Die letzten Februartage waren schon sehr warm und frühlingshaft, irgendwo las ich sogar etwas von „frühsommerlich“. Ich merke, dass ich die Sonne vermisst habe. Und wohl nicht nur ich – Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und so weiter sind in großer Zahl unterwegs und stürzen sich auf die ersten Blüten.
SWR: Ein Wahlkampf-Duell als Gameshow
Hat das Duell-Format einen Mehrwert? Jedenfalls dann nicht, wenn daraus – wie beim SWR zur Landtagswahl 2026 – ohne Not ein Triell gemacht wird, und ein AfD-Politiker mit an den Tisch geholt wird, der weder zur Landtagswahl antritt noch auch nur den Hauch einer Chance hat, Ministerpräsident von Baden-Württemberg zu werden. Und der dann über weite Strecken die Debatte dominiert. Der „Faktencheck“ im Hintergrund biss sich an wenigen Themen fest, viele Behauptungen blieben einfach stehen. Eine Einordnung, dass dieser so verbindlich wirkende Typ der Kandidat einer Partei ist, die klar rechtsextremistisch ist, erfolgte nicht. Aus Sicht des SWR: wohl ganz normale Leute.
Die Botschaften der beiden ernsthaften Kandidaten, Cem Özdemir und Manuel Hagel, bestanden leider in weiten Teilen aus Versatzstücken, die schon einmal gehört hatte, wer die eine oder andere Wahlkampfrede verfolgt hat. Eine nicht genutzte Chance.
Immerhin wurde deutlich, dass Manuel Hagel eine Vorliebe für Triaden hat („dazu braucht es drei Dinge“) und mit leuchtenden Augen auswendig gelernte Phrasen über Jobs durch Sonderwirtschaftszonen aufsagen kann. Cem Özdemir setzte Punkte beim solaren Umbau der Wirtschaft und beim Mieterschutz – leider hakten die Moderator*innen hier nicht nach, als Hagel ebenfalls etwas zur Mietpreisbremse sagen sollte und dann nur über Grunderwerb sprach.
Am aufschlussreichsten erschien mir eine Sequenz am Ende. Zum Gameshowsetting mit Buzzern, Schnellfragerunden und mit Plingpling unterlegten Datenpräsentation gehörte auch „fragen Sie einen der anderen Kandidaten“.
Frage Cem, sinngemäß: „Ich richte meine Frage an Manuel Hagel. Unter Winfried Kretschmann haben wir zehn Jahre gut zusammen regiert, in guten wie in schlechten Zeiten. “
Antwort Hagel, sinngemäß: „Ähm, tja … unser Land wurde gut regiert … ähm … daran haben wohl auch die Grünen einen Anteil.“
Hagel macht einen Wahlkampf, als wäre er nicht Fraktionsvorsitzender in dieser Koalition, als würde die CDU nicht seit zehn Jahren für Wirtschaft und für Innenpolitik Verantwortung tragen. Digitalisierung liegt in einem CDU-Ressort. Und alle Daten deuten darauf hin, dass die einzige mögliche Koalition im demokratischen Spektrum – je nachdem – Grün-Schwarz oder Schwarz-Grün sein wird. Aber ein positives Wort für die bisherige Regierung kommt ihm nicht über die Lippen.
Mich erinnert das an Merz, dessen vollmundigen Versprechen ja auch nur eine sehr begrenzte Halbwertszeit hatten. Verlässlichkeit sieht anders aus.
Photo of the week: Neckar in blue, Esslingen
Die obere Schicht
Als Soziologe sollten mir Klassen, Schichten und Milieus vertraut sein, von Marx über Bourdieus „feine Unterschiede“ bis zu Modellen wie den Sinus-Kartoffeln. Trotzdem eröffnen die Epstein-Files und die Debatten darum noch einmal einen ganz anderen Blick auf, nun ja, die Klassenlage unserer globalen Gegenwartsgesellschaft.
Die, in Ermangelung eines besseren Wortes, Elite scheint tatsächlich nach anderen Regeln zu leben. Dabei stehen nicht Geschmacksunterschiede im Vordergrund, es geht nicht um kulturelle Abgrenzung, sondern um ein feines Netzwerk gegenseitiger Gefälligkeiten innerhalb einer gar nicht so homogenen Ingroup.
Kapitalsorten im Bourdieuschen Sinne erweisen sich dabei in einem gewissen Maß als austauschbar, um Anschlussfähigkeit an dieses elitäre Geflecht herzustellen. Es sind eben nicht nur die „Tech Bros“ und sonstige Superreiche (ökonomisches Kapital), die in Epsteins Netz auftauchen, sondern ebenso Menschen, die für intellektuelle oder kulturelle Leistungen berühmt sind (da dürfte in den meisten Fällen dann eh ein Transfer kulturellen Kapitals in, platt gesagt, Geld stattgefunden haben), politische Figuren und der eine oder andere aufstrebende Techno-Magier.
