Science Fiction und Fantasy im April 2026

Rebberg, Wildtal - II

Im April habe ich tat­säch­lich nur zwei Bücher gele­sen (und auf dem Bild­schirm nur ermat­tet das ZDF-Maga­zin Roya­le kon­su­miert) – gab einer­seits ande­res, und ande­rer­seits nach 10–12-Stunden-Tagen dann auch kei­ne Muße, zu lesen. Bei­de Bücher kann ich dafür wärms­tens empfehlen.

Zum einen war dies der Nach­fol­ge­band zu Ken Lius The Grace of Kings, den ich vor neun Jah­ren gele­sen habe. Damals befürch­te­te ich, dass der zwei­te Band, The Wall of Storms (2021) die Far­ce nur als Tra­gö­die wie­der­ho­len kön­ne. In gewis­ser Wei­se tut er das auch – wir sind im „hap­py ever after“ ange­kom­men, die Dan­de­l­ion Dynasty im Insel­reich Dara ist eta­bliert, und die ers­te Hälf­te des Buchs wid­met sich vor allem den inter­nen Macht­kämp­fen am Hof – Kuni Garu ist jetzt Kai­ser Ragin, sei­ne Gefähr­tin Risa­na und Kai­se­rin Jia kämp­fen am Hof um Ein­fluss, es ist noch nicht klar, wel­cher der bei­den Prin­zen – Temu oder Phy­ro – Thron­fol­ger wird. Poli­tisch und auch sonst schlau­er als bei­de zusam­men ist Prin­zes­sin The­ra. Refor­men gehen lang­sam und schwer­fäl­lig vor­an, neue Sys­te­me wie der Ver­such, höfi­sche Vor­rech­te durch ein auf Leis­tung aus­ge­rich­te­tes Sys­tem der Beför­de­rung zu erset­zen, haben ihre ganz eige­nen Schwä­chen (und die bril­li­an­te Zomi Kido­su – aus ein­fa­cher Her­kunft, Schü­le­rin von Luan Zya – wird nur mit Tricks zur Prü­fung über­haupt zuge­las­sen). Und der eine oder ande­re abge­setz­te Ade­li­ge plant schon die Revol­te. So könn­te es wei­ter­ge­hen – wenn nicht im das Insel­reich Dara umge­ben­den „Wall of Storms“ alle paar Jah­re ein Fens­ter auf­ge­hen wür­de. Die zwei­te Hälf­te des Buchs befasst sich mit der Inva­si­on der Lyu­cu (wenn Dara für Chi­na steht, dann haben wir es hier mit Mongol*innen zu tun, nur dass die­se statt Pfer­den die bis­her glaub­wür­digs­ten Dra­chen – die Gari­na­fin – mit­brin­gen, die man sich so aus­den­ken kann). 

Stich­wort glaub­wür­di­ge Dra­chen: neben jeder Men­ge mora­lisch frag­wür­di­ger Cha­rak­te­re, die aus guten Grün­den das fal­sche (oder aus fal­sche Grün­den das rich­ti­ge) tun, und einer natu­ra­lis­ti­schen Beschrei­bung poli­ti­scher Intri­gen und mili­tä­ri­scher Tak­ti­ken legt Liu gro­ßen Wert auf die wis­sen­schaft­li­che Fun­die­rung sei­ner Geschich­te. Vie­les, was wie Magie wirkt, könn­te auch ein­fach nur Natur und Tech­nik sein. Von sei­de­ner Elek­tro­sta­tik bis hin zu den genann­ten Dra­chen­we­sen, Pflan­zen­fres­sern, in deren Mägen brenn­ba­re Gase ent­ste­hen … auch das macht den Reiz die­ses Buches aus.

Wäh­rend ich nach dem ers­ten Band eher davor zurück­ge­scheut habe, wei­ter­zu­le­sen, bin ich jetzt auf den drit­ten Band gespannt. Vor­teil des lan­gen War­tens: der liegt schon vor und kann dann in Kür­ze begon­nen werden.

