Kurz: Faktencheck

Trump lügt – deut­lich mehr als ande­re US-Politiker*innen. Auch der hie­si­ge rech­te Rand – egal ob CSU oder AfD – fällt ger­ne mal durch den Fak­ten­check. Teils mit gro­bem Unsinn, teils mit an den Haa­ren her­bei­ge­zo­ge­nen Behaup­tun­gen, teils mit fein zise­lier­ten Ver­dre­hun­gen der Tat­sa­che. Wir erin­nern uns: de Mai­zie­re erfin­det Pro­zent­zah­len ohne Grund­la­ge. Und auch man­che Ple­nar­de­bat­te wür­de einen Fak­ten­check nicht bestehen.

Nur: das scheint nicht wei­ter zu inter­es­sie­ren. Sto­ry schlägt Wahr­heit, und je lau­ter das zum eige­nen Welt­bild pas­sen­de Gebrüll, des­to weni­ger inter­es­sie­ren die Fak­ten. Da kann sich z.B. das Netz noch so mühen – die »Das stimmt gar nicht? Dann über­le­ge ich es mir noch­mal anders.«-Fälle sind und blei­ben sel­ten. Der Wir­kungs­grad des mühe­vol­len, ehren­haf­ten, auf­klä­re­ri­schen Fak­ten­che­ckens scheint mir doch gering zu bleiben.

Und nun? Ver­zweif­lung? Zumin­dest das blö­de Gefühl, dass es nötig ist, mit der eige­nen Poli­tik nicht nur bei den Tat­sa­chen zu blei­ben, authen­tisch und wahr­haf­tig, son­dern zugleich auch noch die bes­se­re Geschich­te erzäh­len zu müs­sen, um anzu­kom­men. Und ohne der Ver­lo­ckung zu erlie­gen, sozia­le Kon­struk­ti­on der Wirk­lich­keit mit einer Lizenz zum frei­en Erfin­den der Din­ge zu verwechseln.

Kurz: Unsere tägliche Kopie

Denn die Welt ist was Gemachtes,
und Du kriegst Dei­ne täg­li­che Kopie.

Dota Kehr

Die­se Lied­zei­le erklärt eigent­lich sehr schön, was Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus ist. Oder, um noch wei­ter in der Geschich­te der Sozio­lo­gie zurück­zu­ge­hen, eine ähn­li­che Idee, das Tho­mas-Theo­rem: Wenn Men­schen etwas für real hal­ten, bezie­hen sie ihr Han­deln dar­auf – und das hat rea­le Kon­se­quen­zen. Das ist von 1928. (Das Gegen­teil gilt übri­gens nicht, Bei­spiel Kli­ma­wan­del: auch wenn sich die Hal­tung der Kli­ma­l­eug­ne­rIn­nen gesell­schaft­lich durch­set­zen wür­de, und Kli­ma­wan­del für irre­al erklärt wür­den, wären den­noch rea­le Kon­se­quen­zen da …).

Ich spre­che die­se sozio­lo­gi­schen Grund­ideen an, weil ich den Ein­druck habe, dass sie hilf­reich sind, um den Teil von Poli­tik zu erklä­ren, mit dem gera­de Grü­ne immer wie­der Pro­ble­me haben. »Ich habe doch erklärt, wie es ist, und trotz­dem behaup­tet die Oppo­si­ti­on das Gegen­teil, und die Men­schen drau­ßen glau­ben denen auch noch – wie kann das sein?«

Eine schö­ne Geschich­te schlägt im poli­ti­schen Spiel immer mal wie­der har­te Fak­ten. Das ist ziem­lich fies, und es soll­te uns nicht von dem Ver­such abhal­ten, ehr­li­che Poli­tik zu machen. Aber es erklärt, war­um manch­mal Kam­pa­gnen ver­fan­gen, die nicht auf Inter­es­sen­ge­gen­sät­zen grün­den, son­dern dar­auf, mit Schmutz zu wer­fen. Auch das ist ein Teil der täg­li­chen Her­stel­lung von Welt – und solan­ge Men­schen dar­an glau­ben und ihr Han­deln dar­an ori­en­tie­ren, sind die Kon­se­quen­zen höchst real.