Science Fiction und Fantasy im Februar 2025

Dry seeds

Auch im Febru­ar (der ja nun eh schon ein kur­zer Monat ist) bin ich auf­grund diver­ser äuße­rer Ereig­nis­se weni­ger zum Lesen / Medi­en­kon­sum gekom­men als sonst. Im Stream ange­schaut habe ich mir genau zwei Fil­me: Ers­tens Atlas (Net­flix, 2024). Der hat extrem schlech­te Kri­ti­ken bekom­men, ich fand ihn trotz­dem – beim Aus­blen­den der einen oder ande­ren Glaub­wür­dig­keits­lü­cke – ganz unter­halt­sam. Das Set­ting ist ein zeit­ge­nös­sisch bekann­tes: in Robo­ter und Haus­halts­ge­rä­te ein­ge­bau­te künst­li­che Intel­li­gen­zen haben die grö­ße­re Tei­le der Mensch­heit umge­bracht, deren Andro­iden-Anfüh­rer konn­te flie­hen. Ein paar Jahr­zehn­te spä­ter ist ihm eine Eli­te­ein­heit der ver­ei­nig­ten irdi­schen Natio­nen auf den Spu­ren – und wür­de völ­lig schei­tern, wenn nicht Atlas dabei wäre, deren Mut­ter an einem bidi­rek­tio­na­len Neu­ro­link zwi­schen Andro­iden und Men­schen geforscht hat­te, und für die der Andro­iden­ter­ro­rist lan­ge wie ein Bru­der war. Heu­te ist Atlas sozio­phob, extrem intel­li­gent, und wild ent­schlos­sen, Rache zu neh­men. Dass ein Film mit die­ser Prä­mis­se dann vor allem a. von Par­ti­sa­nen­kämp­fen auf einem außer­ir­di­schen Pla­ne­ten (in der Andro­me­da-Gala­xis) und b. von dem lang­sa­men Auf­bau von Ver­trau­en zwi­schen Atlas und der auto­no­men Mech-Kampf-Ein­heit, auf die sie sich wider Wil­len ver­las­sen muss, han­delt, kommt etwas über­ra­schend. Wie gesagt: ich fand ihn – beim Her­un­ter­dre­hen des einen oder ande­ren Anspruchs – recht unterhaltsam. 

Zwei­tens habe ich Jer­ry Sein­fields Unfros­ted (Net­flix, 2024) ange­schaut. Das ist jetzt im eigent­li­chen Sin­ne kei­ne Fan­ta­sy, son­dern eine Mischung aus völ­lig über­dreh­ter Komö­die und Doku­men­tar­film über die Kämp­fe zwi­schen kon­kur­rie­ren­den Cera­li­en-Her­stel­lern in den 1960ern. Alles sehr hübsch im Mid-cen­tu­ry-Design, völ­lig über­dreht, und ja – ich fand’s ganz amü­sant. Mag aber auch an den Zei­ten liegen.

Gele­sen habe ich pas­send zur Wahl zum einen das Par­tei­pro­gramm der Aus­ser­ir­di­schen Inva­so­ren Par­tei Deutsch­lands (AIPD) (Teil der ZOXFR Corp.) unter dem Titel Frei­heit durch Unter­wer­fung (2023). Aus­ge­dacht hat sich das Ruben A. Fischer. Das Par­tei­pro­gramm kommt aller­dings nicht ganz an die her­vor­ra­gen­den Pla­ka­te her­an, die zur Wahl wohl in eini­gen Städ­ten zu sehen waren, son­dern trägt manch­mal etwas zu dick auf. Trotz­dem bleibt die bit­te­re Erkennt­nis: wahr­schein­lich hät­te eine real exis­tie­ren­de Par­tei, die auf frei­wil­li­ge Unter­wer­fung durch außer­ir­di­sche Inva­so­ren setzt, durch­aus Chan­cen, Pro­zen­te abzusahnen.

Eben­falls irgend­wie was mit der Wahl zu tun hat Ronald M. Hahns Social­de­mo­kra­ten auf dem Mon­de (1998), auf das ich gesto­ßen bin, weil es im Face­book-Feed des SFCD erwähnt wur­de. Das Buch – eher eine Novel­le als ein Roman, erstaun­lich, wie dünn SF&F‑Bücher mal waren – schreibt im sati­risch über­spit­zen, aber kaum gebro­che­nen, Stil der wil­hel­mi­ni­schen Zeit von der Mond­fahrt des Gra­fen Revent­low, der 1920 den Mond dem Deut­schen Kai­ser­reich über­eig­nen möch­te, bevor Sozialdemokrat*innen – oder schlim­mer noch: Kommunist*innen – ihn in die Hän­de bekom­men. Der Unter­ti­tel „Eine Welt­raum-Cla­mot­te“ ist lei­der unbe­dingt ernst zu neh­men, den gut geal­tert ist die­ses Büch­lein nicht, egal wie wild und aben­teur­lich der von social­de­mo­kra­ti­schen „Wil­den“ besie­del­te Mond und die Akteu­re aus ver­schie­de­nen irdi­schen Mäch­ten, die sich dort begeg­nen, auch gezeich­net sein mögen. Ein­zi­ger Licht­blick: der eine oder ande­re Insi­der-Witz zur SF-Geschichte. 