Auch das zwei­te Buch, das ich im April gele­sen habe, lag schon eine Wei­le her­um – in die­sem Fall ganz wört­lich, da ich V.E. Schwabs The Fra­gi­le Threads of Power (2023) nicht als e‑Book gekauft hat­te, son­dern als gedruck­tes Buch auf Papier, das mir beim Umräu­men eines kip­pen­den To-Read-Sta­pels in die Hän­de fiel. Threads of Power ist der vier­te Band von Schwabs Dar­ker-Sha­de-of-Magic-Rei­he, die in meh­re­ren magisch mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Vari­an­ten von Lon­don spielt – unser „Grey Lon­don“, ein „Red Lon­don“, in dem Magie all­ge­gen­wär­tig ist, das „White Lon­don“, das in den ers­ten drei Bän­den zur gro­ßen Bedro­hung wur­de, und das „Black Lon­don“, wüs­te Quel­le der Magie. Es gibt unter­schied­li­che Magie­sys­te­me, je nach­dem, wel­che Ele­men­te dazu her­an­ge­zo­gen wer­den, und eini­ge weni­ge „Ant­a­ri“, die Meistermagier*innen, die die­se ver­schie­de­nen Sys­te­me ver­bin­den können. 

Threads of Power setzt nun eini­ge Jah­re nach dem Ende der ers­ten Tri­lo­gie an. In der Welt des „Red Lon­don“ ist Deli­lah Bard Kapi­tä­nin eines Mehr-oder-weni­ger-Pira­ten­schiffs, Kell Maresh ihr Gefähr­te, der wei­ter mit dem Ver­lust sei­ner magi­schen Fähig­kei­ten kämpft; sein Bru­der Rhy Maresh sitzt als König auf dem Thron, ver­hei­ra­tet mit Nadi­ya – eine poli­ti­sche Hei­rat, um eine der Adels­fa­mi­li­en ein­zu­bin­den; sei­ne Lie­be gilt wei­ter Alu­card Eme­ry, einem der Hel­den der Tri­lo­gie. Wäh­rend im roten Lon­don eine Bewe­gung der „Hand“ den König Rhy Maresh stür­zen will – Lila und Kell sol­len dem nach­ge­hen -, erweckt im wei­ßen Lon­don eine jun­ge Köni­gin Kosi­ka die Magie zu neu­em blu­ti­gen Leben – und lernt, zwi­schen Wel­ten zu wech­seln. Für mich die zen­tra­le Per­son die­ses Buchs ist aber Tes, die mit der Fähig­keit aus­ge­stat­tet ist, Magie zu sehen und zu repa­rie­ren. Sie flieht in einen Slum des roten Lon­dons, um einer poli­ti­schen Hei­rat zu ent­ge­hen, und kämpft sich dort mit einem klei­nen Tin­ker­shop durch. Bis eines Tages ein kaput­tes Arte­fakt in ihre Hän­de fällt, das alles auf den Kopf stellt.

Anders als beim Wall of Storms ist hier der Fol­ge­band lei­der noch nicht geschrie­ben, Schwab ver­folgt aktu­ell ande­re Pro­jek­te. Sehr scha­de, weil sie es ver­steht, die Fäden der ver­schie­de­nen Cha­rak­te­re – und der ver­schie­de­nen Lon­dons – meis­ter­haft zusam­men­zu­brin­gen, und ich ger­ne wis­sen wür­de, wie es nach dem Ende die­ses Ban­des wei­ter­geht, denn trotz des dich­ten Netz­werks, das sie knüpft, bleibt am Schluss eini­ges offen und ruft nach Fortsetzung.

Science Fiction und Fantasy im März 2026

Z. erin­ner­te mich dar­an, dass ich eigent­lich schon letz­ten Monat loben­de Wor­te über Chants of Sen­naar (2023, Run­disc) ver­lie­ren woll­te. Gekauft hat­te ich das in Frank­reich ent­wi­ckel­te Com­pu­ter­spiel wegen der – mich an Moe­bi­us und Ligne-clai­re-Comics erin­nern­den – Gra­fik. Es durch­zu­spie­len, war dann sehr viel ver­gnüg­li­cher als gedacht – die Haupt­per­son star­tet in einem in Gelb­tö­nen gehal­te­nen Tem­pel, muss ein paar ein­fa­che Puz­zle lösen, um Was­ser in die rich­ti­gen Kanä­le zu len­ken – um dann mit dem eigent­li­chen Inhalt des Spiels zu begin­nen, näm­lich dem Erler­nen ver­schie­de­ner Sprachen/Schriften. Dabei geht es um Begrif­fe und um eine ein­fa­che Gram­ma­tik. In den ver­schie­de­nen Leveln die­ses an den Turm von Babel erin­nern­den Bau­werks ändert sich die Farb­ge­bung und Ästhe­tik – und die recht rea­lis­tisch gestal­te­ten Sprach­sys­te­me. Unter­schied­li­che Level über­set­zend in Ver­bin­dung zu brin­gen, ver­än­dert den Turm selbst. Neben den Über­set­zungs­puz­zles gibt es in den ver­schie­de­nen Ebe­nen auch Auf­ga­ben, bei denen es not­wen­dig ist, bestimm­te Din­ge zu fin­den und anzu­wen­den, oder sich in einem bestimm­ten Rhyth­mus anzu­schlei­chen, um nicht gese­hen zu wer­den. Und am Schluss stellt sich her­aus, dass das Ende noch nicht das Ende ist, und die Auf­lö­sung des Geheim­nis­ses die­ses Turms kom­pli­zier­ter als gedacht ist. Wer Spaß an Logi­krät­seln und dem Erkun­den eines geheim­nis­vol­len Turms hat, dürf­te mit Chants of Sen­naar eini­ge unter­halt­sa­me Tage verbringen.

