Schlagwort-Archive: technik

Ein Versuch über die Technikfeindlichkeit

Veröffentlicht unter Nachhaltiges Leben, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , ,  

Journey of waiting XXXIX: old technology

Mein im November 2010 eingereichter Aufsatz »Technikfeindlichkeit. Ein Versuch über eine deutsche Debatte«* ist jetzt in der Revue d’Allemagne et des Pays de langue allemande** erschienen – in einer Ausgabe, die sich unter der Gastherausgeberschaft der Straßburger Professorin Florence Rudolf mit Umweltpolitik und Umweltsoziologie in Deutschland auseinandersetzt.

Weiterlesen

4 Personen gefällt dieser Eintrag.


Homöopathie und die Deutsche Bahn im Sommerloch

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , ,  

Vorneweg: Diese Woche gibt es ungefähr drei Dinge, die eine Deadline haben; deswegen kann ich das folgende Argument nicht wirklich ausführlich darlegen. Trotzdem kann ich sowohl das Problem der Bahn mit ihren ICEs als auch die anschwellende Homöopathiedebatte nicht ganz außen vor lassen – das juckt doch in den Fingern … und ist deutlich länger geworden als geplant.

Powerful buttons

Zur Bahn-Debatte: Ich fahre gern und viel Bahn, trotzdem oder gerade deswegen finde ich das Krisenmanagement der Bahn bedenklich. Letztlich geht’s um die Frage, wieviel technische Redundanz – ein großes Sicherheitsmerkmal der Eisenbahn – wegoptimiert werden kann, um betriebswirtschaftlich erfolgreich zu sein. Darf ein für ein geschlossenes System im Extremfall lebensnotwendiges Teil wie eine Klimaanlage so gestaltet sein, dass sie ausfallen kann? Oder muss ein Ausfallrisiko hingenommen werden – und was ist dann jenseits der Technik zu tun (Wartungsintervalle, ein Wagenpark, der groß genug ist, um Ersatzzüge bereitzustellen …)? Wie das ganze politisch einzuschätzen ist, verrät Winne Hermann MdB in einem Interview mit tagesschau.de.

Etwas allgemeiner: wie muss ein großes technisches System, eine Infrastruktur, gestaltet und reguliert sein, um auch bei Winterwetter und Hochsommerhitze zu funktionieren?

Zum Thema Homöopathie: Unter großem Beifall der Naturwissenschaftscommunity bringen SPD und cDU die Idee ins Spiel, Homöopathie aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen. Renate Künast macht die Sache nicht besser, indem sie Homöopathie und Naturheilkunde gleichsetzt. Auf Twitter hauen sich die Leute kräftig die Köpfe ein – Fakten finde ich nur wenige. (Ja, es gibt hunderte Studien, dass Homöopathie nicht funktioniert, und es gibt vielfältige Argumentationslinien von Leuten, die trotzdem möchten, dass die Krankenkassen Homöopathie bezahlen*). Aber das meine ich nicht. Vielmehr ist die eigentliche Frage doch erstens, wie groß das Einsparpotenzial eigentlich ist, über das hier geredet wird – es hat ja seinen Grund, warum diese Debatte gerade im beginnenden Sommerloch aufbricht. Richtig handfeste Zahlen sind schwer zu finden, es scheint sich aber um ungefähr 1 bis 5% des Krankenkassenbudgets zu handeln.

Und zweitens geht es für mich auch um die Beobachtung, dass hier unterschiedliche Logiken aufeinander prallen. Die eine Seite sieht sich im Besitz der wissenschaftlichen Wahrheit, das heißt sie operiert im Bezugssystem Wissenschaft mit der Unterscheidung wahr/falsch, um den guten alten Luhmann herauszuholen. In dieser Logik ist »klar«, dass Homöopathie falsch ist, und deswegen kein rational denkender Mensch auf die Idee kommen könnte, dafür öffentliche Leistungen einzufordern. Diese Position wird ganz gut vom heutigen xkcd-Comic illustriert:


Quelle: xkcd, Lizenz

Politik operiert nicht im Philosophenkönig-Modus wahr/falsch, sondern im Medium Macht. Und auch die öffentliche Meinung (das System der Massenmedien) hat andere Leitdifferenzen. Von der Wirtschaft – und den Krankenkassen als Organisationssystemen – gar nicht erst zu sprechen (Zahlung/keine Zahlung). Insofern finde ich es überhaupt nicht verwunderlich, dass die naturwissenschaftliche Logik eben nicht 1:1 in Politik umgesetzt wird. ((Wer sich umschaut, wird eine ganze Reihe von Belegen dafür finden, dass auch viele andere politische Entscheidungen irrational sind.))

Oder noch einmal anders angesetzt, und Luhmann beiseite gelassen: wir können auch unterscheiden zwischen dem wissenschaftlichen Wissen, in dem es Möglichkeiten gibt, die Wirksamkeit von Homöopathie zu testen, dem »esoterischen« Wissen der HomöopathInnen selbst – und dem Alltagswissen der Menschen, die davon überzeugt sind, dass Homöopathie ihnen hilft (warum auch immer sie davon überzeugt sind: auch das Alltagswissen von Menschen folgt eben nicht der wissenschaftlichen wahr/falsch-Logik, sondern lässt sich zunächst einmal einfach nur so beschreiben, wie es eben ist bzw. wie es sich eben beobachten lässt).

Insofern Politik auf Wahlen rekurriert, ist das die populistische Frage danach, ob ein Verbot von Homöopathie als (Zusatz-)Kassenleistung anschlussfähig an das Alltagswissen ist. Ich vermute: eher nein. Es ist daher auch die Frage nach dem Projekt der Aufklärung: wie wissenschaftliche Rationalität ins Alltagswissen bringen. Und es ist nicht zuletzt die Frage danach, wieso diese Debatte gerade jetzt einigen PolitikerInnen als hinreichend anschlußfähig erscheint, um sie in Gang zu bringen. (Und wieso gerade diese, und keine der anderen vielen möglichen Debatten um Unzulänglichkeiten des Gesundheitssystems).

Aber ich schweife ab: Was hat nun das großtechnische System Bahn und die soziotechnischen Probleme, die eine Ausrichtung an ökonomischer Logik mit sich bringen, mit der Homöopathie-Debatte zu tun? Ich sehe eine Gemeinsamkeit, und die liegt letztlich in den Lücken. Mit der Frage nach der soziotechnischen Redundanz ist das für die Bahn schon angesprochen: wie groß sind die Spielräume, um auf Fehler reagieren zu können? Gibt es Ersatzsysteme? Gibt es Ersatzzüge? Sehen die Fahrpläne so aus, dass auch ein anhaltender Zug nicht gleich alles durcheinander bringt? Je fester gekoppelt das System ist, um das mal so zu sagen, desto wahrscheinlicher ist die Gefahr eines Ausfalls, wenn etwas ausfällt.

Auch unsere Krankenkassen sind eine Infrastruktur, ein großes (sozio-)technisches System. Noch dazu eines, das extrem schwerfällig zu steuern und zu verändern ist. Auch hier kann über die Nebeneffekte betriebswirtschaftlicher Effizienz diskutiert werden (u.a. im Bereich Pflege, aber auch im Hinblick auf die Formalisierung von Handlungen durch informationstechnische Abrechnungssysteme – und deren Konsequenzen). Aber die eigentliche Gemeinsamkeit in den Lücken, die ich sehe, ist eine andere: Wie weit darf sich das System von Idealparametern (Wetter ohne Extremereignisse, Bezahlung nur des neuesten Standes der Wissenschaft) entfernen, um noch zu funktionieren? Wieviel Spielraum für »Quatsch« ist notwendig, um ein weitgehend reibungsloses Funktionieren des Gesamtsystems zu ermöglichen? Wieviel Ressourcen dürfen »verschwendet« werden (in Redundanzen, in wohl wirkungslose Therapien)?