Es würde zu kurz greifen, die globale Elite und das Epstein-Netzwerk gleichzusetzen. In zweierlei Hinsicht: wir sollten nicht vergessen, dass diese Akten öffentlich geworden sind, weil Epstein Verbrechen begangen hat, die vermutlich von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen bis zu Menschenhandel reichen. Der Anlass dafür, dass dieses ansonsten unterhalb der Stratosphäre unsichtbare Netzwerk sichtbar geworden ist, ist der Zufall der dann doch erfolgten Strafverfolgung. Unerwartet, weil diese Klasse sich als oberhalb staatlicher und gesetzlicher Gewalt gesehen hat.
Und jede weitere Verhaftung in der Folge, jeder Rücktritt und jede Konsequenz zeigt, dass es gar nicht so sein müsste, dass Regeln durchaus auch für Superreiche gelten könnten, egal, ob es um Steuern geht oder um Straftatbestände – und zeigt durch unsere Überraschung, durch unsere enttäuschten Erwartungen zugleich, wie außergewöhnlich es ist, in unserer Gesellschaft an „diese Menschen“ die gleichen Maßstäbe anzulegen wie an alle anderen.
Gleichzeitig, und das ist mein zweiter Punkt, glaube ich nicht, dass die globale Oberschicht und das Epstein-Geflecht identisch sind. Wir sehen einen durch Zufälle zu Tage getretenen Ausschnitt, aber vieles bleibt verborgen. Ich vermute, dass es viele weitere, sich überlappende Gefälligkeitsnetzwerke in dieser Stratosphäre gibt. Die müssen gar nicht auf Straftaten basieren; der ganz normale Jet-Set-Alltag reicht da schon aus. Ein Indiz: es tauchen erstaunlich wenig Namen aus Deutschland in den Epstein-Files auf. Und das, wo wir einen Kanzler haben, der gerne im Privatflugzeug unterwegs ist, Wirtschaftsbosse global agierender Unternehmen in Deutschlands medialer Öffentlichkeit genauso heimisch sind wie Schauspieler*innen oder Talkshow-Hosts.
Eine Klasse für sich, die gibt es hierzulande auch; und bei aller Provinzialität rühmt sie sich doch ihrer globalen Verbindungen. Insofern meine Vermutung, dass sich da oben weitere Geflechte formen, wachsen, miteinander interagieren usw.
Ist das ein Problem? Ja, und zwar ein gewaltiges, insofern es eben nicht um einen distinguierten Lebensstil geht, sondern letztlich um Macht und um eine Erschütterung des impliziten menschenrechtlichen Wertefundaments. Eine Oberschicht, für die ganz offenbar andere Regeln gelten, ist ein politisches Problem. Das gilt erst recht, wenn der US-Präsident neben vielem anderen diesen neuen Feudalismus verkörpert.
Und wenn man sich dann noch einige der Entwicklungen der letzten Dekaden anschaut: das Auseinanderklaffen der Vermögensentwicklung: die immer stärkere Konzentration gesellschaftlichen Reichtums; der wahrgenommene Verfall öffentlicher Infrastruktur; die Tatsache, dass viele Superreiche keine Steuern zahlen – und, nicht zuletzt, der um Größenordnungen höhere Beitrag des Jetsets zur Klimakrise: dann ist der jetzt enthüllts Blick auf das stratosphärische Netzwerk mehr als nur eine Beobachtung. Vielmehr kann dem die Kraft zukommen, Paradigmen zu verschieben. Da und dort wurden Vergleiche mit der Kluft zwischen Adel und dem dritten Stand kurz vor der französischen Revolution gezogen. Ob es soweit kommt – wer weiß?
Mindestens jedoch lässt sich eine Erschütterung in den Heldengeschichten feststellen. Und möglicherweise der genauere Blick darauf, für wen Tech-Milliardäre und andere Stratosphärenangehörige eigentlich sprechen, wenn sie das Wort ergreifen.
Photo of the week: Neues Schloss, Stuttgart
Es soll ja wieder kälter werden, nachdem es in den letzten Tagen erst frühlingshaft und dann regnerisch war. Das Foto ist noch aus der Zeit vor diesem kurzen Frühlingseinbruch und zeigt das Neue Schloss in Stuttgart (in dem u.a. das Finanzministerium untergebracht ist) an einem der Schneetage.