Sonst so: Von den rest­li­chen Fol­gen der ers­ten Staf­fel von Star Trek: Star­fleet Aca­de­my (Para­mount+) war ich sehr ange­tan; ein emo­tio­na­ler Abschluss der ers­ten Staf­fel. Und ja, wei­ter­hin Coming of Age und High­school in Space – und das Pro­blem über­gro­ßer Geg­ner samt Boss­kampf am Staf­fel­en­de, wie bei eini­gen der neue­ren Star-Trek-Pro­duk­tio­nen. Trotz­dem: Sci­ence Fic­tion wird hier sehr gut genutzt, um eine Geschich­te über Kon­flik­te und deren (diplo­ma­ti­sche) Lösung zu erzäh­len, und das in berüh­ren­der Form. Nach anfäng­li­chem Frem­deln mit dem Set­ting bin ich nun gespannt, wie es in der zwei­ten Staf­fel wei­ter­geht. Eine drit­te Staf­fel hat Para­mount+ lei­der gecan­celt – was dazu führt, dass es 2027 dann zum ers­ten Mal kei­ne Neu­ent­wick­lun­gen im Seri­en­un­ver­si­um gibt, und was die Fra­ge auf­wirft, ob’s an dem zu gerin­gen Publi­kums­zu­spruch lag oder ob wir hier ers­te Effek­te davon sehen, dass Para­mount+ jetzt zum Medi­en­im­pe­ri­um der Elli­son-Fami­lie aus dem Trump-Umfeld gehört. Eine schon in den 1960ern „woke“ Serie, bei der eine hip­pies­ke Schul­lei­te­rin zeigt, dass man­ches auch ohne Waf­fen­ge­walt geht – mög­li­cher­wei­se pass­te das nicht mehr ins Port­fo­lio. Was dann eben­so mög­li­cher­wei­se kein Ein­zel­fall ist und für die media­le Öffent­lich­keit auch „nach Trump“ nichts Gutes verheißt. 

Ansons­ten haben wir die drit­te Staf­fel der wei­ter­hin unter­halt­sa­men ame­ri­ka­ni­schen Ghosts-Vari­an­te (Net­flix) zu Ende geschaut (und uns gewun­dert, dass die Staf­feln 4 und 5 nicht auf Net­flix zu fin­den sind, son­dern nur anders­wo – Strea­ming war auch schon mal einfacher). 

Und ich bin ganz ange­tan von der fünf­ten Staf­fel von For All Man­kind (Apple), die gera­de ange­lau­fen ist – und mehr oder weni­ger ges­tern spielt, also in einem alter­na­tiv­ge­schicht­li­chen Jahr 2012 (huch: das ist „in echt“ auch schon wie­der ganz schön lan­ge her …). Wie rea­le Ereig­nis­se und die Film­ge­schich­te ver­mischt wer­den, und wie ein Jahr 2012 aus­sieht, dass unse­rem 2012 in eini­gen Punk­ten tech­nisch weit vor­aus ist (Raum­fahrt, fort­ge­schrit­te­ne Mars-Besied­lung, Video­kon­fe­ren­zen), poli­tisch (und pop­kul­tu­rell) aber auch nicht bes­ser dran ist – das ist auch in der fünf­ten Staf­fel, der ers­ten Fol­ge nach zu urtei­len, gut gelun­gen. Eben­so hat mir gefal­len, dass die Cha­rak­te­re, die aus den vor­he­ri­gen Staf­feln bekannt sind und wei­ter mit­spie­len, nun recht rea­lis­tisch geal­tert gezeigt wer­den. Auch dies­be­züg­lich ist sich die Serie in ihrem Rea­lis­mus treu geblieben.