Die wissenschaftlich-wahre Antwort der Ökonomie lautet vermutlich: keine. Aber ein Just-in-time-System ist störanfällig. Insofern kann ich mir vorstellen, dass das Gesundheitssystem seine Leistung besser erbringt, wenn ein gewisses Maß – 5%, 10% – an Spielraum, an Redundantem, gar an Aberglauben vorhanden ist. Da passt Homöopathie rein, da passt auch nichtabrechnungsfähige Gesprächszeit rein.

Natürlich hilft einem die Öffnung von Spielräumen nicht bei politischen Grundsatzfragen weiter. Es ist gut möglich, dass Homöopathie wissenschaftlich weitgehend widerlegbar ist, oder dass der eigentliche Wirkmechanismus bei denen, die glauben, dass das funktioniert, das Gespräch mit den ÄrztInnen und letztlich die Überzeugung sind, dass es wirkt.

Insofern ende ich mit einem etwas paradoxen Plädoyer: Dafür, einerseits einen gewissen Spielraum für (scheinbaren?) Unsinn, für Fehler zuzulassen, andererseits diesen aber auch zu begrenzen. Spielraum für Fehler bei der großtechnischen Infrastrukur Bahn heißt: den Fahrplan nicht gleich durcheinander bringen, wenn technische Komponenten ausfallen. Also (möglicherweise mit präziser Technik unterstützte) Fehlertoleranz statt Abhängigkeit von der Präzision. Aber in Maßen: die Attraktivität des Verkehrssystems Bahn hängt ja auch davon ab, dass diese pünktlich ist, dass diese standardisiert und »präzise« genutzt weren kann.

Spielraum für Fehler beim Gesundheitssystem heißt: sich damit abfinden, dass medizinische Praktiken nicht durchgängig wissenschaftlich sind (auch in der Allopathie gibt es da vermutlich bei genauem Hinsehen viel an nichtwissenschaftlichem Wissen in der Wissenschaft). Ein optimiertes und finanziell tragfähiges System schaffen, aber nicht um den Preis, jegliche lose Kopplung auszumerzen und jegliche Praxis zu standardisieren. Und auch hier: die Begrenzung der Fehlertoleranz im Sinne einer politischen Regulierung der Grenzen (aber eben bitte nicht zu eng).

Das wäre jedenfalls, so meine ich zumindest, ein soziologisch-wahres Wissen über gesellschaftliche Systeme und deren Gestaltung. Um das paradoxe Plädoyer abzuschließen: es geht darum, dieses Wissen eben auch zur Kenntnis zu nehmen, es anzuwenden, sich bewusst zu sein, dass es auch bei der Anwendung soziologischen Wissens Nebeneffekte gibt – und trotzdem weiterhin für Aufklärung zu kämpfen (aber eben nicht über die Köpfe der Leute hinweg).

Warum blogge ich das? Weil ich versuchen wollte, mein Unbehagen an der und meine ambivalente Position in der Homöopathie-Debatte irgendwie auf den Punkt zu bringen. Wer möchte, darf’s aber auch als schlichten Versuch lesen, die Existenz esoterischer Wissensbestände im grünen Programm zu rationalisieren.

* Die Homöopathie-Debatte hat auch einen innergrünen Aspekt – dazu habe ich vor einem Jahr was gebloggt; interessant ist vor allem die Debatte in den Kommentaren.

P.S.: Wer sich eher für Infrastrukturen als soziotechnische Netzwerke/Systeme denn für die Homöopathie-Debatte interessiert, sollte bei ihld weiterlesen.

