Schlagwort-Archive: praktiken

Gefrorene Zeit

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Patterns of frost I

Z., die bald elf Jahre alt wird, meinte vor kurzem zu mir, dass sie es bedaure, sich an viele Ereignisse aus ihrer frühen Kindheit nicht erinnern zu können. Ich kann das gut nachvollziehen, denn mir geht es so ähnlich. Was ich nahezu auswendig kenne, ist dagegen die Sequenz der Fotos in meinem – von meiner Mutter angelegten – Fotoalbum (zwei Bände). In meinem Fall ist es ein großformatiges Buch, mit Seiten aus Karton, getrennt durch Transparenzpapier. Die Fotos – Papierabzüge analoger Fotografie –, vor allem die aus den ersten Lebensjahren, haben die typische orangestichige Färbung angenommen, die alle aus meiner Generation kennen dürften, und die heute »1970er« signalisiert.

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Kurz: Herze, Sterne, Brezeln

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Cookie time IVEigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, nichts dazu zu sagen, dass Twitter nach einigen Betatests etc. jetzt tatsächlich für Website (und wohl auch Apps) aus dem »Fav«-Sternchen ein »Fav«-Herzchen gemacht hat. Aber weil’s so hübsch animiert ist, wenn ich auf der Website das Herz anklicke, doch ein paar Worte dazu.

Ich weiß nicht, wie es euch geht – ich ertappte mich manchmal dabei, beim Klicken auf das (bisherige) Sternchen, ein »drücke die Daumen« oder »finde ich auch, genau meine Meinung« oder »ok, Argument passt, Diskussion zu Ende« zu subvokalisieren. Soll heißen: je nach Kontext – mit wem habe ich es zu tun, was ist der bisherige Debattenverlauf, um was für ein Thema geht es – habe ich das Sternchen unterschiedlich verwendet. Das Spektrum reicht dabei von inhaltlicher Zustimmung über emotionale Unterstützung bis hin zu einem Marker für Interesse oder dafür, dass ich etwas gelesen habe, und jetzt nicht noch einmal darauf eingehen muss, sondern finde, dass die Debatte jetzt zu Ende sein darf. Das alles nur das, was ich mir so beim Klicken dachte – wie diejenigen, die »gefavt« wurden, das interpretiert haben, weiß ich nicht. Und zumindest dem Hörensagen soll das Sternchen bei anderen durchaus auch nur »muss ich noch mal anschauen, Bookmark gesetzt« heißen (das wäre die Semantik, in der Chrome Sternchen verwendet – anders als die Sternchen bei Amazon, die ja »gefällt mir« ausdrücken). Ein »Fav« kann also ganz unterschiedliches bedeuten und ganz unterschiedlich eingesetzt werden. Damit ist es (oder war es) flexibler als »gefällt mir« von Facebook.

Jetzt also Herzen. Die sind viel mehr als Sternchen mit Bedeutung aufgeladen. Für einen Teil der oben skizzierten Nutzenspraktiken passt auch ein Herz – alles von »ich mag dich« bis »ich mag das« bis »fühl dich gedrückt«. Für »gutes Argument« oder »sehe ich auch so« oder »hmm, interessanter Hinweis« – eher weniger. Und das fiel mir auf, als ich gerade die »Nature« dafür herzte, dass sie darüber berichtete, dass der neue kanadische Premierminister einen Posten »Wissenschaft« im Kabinett vorsieht. War lustig animiert, der Druck aufs Herzchen – aber eigentlich gar nicht so emotional aufgeladen, wie es aussah. Insofern: Spannend wird jetzt sein, wie wir Twitter-NutzerInnen mit den Herzen umgehen werden. Die Funktionalität ist die gleiche, die Semantik ist fluide – auch ein Herz kann eine Brezel ein Sternchen sein. Wenn alle das so lesen und sehen. Oder es kommt zu Boykotten, Protestaktionen usw. – das Drohpotenzial gegenüber der Firma Twitter ist allerdings verdammt niedrig. Ich tippe drauf, dass das Herz bleibt, und Twitter – das Medium – sich dadurch letztlich nicht wesentlich ändert. Anders wäre es bei Maßnahmen wie einer nicht mehr chronologischen oder gar gefilterten Timeline. Das würde den ganz besonderen Charakter Twitters maßgeblich verändern. Und nicht zum Besseren.