Sehr inter­es­sant fand ich es, zwei Bücher von Chris­to­pher Brown direkt hin­ter­ein­an­der zu lesen. Das eine ist sein SF-Thril­ler Rule of Cap­tu­re (2019), das ande­re das Sach­buch A Natu­ral Histo­ry of Emp­ty Lots (2024), in dem Brown uns in die Über­gangs­zo­nen zwi­schen Stadt und Natur im texa­ni­schen Aus­tin mit­nimmt, über zer­fal­len­de Infra­struk­tur, Wild­nis, die sich in Right-of-Way-Kor­ri­do­ren ansie­delt und Schlan­gen, die sich auf dem Weg zwi­schen Wohn­zim­mer und Schlaf­zim­mer son­nen, schreibt. Es geht hier also um oft über­se­he­ne Orte in der Stadt, die Zwi­schen­räu­me, in denen Men­schen, wenn sie genau hin­schau­en, Füch­sen, Kojo­ten, Wasch­bä­ren etc. begeg­nen, und die nur auf den ers­ten Blick wie brach­lie­gen­de Müll­ab­la­ge­run­gen aus­se­hen. Das alles ver­wo­ben mit bio­gra­fi­schen Bli­cken auf sei­nen Umzug nach Aus­tin, das Plat­zen der Dot-Com-Bla­se und die unter­schied­li­chen Wel­ten, die Brown als Rechts­an­walt dabei so ken­nen­ge­lernt hat. – All das fin­det sich als Hin­ter­grund und Set­ting in Cap­tu­re wie­der. Die­ser Roman spielt in den USA einer nahen Zukunft, gezeich­net von der Kli­ma­ka­ta­stro­phe, einem ver­lo­re­nen Krieg und den damit ver­bun­de­nen inter­nen Flucht­be­we­gun­gen. Im Set­ting des Romans ist es kurz nach einer Wahl, die ange­foch­ten wird – und die dar­über ent­schei­det, ob ein faschis­tisch gezeich­ne­ter Macht­ha­ber Prä­si­dent wird und sich durch­setzt, oder nicht. Der Prot­ago­nist, Don­ny Kimoe, ist ein ver­arm­ter und depres­si­ver Pflicht­ver­tei­di­ger, der ver­sucht, noch irgend­et­was für die angeb­li­chen „Ökoterrorist*innen“ her­aus­zu­ho­len, die er ver­tei­digt – auf recht­li­chem Weg, manch­mal aber auch außer­halb der dafür eigent­lich vor­ge­se­he­nen Wege. Nicht immer mit Erfolg. Nach und nach deckt er dabei auf, wel­che finstren Machen­schaf­ten hin­ter dem neu­en Regime ste­hen, und was die­se für Plä­ne ver­fol­gen. Span­nend und gut geschrie­ben – und lei­der an der einen oder ande­ren Stel­le heu­te aktu­el­ler als es 2019 vor­stell­bar war. 

Der klei­ne Sam­mel­band A Quiet After­noon (2020), her­aus­ge­ge­ben von Lia­ne Tsui und Grace Sey­bold ver­spricht das genaue Gegen­teil, und erfüllt die­ses Ver­spre­chen auch. Hier geht es um „low-fi spe­cu­la­ti­ve fic­tion“, gemeint sind damit Geschich­ten, die in einem Fan­ta­sy- oder SF-Set­ting ste­cken, aber ohne gro­ße Held*innen, welt­be­we­gen­de Ent­de­ckun­gen oder apo­ka­lyp­ti­sche Ver­schwö­run­gen aus­kom­men. In den Geschich­ten in die­ser Antho­lo­gie pas­siert durch­aus etwas, lang­wei­lig sind sie nicht – aber eben im klei­ne­ren Maß­stab, und mit freund­li­che­rem Ant­liz. Ob ich das unter Hope Punk ein­sor­tie­ren wür­de, weiß ich nicht. Aber als Aus­gleich zur Welt­la­ge habe ich A Quiet After­noon ger­ne gelesen.

Elia­ne Boey schreibt in Club Con­tan­go (2024) so eine Art Cyber­punk – nur das die Prot­ago­nis­tin Con­nie Lam eine allein­er­zie­hen­de, zu Selbst­zwei­fel nei­gen­de Mut­ter ist, die in den halb­welt­li­chen Zwi­schen­räu­men der hyper­ka­pi­ta­lis­ti­schen Aste­ro­iden­stadt Free­port am Ende des 21. Jahr­hun­derts ver­sucht, ihr Kind zu ver­sor­gen und nicht auf die von der Kli­ma­ka­ta­stro­phe gezeich­ne­te Erde depor­tiert zu wer­den. Ihre Ver­gan­gen­heit mit Finanz­spe­ku­la­tio­nen und AI-Pror­gam­men holt sie in mehr­fa­cher Hin­sicht ein, und vor dem Hin­ter­grund von Jazz und ande­ren wie­der in Mode gekom­me­nen Sti­len der Ver­gan­gen­heit spitzt sich die Sache zu. Über allem schwebt die Fra­ge, wer die/der geheim­nis­vol­le Chan­ce ist, die/der immer wie­der eingreift. 

Dann habe ich noch den sehr umfang­rei­chen Fan­ta­sy-Roman Mor­dew (2020) von Alex Phe­by gele­sen. Wenn man so möch­te, eine sehr düs­te­re Coming-of-Age-Geschich­te in einer Welt, die viel­leicht in der Zukunft unse­rer liegt, und in der der jun­ge Nathan Tree­ves am Anfang in einem Slum mit leben­den Schlamm, aus dem immer wie­der Chi­mä­ren her­vor­krie­chen, vege­tiert – dann Teil einer klein­kri­mi­nel­len Ban­de wird – und schließ­lich sei­ne töd­li­chen magi­schen Fähig­kei­ten ent­deckt. Düs­ter, weil die­se gan­ze Welt – detail­liert dar­ge­stellt – von Hoff­nungs­lo­sig­keit gezeich­net ist, und Nathan eigent­lich nicht so recht weiß. wie ihm geschieht – bis zum bit­te­ren Ende. Fan­ta­sie­voll und inter­es­sant, aber eigent­lich will ich nicht noch mehr über die­se Welt wis­sen. Den zwei­ten und drit­ten Band habe ich ent­spre­chend bis­her nicht auf mei­nen Lese­sta­pel gelegt.

