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Der Fluss ohne Form. Eine Kritik der Liquid Culture Declaration

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River art I

Jörg Blumtritt, Benedikt Köhler und Sabria David haben vor einigen Wochen eine Erklärung abgegeben – die Declaration of Liquid Culture.

Dem Spiel mit dem Adjektiv liquid (flüssig, auch: liquide, zahlungsfähig; vielleicht auch sowas wie das neue open) entsprechend nehmen die AutorInnen als ihr Leitmotiv das Bild des Flusses der Geschichte, der jetzt – an den Marschlanden der Postmoderne vorbei – in die konturenlose offene See der Gegenwart fließt. Orientierung auf diesem Meer – im Zusammenhang mit dem Internet kein neues Bild (Bickenbach/Maye 1997) – geben nur noch die Sterne.
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Kontrovers: GEW zu Wissenschaftskarrieren – gut gemeint, aber …?

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Heute hat die GEW das Templiner Manifest vorgestellt, in dem sie in zehn Thesen dafür eintritt, wissenschaftliche Karrieren planbarer zu machen und die damit verbundenen Arbeitsbedingungen zu verbessern. In den Thesen steht vieles, was ich auch richtig finde – dauerhafte Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Professur beispielsweise. Trotzdem zögere ich, das Manifest zu unterzeichnen.

Mag sein, dass da auch gewisse Vorurteile gegenüber Gewerkschaften mitspielen. Vor Augen habe ich aber insbesondere die 12-Jahres-Regelung, die ich mit der damaligen SPD-Ministerin Bulmahn verbinde. Die Idee dahinter war, dass ein Verbot der Beschäftigung auf befristeten Stellen über insgesamt zwölf Jahre hinaus dazu beitragen könnte, die Zahl wissenschaftlicher Dauerstellen zu erhöhen. Faktisch ist das aber nicht passiert – weil kein neues Geld ins Hochschulsystem geflossen ist, und weil es – ganz typisch für den Wissenschaftsbereich – eine große Zahl potenziell Beschäftigungswilliger gibt und gab. Statt mehr Dauerstellen zu schaffen, war der Effekt der 12-Jahres-Regelung damit eher der, Menschen aus dem Wissenschaftssystem rauszudrängen. Die waren dann zwar nicht mehr prekär und befristet beschäftigt – aber beschäftigt waren sie auch nicht. Oder die Hochschulen griffen zu Tricks wie An-Instituten und hochschulnahen Projektträgern. Schavan hat diese Regelung dann wieder abgeschafft und durch differenzierte Befristungsregelungen ersetzt – sinnvollerweise, wie ich finde.

Vielleicht irre ich mich ja. Aber einige der Templiner Forderungen klingen für mich sehr danach, dass eine ernsthafte politische Umsetzung, gerade in den Händen der Sozialdemokratie, nicht die intendierten Effekte haben würde, sondern zu einem Mehr an Bürokratie und zu kontraproduktiven Regulierungen führen würde. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Forderung nach qualifizierten Beschäftigungsverhältnissen für DoktorandInnen kann eben auch heißen, freie Promotionen nicht mehr zuzulassen. Lehrbeauftragte durch sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu ersetzen, klingt erst mal gut, kann aber auch heißen, dass diejenigen, die sich bisher damit irgendwie durchgeschlagen haben, dass dann nicht mehr tun können – und trotzdem keine neuen Stellen geschaffen werden.

Insofern also eine gewisse Skepsis – aber vielleicht mag mich jemand vom Gegenteil überzeugen.

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Was es mit den zwei Herzen der Forstwirtschaft auf sich hat

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Vor einigen Wochen konnte ich ja schon auf unsere Waldbesitzerinnen-Studie hinweisen. Heute ist ein weiterer arbeitssoziologischer Text zur Forstwirtschaft erschienen – diesmal als »richtiges« Buch.

