Aufschrieb zur Metropolcon 2026

Das ers­te Mal bei einer „Con“ war ich vor zwei Jah­ren. Das war dann gleich die rie­si­ge World­Con in Glas­gow, also das welt­wei­te Tref­fen der Sci­ence-Fic­tion- und Fan­ta­sy-Fans. Dort wur­de dafür gewor­ben, dass 2026 in Ber­lin die „Euro­Con“ statt­fin­den wer­de. Das klang inter­es­sant und geo­gra­fisch deut­lich bes­ser erreich­bar als zum Bei­spiel Seat­tle (World­Con 2025), so dass ich mich direkt mal anmel­de­te. Jetzt, im Juli 2026, mani­fes­tier­te sich die Metropolcon/EuroCon dann tat­säch­lich in Ber­lin, und mit meh­re­ren hun­dert, man­che sagen auch: knapp tau­send, ande­ren SF-Fans besuch­te ich sie. 

Heim­li­ches Mot­to „Ever­y­thing is run­ning smooth­ly“ – die Organisator*innen hat­ten ein gut gefüll­tes Pro­gramm zusam­men­ge­stellt, mit einem Mix aus deutsch­spra­chi­gen und eng­lisch­spra­chi­gen Panels. Die bei­den lite­ra­ri­schen Ehren­gäs­te, Aiki Mira und Becky Cham­bers, waren eben­falls eine sehr gute Wahl. In gewis­ser Wei­se ste­hen bei­de für den Grund­ton die­ser Metro­pol­con; viel­leicht liegt’s aber auch nur an den Panels und Ver­an­stal­tun­gen, die ich besucht habe. Aiki Mira schreibt Roma­ne und Kurz­ge­schich­ten, hat für meh­re­re davon Prei­se aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence-Fic­tion bekom­men. In Neon­grau ent­wi­ckelt sie bei­spiels­wei­se den Cyber­punk zeit­ge­nös­sisch wei­ter und sie­delt ihn in einem von Kli­ma­wan­del, AI und sozia­len Medi­en ver­än­der­ten, aber wie­der erkenn­ba­ren Ham­burg an. Becky Cham­bers ist sowohl für ihre Way­fa­rer-Serie bekannt, in der es um ganz gewöhn­li­che Men­schen am Ran­de eines galak­ti­schen Gemein­we­sens geht, als auch für die bei­den Monk-and-Robot-Bücher, Medi­ta­tio­nen über das Wesen des Menschen. 

Wie lässt sich Cyber­punk aus­brei­ten, in einer Zeit, in der „Tech­bros“ sich als größ­te Fans und Agen­ten die­ser Dys­to­pie outen? Was hat es mit ambi­ent que­er­ness auf sich, oder, wei­ter­ge­dacht, mit ambi­ent uto­pi­as, also mit dem Ver­such, Uto­pien zu erzäh­len, ohne die (lang­wei­li­ge) Uto­pie in den Mit­tel­punkt der Geschich­te zu stel­len? Und wie passt – bei Cham­bers – eine gewalt­freie Sicht auf die Welt und eine Begeis­te­rung für unse­re bio­lo­gi­sche Mit­welt zu den Erfor­der­nis­sen von Plot und Story? 