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Vertraute Technik und die Verschlüsselung

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Black key

Ein Strang in der – durch die von Edward Snowden aufgedeckte permanente Überwachung der Netzkommunikation durch die NSA und andere Geheimdienste ausgelösten – Debatte dreht sich darum, warum verfügbare Kryptographie-Tools nicht eingesetzt werden.

map hat dazu einiges erhellendes geschrieben, unter dem Titel »Wir haben versagt«. Kernthese: Kryptotechnologie – also etwa das Verschlüsseln von eMails – wird deswegen nicht eingesetzt, weil es keine einfachen Oberflächen und Tools dafür gibt. Gepaart mit der Arroganz der technologischen Elite. map vergleicht diese – uns? – mit der »Outer Party« in Orwells 1984:

Wir machen doch immer so gerne Neunzehnvierundachtzigvergleiche: Wir sind die Outer Party. Und die Proles gehen uns am Arsch vorbei. Diese DAUs, die iPhones und Facebook benutzen. Die ihre Daten an US-amerikanische Server schicken. Die Gmail oder GMX benutzen, statt ihre Mail selbst zu hosten. Unseren Ekel verbergen wir hinter zynischen Ratschlägen. Mit TOR zu surfen ist objektiv von eine »funktional kaputten« Drosselung nicht zu unterscheiden. Wir haben kein Gefühl mehr für Menschen die mit diesen grauen Kisten nur ein bisschen mit ihren Freunden reden und rumsurfen wollen, statt ihre komplette Freizeit darin zu versenken. Nicht mit GNU/Linux handverschlüsselt? Ätschbätschselberschuld.

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Nochmal nachhaltige Mobiltelefonnutzung

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Phone

Im Rahmen meiner Diss. interessiert mich der »nachhaltige« Umgang mit Mobiltelefonen (am Freitag hatte ich dazu schon ganz kurz gebloggt).

Auf der EASST 2010 in Trento habe ich dazu anhand von Interviews, die ich vor ein paar Jahren durchgeführt habe, und in einer praxistheoretischen Rahmung etwas über die Schwierigkeiten, ein Mobiltelefon nachhaltig zu nutzen. Am Donnerstag werde ich im Rahmen der Tagung »Entscheidungen mit Umweltfolgen zwischen Freiheit und Zwang« der Nachwuchsgruppe ebenfalls noch einmal etwas zu diesem Thema vortragen, mit etwas anderer Akzentuierung. Ein wichtiger Aspekt sind für mich die soziotechnischen »Zwänge« gegenüber den Spielräumen für eine nachhaltige Nutzung. Grade eben habe ich bei Twitter schon mal rumgefragt; die Antworten passen ganz gut zu dem, was mir momentan so vorschwebt.

Zum einen sind das unterschiedliche Formen der »nachhaltigen Nutzung« (in der »1. Welt« – die Debatte um die das Mobiltelefon als Entwicklungsmotor in Entwicklungs- und Schwellenländern ist nochmal ein ganz anderes Thema). Wer die Liste – die keine Aussage über die tatsächliche Umweltwirkung der aufgelisteten Praktiken sein soll, sondern einfach erstmal eine Sammlung, was Menschen unter nachhaltiger Nutzung verstehen – unten kommentieren oder ergänzen möchte, ist herzlich dazu eingeladen.

  • Verzicht auf ein Mobiltelefon
  • Nutzung eines »geteilten« Mobiltelefons, Ausborgen in spezifischen Situationen
  • Maximierung der Lebenszeit: Benutzung eines alten/gebrauchten Geräts; kleinere Reparaturen; Ersatz eines defekten Akkus; Verzicht auf Vertragsverlängerungsneugeräte etc.
  • Weitergabe bzw. Recycling nach Ende der Gebrauchsphase
  • Erreichbarkeit auch mit einem älteren Modell möglich, Verzicht auf energieintensive Funktionen wie WLAN, kein Smartphone
  • Auswahl eines Geräts mit einem geringen SAR-Wert, Strahlungsarmut
  • Auswahl eines Geräts mit »Öko-Design« – besonders robust und hochwertig; recycelte Kunststoffe; integrierte Solarzellen
  • Minimierung der Nutzung: nur in besonderen Fällen im Einsatz, nicht immer angeschaltet, WLAN nicht immer angeschaltet; bewusst Entscheidung für »teurere« Tarifstruktur/Prepaid
  • (Weitgehender) Verzicht auf Anrufe, Nutzung nur für SMS
  • Verwendung von Öko-Strom zum Aufladen
  • Nutzung als Informations- und Kommunikationsmedium für nachhaltigen Konsum (vom Webbrowser auf dem Smartphone zu besonderen Apps wie etwa Barcode-Reader mit Produktinformationen oder ortsbasierte Dienste zur Information über Umweltfragen)