4 Personen gefällt dieser Eintrag.


Zehn Sätze zum Rauchverbot

Veröffentlicht unter Nachhaltiges Leben, Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Vielleicht sollte ich damit anfangen, dass ich selbst nicht rauche, auch nie geraucht habe. Und dass ich dennoch, als es vor ein paar Jahren um das Rauchverbot – oder muss das Nichtraucherschutz heißen? – eher die liberale Position vertreten habe, dass es ja wohl keine staatliche Sache sei, sich da über – sagen wir mal – die Verpflichtung, kenntlich zu machen, ob in einer Gaststätte geraucht werden darf, hinaus zu engagieren. Inzwischen habe ich mich dran gewöhnt: an rauchfreie Züge, an rauchfreie Gaststätten, an eine rauchfreie Uni. Ich empfinde es als unangenehm, wenn jemand sich an der Straßenbahnhaltestelle eine Zigarette anzündet oder wenn ich am Bahnsteig am gelben Raucherviereck vorbei muss, und als normal, dass auf Parteitagen nicht geraucht wird. Aufregen könnte ich mich, wenn ich sehe, wie Eltern mit Kind im Kinderwagen rauchen.

Damit geht es um die grundsätzliche Frage: darf der Staat (und da ist es egal, ob der Staat das über die demokratisch gewählte Regierung oder via Volksentscheid durchsetzt) hier eingreifen, so direkt in individuelle Körperpraxen intervenieren? Letzlich ist das Rauchverbot in öffentlichen Räumen und Gaststätten ja sowas wie Prävention light, also eine Art Drogenverbot. Dem stehe ich weiterhin skeptisch gegenüber. Bleibt das Argument des Passivrauchens, der direkten Gefährdung und Belästigung Dritter – dem könnte durch technische Lösungen (rauchfreie Zigaretten und ähnliche Innovationen) abgeholfen werden. Toleranz durch Technik?

4 Personen gefällt dieser Eintrag.


Denial-of-Service-Attacke auf Twitter und Facebook (Update)

Veröffentlicht unter Digitales Leben, Politik und Gesellschaft, Zukunftsvisionen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , ,  

Circuit city III

Gestern nachmittag war Twitter einige Stunden lang ausgefallen bzw. nur sehr schlecht zu erreichen. Auch Facebook lahmte merklich; immer wieder funktionierten Aktualisierungen nicht und konnten Seiten nicht geladen werden. Gestern abend schon wurde dann klar, dass es sich nicht um einen technischen Fehler handelte, sondern um eine distributed Denial-of-Service-Attacke. Nur – wer steckte dahinter?

Bei Claudia Sommer konnte die Spekulation gelesen werden, dass das Motiv die Unterdrückung von Gegenöffentlichkeit zum Thema Iran sein könnte. Inzwischen ist die übereinstimmende Deutung wohl die, dass die Angriffe auf Twitter, Facebook und Livejournal einem einzigem Blogger galten, dem Georgier »Cyxymu« (d.h. »Suchumi«), der auf diese Weise zum Schweigen gebracht werden sollte.

Unabhängig davon, ob der Hintergrund eher politisch oder kriminell ist – oder ob sich beides gar nicht so einfach trennen lässt – zeigt die Attacke zweierlei. Zum einen sind wir wieder ein Stück weiter in der Zukunft angekommen (wer Gibson, Sterling, Stross – oder wie ich gerade – Richard K. Morgans ›Altered Carbon‹ liest, wird einiges finden, was ihm oder ihr sehr bekannt vorkommt). Zum anderen wird noch einmal deutlich, wie anfällig zentral organisierte Web-2.0-Dienste für derartige Angriffe, aber auch für Zensurmaßnahmen, Wechsel in der Geschäftspolitik etc. sind – und wie abhängig moderne Kommunikation inzwischen vom Funktionieren dieser Infrastrukturnetze ist.

Dem CNet-Artikel zufolge war Google wohl nicht (oder weniger) betroffen – YouTube hakte bei mir auch – weil die dahinterliegende Hardware und Netzwerkarchitektur robuster war. Trotzdem bleibt auch hier das Problem letztlich privatwirtschaftlicher Infrastrukturoligopole. Dass es (theoretisch) auch anders geht, zeigt Identi.ca – ein Mikroblogging-Dienst, der auf verteilte und offene Strukturen ausgelegt ist.