Das sind nur eini­ge der Fra­gen, die ver­tieft bespro­chen wur­den, und die mir in abge­wan­del­ter Form auch in ande­ren Panels wie­der begeg­ne­ten, etwa bei den bei­den Dis­kus­si­ons­run­den des Car­co­sa-Ver­lags zu Kim Stan­ley Robin­son und zu Ursu­la K. Le Guin. Stan­ley Robin­sons Green Earth kommt nach zehn Jah­ren in einer deut­schen Über­set­zung neu her­aus. Er selbst war per Video­schal­te aus Kali­for­ni­en zuge­schal­tet und beant­wor­te­te mun­ter Fra­gen zum Stand des Kli­ma­schut­zes und der Lie­be zu Land­schaf­ten, zu sei­ner Dar­stel­lung von Wissenschaftler*innen – hier berich­te­te er, dass er auf ganz nahe Beob­ach­tun­gen zurück­grei­fen konn­te, da sei­ne Frau lan­ge für eine natio­na­le Ein­rich­tung als Wis­sen­schaft­le­rin gear­bei­tet hat – und zur depri­mie­ren­den poli­ti­schen Lage in den USA. Im Panel zu Ursu­la K. Le Guin gab Karen Nöl­le Ein­bli­cke in die Pra­xis der Über­set­zung und Han­nes Rif­fel schil­der­te, wie er von The Dis­pos­se­sed zur Sci­ence Fic­tion und letzt­lich zu Car­co­sa kam. Und auch hier: nicht die gro­ßen Held*innen, son­dern die in der Rei­se­ta­sche mit­ge­schlepp­ten uto­pi­schen Ver­satz­stü­cke, die zusam­men dann eine Geschich­te erge­ben, die Mög­lich­keits­räu­me aufmacht. 

Aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence Fic­tion bleibt mir Nils Wes­ter­boer in Erin­ne­rung – nicht nur als dies­jäh­ri­ger Kurt-Laß­witz-Preis­trä­ger, son­dern auch mit einer sze­ni­schen Lesung aus sei­nem Meis­ter­werk Lyne­ham (das nicht ganz geglück­te Ter­ra­forming von Perm aus Per­spek­ti­ve a. der Kin­der und b. der psy­cho­lo­gisch wie zeit­lich weit ent­fern­ten Mut­ter) und mit einem ers­ten Teaser zur Ver­fil­mung von Athos 2643, die nächs­tes Jahr ins Kino kom­men soll. Die ers­ten Bil­der gaben die Atmo­sphä­re des Buchs gut wie­der, und auch Ver­glei­che mit dem Namen der Rose (nur im Welt­raum) dürf­ten nicht zu weit her­ge­holt sein. 

Im Übri­gen gab es meist zeit­gleich mehr als ein Panel, das ich unbe­dingt sehen woll­te. Auch das macht eine gute Con aus, den­ke ich. Und nicht alles war Podi­ums­dis­kus­si­on – Kon­zer­te am Abend, die von Klas­sik (zu Ray Brad­buy) bis zu den „Gam­ma Rats“ mit cyber­punk-inspi­rier­tem 8‑Bit-Rock reich­ten; die Dis­co, zu der nicht John Scal­zi auf­leg­te; rumä­ni­sche SF-Kurz­fil­me samt der Wahr­heit über die Mond­lan­dung und Kaf­fee­klatsch ohne Kaf­fee, aber mit Autor*innen wie Charles Stross im direk­ten Aus­tausch. Oder auch eine Run­de „Turf“ rund um den Ver­an­stal­tungs­ort – all das run­de­te das Pro­gramm ab. Signiert wur­de natür­lich auch, und wer woll­te, konn­te sehr vie­le Bücher und diver­ses SF- und Fan­ta­sy-bezo­ge­ne Krims­krams erwer­ben, tie­fer in Schreib­tech­nik- und Ver­öf­fent­li­chungs­fra­gen ein­tau­chen oder sich in die mehr­stün­di­ge, aber straff gelei­te­te Mit­glie­der­ver­samm­lung des SCFD setzen.

Apro­pos Ver­an­stal­tungs­ort: das silent green in Ber­lin pass­te gan­ze her­vor­ra­gend zu die­ser Euro­Con. Ein Kre­ma­to­ri­um, Anfang des 20. Jahr­hun­derts eröff­net, in den 1990er Jah­ren um eine unter­ir­di­sche Lei­chen­hal­le erwei­tert, 2002 geschlos­sen und zum Kul­tur­quar­tier umge­baut: das wirkt erst ein­mal irri­tie­rend. Aber sowohl der his­to­ri­sche Kup­pel­saal als auch die eher bru­ta­lis­tisch wir­ken­den unter­ir­di­schen Tei­le des Ver­an­stal­tungs­or­tes har­mo­ni­sier­ten mit den The­men der Con. 