Apro­pos Lese­sta­pel: ange­sto­ßen durch die Ankün­di­gung, dass Ama­zon den Down­load von Titeln vom Kind­le sper­ren wird, habe ich mich näher mit Calib­re befasst und über­le­ge jetzt, ob es viel­leicht doch brauch­ba­re E‑Book-Rea­der-Alter­na­ti­ven gibt, die dazu bei­tra­gen, das Ama­zon-Öko­sys­tem zu verlassen. 

Science Fiction und Fantasy im Januar 2025

Südbaden clouds

Die diver­sen Strea­ming-Abos hät­te ich mir im Janu­ar auch spa­ren kön­nen. Ange­schaut habe ich genau zwei Fil­me – zum einen, auf Drän­gen eini­ger Fami­li­en­mit­glie­der, ein Rewatch von Har­ry Pot­ter and the Goblet of Fire (von DVD), zum ande­ren mit viel gespann­ter Erwar­tung Sec­tion 31 (Para­mount+). Die­ser als Star-Trek-Spin­off ange­kün­dig­te Film war dann vor allem ent­täu­schend und wirk­te – selbst mit den Links zum eh schon action­las­to­gen ST: Dis­co­very – wie eine schlech­te Mischung aus Cow­boy Bebop , Guar­di­ans of the Gala­xy und Star Wars.

Die Ori­gin-Sto­ry der in unser Uni­ver­sum geflo­he­nen ter­res­tri­schen Impe­ra­to­rin mach­te deren Han­deln auch nicht plau­si­bler, der Geheim­auf­trag – Sec­tion 31 ist der Geheim­dienst der Star­fleet, ähn­lich Spe­cial Cir­cum­s­tances in Banks Cul­tu­re-Roma­nen – hat­te nur eine gerin­ge Plau­si­bi­li­tät, das Prot­ago­nis­ten-Team war eher humo­ris­tisch zusam­men­ge­stellt, deren Moti­va­ti­on unklar. Zeit und Raum (schnell, drin­gend, …, Tage in unter­ir­di­schen Höh­len­sys­te­men ganz woan­ders) ver­lo­ren an Bedeu­tung. Dass eine Pha­sen­ver­schie­bung auf Quan­ten­ebe­ne zwar das Durch­drin­gen von Wän­den und Kör­pern, nicht jedoch des Bodens der Raum­sta­ti­om mit sich brach­te, war dann auch nicht mehr als ein wei­te­res unlo­gi­sches Ele­ment in einer lang­wei­len­den Anein­an­der­rei­hung unlo­gi­scher Ele­men­te. Kurz: kei­ne Emp­feh­lung, jeden­falls nicht für Men­schen, die Star Trek mögen.

Gele­sen habe ich im Janu­ar, war­um auch immer sich das so erge­ben hat, vor allem Fan­ta­sy. Welt­flucht­po­ten­zi­al, möglicherweise.

Eine Aus­nah­me stellt in gewis­ser Wei­se John Dodds Oce­an of Stars (2022) dar, inso­fern der Roman in der Zukunft spielt, der Mars (und Pla­ne­ten fer­ner Ster­ne) besie­delt ist und die Prot­ago­nis­tin Cata­ri­na Solo­vi­as auf einem Raum­schiff anheu­ert – das aller­dings, soviel sei ver­ra­ten, schon kurz dar­auf von einem Pira­ten­schiff gerammt wird, mit gehiss­ten Son­nen­se­geln, Tech­no­lo­gie, die von Magie kaum zu unter­schei­den ist und kar­gen Mahl­zei­ten in der Kom­bü­se. Sag­te ich schon, dass dann auch noch Zeit­bla­sen und See­unge­heu­er Welt­raum­mons­ter gigan­ti­schen Aus­mas­ses auf­tau­chen? Dodd gelingt es, die­se wil­de Mischung plau­si­bel erschei­nen zu las­sen, und uns mit Cata­ri­na mit­fie­bern zu las­sen. Wür­de ver­mut­lich auch als Doc­tor-Who-Fol­ge funk­tio­nie­ren, wenn ich so drü­ber nachdenke.

Und auch die Kurz­ge­schich­ten­samm­lung Jamai­ca Gin­ger and Other Con­coc­tions (2024) von Nalo Hop­kin­son ent­hält neben magi­schem Rea­lis­mus mit kari­bi­schem Ein­schlag die eine oder ande­re Geschich­te, die eher unter SF (oder zumin­dest Steam­punk) ein­zu­sor­tie­ren wäre. Auf die Samm­lung bin ich durch ein Inter­view in Clar­kes­world auf­merk­sam gewor­den. Wie bei Kurz­ge­schich­ten­samm­lun­gen üblich, ist es schwie­rig, über­grei­fend etwas dazu zu sagen, ohne auf ein­zel­ne Geschich­ten ein­zu­ge­hen. Jeden­falls: fan­tas­tisch geschrie­ben, und mit einer Per­spek­ti­ve, die auf jeden Fall inter­es­sant ist. 