Warum blogge ich das? Nicht nur wegen der doch gruseligen Feststellung, dass manche SF-Weltentwürfe näher sind, als das einem lieb ist (Charles Stross musste gerade zum zweiten Mal den Plot eines seiner nächsten Romane umstellen, weil die Wirklichkeit ihn überholt hat), sondern auch, weil ich die Beobachtung spannend finde, wie kommunikationstechnische Pfade sich schließen bzw. öffnen, und wie dies mit Einzelereignissen und Kontingenzen zusammenhängt.

Update: (8.8.2009) Techcrunch weist darauf hin, dass die Attacken auf Twitter weitergehen und sich noch verstärkt haben.

2 Personen gefällt dieser Eintrag.


Natur/Gesellschaft: Technik an der Grenze – Beispiel Mobiltelefon

Veröffentlicht unter Nachhaltiges Leben, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , ,  

Fragestellung: Technik als Schnittstelle?

In meinem Promotionsvorhaben beschäftige ich mich mit dem Umgang mit alltäglicher Technik in Nachhaltigkeitsmilieus – ein Beispiel ist das Mobiltelefon. An dieser Stelle möchte ich allerdings nur ein Detail herausgreifen, nämlich passend zum Thema »Grenzüberschreitungen« das Dreiecksverhältnis zwischen »Gesellschaft«, »Natur« und »Technik« (Abb. 1). Zwischen den zwei Formen von Materialität spannt sich ein Kontinuum mit den Polen »Natur«, die ich als im Verhältnis zum Menschen unbestreitbar eigensinnige Materialität definiere, und »Technik« als in Form gebrachte und »informierte« Materialität. Am Beispiel des Mobiltelefons sollen nun unterschiedliche Ebenen dargestellt werden, auf denen Technik an der Schnittstelle/Grenze zwischen Natur und Gesellschaft agiert.

Abb. 1. Wechselwirkungen zwischen Materialität (Kontinuum 'Natur' – 'Technik') und Sozialität ('Gesellschaft')
Abb. 1. Wechselwirkungen zwischen Materialität (Kontinuum »Natur« – »Technik«) und Sozialität (»Gesellschaft«)

Theorien sozio-materieller Wechselwirkung

Im traditionellen Blick der Soziologie von Durkheim bis Luhmann zählt nur, was innerhalb der Gesellschaft geschieht. »Natur« wie »Technik« sind nur als kommunikative, also kulturelle Repräsentationen vertreten. Wechselwirkungen zwischen Sozialität und Materialität werden ignoriert, ebenso die Tatsache, dass soziale Praktiken (Reckwitz 2000; Shove 2002) durch ihre materiellen Grundlagen ultimativ begrenzt sind und zugleich erst ermöglicht werden. Gleichzeitig transformieren Praktiken immer Materie: gezielt in der Herstellung z.B. einer technischen Konfiguration, aber ebenso in Form nicht intendierter und zuerst einmal »unsichtbarer« Handlungsfolgen (vgl. Beck 1986; Giddens 1992). Gezielten Transformationen sind allerdings aufgrund der materiellen Eigendynamik Grenzen gesetzt (Pickering spricht von »material agency«, Michael von »co-agency«). Eine nicht in gesellschaftlicher Selbstbeschau verbleibende Umweltsoziologie muss diese Bezüge aufnehmen (vgl. Brand 1998); etwa im interdisziplinären Ansatz sozial-ökologischer Forschung (Becker/Jahn 2006). Über die bereits von Marx betrachtete Arbeitswelt (vgl. Görg 1999) hinaus sind es Artefakte, die diese Wechselwirkungen im Alltag vermitteln und verstärken.

Abb. 2. An der Praxis des Mobiltelefonierens beteiligte 'Akteure'
Abb. 2. An der Praxis des Mobiltelefonierens beteiligte »Akteure«

Veranschaulichung am Beispiel Mobiltelefon

Eine heute simpel erscheinende Praxis wie die Nutzung eines Mobiltelefons ist voraussetzungs- und folgenreich. Neben der sozialen Einbettung und kulturellen Zuschreibungen (vgl. Burkart 2007) spielt dabei Materialität eine große Rolle (vgl. Agar 2003, Reller et al. 2009). Das Artefakt Mobiltelefon ist, getragen von vielfältigen »Akteuren« (Abb. 2), in mehrfacher Weise in die Vermittlung zwischen Natur und Gesellschaft eingebunden:

1. Voraussetzung der Nutzungspraxis ist das Artefakt Mobiltelefon als Produkt eines globalen Herstellungsprozesses, der auf knappe Rohstoffe angewiesen ist und der riskante Nebeneffekte in der Rohstoffgewinnung und Produktion auslösen kann.

