeit. Am Wochen­en­de. In den »Feri­en«. Usw. Klar gibt es Flucht­mo­men­te – Com­pu­ter­spie­le, Fil­me, Bücher – aber eigent­lich ist das Virus dau­er­prä­sent. Und das seit Wochen. Auch das macht die­se Zeit schwie­rig. Viel­leicht brau­chen wir hier ande­re Räume.

Gleich­zei­tig emp­fin­de ich es als schwie­rig, die Pan­de­mie aus­zu­blen­den. Bei­spiel Wahl­pro­gramm – im Früh­jahr 2021 sind Land­tags­wah­len in Baden-Würt­tem­berg. Da jetzt ein Pro­gramm zu schrei­ben, das aus­sieht wie jedes ande­re, das wird nicht gehen. Nicht nur, weil die Wirt­schafts­la­ge und die Finanz­la­ge des Lan­des eine ande­re sein wer­den, son­dern auch des­we­gen, weil die Pan­de­mie eine gan­ze Rei­he von poli­ti­schen Prio­ri­tä­ten umge­wor­fen hat. Das ist jeden­falls mein Ein­druck. Jetzt auf Ant­wor­ten aus dem Jahr 2019 zu set­zen, hät­te ähn­li­che Effek­te wie die gran­di­os dane­ben gegan­ge­ne »Alle reden von Deutsch­land – wir nicht«-Kampagne, die die West-Grü­nen nach der Wen­de aus dem Bun­des­tag kick­te. Es braucht also Sen­si­bi­li­tät dafür, wie die Stim­mung im Land im Früh­jahr 2021 aus­se­hen wird. Nur weiß das jetzt noch nie­mand. Poli­tik wie üblich funk­tio­niert auch des­we­gen gera­de nicht.

Arne Jung­jo­hann hat­te auf Twit­ter mit Bezug auf Caro­lin Emckes Coro­na-Tage­buch nach genera­tio­nen­de­fi­nie­ren­den his­to­ri­schen Ereig­nis­sen gefragt. Bis­her hät­te ich da mit Tscher­no­byl geant­wor­tet, viel­leicht mit der Wen­de, mit der ers­ten rot-grü­nen Bun­des­re­gie­rung, mit 9/​11 oder auch mit Fuku­shi­ma und allen Fol­gen, auch in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­po­li­tik. Gut mög­lich, dass das Jahr 2020 in vie­len Bio­gra­fien die­se Ereig­nis­se über­strah­len wird und in der Geschich­te der Zukunft der Punkt sein wird, an dem das alte 20. Jahr­hun­dert dann wirk­lich geen­det hat.

P.S.: April­ta­ge mit fast 30° Cel­si­us, viel zu wenig Regen, Dür­re­war­nung – die ande­re gro­ße Kri­se ist wei­ter­hin da.