Damit zur Fan­ta­sy i.e.S. Von T. King­fi­sher (Ursu­la Ver­non) habe ich end­lich mal deren mit dem Hugo 2024 prä­mier­te Novel­le Thorn­hedge gele­sen. Hät­te ich mal frü­her tun sol­len, den die Novel­le war dann deut­lich bes­ser als das men­ta­le Bild („Neu­er­zäh­lung von Dorn­rös­chen“), das ich mir davon gemacht hat­te. Erzählt wird die Geschich­te aus der Per­spek­ti­ve der – bösen? – Fee. King­fi­sher geht nicht nur der Fra­ge nach, wie­so da plötz­lich eine Fee bei der Tau­fe der Königs­toch­ter auf­taucht (Fairy ist nicht weit) – und dann über Jahr­hun­der­te beim ver­wun­schen Schloss samt Dor­nen­he­cke bleibt, son­dern fin­den auch einen Weg, plau­si­bel zu machen, dass der ewi­ge Schlaf eine Hel­den­tat ist. Und dann taucht nach Jahr­zehn­ten der Ein­sam­keit ein wacke­rer Prinz auf, gekom­men, die Prin­zes­sin zu befrei­en. Die Fee (deren größ­ter Zau­ber ist, sich in eine Krö­te ver­wan­deln zu kön­nen), steht damit vor einer Her­aus­for­de­rung. Denn sie muss ver­hin­dern, dass der Prinz sei­nen Plan in die Tat umsetzt. Das wird recht lesens­wert beschrieben.

Im Anschluss habe ich Nett­le & Bone (2022, eben­falls von T. King­fi­sher), gele­sen. Der Titel der deut­schen Über­set­zung („Wie man einen Prin­zen tötet“), nimmt eines der Moti­ve des Romans vor­weg. Mar­ra ist die jüngs­te von drei Schwes­tern, Prin­zes­sin in einem klei­nen König­reich. Ganz real­po­li­tisch wird die ältes­te Schwes­ter mit dem Prin­zen des gro­ßen König­reichs im Nor­den ver­hei­ra­tet. Sie stirbt, der Prinz hei­ra­tet die mitt­le­re Schwes­ter. Mar­ra lan­det in einem Klos­ter, lernt Sti­cke­rei, Weben, mis­tet den Stall aus, unter­stützt die Schwes­ter Apo­the­ke­rin – und erfährt von dem Leid und der Miss­hand­lung ihrer Schwes­ter am nörd­li­chen Königs­hof. In ihr reift der Vor­satz, den Prin­zen zu töten. Sie sucht ein Dust-Wife, eine Art Hexe, auf, bit­tet die­se um Hil­fe, muss unmög­li­che Auf­ga­ben erle­di­gen – und ab hier nimmt das Aben­teu­er dann Fahrt auf. Trotz des mär­chen­haf­ten Set­tings spart King­fi­sher die Rea­li­tä­ten von Hei­rats­po­li­tik, Dynas­tik und Bünd­nis­sen – und Armut – nicht aus, son­dern guckt durch Mar­ras manch­mal nai­ven, manch­mal von Selbst­zwei­feln geplag­ten, aber immer empa­thi­schen Blick auf die Din­ge. Hat mir gut gefal­len, und ja – „bru­tal und com­pas­sio­na­te“ trifft es ganz gut.

Auch bei Peter S. Bea­gle geht es bei I’m Afraid You’­ve Got Dra­gons (2024) – der Bea­gle von „Das letz­te Ein­horn“ – um eine Prin­zes­sin. Größ­ten­teils fol­gen wir aller­dings Robert Thrax, dem Dra­chen­be­kämp­fer (as in: Unge­zie­fer­be­kämp­fung). Denn Dra­chen sit­zen hier in alten Gemäu­ern, es gibt gro­ße und klei­ne, und über­haupt: sind sie eine Pla­ge. Die Dra­chen­be­kämp­fung hat Robert von sei­nem ver­stor­be­nen Vater über­nom­men, macht das her­vor­ra­gend – dafür gibt es Grün­de – nur: eigent­lich wür­de er lie­ber kei­ne Dra­chen töten. Prin­zes­sin Ceri­se flieht vor den um ihre Hand anhal­ten­den Prin­zen in den Wald, übt Lesen und Schrei­ben. Und dann gibt es da noch den Thron­fol­ger des gro­ßen Nach­bar­lan­des, von prin­zen­haf­ter Gestalt, mit prin­zen­haf­ten Manie­ren, auf der Suche nach einem Aben­teu­er. Ein gro­ßer Held, so scheint es jeden­falls, auch wenn sein Vater unzu­frie­den mit dem Aus­blei­ben von Rauf­lust etc. ist. Es kommt eins zum ande­ren, und Prin­zes­sin Ceri­se, Robert und Prinz Regi­nald bre­chen auf, die gefähr­li­chen Berg­dra­chen zu besie­gen. Natür­lich kommt es anders – mehr wäre zu viel ver­ra­ten. Wie, beschreibt Bea­gle mit viel Humor.