Unter dem Titel Die zwei Herzen der Forstwirtschaft – Forstliche Arbeit zwischen Marktorientierung und Nachhaltigkeit haben Katharina Schneijderberg, Tatjana Viaplana und ich auf gut 230 Seiten die Ergebnisse eines Projekts ausgebreitet, mit dem wir uns im letzten Jahr beschäftigt haben. Unterstützt durch die Hans-Böckler-Stiftung ging es in diesem Projekt – in Zusammenarbeit mit der IG BAU – um die Veränderungen der forstlichen Arbeitsorganisation. Dazu haben wir Gruppendiskussionen mit Forstwirten, mit MitarbeiterInnen der Verwaltung, mit Revierleitern und mit Angehörigen des höheren Dienstes durchgeführt. Im Buch stellen wir die Ergebnisse dieser Gruppendiskussionen dar, die ziemlich deutlich machen, dass »flexible Arbeit« verbunden mit massiven Rationalisierungsprozessen auch in der Forstwirtschaft Einzug gehalten haben.

Um das ganze in einen Kontext zu bringen, gehen wir zudem auf die forstlichen Reformprozesse der letzten Jahre ein, auf vorliegende Untersuchungen zu forstlicher Arbeit und zur Entwicklung des Arbeitsmarktes – und auf das mit dem Begriff »Gute Arbeit« verbundene Konzept des DGB.

Auch wenn das Buch methodenspezifisch nicht für sich beanspruchen kann – und das auch gar nicht unser Ziel war – in einem statistischen Sinne repräsentativ für die Entwicklung der forstlichen Arbeitswelt zu sein, ist es uns glaube ich ganz gut gelungen, zu zeigen, wie auch in einem Bereich, der vielleicht erst einmal gar nicht unter diesen Verdacht steht, typische post-fordistische Arbeitsverhältnisse und damit verbundene Organisationsformen Einzug gehalten haben – parallel zum »new public management« in anderen Verwaltungsbereichen und zum »management by objective« etc. in der Privatwirtschaft. Damit verändert sich nicht nur die Qualität der Arbeit deutlich – auch hinsichtlich z.B. der gewerkschaftlicher Organisation wäre es angebracht, neue Wege zu gehen (wir schlagen u.a. vor, dass die IG BAU darüber nachdenken soll, ob und wie sie auch zur Vertretung freiberufliche WaldpädagogInnen, ForsteinrichterInnen und ForstunternehmerInnen werden könnte).

Ach ja, der Titel: der bezieht sich auf ein Leitmotiv, das wir in allen vier Gruppendiskussionen wiederfinden konnten: nämlich das Gefühl, dass die Forstverwaltungen, aber auch die einzelnen Beschäftigten sich zerrissen sehen zwischen einem von unseren DiskussionsteilnehmerInnen oft mit der »guten alten Zeit« des familiären, allzuständigen Forsthauses verbundenen »Herz« einer multifunktionalen, an Nachhaltigkeit (v.a. im forstlichen Sinne) orientierten Forstarbeit einerseits und dem »Herz« einer starken Ausrichtung auf Markt, Profit, Kennzahlen und Betriebswirtschaft andererseits.

Das Buch »Die zwei Herzen der Forstwirtschaft« ist für 19 Euro bei amazon.de käuflich erwerbbar; hier gibt es weitere Informationen zum Inhalt.

Warum blogge ich das? Als Werbung für das Buch, weil ich glaube, dass es auch außerhalb des forstlichen Kreises interessant sein könnte – und weil ich mich freue, dass es möglich war, den Projektbericht in Zusammenarbeit mit Norbert Kessel vom Verlag Kessel sehr schnell in das Buchformat zu bringen.

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Kontrollverlust paradox

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Heute morgen oder so habe ich mich noch darüber gewundert, warum Michael Seemann aka mspro in seinem FAZ-Blog »Ctrl-Verlust« jetzt anfängt, gegen all seinen Prinzipien Fanboyhype um die neuste Version des Mobiltelefons der Fa. Apple zu machen.

