Archiv der Kategorie: Lesenswert

Iain M. Banks: Feersum Endjinn

Ein weiterer Culture-Roman – diesmal sind wir auf der Erde, zusammen mit den Nachkommen derjenigen, die sich geweigert haben, in den Weltraum zu gehen, in einer Welt voller technischer Wunder – von der Makroarchitektur bis zu den Datensystemen – aber ohne Menschen, die damit wirklich etwas anfangen können. Die Sonne verfinstert sich, aber das scheint niemand wirklich zu interessieren. Zwischen dem König und dem Clan der Ingenieure kommt es zu Krieg, und in der Kryptosphäre scheint das Chaos auszubrechen.

Das alles erleben wir durch ca. vier verschiedene, anscheinend parallelisierte Charaktere, die in zehn Kapiteln jeweils nacheinander zu Wort kommen. Bekannt geworden ist dabei vor allem Mr. Bascule, ein junger ›Teller‹ (jemand, der mit den in der Kryptosphäre vorhanden Entitäten Kontakt aufnimmt) mit Legasthenie (er schreibt Tagebuch, aber leider phonetisch. Das sit dan so aus, oda noch etwaf slima, wajl das englize nok wenika fonetix isd als dat dojtze.) Die Bascule-Kapitel sind ziemlich schwer zu lesen, der Rest ist typisch Banks. Erfreulich, mit einer großen Überraschung am Schluss, ein bißchen literarisch, und überaus ungewöhnlich. Ein nettes Buch, aber leider fehlen ein bißchen die großen neuen Ideen, dafür sind sie schön beschrieben.

Banks, Iain M. (1995): Feersum Endjinn. London: Orbit (orig. 1994).
Bei Amazon bestellen.

Be the first to like.

Iain M. Banks: Excession

Ein neuer Culture-Roman von Iain M. Banks. Alles ist technologisch weiter fortgeschritten (Terminals werden grade durch neuronets ersetzt, der Culture-Idiran-War liegt lange zurück), und insgesamt auch sehr viel weniger düster be/geschrieben. In diesem Buch geht es um ein Objekt, das die Culture in einen Ausnahmezustand versetzt, weil es die bisher gültigen Gesetze von Raum und Zeit zu durchbrechen scheint. Außerdem kommt eine sehr seltsame Liebesgeschichte vor, sehr viele direkte Schiffsdialoge (looks like eMail) und relativ viele Ausführungen zum sozialen und kulturellen Hintergrund der Culture.

Banks, Iain M. (1996): Excession. London: Orbit 1997. Bei Amazon bestellen.

Be the first to like.

Iain M. Banks: Vor einem dunklen Hintergrund

Eine turbulente Verfolgungsjagd quer durch ein fremdes Sonnensystem weit in der Zukunft. Erinnert ein bißchen an Sterlings Schismatrix-Universum, hat ein bißchen Galaxis-Soap drinne, mit Clans und Krams, ist amüsant geschrieben und endet etwas abrupt und seltsam nach 730 Seiten. Kein Culture-Roman.

Banks, Iain (1998): Vor einem dunklen Hintergrund. München: Heyne. [engl. Orig.: Against A Dark Background, 1993].
Bei Amazon bestellen.

Be the first to like.

Iain M. Banks: Look to Windward

Look to Windward

Ist es ein Widerspruch in sich, von einem soliden Culture-Roman zu sprechen? ›Look to Windward‹ kann jedenfalls so bezeichnet werden – wieder einmal haben wir es mit der Culture, interessant gezeichneten Individuen und noch interessanteren jüngeren und älteren Alien-Kulturen zu tun. Die Spannung – gekoppelt an die Frage, ob ein Attentäter Erfolg haben wird oder nicht – hält bis zum Schluss, die Situation ist fremdartig und überzeugend zu gleich, und auch ein paar Exkurse in fremdartige Welten und ein bißchen Culture im Schaukasten fehlen nicht. Dazu eine Prise ›Schiffe mit seltsamen Namen‹ (und ein wirklich witziger Dialog) sowie ein bißchen ›Aus dem Tagebuch eines Orbital-Hubs‹, Gigadeath-Katastrophen und menschliche Schwächen, Extremsportarten und die Debatten zur Frage, ob Wiedergeburt oder Tod mehr eine Mode oder eine Philosophie ist, und ob religiöse Gesetze noch gelten müssen, wenn der Himmel selbstgebastelt ist.