Dann habe ich noch A Fel­low­ship of Bak­ers and Magic (2023) von J. Pen­ner gele­sen. Noch­mal Mär­chen­land, eine jun­ge Frau ganz ohne magi­sche Bega­bun­gen wird aus­e­rer­wählt, am gro­ßen Back­wett­be­werb der Elfen teil­zu­neh­men. Groß­ge­zo­gen haben die jun­ge Frau nach dem Unfall­tod ihrer Eltern die bei­den Nach­barn, ein schwu­les Ork-Paar, auf dem Weg und beim Back­wett­be­werb (den eigent­lich immer Elfen gewin­nen) freun­det sie sich mit Mit­be­wer­be­rin­nen an – eine Zwer­gin und eine Füch­sin, wenn ich das rich­tig gele­sen habe. Und der Elf, der sie aus ihrer Klein­stadt zum Wett­be­werb bringt, ent­facht Fan­ta­sien. Das gan­ze wird als cozy roman­tic fan­ta­sy ver­mark­tet, das passt auch. Mein einer Ein­druck: sil­ly, aber auf die gute Art. Der ande­re: biss­chen viel Soap, und für ein Fan­ta­sy-Set­ting in den Köp­fen der Protagonist*innen doch ziem­lich viel 21. Jahr­hun­dert. Also: nicht so ganz meins, aber viel­leicht ein com­fort read. Ein wei­te­rer Band ist 2024 erschie­nen, zwei wei­te­re sind ange­kün­digt. Wer’s mag, wird hier also eini­ges zum Lesen finden. 

Last but not least: Von Charles Stross ist neu A Con­ven­tio­nal Boy (2025) erschie­ne­nen, ein kur­zer Roman im Laun­dry­ver­se, in dem wir die Hin­ter­grund­ge­schich­te des „Dun­ge­on Mas­ters“ Derek ken­nen­ler­nen (ergänzt um bereits anders­wo erschie­ne­ne Kurz­ge­schich­ten). Eine DnD-Con­ven­ti­on spielt eine Rol­le, und jemand, der tie­fer als ich mit DnD zu tun hat, dürf­te noch mehr Freu­de an der einen oder ande­ren Anspie­lung haben. Es gibt wie immer im Laun­dry­ver­se düs­te­re Kul­te und Dämo­nen­be­schwö­run­gen; wich­tig zu wis­sen – das Rol­len­spiel-Regel­werk ist turing­voll­stän­dig und eig­net sich daher für magi­sche Hand­lun­gen. Stross mixt die „sata­nic panic“ der 1980er Jah­re, einen genau­en Blick dar­auf, was pas­siert, wenn Men­schen über lan­ge Zeit insti­tu­tio­na­li­siert wer­den, eine (für sei­ne Ver­hält­nis­se erstaun­lich sweete) Lie­bes­ge­schich­te im Autis­mus-Spek­trum und ein paar Bezü­ge zu ande­ren Laun­dry-Roma­nen (hal­lo, Iris). Das ist schnell weg­ge­le­sen, aber es wird auch deut­lich, dass es Zeit wird, dass Stross sich einen ande­ren Spiel­platz sucht. 

Science Fiction und Fantasy im November und Dezember 2024, Teil I

Winter walk with frost, Gundelfingen - Wildtal - Zähringen - XXXI

Irgend­wie bin ich gar nicht dazu gekom­men, mein SF- und Fan­ta­sy-Lese­ta­ge­buch für den Novem­ber zu aktua­li­sie­ren – Ende November/Anfang Dezem­ber war ein­fach zu viel los. Dafür gibt es jetzt geballt mei­ne Guck-Erleb­nis­se der letz­ten paar Wochen. Die Bücher fol­gen in Teil II.

Ange­schaut habe ich mir die letz­ten Fol­gen von Star Trek: Lower Decks (Para­mount+). Hier habe ich es sehr bedau­ert, dass die Serie jetzt zu Ende gegan­gen ist – auch wenn das Ende und die sehr gute letz­te Fol­ge die eine oder ande­re Hin­ter­tür für eine Fort­set­zung auf­ste­hen las­sen hat. 

Emp­feh­lens­wert auch Deli­cious in Dun­ge­on (Net­flix), eine japa­ni­sche Ani­me-Serie, die wohl eine Man­ga-Rei­he ver­filmt. War­nung: die ers­te Staf­fel endet mit einem üblen Cliff­han­ger – und die zwei­te Staf­fel ist zwar wohl in Pro­duk­ti­on, aber exis­tiert noch nicht. Wor­um geht es: eine Grup­pe von Aben­teu­rern a la DnD ver­sucht, in den tiefs­ten Stock eines Dun­ge­ons zu kom­men, um eine der ihren aus den Klau­en eines Dra­chens zu befrei­en. Dum­mer­wei­se sind sie mit­tel­los, und ihre ver­schie­de­nen Fähig­kei­ten sind noch nicht so beson­ders aus­ge­prägt. Was tun? Die Ret­tung naht in Form des Zwer­ges Sen­shi, der die Grup­pe beglei­tet – und gro­ße Kunst dar­in ent­wi­ckelt hat, aus den ver­schie­de­nen Tie­ren und Pflan­zen, äh, Mons­tern des Dun­ge­ons schmack­haf­te Mahl­zei­ten zuzu­be­rei­ten. Das alles mit einem gewis­sen Anspruch an Nach­hal­tig­keit und Ver­ständ­nis für das Mons­ter-Öko­sys­tem. Es wird also gekocht, was durch­aus ethi­sche Fra­gen auf­wirft, etwa wenn es um men­schen­ähn­li­che Mons­ter geht – und gleich­zei­tig erle­ben unse­re Aben­teu­rer eben … Aben­teu­er, wir ler­nen sie näher ken­nen, und stel­len nach und nach fest, dass alles kom­pli­zier­ter ist, als es scheint. Ich war­te gespannt auf die zwei­te Staffel!