Damit zu den Büchern. Über Hope­land (2023) von Ian McDo­nald habe ich schon sepa­rat etwas geschrie­ben.

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Versuch einer Rezension zu Ian McDonald, Hopeland (2023)

The Tower of London - V 124 Kapi­tel, und – in der Taschen­buch­aus­ga­be – rund 650 Sei­ten. Ein Wäl­zer, vor­neh­mer aus­ge­drückt: opus magnum, und ja, nicht nur, was den Umfang betrifft. Ian McDo­nald hat mit dem 2023 erschie­ne­nen Hope­land ein beein­dru­cken­des Buch geschrie­ben. Um es zu lesen, brauch­te ich aller­dings meh­re­re Anläufe. 

Das lag erst mal dar­an, dass ich mir nicht sicher war, mit was für einer Art Roman ich es hier zu tun hat­te. McDo­nald hat sehr unter­schied­li­che Bücher geschrie­ben. Einen ers­ten Kon­takt mit sei­nem Werk hat­te ich, als 1997 die deut­sche Über­set­zung von Cha­ga her­aus­kam: Sci­ence Fic­tion, die von Ali­ens in Kenia han­delt. River of Gods (2006) spielt in einem futu­ris­ti­schen Cyber­punk-Indi­en, und Brasyl (2007) in Süd­ame­ri­ka zwi­schen Fuß­ball, Medi­en und der Quan­ten­re­vo­lu­ti­on. Spä­ter habe ich dann auch eini­ge der eher fan­ta­sy-las­ti­gen frü­hen Roma­ne (King of Mor­ning, Queen of Day, 1991) von ihm gele­sen, und dann die steam­pun­ki­ge Pla­nes­run­ner-Young-Adult-Rei­he. Die nächs­te Tri­lo­gie, Luna: New Moon (2015) geht um Intri­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Fami­li­en­kon­zer­nen, die den Mond besie­delt und unter sich auf­ge­teilt haben. 

Was ist also zu erwar­ten, wenn McDo­nald zu einem Zeit­punkt, als Hopepunk/Solarpunk viral geht, einen Roman auf den Markt wirft, der Hope­land heißt und auf dem Titel (der Kind­le-Aus­ga­be) eine Art Kugel­blitz auf einer goti­schen Turm­spit­ze zeigt? Und des­sen ers­ten Sät­ze erst ein­mal rät­sel­haft blei­ben („Love falls from the sum­mer sky. … It is twen­ty-three minu­tes past twen­ty-two and Lon­don burns.“). Doch noch­mal Steam­punk, eine erwach­se­ne Fort­set­zung von Pla­nes­run­ner?

Und spä­ter, als ich begon­nen hat­te, den Roman zu lesen, und durch­aus fas­zi­niert davon war – auch, weil McDo­nald einen aus mei­ner Sicht her­aus­ra­gen­den Schreib­stil pflegt – muss­te ich mich dann doch immer wie­der über­win­den, um wei­ter­zu­le­sen. So ganz sicher, war­um, bin ich mir nicht. Mög­li­cher­wei­se, weil die Haupt­per­so­nen einem sowohl ans Herz wach­sen als auch mora­lisch mög­li­cher­wei­se frag­wür­dig sind (dazu gleich mehr). Oder ein­fach des­halb, weil McDo­nald über­rascht und das Buch immer wie­der neue und uner­war­te­te Haken schlägt?

(Das mit dem her­aus­ra­gen­den Stil geht nicht nur mit so – Cory Doc­to­row beschreibt Hope­land als „A novel so eeri­ly good it almost made me angry.“)

Wor­um geht es? Rück­bli­ckend wür­de ich sagen, dass Hope­land zu 25 Pro­zent Cli­ma­te Fic­tion, zu 20 Pro­zent ein Near-Future-Thril­ler, zu 20 Pro­zent uto­pi­sche Visi­on, zu 15 Pro­zent Familiensaga/Liebesgeschichte, zu 10 Pro­zent Magie, zu 5 Pro­zent Gegen­warts­dia­gno­se und zu 5 Pro­zent Musik ist. Nüch­tern beschrie­ben fol­gen wir zwei Haupt­fi­gu­ren (und dut­zend Neben­fi­gu­ren) über den Zeit­raum von 2011 bis 2033 (mit his­to­ri­schen Exkur­sen bis ins 17. [der rea­le eng­li­sche Archi­tekt Nicho­las Hawks­moor], 18. [ein fik­ti­ves poly­ne­si­sches Königs­haus] bzw. ins frü­he 20. Jahr­hun­dert [der ima­gi­nä­re – hm, Wie­ner Sek­ten­grün­der, dazu gleich mehr – Karl-Maria Lind­ner], und einem Epi­log aus dem Jahr 2981). Geo­gra­fisch betrach­tet haben Lon­don, das länd­li­che Irland, Island, Grön­land (bzw. Kalaal­lit Nunaat) die Ark­tis und das, soweit ich das den Kar­ten ent­neh­men kann, fik­ti­ve poly­ne­si­sche Atoll Ava’u (300 km nörd­lich von Ton­ga, 300 km süd­lich von Samoa …) ihren Auftritt. 