Aus der Literatur sind dann noch zwei weitere Formen »nachhaltiger Nutzung« bekannt, von deren Existenz ich aber noch nicht so ganz überzeugt bin. Das eine wäre sowas wie eine Erhöhung der Nachhaltigkeit des eigenen Lebens dadurch, dass das Mobiltelefon energie- und ressourcenintensivere Dienstleistungen und Produkte ersetzt (ein Beispiel wäre das Mobiltelefon als eBook-Reader vs. eigenständiges Gerät vs. gedrucktes Buch) bzw. die Orts- und Zeitflexibilität, die mit dem Gerät verbunden ist, Mobilität vermeiden lässt (vielleicht geht die Abfrage von Onlinefahrplänen via Handy in diese Richtung).

Das andere Modell, noch einen Schritt weitergehend, wäre das Smartphone als ökologische »Optimierungszentrale«, sowas wie eine laufende Berechnung der eigenen Ökobilanz als Entscheidungsgrundlage. Also die Nutzung entsprechender Informationskanäle nicht in Ausnahmefällen, sondern eingebaut in alltägliche Routinen.

Neben diesen nachhaltigen Nutzungsformen, die mehr oder weniger die Spielräume umreißen, stehen die »Zwänge«. Auch dafür eine (sicherlich) unvollständige und eher unsortierte Liste.

  • Kaum Einfluss auf den Produktionsprozess, damit kaum Einfluss auf die wichtigsten Nachhaltigkeitsfragen (Herstellungsbedingungen, …)
  • Abhängigkeit der Handy-Nutzung von großtechnischer Infrastruktur und deren Betrieb (ob der Netzbetreiber für seine Server Ökostrom verwendet, weiss ich nicht und kann ich nicht beeinflussen)
  • Vertrags- und Tarifstrukturen (automatisch neue Geräte, automatische Vertragsverlängerung, …)
  • Bestimmte Funktionalitäten nur mit neueren Modellen; stetiger Modellwechsel
  • Schlechte Reparierbarkeit, begrenzte Lebensdauer
  • Notwendigkeit, erreichbar zu sein (z.B. wegen familiärer Koordination, beruflichen Fragen, politischem Machtgewinn)
  • Keine funktionalen Äquivalente für bestimmte Funktionalitäten, z.B. Textnachrichten
  • Verknüpfung bestimmter Erwartungen mit dem Mobiltelefon – wer eines hat, soll dieses z.B. auch möglichst immer angeschaltet haben, weil Erreichbarkeit zu den sozial durchgesetzten Eigenschaften der Mobiltelefonnutzung gehört; macht z.B. Minimierungsstrategien oder sharing schwierig
  • Peer pressure – z.B. Teenager, Mobiltelefon als Objekt, an dem sich reale soziale Gemeinschaften bilden
  • Mit zunehmender Veralltäglichung (inzwischen 80-90% der Haushalte …) des Geräts wird »Mobiltelefonnutzung« die nicht hinterfragte gesellschaftliche »Standardoption«, Verzicht wird massiv begründungsbedürftig
  • Universale Generalisierbarkeit mobiler Kommunikationspraktiken macht Begrenzung auf bestimmte Sphären schwierig
  • In die Geräte/Verträge eingeschriebene »Sachzwänge« (welche wären das?)

Vielleicht hat ja jemand Lust, mit mir darüber nachzudenken, ob die beiden Listen – die nicht der Inhalt, aber eine Grundlage meines Vortrags am Donnerstag sein werden – so sinnvoll sind.

Warum blogge ich das? Zur intersubjektiven Vermeidung blinder Flecken.