Jetzt ist der Artikel weg – aber nicht nur das, auch das ganze Blog fehlt. Das ist 1. bedauerlich, lässt sich 2. in Richtung »FAZ und das Netz – wie es wirklich war« diskutieren, und stellt 3. ein extrem lehrreiches Beispiel über das Verhältnis von Infrastruktur, kapitalistischer »Kontrollmacht« und digitaler Arbeit dar.

Um das genauer auszuführen, würde ich jetzt gerne nochmal Seemanns Beiträge im Blog bei der FAZ durchblättern, was aber ja leider gerade nicht geht (s.o.). Deswegen nur so viel: Paradox ist das ganze, weil die Netzinfrastruktur (und sei es der Server, auf dem die Inhalte von faz.net liegen, und das darauf laufende CMS usw.) eben nicht unkontrolliert vor sich hin existieren, sondern in harte Kontrollstrukturen eingebunden sind. In Redaktionsabläufe, Vertragssysteme, Bezahlungen, Anstellungsverhältnisse, organisatorische Hierarchie, und was sich da noch alles finden lässt. Klar lässt sich der Inhalt des Blogs irgendwie rekonstruieren – aber, wie Michael Seemann selbst schreibt: er weiss nicht, ob er das darf. Er weiss auch nicht, ob die FAZ ihn weiter bezahlt, bzw. was diese Sperrung finanziell für ihn letztlich bedeuten wird.

Fazit: Wer gegen Geld bloggt, gerät damit in ein Abhängigkeitsverhältnis, das gar nicht neu ist, sondern seit Jahrzehnten rechtlich und sozial geregelt ist. Da geht’s ums Urheberrecht, um Verlagsverträge, um die Arbeitsbedingungen »fester Freier« im Journalismus. Das alles bleibt beim Zeitungsbloggen unsichtbar, solange die schöne neue Medienwelt glatt zu funktionieren scheint. Sobald das Organisationsgefüge dann aber doch aufgerufen wird, taucht dieses Abhängigkeitsverhältnis auf, und es stellt sich heraus, dass das alles dann doch nochmal eine ganz andere Qualität hat als z.B. mein Verhältnis zu meinem Hoster. Und dass da ein massives Maß an Macht und Kontrolle drin steckt.

Das soll jetzt nicht heißen, dass ich es furchtbar fände, wenn sich jemand fürs Bloggen bezahlen lässt. Ich glaube nur nicht daran, dass sich auf die Dauer eine Trennung zwischen »JournalistInnen« und »BloggerInnen« aufrecht erhalten lässt, wenn beide faktisch Angestellte (bzw. abhängigen Selbstständigen) im Verhältnis zu einem Verlag sind. Warum dann für die einen bestimmte Regeln gelten sollen und für die anderen nicht, warum die einen diese Freiheiten und die anderen andere bekommen: all das lässt sich glaube ich organisationsintern nicht wirklich vermitteln und verankern. Damit wären wir dann bei einer Konvergenzthese: OnlinejournalistInnen (bzw. Menschen, die im Medium Netz professionell publizieren) und bezahlte BloggerInnen nähern sich zu einem neuen Berufsbild an. Und der Konflikt FAZ vs. Michael Seemann ist ein Schritt auf dem Weg dahin.

Und noch etwas abstrakter: Eigentlich geht es auch darum, wie Arbeitskraft in einer Form, die weder echte Selbstständigkeit noch echte abhängige Beschäftigung ist, und die neben ihrer diskursiven Verankerung im neoliberalen Mainstream und in der digitalen Boheme eben auch eine technologische Basis hat, denn (politisch und rechtlich) gestaltet werden kann, um hier »gute Arbeit« zu ermöglichen.

Wie dem auch sei: dass »Ctrl-Verlust« jetzt erstmal weg ist, finde ich bedauerlich, weil ich die dort veröffentlichten Texte überwiegend anregend fand. Ich drücke Seemann auf jeden Fall mal die Daumen, dass er da irgendwie sinnvoll rauskommt. Und warte darauf, dass die FAZ sich erklärt.

Warum blogge ich das? Teils aus Solidarität, teils aus abstrakter Neugierde.

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