Auf die­ser Büh­ne beglei­ten wir Raisa Peri Ant­ares Hope­land und Amon Bright­bourne, die sich kurz nach den eben zitier­ten ers­ten Sät­zen vor einem von Riots erschüt­ter­ten Lon­don tref­fen. Raisa: kynnd der Hope­land-Fami­lie/-Sek­te/-Reli­gi­on, „her skin is light brown, her cheek­bones sharp, her face freck­led, her eyes green, her hair held back by a Nike head­band“, beim Ver­such, einen Wett­be­werb zu gewin­nen, der dar­in besteht, Lon­don in einer gera­den Linie schnellst­mög­lich zu durch­que­ren, um Erzmagier*in zu wer­den. Amon: musi­ka­lisch begab­ter Sproß der iri­schen Bright­bour­nes, rote Haa­re, Tweed, Bro­gues und Umhän­ge­ta­sche aus Leder, „I have a char­med life“ (und ja, das ist wört­lich zu neh­men, und die Kehr­sei­te davon ist ein Fluch, der Amon beglei­tet). Wenig spä­ter: ein „Star­ring“ der Hope­land-Fami­lie/-Sek­te/-Reli­gi­on an einem Ort, den nur Ein­ge­weih­te fin­den (und auch das ist wört­lich zu neh­men). Allen War­nun­gen zum Trotz ver­liebt Amon sich in Raisas Fami­lie, deren „hearths“ sich über den gan­zen Glo­bus erstre­cken. Zu der gehört auch Finn, Raisas Partner/Rivale – und dann nimmt der Roman sei­ne ers­te Abbie­gung, und was gera­de noch wie eine Roman­ze jun­ger Erwach­se­ner aus­sah, wird etwas anderes. 

Und das lässt sich nicht erzäh­len, ohne ein biss­chen zu spoi­lern, oder zumin­dest die Hand­lungs­strän­ge anzu­rei­ßen, die den Haupt­teil des Buches aus­ma­chen. Wer sich kom­plett über­ra­schen las­sen will, muss also hier auf­hö­ren zu lesen.

„Ver­such einer Rezen­si­on zu Ian McDo­nald, Hope­land (2023)“ weiterlesen

Science Fiction und Fantasy im Januar 2026

Snow in the garden - I

Ich fan­ge mit dem Bild­schirm an, das ist ein­fa­cher, weil in den letz­ten Wochen recht redu­ziert – zum einen des­we­gen, weil mei­ne Kin­der mehr Lust auf Gesell­schafts­spie­le als auf das gemein­sa­me Film­gu­cken hat­ten, zum ande­ren, weil ich mei­ne freie Zeit neben Arbeit und Wahl­kampf dann lie­ber in Lego gesteckt habe, wie beschrie­ben.

Übrig geblie­ben ist dann Star Trek – zum einen habe ich mal eine der Bil­dungs­lü­cken geschlos­sen und mir Star Trek IV: The Voya­ge Home ange­schaut, ein Film aus den 1980ern, genau­er gesagt kam er 1986 in die Kinos, der vor allem in den 1980ern spielt. Und selbst die Sze­nen, die drei­hun­dert Jah­re in der Zukunft statt­fin­den, sehen, etwa beim Blick auf das Design der Com­pu­ter­gra­fi­ken, sehr nach den 1980ern aus. Ganz pas­send dazu hat der Film ein Öko­the­ma (Wale ret­ten, um die Mensch­heit der Zukunft zu ret­ten) und kommt – was ich erfreu­lich fand – weit­ge­hend ohne Schie­ße­rei­en, Tote und ähn­li­che Groß­ka­ta­stro­phen aus, und baut trotz­dem Span­nung auf. Start­rek­mä­ßig ist das alles das Ende der TOS-Ära, sprich ein älter gewor­de­ner James T. Kirk, ein älter gewor­de­ne­ner Spock usw. – qua­si der Gegen­pol zu der neu­en Stran­ge-New-Worlds-Serie, die in der – im direk­ten Ver­gleich doch sehr sicht­ba­ren – Ästhe­tik der 2020er Jah­re die Vor­ge­schich­te von Kirk, Spock usw. erzählt.