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Wissenschaftsbloggen und die Interdisziplinarität

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No. Five is alive II

C.P. Snow hat 1959 die – rhetorisch zugespitze – These aufgestellt, dass es zwischen »science« (mehr oder weniger Naturwissenschaft) und »humanities« (Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften) einen tiefen Graben gäbe, dass es sich um zwei Kulturen handle. (Nebenbei bemerkt: Wolf Lepenis hat 1985 in einem Buch »Die drei Kulturen« noch eine zweite Trennlinie gezogen, um die Sozialwissenschaft bzw. die Soziologie gesondert behandeln zu können – ich musste ganz am Anfang meines Studiums mal ein Essay dazu schreiben).

Wie dem auch sei: wenn ich die gestrige Debatte (Synopse der Tweets, rückwärts zu lesen) bei Twitter mit @fischblog, @jbenno, @weitergen und @werkstatt Revue passieren lasse, scheint der Graben zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Kulturen so lebendig zu sein wie eh und je. Ausgangspunkt für das ganze war ein (eher wissenschaftsphilosophischer) Blogbeitrag bei den Scienceblogs – stellvertretend für dort immer wieder hochkommende Fragen danach, welcher Maßstab denn an einen guten Wissenschaftsblog-Beitrag anzulegen sei, und wie dafür zu recherchieren ist.

In der Debatte auf Twitter gestern ging es dann munter hin und her – nicht nur der bereits erwähnte Snow kam zu Ehren, sondern auch Christian Huygens (einer der ersten Wissenschaftler), Adorno und Popper. Letztlich ging es aber doch vor allem darum, ob der Gültigkeitsanspruch von (Natur-)Wissenschaft in Frage gestellt werden darf, ob der der wissenschaftlichen Methode inhärente Skeptizismus sich auch auf die Genese, Praxis und Gültigkeit der wissenschaftlichen Methode erstrecken soll, ob es legitim ist, wenn unterschiedliche Wissenschaften unterschiedliche Gütemaßstäbe entwickeln, und ob denn der Status wissenschaftlichen Wissens durch den Vergleich mit anderen Wissensarten – in der sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsforschung gang und gäbe – relativiert werden dürfe, oder ob das dann doch eher in Richtung Häresie ginge.

Letztlich bleibt bei mir nicht unbedingt die Skepsis, ob gute sozial- und geisteswissenschaftliche Blogbeiträge möglich sind (da gibt es durchaus Beispiele), sondern erstens, ob solche Blogs in einer vornehmlich naturwissenschaftlich geprägten Community wie den scienceblogs gut aufgehoben sind, oder ob es da nicht einfach anderer Öffentlichkeiten bedarf (ein Beispiel dafür sind die Society Pages der University of Minnesota, die verschiedene soziologische Blogs hosten).

Zweitens geht es dabei aber auch um die größere Frage danach, welche Anstrengungen zu unternehmen sind, um Interdisziplinarität tatsächlich zu ermöglichen. Und ob das überhaupt geht. Meine Erfahrung hier, aber auch aus diversen Forschungsprojekten ist jedenfalls, dass Interdisziplinarität nicht »von selbst« entsteht, sondern dass dahinter harte Arbeit liegt, dass es um einen aktiven Verständigungsprozess geht, nicht zuletzt darum, boundary objects zu definieren, an deren Gemeinsamkeiten unterschiedliche Wissenschaftspraktiken kristallisieren können. Für mich steht das unter dem Begriff »Interdisziplinaritätsmanagement«. Das heißt auch: Eigentlich bräuchten größere inter- (oder gar trans-)disziplinäre Projekte hier eine richtige Begleitforschung und »ÜbersetzungsaktivistInnen« – fände ich eine interessante Sache.

Warum blogge ich das? Um doch irgendwas aus der ziemlich hart geführten Debatte herauszuziehen, zusammenzubringen, zu intergrieren und aufzuschreiben. Und weil ich mir manchmal gar nicht so sicher bin, ob ich eigentlich »science blogging« betreibe oder nicht.

Nachtrag: Weil das mit den Trackbacks nur begrenzt klappt, hier noch von Hand der Link zum inzwischen im Netz stehenden, aus der Debatte entstandenen Text von Jörg Blumtritt mit dem schönen Titel »Metaphysik, Spekulation und die »Dritte Kultur«, wobei er mit letzterem nicht wie Lepenis die Soziologie meint, sondern auf die im Netz entstehende wissenschaftlichkeitsnahe Öffentlichkeit setzt, die nach Übersetzungsarbeit, Erläuterung und Begründung verlangt. Zuviel des Optimismus?

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