Im Kino haben wir – als Weih­nachts­film – Wicked ange­schaut, qua­si das Pre­quel zum „Zau­be­rer von Oz“, und die Ver­fil­mung eines erfolg­rei­chen Musi­cals. Schon im Vor­feld wur­de das gro­ße Star­auf­ge­bot bewor­ben – Aria­na Gran­de spielt die jun­ge Galinda/Glinda, Jeff Gold­blum den Zau­be­rer von Oz als sich selbst, Michel­le Yeoh eine Pro­fes­so­rin für Hexe­rei. Aber so rich­tig über­zeu­gend ist das Ergeb­nis trotz­dem nicht. Das mag dar­an lie­gen, dass der Zau­be­rer von Oz per se schon eher furcht­bar ist, oder dar­an, dass hier die Ori­gin Sto­ry von Glin­da und Effi (der spä­te­ren „wicked witch of the west“) unglaub­lich lang­wie­rig und zäh aus­ge­rollt wird. Und das ist nur der ers­te Teil, Teil zwei folgt nächs­tes Jahr zu Weih­nach­ten. Noch am bes­ten: dass die grün­häu­ti­ge jun­ge Hexe ver­folgt und ver­bannt wird, weil sie sich für das Wohl der Tie­re und ihrer Mit­men­schen ein­set­zen will, statt alles der Macht unter­zu­ord­nen, mag in die­sen Zei­ten als poli­ti­sche Alle­go­rie her­hal­ten. Gesun­gen und getanzt wur­de natür­lich auch. Wir haben aus Grün­den die deut­sche Fas­sung mit eng­lisch­spra­chi­gen Lie­dern (mit Unter­ti­teln) ange­schaut. Das war dann teil­wei­se sur­re­al, weil die ein­ge­blen­de­te deut­sche Über­set­zung manch­mal so gar nichts mit dem eng­li­schen Lied­text zu tun hat­te. Nicht meines.

Um beim Gesang zu blei­ben: im Thea­ter Frei­burg wur­de A Handmaid’s Tale als Oper auf­ge­führt, mit deut­schen und eng­li­schen Ober­ti­teln. Mar­ga­ret Atwoods Geschich­te ist heu­te rele­van­ter denn je, und das Thea­ter hat das in sei­ner Insze­nie­rung direkt mit der Gegen­wart ver­bun­den – am Anfang steht ein his­to­ri­scher Rück­blick, der bei Trump und aktu­el­len Nach­rich­ten­bil­dern beginnt und in der Zeit der reli­gi­ös-faschis­ti­schen miso­gy­nen Dik­ta­tur Gilead endet. Auch das Stück selbst war gut insze­niert. Ich habe aber fest­ge­stellt, dass ich mit Opern­ge­sang nicht wirk­lich etwas anfan­gen kann, auch dann nicht, wenn die Oper eine SF-Dys­to­pie als Grund­la­ge hat. 

Blei­ben noch zwei Fil­me, die ich in den letz­ten Wochen gese­hen habe. Zum einen das Beet­le­juice-Ori­gi­nal von 1988 mit sei­ner etwas ver­wor­re­nen Geschich­te und wun­der­ba­rer Late-80s-Ästhe­tik, und zum ande­ren Spa­ce­man: Eine kur­ze Geschich­te der böh­mi­schen Raum­fahrt (Net­flix, 2024). Für mei­nen Geschmack ein biss­chen zu mys­tisch da, wo der Welt­raum selbst eine Rol­le spielt, ansons­ten aber durch­aus sehens­wert: Jakub Pro­cház­ka ist der Vor­zei­ge­k­os­mo­naut Tsche­chi­ens und nähert sich dem Jupi­ter. Der öde All­tag im Ein­per­so­nen­raum­schiff ist spür­bar, das pro­duct pla­ce­ment für die Spon­so­ren und die eine oder ande­re Impro­vi­sa­ti­on fügen sich pas­send ein. Par­al­lel ent­frem­det sich sei­ne auf der Erde zurück­ge­blie­be­ne Frau Len­ka von ihm, da hilft dann auch das Quan­ten­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­rät nicht. Die­se Bezie­hung und die eige­nen bio­gra­fi­schen Ver­let­zun­gen auf­zu­ar­bei­ten, gelingt Jakub aller­dings erst auf Inter­ven­ti­on eines spin­nen­ar­ti­gen, psy­chisch begab­ten Außer­ir­di­schen hin, der plötz­lich in sei­nem Raum­schiff auf­taucht. Die schwie­ri­ge Annä­he­rung zwi­schen Ali­en und Kos­mo­naut wird in die­sem Fast-schon-Kam­mer­stück gut her­aus­ge­ar­bei­tet. Ins­ge­samt: ein schö­ner Film. 

Science Fiction und Fantasy im September 2024

Schloss Zeil, Leutkirch

Aus Grün­den gibt es gar nicht so viel zu berich­ten über den Sep­tem­ber. Ich habe (allei­ne, weil der Rest der Fami­lie das Gen­re und über­haupt …) nicht mag, Rings of Power, Sea­son 2 (Ama­zon Prime) wei­ter­ge­schaut und mich über die Ambi­va­len­zen gefreut, die ich so bei Tol­ki­en nicht in Erin­ne­rung hat­te – wobei ich zuge­ge­be­ner­ma­ßen das Sil­ma­ril­li­on zwar (in der deut­schen Über­set­zung) besit­ze, aber nie wirk­lich mit Freu­de gele­sen habe. Außer­dem habe ich (mit den Teen­agern) die Orpheus-und-Eury­di­ke-Adop­ti­on KAOS (Jeff Gold­blum, Net­flix) ange­guckt, die letz­te Fol­ge fehlt uns noch, trotz­dem lässt sich jetzt schon sagen: sehr ideen­rei­cher, gut umge­setz­ter Trash. Die grie­chi­schen Gött*innen, wie sie ver­mut­lich noch nie dar­ge­stellt wur­den. Zeus als durch­ge­knall­ter Neu­rei­cher, Posei­don auf sei­ner Jacht, Hera, die die Fäden im Hin­ter­grund zieht, der büro­kra­ti­sche Hades (in schwarz-weiß) … und Kre­ta als Dik­ta­tur, die die olym­pi­schen Ritua­le halt so durch­zieht. Es macht durch­aus Spaß, da zuzu­gu­cken. Jetzt hof­fe ich nur, dass die letz­te Fol­ge nicht enttäuscht. 