Das ande­re Star-Trek-Momen­tum waren die ers­ten fünf Fol­gen der neu­en Star Trek: Star­fleet Aca­de­my-Serie (2026, Para­mount+), die uns ganz ans ande­re Ende des Star-Trek-Kos­mos ent­führt, in die fer­ne Zukunft einer im Wie­der­auf­bau befind­li­chen Föde­ra­ti­on. Die­se Post-Burn-Welt haben wir in der Dis­co­very-Serie ken­nen­ge­lernt, und eini­ge weni­ge Figu­ren (Van­ce, Reno) ver­bin­den bei­de Seri­en (ande­re, wie etwa der Holo­gram-Dok­tor, gibt es im Kon­text der Geschich­te schon eini­ge hun­dert Jah­re). Der Fokus ist bei Star­fleet Aca­de­my aller­dings ein ganz ande­rer: im 32. Jahr­hun­dert wird in San Fran­cis­co die pres­ti­ge­träch­ti­ge Star­fleet Aca­de­my wie­der ins Leben geru­fen, nach­dem in den letz­ten Jahr­zehn­ten das „War Col­lege“ und der Fokus auf die Ver­tei­di­gung der zer­fal­len­den Föde­ra­ti­on den Cam­pus über­nom­men hat­te. Die Star­fleet Aca­de­my lan­det wort­wört­lich in einem Raum­schiff auf dem Cam­pus (der USS Athe­na) – und nun müs­sen bei­de Ein­rich­tun­gen irgend­wie kooperieren.

Im Mix ist Star­fleet Aca­de­my zu 70% eine High­school-Serie mit allem, was dazu gehört: Coming of age, Riva­li­tä­ten, Lieb­schaf­ten – das ist der Fak­tor, der mich ein biss­chen abschreckt, der aber ver­mut­lich ziel­grup­pen­ge­nau einer jün­ge­ren Gene­ra­ti­on, die mit Pro­di­gy und Lower Decks auf­ge­wach­sen ist, ein Ange­bot macht. Bis­her haben mich die übri­gen 30% über­zeugt, wei­ter­zu­schau­en: über die bio­gra­fi­schen Hin­ter­grün­de der ein­zel­nen Cha­rak­te­re ler­nen wir den Zustand der Föde­ra­ti­on ken­nen – etwa die klin­go­ni­sche Dia­spo­ra. Und an ganz vie­len Stel­len blinkt der Ethos von Star Trek durch, bei dem Viel­falt und die Suche nach diplo­ma­ti­schen Lösun­gen, mög­li­cher­wei­se auch nach trick­rei­chen Umge­hun­gen und Loopho­les, wich­ti­ger sind als pure Gewalt. Neben den jün­ge­ren Haupt­fi­gu­ren glänzt das Lehr­per­so­nal, allen vor­an die Direk­to­rin der Star­fleet Aca­de­my, Nahla Ake (gespielt von Hol­ly Hun­ter) – eine äußerst lang­le­bi­ge und äußerst unkon­ven­tio­nel­le Lan­tha­ni­tin mit Hip­pie-Charme, die schon mal bar­fuß auf dem Cap­ta­ins-Ses­sel lüm­melt – und sich trotz­dem sehr schnell Respekt auch des War Col­leges erhält.

Erfreu­lich: trotz des aktu­el­len Zustands der USA (und trotz der ver­schie­de­nen Über­nah­men usw.) bleibt die Serie der Star-Trek-Bot­schaft von Ver­stän­di­gung und inter­kul­tu­rel­ler Zusam­men­ar­beit treu. Und auch wenn mich das Set­ting (Post-Burn genau­so wie High­school) zunächst mal abge­schreckt hat, ist spä­tes­tens ab der 3. Fol­ge klar, dass die Serie im bes­ten Sin­ne Star Trek ist.

„Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy im Janu­ar 2026“ weiterlesen

Science Fiction und Fantasy – Winter Edition 2025/26

Triangles

Irgend­wie hat sich nach mei­nen letz­ten Sam­mel­re­zen­sio­nen doch eini­ges ange­sam­melt, was ich an SF und Fan­ta­sy gele­sen und ange­schaut habe. 

