Archiv der Kategorie: Lesenswert

Iain M. Banks: Look to Windward

Look to Windward

Ist es ein Widerspruch in sich, von einem soliden Culture-Roman zu sprechen? ›Look to Windward‹ kann jedenfalls so bezeichnet werden – wieder einmal haben wir es mit der Culture, interessant gezeichneten Individuen und noch interessanteren jüngeren und älteren Alien-Kulturen zu tun. Die Spannung – gekoppelt an die Frage, ob ein Attentäter Erfolg haben wird oder nicht – hält bis zum Schluss, die Situation ist fremdartig und überzeugend zu gleich, und auch ein paar Exkurse in fremdartige Welten und ein bißchen Culture im Schaukasten fehlen nicht. Dazu eine Prise ›Schiffe mit seltsamen Namen‹ (und ein wirklich witziger Dialog) sowie ein bißchen ›Aus dem Tagebuch eines Orbital-Hubs‹, Gigadeath-Katastrophen und menschliche Schwächen, Extremsportarten und die Debatten zur Frage, ob Wiedergeburt oder Tod mehr eine Mode oder eine Philosophie ist, und ob religiöse Gesetze noch gelten müssen, wenn der Himmel selbstgebastelt ist.

Wer einen soliden Culture-Roman lesen möchte, interessante Charaktere und Kulturen kennenlernen will, sich spannend und politisch korrekt unterhalten fühlen möchte usw. usf. ist mit ›Look to Windward‹ gut bedient, besser jedenfalls als mit ›Player of Games‹ oder als mit ›Feersum Endjin‹. Aber irgendetwas fehlt dem Buch etwas – trotz Spannungsbogen sind die gewichtigen Rätsel mit der letzten Seite verblast, die Schlussüberraschung ist zwar nett, aber – naja. Fast könnte es naheliegen, Vergleiche mit der Culture selbst anzustellen: nett, unterhaltsam, hedonistisch, extrem, am Spaß orientiert und durchaus auch mal riskant – aber mehrere tausend Jahre lang dieses Programm? Und dazu kommt der Verdacht, dass einiges doch etwas abgeschrieben wirkt – bei Banks selbst (etwa in der Art und Weise, wie die Culture sich vergnügt, sich in andere Entwicklungen einmischt, dabei Fehler begeht, wenn alles noch eine Spur älter, größer und gigantischer sein muss), wenn es um die Aliens geht, vielleicht ein bißchen bei Vernor Vinge, und auch andere Ideen sind anderswo schon mal aufgetaucht, gigantische biologische schwarmartige Staatssysteme bei Bruce Sterling, ein eine Welt (na gut, hier »nur« ein Orbital) umfassender Fluss bei Dan Simmons und in einem Datenspeicher mitreisende Persönlichkeitsmodule erinnern an William Gibson.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ›Look to Windward‹ hat mir Spaß gemacht (auch wegen Banks Sprache), und es hat sich durchaus gelohnt, sich die jetzt als Taschenbuch erschienene Ausgabe zu kaufen. Aber das Gefühl des ganz Neuen, das Über-das-Buch-Nachdenken nach der letzten Seite – das fehlte irgendwie.

Banks, Iain M. (2001): Look to Windward. London: Orbit. (orig. 2000).
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Lesenswert: Wovon Menschen leben

Cover »Wovon Menschen leben«Die Münchener anstiftung ist eine der kleineren, wenig bekannten Stiftungen – umso interessanter erscheint mir das, was dort gearbeitet wird. Ein in jeder Hinsicht handfestes Ergebnis der Arbeit der anstiftung ist das Buch »Wovon Menschen leben. Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes« der Soziologinnen Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner (mit Fotografien von Cornelia Suhan).

Ich bin auf dieses Buch gestoßen, weil mich das Thema Nachhaltigkeit und Lebensstile aufgrund meines Promotionsvorhabens beschäftigt. Aber anders als viele andere Bücher zu diesem Themenfeld geht es bei »Wovon Menschen leben« nun zwar auch um die wissenschaftliche Auseinandersetzung: um einen neuen Begriff von Arbeit, der in der Tradition von Bennholdt-Thomsen die Bedeutung von Subsistenz, also Produktion, die sich am eigenen Leben und nicht am Markt orientiert, in den Vordergrund stellt; um die Frage, wie Subsistenz und das Leben in einer funktional differenzierten Gesellschaft zusammenpasst (oder ob es nicht eben gerade die informellen Zwischenstücke sind, die das Funktionieren einer solchen Gesellschaft erst ermöglichen); um den Zusammenhang zwischen Subsistenz, Individuum und Gemeinschaft; und nicht zuletzt um die Frage, ob Subsistenz (im Sinne der Konsumverzicht positiv wertenden Suffizienzstrategie) zu mehr Nachhaltigkeit im Alltag führen kann.

