Infrastruktur matters: Erreichbarkeit als Privileg – und als Voraussetzung für gelingenden Wandel

Rieselfeld market

Das, was selbst­ver­ständ­lich ist, sehen wir nicht. Aber trotz­dem prägt es unser Den­ken und unser Han­deln. Die­se simp­le Fest­stel­lung hat erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf jede Poli­tik, die dar­auf zielt, indi­vi­du­el­les Han­deln, indi­vi­du­el­le Prak­ti­ken zu verändern. 

Mir fällt das, was ich als selbst­ver­ständ­lich anneh­me, immer dann auf, wenn ich in einer ande­ren Stadt bin. Und ich mei­ne damit zunächst noch nicht ein­mal den beson­de­ren Zeit­geist, das Lebens­ge­fühl, das Frei­burg aus­zeich­net, son­dern ein­fa­che Din­ge, die tech­nisch ger­ne als »Nah­ver­sor­gung« bezeich­net werden. 

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Kurz: Das Scheinriesenparadox der KünstlerInnen

In den letz­ten Wochen habe ich mich in unter­schied­li­chen Kon­tex­ten über die Urhe­ber­rechts­de­bat­te infor­miert bzw. mich mit ande­ren Men­schen dar­über unter­hal­ten. Dabei ist mir eine Para­do­xie auf­ge­fal­len, die ich die Schein­rie­sen­pa­ra­do­xie nen­nen möch­te. Ein Schein­rie­se – als Refe­renz wäre Micha­el Ende her­an­zu­zie­hen – ist ein Mensch, der in der Nähe nor­mal groß erscheint, aber umso grö­ßer wirkt, je wei­ter weg. Am Hori­zont ist der Schein­rie­se dann tat­säch­lich rie­sen­haft und gewal­tig – ein Phä­no­men, dass er mit vie­len Pro­ble­men teilt. 

Aber ich schwei­fe ab. Was ich mit dem Schein­rie­sen­pa­ra­dox mei­ne, ist fol­gen­des. Abs­trakt sind so gut wie alle Künst­le­rIn­nen erst ein­mal vehe­men­te Ver­fech­te­rIn­nen der Hal­tung, dass ja nichts am Urhe­ber­recht geän­dert wer­den darf. Wird es kon­kre­ter, näher, klei­ner, schrumpft die­se abso­lu­te Ableh­nung, und zwar ganz gewal­tig. Schul­hof­ko­pien, nicht ganz lega­le Repro­duk­tio­nen, die Wei­ter­ga­be von Tex­ten – all das wird, im klei­ne­ren sozia­len Kon­text zu Ereig­nis­sen, die zwi­schen »sind halt Jugend­li­che« und »leben und leben las­sen« bewer­tet wer­den. Sol­che Künst­le­rIn­nen kön­nen dann gleich­zei­tig für eine Ver­schär­fung des Urhe­ber­rechts, aber einen weit­ge­hen­den Ver­zicht auf sei­ne Durch­set­zung sein. Oder sie tren­nen zwi­schen ihrer ganz per­sön­li­chen libe­ra­len Hal­tung und dem bösen Kon­zern, der die Abmah­nun­gen und take-down-Hin­wei­se ver­schickt. Oder in einer etwas ande­ren Wen­dung, selbst von Ver­werter­sei­te: Die vie­len har­ten Rege­lun­gen im Urhe­ber­recht müss­ten erhal­ten blei­ben, um gegen kom­mer­zi­el­le Platt­for­men für ille­ga­le Ver­viel­fäl­ti­gun­gen vor­ge­hen zu blei­ben – aber sei doch klar, dass nie­mand die­se nut­zen wür­de, um Schul­kin­der oder Rent­ne­rIn­nen in Bedräng­nis zu bringen. 

Kurz: Irgend­wo macht es in den Köp­fen Klick, und es wird umge­schal­tet zwi­schen dem libe­ra­len sozia­len Nah­raum, in dem sozia­le Prak­ti­ken wich­ti­ger sind als das abs­trakt irgend­wie wich­ti­ge Urhe­ber­recht, und dem sozia­len Fern­raum, in dem nach der vol­len Här­te des Geset­zes geru­fen wird. Die am Hori­zont so über­wäl­ti­gend aus­se­hen­de har­te Linie rückt sich in der Nähe auf mensch­li­ches Maß zurecht. Aber die­ses Klick bleibt ein Problem.