Inno­va­tiv fand ich Emi­ly Teshs neu­en Roman The Incan­de­s­cent (2025). Tesh hat 2024 den Hugo für ihre anti­fa­schis­ti­sche Space Ope­ra Some Despe­ra­te Glo­ry bekom­men. Ihr neu­er Roman ist etwas ganz ande­res, aber trotz­dem sehr lesens­wert. Sie selbst beschreibt ihn als „Nao­mi Novik’s Scho­lo­mance series meets Plain Bad Hero­i­nes in this sap­p­hic dark aca­de­mia fan­ta­sy“, das passt schon ganz gut. Ich hät­te noch „Hog­warts from tea­cher per­spec­ti­ve“ hin­zu­ge­fügt. Ein tra­di­ti­ons­rei­ches eng­li­sches Inter­nat, an dem Schüler*innen (vor allem aus der Ober­schicht, aber es gibt auch ein paar auf­grund beson­de­rer magi­scher Fähig­kei­ten dazu­ge­nom­me­ner Good­will-Fäl­le) neben dem übli­chen Pri­vat­schul­cur­ri­cu­lum auch die ver­schie­de­nen Arten der Magie ken­nen­ler­nen, die hier ins­be­son­de­re mit Trans­ak­tio­nen mit Dämo­nen zu tun haben. Dr. Wal­den, die Haupt­per­son, lehrt eine der Spiel­ar­ten der Magie, näm­lich „Invo­ca­ti­on“, also die Beschwö­rung. Das tut sie mit einer gewis­sen Begeis­te­rung und viel päd­ago­gi­schem Ethos – und gleich­zei­tig ist sie stell­ver­tre­ten­de Schul­lei­te­rin (o.ä.) und hat einen Hau­fen orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­ben, zu denen es gehört, das etwas anti­quier­te Dämo­nen­ab­wehr­sys­tem der Schu­le zu prü­fen und auf Stand zu brin­gen. Zeit für eine Lie­bes­ge­schich­te bleibt da eigent­lich nicht, erst recht nicht zu einer Ange­hö­ri­gen der magi­schen Poli­zei. Das ist das Spiel­feld, auf dem sich ein Roman ent­fal­tet, der nicht nur viel über Schu­le und Coming of Age zu sagen hat, son­dern auch das Gen­re „magi­sche Schu­le“ auf den Kopf stellt. Und das höchst unterhaltsam. 

The Tain­ted Cup (2024) von Robert Jack­son Ben­nett ist auf mei­ne Lese­lis­te gera­ten, weil der Roman 2025 den Hugo gewon­nen hat. Struk­tu­rell folgt es der Mur­der Mys­tery – eine so genia­le wie exen­tri­sche Detek­ti­vin Ana und ihr uner­fah­re­ren Assis­ten­ten Din (durch des­sen Augen wir die Geschich­te sehen) müs­sen einen Mord­fall lösen. Nach und nach wird deut­lich, dass es um weit­aus mehr geht als um den ver­gif­te­ten Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen, der in einer Vil­la auf­ge­fun­den wur­de, die einer ade­li­gen Fami­lie gehört: die Nach­for­schun­gen könn­ten das gan­ze Land erschüt­tern. Inno­va­tiv ist die Fan­ta­sy-Welt, das Empire of Kha­num, in die Ben­nett die­se Mur­der Mys­tery ver­legt – zum einen ist da der Kampf des Impe­ri­ums gegen die Levia­tha­ne, gewal­ti­ge See­mons­ter, die von Fes­tungs­an­la­gen und Mau­ern in den äuße­ren Pro­vin­zen auf­ge­hal­ten wer­den. Zum ande­ren ist das Grund­ele­ment, das das gan­ze Impe­ri­um durch­zieht, eine Art magi­sche Gen­tech­nik: es gibt hoch­spe­zia­li­sier­te Pflan­zen, die als Bau­ma­te­ri­al, Medi­zin oder Dieb­stahl­si­che­rung ver­wen­det wer­den. Und eine der hier­ar­chi­schen Kas­ten zielt vor allem dar­auf, bestimm­te Eigen­schaf­ten in Gene­tik von Men­schen (und Tie­ren) zu brin­gen. Dadurch hat Din ein foto­gra­fi­sches Gedächt­nis erhal­ten – ande­re sind über­mensch­lich stark, schnell oder groß. Jede die­ser Ein­grif­fe hat Neben­wir­kun­gen, aber weil die­se Ein­grif­fe so nütz­lich sind, und not­wen­dig sind, um das Impe­ri­um vor den Levia­tha­nen zu schüt­zen, wer­den die­se igno­riert. Vor die­sem Hin­ter­grund – und wäh­rend der feuch­ten Jah­res­zeit, in der die Gefahr eines Levia­than-Angriffs täg­lich wächst – wird aus dem ein­fa­chen Mord­fall die Auf­de­ckung einer Ver­schwö­rung mit­ten in impe­ria­len Ver­tei­di­gung gegen das Meer.