Das ist jedoch nur die eine Seite des Buches. Die andere besteht aus 28 Porträts einzelner Menschen und Paare, zu deren Alltag »Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes« gehört. Diese Porträts sind die Grundlage intensiver Interview- und Beobachtungstätigkeit der Forscherinnen, werden hier aber nicht nüchtern präsentiert, sondern die Autorinnen nehmen bewusst Stellung, gehen auf die Position der Befragten ein und stellen diese mitfühlend und »unverhohlen sympathisierend« dar. Begleitet werden diese Porträts von schönen Fotografien und einer DVD, auf der Videomaterial aus den Interviews enthalten ist. Geordnet haben die Autorinnen die Porträts nach vier Kategorien: »Für andere sorgen«, »Nahraum gestalten«, »Natur erleben – Natur bewahren«, »Selber machen« – damit sind auch die Themen angesprochen, die das Buch als rote Fäden durchziehen.

Ein bißchen – aber mit anderen Gewichtungen, und einer anderen Aussage – erinnert das Buch an Ulrich Becks »Eigenes Leben«, das ebenfalls auf die Kombination aus Analyse, Porträt und Fotografie aufbaut. Allerdings ist Becks Blick auf die Welt ein anderer. Vielleicht macht folgendes Zitat die Grundhaltung der Autorinnen am besten deutlich:

Wir wollten nicht nach den Defiziten der Menschen Ausschau halten – z.B. ihrer mangelnden Bereitschaft in Sachen umweltbewusstes Handeln –, wir wollten vielmehr wissen, welche positiven Ansätze es für Nachhaltigkeit, sprich die Erhaltung der natürlichen und sozialen Ressourcen, im ganz normalen Alltag ganz normaler Leute gibt. (S. 18)

Auch das Buch selbst ist – vielleicht sogar ein bißchen unüblich für das Thema beim oekom-Verlag – als schön gestaltetes Hardcover erschienen; das passt zur Grundhaltung, die die theoretischen Überlegungen und die Porträts durchzieht: die Vorstellung, dass auch im hier und jetzt ein »gutes Leben« im besten Sinne möglich ist.

* * *

Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner (2007): Wovon Menschen leben. Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes. München: oekom. 301 Seiten plus DVD, Hardcover. 24,90 Euro. Bei Amazon kaufen.

Mit der neuen Rubrik »Lesenswert« möchte ich kurze Hinweise auf interessante Bücher geben.

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Was wünschen junge WissenschaftlerInnen sich? Und was machen sie so?

Unter dem Titel »Wunschmaschine Wissenschaft« hat die Körber-Stiftung im März eine Tagung veranstaltet, bei der PreisträgerInnen des Deutschen Studienpreises aus verschiedenen Jahrgängen über ihre Erfahrungen mit Wissenschaft referiert und diskutiert haben. Aus dieser Tagung heraus ist nun – herausgegeben von Julian Nida-Rümelin – ein lesenswertes Buch entstanden. Neben vier schon etwas älteren Wissenschaftlern (Peter Weingart, Günter Stock, Ortwin Renn und Julian Nida-Rümelin) und einer Ex-Politikerin (Andrea Fischer) sind es 22 NachwuchswissenschaftlerInnen (vom Studenten bis zum jungen Professor), die mit ganz unterschiedlichen Beiträgen in diesem Band vertreten sind. Einer davon bin ich. Die stilistische Bandbreite der Beiträge reicht von wissenschaftlichen Essays bis zu Polemiken, inhaltlich geht es um die Folgen von Wettbewerb und den Abschied von der »alteuropäischen Universität«, um den Umgang mit Medien und den Umgang von Medien mit WissenschaftlerInnen, um einzelne Fächer innerhalb oder jenseits der Nutzenorientierung, um undisziplinäre Disziplinen und den Mainstream und nicht zuletzt um künstlerisch-wissenschaftliche Grenzgänge. Leben erhält es neben den eigentlichen Beiträgen durch die Art und Weise, wie sich – durchaus einmal überraschend – die AutorInnen auf jeweils ein bis zwei Seiten mit Antworten auf einen Fragebogen präsentieren (inkl. der Frage: »Was war ihr größtes wissenschaftliches Debakel?«). Kurz gesagt: der Band gefällt und gibt Einblick in den Stand der Wissenschaft.

> Informationen zum Band bei der Körber-Stiftung

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