Photo of the week: Berlin wall

Berlin wall

 
Anfang Juli war ich in Ber­lin und hat­te ein Hotel­zim­mer in der Nähe der Mau­er­ge­denk­stät­te. Da ist die­ses Foto ent­stan­den – eine von meh­re­ren künst­le­ri­schen Instal­la­tio­nen, die sich mit der ehe­ma­li­gen Ber­li­ner Mau­er, den Mau­er­to­ten und der Tei­lung der Stadt auseinandersetzen.

Photo of the week: Werkbund, Berlin

Werkbund, Berlin

 
Ende Sep­tem­ber war ich kurz in Ber­lin, vor allem, um an der Kon­fe­renz „Mut macht Zukunft“ der grü­nen Bun­des­tags­frak­ti­on teil­zu­neh­men. Etwas Zeit am Tag davor konn­te ich bei schöns­tem Herbst­wet­ter zum Spa­zie­ren­ge­hen nut­zen – von der East Side Gal­lery zur Spree­insel. Neben den letz­ten Res­ten des Ber­lin Mara­thons und dem „Holz­markt“ (der mich sehr an bestimm­te Ecken in Frei­burg erin­ner­te) habe ich die Zeit genutzt, ins Werk­bund­ar­chiv („Muse­um der Din­ge“) zu gehen. Bzw.: ich hat­te das vor, rich­tig viel zu sehen gab es aller­dings nicht, weil das Muse­um nach einem zwangs­wei­sen Umzug gera­de umge­baut wird. Ich konn­te einen kur­zen Blick auf die Frank­fur­ter Küche erha­schen und mir die klei­ne Aus­stel­lung „Pro­fi­to­po­lis oder der Zustand der Stadt“ angucken. 

Die war inso­fern inter­es­sant, weil sie die heu­ti­ge Debat­te über Miet­hö­hen, Boden­spe­ku­la­ti­on und Städ­te­pla­nung in den Kon­text ähn­li­cher Dis­kus­sio­nen zum einen in den 1920er und 1930er Jah­ren, zum ande­ren – wie im Foto oben zu sehen – in den 1970er und 1980er Jah­ren stell­te. Min­des­tens drei der hier abge­bil­de­ten Bücher fin­den sich auch in unse­rem häus­li­chen Bestand, ich bin mit die­sen Debat­ten auf­ge­wach­sen. Inso­fern: inter­es­sant zu sehen, wie die Umge­stal­tung der Stadt vor fünf­zig Jah­ren dis­ku­tiert wur­de, samt Ori­gi­nal­mit­schnit­ten aus dama­li­gen Fern­seh­sen­dun­gen etc. Haben wir was dar­aus gelernt? Oder sind wir im Pen­del­aus­schlag der Geschich­te wie­der an einem ähn­li­chen Punkt angekommen? 

Photo of the week: Berlin at night

Berlin at night

 
In den nächs­ten Tagen kom­me ich hof­fent­lich dazu, mei­ne Fotos aus Glas­gow, Loch Lomond, Lon­don und Stras­bourg ins Netz zu stel­len. Als spä­tes Foto der Woche für die ver­gan­ge­ne Woche aber die­ses (durch sei­ne Unschär­fe ein biss­chen traum­haf­te) Bild, das ich im Juli in einer Nacht in Ber­lin auf­ge­nom­men habe.

Berlin auf Rückwärtskurs

Man sieht sich immer zwei­mal ist ein ganz guter Grund­satz in der Poli­tik. Umso schrä­ger fin­de ich den Ver­such der SPD in Ber­lin, jetzt Grü­nen (und in zwei­ter Linie Lin­ken) die Schuld dafür zu geben, dass eine Fort­füh­rung der rot-grün-roten Koali­ti­on abge­lehnt wird und statt des­sen Frau Gif­fey ihre Par­tei dazu auf­for­dert, mit der CDU zu koalie­ren – als, wohl­gerkt, dann klei­ne­rer Part­ner. Der SPD-Lan­des­vor­stand hat das mehr­heit­lich so akzep­tiert, und auch die CDU ist wohl bereit dazu, mit der SPD Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen aufzunehmen. 