2. Die Nutzung des Mobiltelefons ist an die Existenz mehrerer Infrastrukturen gebunden (Stromnetz; Funktürme, um mobile Kommunikation zu ermöglichen; IT), die wiederum folgenreich sind.

3. Der meist diskutierte Effekt während der Nutzung sind die Emissionen des Telefons und der Funktürme (»Elektrosmog«). Auch der verwendete Energiemix ist nicht ohne Umweltfolgen. Zudem wirkt das Artefakt selbst als materieller Körper im Raum.

4. Am Ende der Gebrauchsphase steht nicht nur die Entsorgung (Elektroschrott, Müllhalde, Recycling?), sondern beispielsweise auch der damit verbundene Verlust seltener Metalle.

5. Zu diesen »direkten« materiellen Effekten kommt die Ebene kommunikativer Vermittlung: von der Landschaftswahrnehmung im Handy-Foto bis hin zur Umweltinformation per SMS.

Fehlende Verschränkung der Perspektiven

In soziologischer Perspektive wird das Mobiltelefon v.a. als perso-nalisiertes, kulturell aufgeladenes Kommunikationsmedium behandelt, das soziale Beziehungen transformiert. In ökologischer Perspektive steht das mögliche Gesundheitsrisiko im Vordergrund; in neuerer Zeit kommt der Blick auf globale Effekte der Verwendung seltener Metalle hinzu. Dagegen fehlt bisher der systematische Blick auf die Verschränkung »materieller« und »diskursiver« Effekte beim alltäglichen Mobiltelefonieren, bzw. auf deren Fehlen.

Zitierte Literatur

Agar, Jon (2003): Constant Touch. Cambridge: Icon Books.
Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Becker, Egon; Jahn, Thomas (Hrsg.) (2006): Soziale Ökologie. Frankfurt am Main, New York: Campus.
Brand, Karl-Werner (Hrsg.) (1998): Soziologie und Natur. Opladen: Leske+Budrich.
Burkart, Günter (2007): Handymania. Frankfurt am Main/New York: Campus.
Giddens, Anthony (1992): Die Konstitution der Gesellschaft. Frankfurt/ New York: Campus.
Görg, Christoph (1999): Gesellschaftliche Naturverhältnisse. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Michael, Mike (2000): Reconnecting Culture, Technology and Nature: London: Routledge.
Pickering, Andrew (1995): The Mangle of Practice. Chicago/London: University of Chicago Press.
Reckwitz, Andreas (2000): Die Transformation der Kulturtheorien. Weilerswist: Velbrück.
Reller, Armin et al. (2009): »The Mobile Phone: Powerful Communicator and Potential Metal Dissipator«, in GAIA 18, 2, 127-135.
Shove, Elizabeth (2002): Sustainability, system innovation and the laundry. Lancaster: Lancaster University.

Warum blogge ich das? Text für ein Poster für ein Promovierenden-Kolloquium an der Universität Freiburg – bin damit nicht so ganz zufrieden (naja, vor allem unglücklich über das von mir für das gewählte Thema eher als einschränkend empfundene Poster-Format) und wollte das ganze mal in einem anderen Format und mit Feedback-Möglichkeit sehen.

P.S.: War natürlich der einzige, der nicht genau gelesen hat und A0 abgeliefert hat statt des erwünschte A1-Formats, hat aber keine große Rolle gespielt. Das Poster als PDF: Poster »Natur/Gesellschaft«, Milestones-Tagung 2009.

Einer Person gefällt dieser Eintrag.


Seite 4/10    1  …  3 4 5  …  10