Gele­sen habe ich zum einen das gera­de neu im Sep­tem­ber 2024 erschie­ne­ne Space Oddi­ty von Catheryn­ne Valen­te. Das ist die Fort­set­zung von Space Ope­ra. Da ging es, kurz zusam­men­ge­fasst, dar­um, dass die Mensch­heit nur dann Mit­glied der galak­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on wer­den kann – und ansons­ten ihrer Anni­hi­la­ti­on ent­ge­gen­sieht – wenn sie beim Galac­tic Song Con­test nicht auf dem letz­ten Platz lan­det. Deci­bel Jones und sei­ne Band haben die unver­hoff­te Ehre, hier auf­tre­ten zu dür­fenmüs­sen. Die­ser ers­te Band war ein sehr gelun­ge­ner Mix aus einem Humor im Stil von Dou­glas Adams, der wohl­wol­len­den Aus­ein­an­der­set­zung mit der Tra­di­ti­on des ESC und jedem SF-Space-Ope­ra-Motiv, das nicht schnell genug um die Ecke ver­schwin­den konn­te. Space Oddi­ty setzt das jetzt fort. Nach dem Song Con­test ist vor der inter­ga­lak­ti­schen Pro­mo­ti­on-Tour, und das Welt­all ist voll mit Wun­dern, die uns noch vor dem Früh­stück begeg­nen. Zu die­sen Wun­dern gehört dann unver­hofft eine bis­her unent­deck­te Spe­zi­es. Ein Song Con­test muss her, um zu bewei­sen, dass es sich hier um intel­li­gen­tes Leben han­delt. Nur: die­se Spe­zi­es hat ihre Gefüh­le exter­na­li­siert. Das hört sich ziem­lich depres­siv an – jeden­falls nicht nach Musik. Und das all­mäch­ti­ge Board des Song Con­test ist alles ande­re als amü­siert. Soweit mal, sonst wird zu viel ver­ra­ten. — Wie auch der ers­te Band ist Space Oddi­ty flott geschrie­ben und steckt voll mit Anspie­lun­gen. Valen­te ist da tat­säch­lich eine wür­di­ge Nach­fol­ge­rin der ganz spe­zi­el­len Dou­glas-Adams-Schrei­be. Gleich­zei­tig lei­det der Roman selbst ein klei­nes biss­chen am „Schwieriges-zweites-Album“-Syndrom (nicht umsonst heißt das Kes­het-Zeit­pa­ra­dox-Schiff, in dem Deci­bel Jones unter­wegs ist, Dif­fi­cult Second Star­ship). Die Neu­heit eines ESC-Space-Ope­ra-Mixes ist ver­flo­gen, die wil­den Zeit­rei­sen der Kes­het, die das Buch durch­zie­hen, machen es teil­wei­se schwie­rig, nach­zu­voll­zie­hen, was hier gera­de pas­siert, und es gibt Sät­ze, die Anspie­lung auf Anspie­lung anpa­cken und humor­voll bear­bei­ten, ohne jedoch am Schluss irgend­wie dazu bei­getra­gen zu haben, den Fort­gang der Geschich­te zu beschleu­ni­gen. Kurz: Space Oddi­ty reicht nicht ganz an Space Ope­ra her­an. Trotz­dem eine Lese­emp­feh­lung – ins­be­son­de­re für alle, die zwi­schen Nerd- und Pop­kul­tur sitzen.