Wer einen soliden Culture-Roman lesen möchte, interessante Charaktere und Kulturen kennenlernen will, sich spannend und politisch korrekt unterhalten fühlen möchte usw. usf. ist mit ›Look to Windward‹ gut bedient, besser jedenfalls als mit ›Player of Games‹ oder als mit ›Feersum Endjin‹. Aber irgendetwas fehlt dem Buch etwas – trotz Spannungsbogen sind die gewichtigen Rätsel mit der letzten Seite verblast, die Schlussüberraschung ist zwar nett, aber – naja. Fast könnte es naheliegen, Vergleiche mit der Culture selbst anzustellen: nett, unterhaltsam, hedonistisch, extrem, am Spaß orientiert und durchaus auch mal riskant – aber mehrere tausend Jahre lang dieses Programm? Und dazu kommt der Verdacht, dass einiges doch etwas abgeschrieben wirkt – bei Banks selbst (etwa in der Art und Weise, wie die Culture sich vergnügt, sich in andere Entwicklungen einmischt, dabei Fehler begeht, wenn alles noch eine Spur älter, größer und gigantischer sein muss), wenn es um die Aliens geht, vielleicht ein bißchen bei Vernor Vinge, und auch andere Ideen sind anderswo schon mal aufgetaucht, gigantische biologische schwarmartige Staatssysteme bei Bruce Sterling, ein eine Welt (na gut, hier »nur« ein Orbital) umfassender Fluss bei Dan Simmons und in einem Datenspeicher mitreisende Persönlichkeitsmodule erinnern an William Gibson.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ›Look to Windward‹ hat mir Spaß gemacht (auch wegen Banks Sprache), und es hat sich durchaus gelohnt, sich die jetzt als Taschenbuch erschienene Ausgabe zu kaufen. Aber das Gefühl des ganz Neuen, das Über-das-Buch-Nachdenken nach der letzten Seite – das fehlte irgendwie.

Banks, Iain M. (2001): Look to Windward. London: Orbit. (orig. 2000).
Bei Amazon.de bestellen

Be the first to like.

Lesenswert: Wovon Menschen leben

Cover »Wovon Menschen leben«Die Münchener anstiftung ist eine der kleineren, wenig bekannten Stiftungen – umso interessanter erscheint mir das, was dort gearbeitet wird. Ein in jeder Hinsicht handfestes Ergebnis der Arbeit der anstiftung ist das Buch »Wovon Menschen leben. Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes« der Soziologinnen Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner (mit Fotografien von Cornelia Suhan).

Ich bin auf dieses Buch gestoßen, weil mich das Thema Nachhaltigkeit und Lebensstile aufgrund meines Promotionsvorhabens beschäftigt. Aber anders als viele andere Bücher zu diesem Themenfeld geht es bei »Wovon Menschen leben« nun zwar auch um die wissenschaftliche Auseinandersetzung: um einen neuen Begriff von Arbeit, der in der Tradition von Bennholdt-Thomsen die Bedeutung von Subsistenz, also Produktion, die sich am eigenen Leben und nicht am Markt orientiert, in den Vordergrund stellt; um die Frage, wie Subsistenz und das Leben in einer funktional differenzierten Gesellschaft zusammenpasst (oder ob es nicht eben gerade die informellen Zwischenstücke sind, die das Funktionieren einer solchen Gesellschaft erst ermöglichen); um den Zusammenhang zwischen Subsistenz, Individuum und Gemeinschaft; und nicht zuletzt um die Frage, ob Subsistenz (im Sinne der Konsumverzicht positiv wertenden Suffizienzstrategie) zu mehr Nachhaltigkeit im Alltag führen kann.

Das ist jedoch nur die eine Seite des Buches. Die andere besteht aus 28 Porträts einzelner Menschen und Paare, zu deren Alltag »Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes« gehört. Diese Porträts sind die Grundlage intensiver Interview- und Beobachtungstätigkeit der Forscherinnen, werden hier aber nicht nüchtern präsentiert, sondern die Autorinnen nehmen bewusst Stellung, gehen auf die Position der Befragten ein und stellen diese mitfühlend und »unverhohlen sympathisierend« dar. Begleitet werden diese Porträts von schönen Fotografien und einer DVD, auf der Videomaterial aus den Interviews enthalten ist. Geordnet haben die Autorinnen die Porträts nach vier Kategorien: »Für andere sorgen«, »Nahraum gestalten«, »Natur erleben – Natur bewahren«, »Selber machen« – damit sind auch die Themen angesprochen, die das Buch als rote Fäden durchziehen.

Ein bißchen – aber mit anderen Gewichtungen, und einer anderen Aussage – erinnert das Buch an Ulrich Becks »Eigenes Leben«, das ebenfalls auf die Kombination aus Analyse, Porträt und Fotografie aufbaut. Allerdings ist Becks Blick auf die Welt ein anderer. Vielleicht macht folgendes Zitat die Grundhaltung der Autorinnen am besten deutlich:

Wir wollten nicht nach den Defiziten der Menschen Ausschau halten – z.B. ihrer mangelnden Bereitschaft in Sachen umweltbewusstes Handeln –, wir wollten vielmehr wissen, welche positiven Ansätze es für Nachhaltigkeit, sprich die Erhaltung der natürlichen und sozialen Ressourcen, im ganz normalen Alltag ganz normaler Leute gibt. (S. 18)

Auch das Buch selbst ist – vielleicht sogar ein bißchen unüblich für das Thema beim oekom-Verlag – als schön gestaltetes Hardcover erschienen; das passt zur Grundhaltung, die die theoretischen Überlegungen und die Porträts durchzieht: die Vorstellung, dass auch im hier und jetzt ein »gutes Leben« im besten Sinne möglich ist.

* * *

Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner (2007): Wovon Menschen leben. Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes. München: oekom. 301 Seiten plus DVD, Hardcover. 24,90 Euro. Bei Amazon kaufen.

Mit der neuen Rubrik »Lesenswert« möchte ich kurze Hinweise auf interessante Bücher geben.

Be the first to like.

Seite 17/18    1  …  14 15 16 17 18