Mich erin­nert das Gan­ze an 2011 – da gab es eine rot-grü­ne Mehr­heit in Ber­lin, der dama­li­ge SPD-Chef Wowe­reit woll­te dann aber doch lie­ber mit der CDU eine Koali­ti­on ein­ge­hen (damals mit der CDU als klei­ne­rer Part­ner, also anders als heu­te). Schuld am Schei­tern der Ver­hand­lun­gen waren damals, laut SPD: die Grü­nen – und die Stadt­au­to­bahn A100. Die dies­mal sicher wie­der eine pro­mi­nen­te Rol­le gespielt hat.

Ich befürch­te, dass die nächs­ten drei Jah­re dann für Ber­lin eine Rol­le rück­wärts sind: Autos, Beton, ein eini­ge Jahr­zehn­te über­hol­tes Ver­ständ­nis von Stadt­ent­wick­lung und Sicher­heit. Wobei: die bei­den Par­tei­en sind vor allem in der Alters­grup­pe 60+ gewählt wor­den. Da passt das dann zusam­men. Bun­des­po­li­tisch sind wei­te­re Bun­des­rats-Veto-Mög­lich­kei­ten für die CDU eben­falls alles ande­re als toll.

Was natür­lich auch noch sein könn­te: die­se Wahl (die ja eine Wie­der­ho­lungs­wahl nach Wahl­feh­lern war) schlägt nach dem Fast-Stim­men­gleich­stand von SPD und Grü­nen mit 18,4 Pro­zent und 18,4 Pro­zent und einer Dif­fe­renz von am Schluss noch 53 Stim­men eine wei­te­re Vol­te, und die SPD-Basis lehnt dann den aus­ge­han­del­ten Koali­ti­ons­ver­trag ab. Oder die Mehr­heit im Abge­ord­ne­ten­haus kommt nicht zustan­de – auch das soll es ja schon gege­ben haben. Jeden­falls: wer ver­han­delt, mit dem Ver­hand­lungs­er­geb­nis nicht zufrie­den ist, und die Schuld dann bei der Gegen­sei­te ablädt, hat schlecht ver­han­delt. Sou­ve­rä­ni­tät sieht anders aus. 

2011 – als Wowe­reit lie­ber mit der CDU koalier­te als mit den Grü­nen – lag die SPD in Ber­lin übri­gens bei 28 Pro­zent, Grü­ne bei knapp 18 Pro­zent. 2016, fünf Jah­re spä­ter, hat­ten bei­de ver­lo­ren – die SPD sank auf 21,6 Pro­zent, Grü­ne auf 15,2 Pro­zent. Das Ergeb­nis war eine rot-grün-rote Regie­rung unter Mül­ler. Auch die CDU ver­lor in der Koali­ti­on mit der SPD deut­lich an Zustim­mung. Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass die Ent­schei­dung der SPD, mit rund 18 Pro­zent in eine Koali­ti­on mit der CDU zu gehen, als klei­ne­rer Part­ner, am Ende nicht dazu führt, dass sie bei der nächs­ten Wahl 2026 auf Platz eins ste­hen wird. 

Ber­lin könn­te mir ja egal sein. Aber es ist frus­trie­rend, das alles mit anse­hen zu müs­sen. Und das geht selbst Tei­len der SPD so. Aus grü­ner Sicht kann dar­aus eigent­lich nur der Schluss gezo­gen wer­den, noch kla­rer als bis­her auf Eigen­stän­dig­keit zu set­zen. Und so groß zu wer­den, dass dann auch in grün-schwar­zen Bünd­nis­sen rich­tig was durch­ge­setzt wer­den kann. Auf die SPD ist jeden­falls kein Verlass.