Pao­lo Baci­g­alu­pi war mir bis­her vor allem als Autor von Near-Future-SF auf­ge­fal­len, die im glo­ba­len Süden spielt. Jetzt hat er mit Navo­la (2024) einen Roman geschrie­ben, der sich als Fan­ta­sy klas­si­fi­zie­ren lässt, obwohl ein gro­ßer Teil der Hand­lung ohne Magie etc. aus­kommt. Navo­la ist eine Han­dels­re­pu­blik, die an Flo­renz oder Vene­dig erin­nert; das Buch spielt in einer Welt, die unse­rer Renais­sance ähnelt, auch wenn die beschrie­be­nen Orte und Län­der ande­re Namen tra­gen, und sich eine ande­re Reli­gi­on als domi­nant durch­ge­setzt hat. Die alten Göt­tern sind her­ab­ge­setzt, aber nicht ganz ver­schwun­den. Was mir gut gefällt: wie Baci­g­alu­pi (pseudo-)lateinische/italienische Begrif­fe (er)findet und in die Spra­che sei­ner Erzäh­lung ein­flie­ßen lässt. Auch das trägt dazu bei, in den All­tag einer der mäch­tigs­ten Ban­kiers­fa­mi­li­en Navo­las ein­zu­tau­chen und ihn ganz und gar für wahr zu neh­men. Navo­la erzählt die Lebens­ge­schich­te Davicos di Regu­lai, der der Spröss­ling die­ses Han­dels­hau­ses ist und bald des­sen Lei­tung über­neh­men soll. Die Regu­lai haben sich durch geschick­te Poli­tik ein die gan­ze dama­li­ge Welt umspan­nen­des Netz an Filia­len auf­ge­baut. Und wo Poli­tik nicht aus­reicht, gibt es noch Schat­ten­män­ner, Atten­tä­ter und zur Not auch ange­heu­er­te Armeen. Davico hat aller­dings kein Talent für Intri­gen. Wenn ihn etwas inter­es­siert, dann ist das die Welt der Natur, das Netz des mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Lebens. Statt der Aus­bil­dung zum Han­dels­mann wür­de er lie­ber Natur­ge­lehr­ter wer­den – aber die­ser Weg ist ihm ver­schlos­sen. Und dann gibt es noch sei­ne „Schwes­ter“, Celia – die als Faust­pfand aus einer Feh­de Teil der Fami­lie gewor­den ist. Ach ja, und das Auge eines Jahr­tau­sen­de alten Dra­chens wird eben­falls eine Rol­le spie­len. — In mei­nem Urteil über Navo­la bin ich zwie­ge­spal­ten. Die Welt, die Baci­g­alu­pi meis­ter­haft auf­baut, ist inter­es­sant genug, um dar­in zu ver­sin­ken. Ich wür­de ger­ne mehr dar­über lesen und habe das Buch auch des­we­gen ver­schlun­gen. Das Buch hat aller­dings einen Kipp­punkt, ab dem der blu­ti­ge und bru­ta­le Unter­gang der Fami­lie di Regu­lai beschrie­ben wird. Ich ver­ste­he, war­um Baci­g­alu­pi die­sen Weg ein­schlägt, und auch die Aus­sa­ge, die er damit über die ger­ne ver­steck­ten Schat­ten­sei­ten einer erfolg­rei­chen und intri­gan­ten Han­dels­fa­mi­lie trifft – trotz­dem dach­te ich da: muss das sein? Wäre ein ande­rer Aus­gang der Geschich­te für Davico (und Celia) mög­lich gewe­sen? Oder ist genau die­ser bru­ta­le zwei­te Teil schon in den ers­ten Sei­ten und ers­ten Ent­schei­dun­gen angelegt?

Robin Slo­an war mir – ich gebe es ungern zu – bis­her kein Begriff. Über die World­con und das The­ma Solar­punk bin ich auf sei­nen Roman Moon­bound (2024) gesto­ßen. Eine viel bes­se­re Rezen­si­on, als ich sie je schrei­ben könn­te, fin­det sich dazu bei Cory Doc­to­row. Kurz gesagt: die Aben­teu­er des Jun­gen Ari­els wer­den aus der Per­spek­ti­ve einer 1000 Jah­re alten KI (ein „Chro­nic­ler“) beschrie­ben, die nach einem lan­gen Sleep-Mode-Zustand wie­der zum Leben (?) erweckt wird – und Ari­el selbst lebt in einer Welt, die 11.000 Jah­re nach unse­rer exis­tiert, eine Welt, die den Nie­der­gang unse­rer Zivi­li­sa­ti­on, den Auf­stieg der post­apo­ka­lyp­ti­schen Mensch­heit und deren Nie­der­gang erlebt hat, und in der es jetzt – (wir befin­den uns wei­ter­hin im Feld der Sci­ence Fic­tion) – spre­chen­de Tie­re gibt, Zau­be­rer, ver­teil­te Robo­ter, KIs, Gen­tech­no­lo­gie – und ein Solar­punk-Set­ting, in dem sowohl das maxi­ma­le Recy­cling wie auch ein groß­flä­chi­ges Car­bon Manage­ment (hier: durch spre­chen­de Bie­ber) eben­so einen Platz fin­den wie die Spät­fol­gen von LLMs. Sag­te ich schon, dass neben­bei auch Pop­kul­tur und Memes als Wun­der­waf­fe auf­tau­chen? Und die Arthur-Legen­de? Das klingt jetzt viel­leicht chao­tisch, aber das ist eine sehr schö­ne und sehr schön geschrie­be­ne Mischung. Alles ist genau­so, wie es scheint, egal wie uner­klär­lich es erst ein­mal wirkt. 

Moon­bound war dann der Aus­lö­ser für mich, auch nach den frü­he­ren Wer­ken von Slo­an zu gucken. Sourdough habe ich noch vor mir, gele­sen habe ich aber jetzt immer­hin mal Mr. Penumbra’s 24-Hour Book­s­to­re (2012) samt der Pre­quel-Kurz­ge­schich­te Ajax Pen­um­bra 1969. Und was soll ich sagen: ich bin begeis­tert. Zum einen, weil Pen­um­bra eine sehr gut erzähl­te Geschich­te über eine Quest ist, mit (magi­schen?) Arte­fak­ten, einem Geheim­bund, alten Büchern und einer meta­tex­tu­ell immer wie­der refe­ren­zier­ten Fan­ta­sy-Geschich­te, also einem Buch im Buch – und zum ande­ren, weil es eine sehr gut gelun­ge­ne Moment­auf­nah­me der 2010er Jah­re ist, also Goog­le noch ein weit­ge­hend bene­vo­len­ter Kon­zern war, Nerds noch Nerds sein konn­ten und die poli­ti­sche Düs­ter­nis der kom­men­den Jah­re sich noch nicht über die­se kali­for­ni­sche Sze­ne gelegt hat­te (auch wenn die eine oder ande­re weir­de Idee hier bereits ihren Auf­tritt hat). Ach ja: und Typo­gra­fie spielt eine tra­gen­de Rol­le. Großartig!