Kom­men wir zu Andy Weirs Pro­ject Hail Mary (2021), das schon eine Wei­le auf mei­nem Rea­der rum­lag. In gewis­ser Hin­sicht ähnelt das Buch The Mar­ti­an – ein Mann allei­ne im All, und nur mit Wis­sen­schaft und aller­lei Nerd­tum gelingt es, zu über­le­ben. In dem Fall ist der Mann ein Natur­wis­sen­schafts-Leh­rer, – sor­ry, mil­de Spoi­ler – das All irgend­wo bei Tau Ceti, und wir erle­ben live mit, wie in Flash­backs nach und nach sein Gedächt­nis zurück­kommt. Und damit auch die Auf­ga­be, die Mensch­heit vor außer­ir­di­schen Son­nen­fres­sern zu ret­ten. Dann taucht ein zwei­tes, sehr fremd­ar­ti­ges Raum­schiff auf (Hei­mat­ha­fen: Eridani 41). Das Pro­blem mit den Son­nen­fres­sern ist ver­brei­te­ter als gedacht. Gemein­sam wird eine impro­vi­sier­te Lösung gesucht (und gefun­den). In der Bewer­tung kann ich mich dem Pod­cast Das Uni­ver­sum anschlie­ßen, da tauch­te das Buch in der Jah­res­end­fol­ge näm­lich auch auf: Page­tur­ner, span­nend, sehr wis­sen­schafts­ori­en­tiert, selbst in der Rei­se mit 0,93 Pro­zent der Licht­ge­schwin­dig­keit – aber lei­der auch sehr „bud­dy movie“, der Mann kann’s, lässt sei­ne Bes­ser­wis­se­rei raus­hän­gen, und wählt als Pro­no­men für den/die Kolleg*in Ingenieur*in aus dem ande­ren Ster­nen­sys­tem der Ein­fach­heit hal­ber gleich mal „he“. Deut­scher Titel „Der Astro­naut“ (statt „Him­mel­fahrts­kom­man­do“, was viel pas­sen­der wäre), und soll wohl die­ses Jahr noch als Film in die Kinos kom­men. Wer klas­si­sche Sci­ence Fic­tion mag, wird hier gut auf­ge­ho­ben sein.

Wo ich schon bei teils irri­tie­ren­den Lese­er­fah­run­gen bin: The Socie­ty of unkno­wa­ble Objects von Gareth Brown (2025) ist eine Mischung aus Fan­tay und Agen­ten­thril­ler – Mag­da hat den Sitz ihrer Mut­ter in einer Lon­do­ner Geheim­ge­sell­schaft geerbt. Deren Auf­ga­be: magi­sche Objek­te fin­den und sicher ver­wah­ren. Die sehen aus wie all­täg­li­che Din­ge (Schach­fi­gu­ren, Bro­schen, Rin­ge, eine Land­kar­te), haben aber jeweils ihre beson­de­ren Eigen­schaf­ten. Was als Kam­mer­spiel mit teils skur­ril gezeich­ne­ten Per­sön­lich­kei­ten beginnt, endet mit wil­den Ver­fol­gungs­jag­den in Hong Kong und Ame­ri­ka, einer Lie­bes­ge­schich­te und gleich hau­fen­wei­se düs­te­ren Geheim­nis­sen. Am Schluss wis­sen wir, was der Ursprung der magi­schen Objek­te ist, und haben eine Ahnung davon, was pas­siert, wenn sie in die fal­schen Hän­de gera­ten. So ganz warm gewor­den bin ich mit dem Buch aller­dings nicht – man­ches war dann doch zu platt, die eine oder ande­re Sze­ne liest sich, als ob eine LLM an ihrer Ent­ste­hung betei­ligt gewe­sen wäre, und aus der Prä­mis­se hät­te mehr gemacht wer­den kön­nen. (Viel­leicht hät­te ich doch erst The Book of Doors von Brown lesen sol­len – das schnei­det in den Bewer­tun­gen bei Good­reads etc. deut­lich bes­ser ab und steht hier noch auf mei­ner Leseliste.)

„Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy – Win­ter Edi­ti­on 2025/26“ weiterlesen