Bücher Januar bis April 2021

Irgend­wie bin ich weni­ger zum SF/​F‑Lesen gekom­men als sonst, und das, obwohl die Kind­le-App auf dem Smart­pho­ne stolz auf Lesere­kor­de hin­weist. Gami­fi­ca­ti­on for the win – nee, bleibt mir weg damit. Was ich gele­sen habe, war vor allem Space Ope­ra. Ach ja, und weil’s nur noch ein paar Tage in der Media­thek der ARD steht, fan­ge ich mit einer gut gemach­ten Sci­ence-Fic­tion-Fern­seh­se­rie an: Befor­eig­ners ist eine nor­we­gi­sche Pro­duk­ti­on, die von der schlich­ten Prä­mis­se aus­geht, dass durch ein Zeit­loch im Meer von Oslo Men­schen aus ver­gan­ge­nen Zei­ten in die Gegenwart/​nahe Zukunft kom­men. Ziem­lich vie­le Men­schen aus ganz unter­schied­li­chen Epo­chen – mit ent­spre­chen­den Fol­gen für die plötz­lich mul­ti­tem­po­ra­le Gesell­schaft. Mit Sinn für Details und Humor fin­det vor die­ser Kulis­se der typi­sche Kri­mi statt; der alt­ge­dien­te, etwas abge­wrack­te Beam­te mit per­sön­li­chen Pro­ble­men, dem eine jun­ge Kol­le­gin aus der Wikin­ger­zeit, par­don, nor­di­schen Ver­gan­gen­heit, zur Sei­te gestellt wird. Sehr sehens­wert, sehr skandinavisch.

Dann zu den Büchern:

  • Jo Walton, Or What You Will (2020) – lesens­wert, und wie immer bei Jo Walton mit einer inter­es­sant-schrä­gen Her­an­ge­hens­wei­se. Das Buch hat zwei Ebe­nen: die einer alten und kran­ken Fan­ta­sy-Autorin der Gegen­wart, deren Lebens­ge­schich­te erzählt wird, und die einer fik­tio­na­li­sier­ten Ver­si­on eines Renais­sance-Flo­renz aus der belieb­tes­ten Serie der Autorin – bei­des ver­bun­den durch den ima­gi­nä­ren Freund/​Nebencharakter ihrer Geschich­ten der Autorin.
  • Nate Crow­ley, Notes from Small Pla­nets (2020) – nicht so ganz mein Fall. Eine Art ima­gi­nä­rer Rei­se­füh­rer samt Kom­men­ta­ren der zustän­di­gen Bear­bei­te­rin in der Redak­ti­on, der zu Mini­pla­ne­ten führt, die jeweils typi­sche SF/­Fan­ta­sy-Moti­ve verkörpern.
  • Sti­na Leicht, Per­se­pho­ne Sta­ti­on (2021) – gut gemach­te Space Ope­ra, mit allen Zuta­ten, die dafür wich­tig sind – ein Pro­vinz­pla­net, mys­te­riö­se Ali­ens, gebro­che­ne Held*innen und ein böser Kon­zern. Und ein paar schwie­ri­ge Ent­schei­dun­gen und Grautöne.
  • Lau­ra Lam, Gol­di­locks (2020) – wird als Thril­ler ver­mark­tet, ist aber pure Sci­ence Fic­tion – und noch dazu span­nen­de. Mit der Gol­di­lock-Zone wird der Bereich von Pla­ne­ten benannt, die nicht zu kalt und nicht zu warm sind, um Leben zu unter­stüt­zen. Irgend­wann in der Zukunft ist die Erde ziem­lich her­un­ter­ge­rockt, in den USA herrscht eine zuneh­mend auto­ri­tär-anti­fe­mi­nis­ti­sche Regie­rung. Hoff­nung gibt allein die Ent­de­ckung einer Mög­lich­keit, Wurm­lö­cher zu erzeu­gen und damit zu ande­ren Pla­ne­ten zu rei­sen. Das soll auch gesche­hen, um eine zwei­te Erde zu fin­den. Das dafür vor­be­rei­te­te Raum­schiff wird von der ursprüng­lich geplan­ten, dann aber raus­ge­wor­fe­nen, aus Frau­en bestehen­den Besat­zung geka­pert. Und dann geht eine Rei­se mit schwie­ri­gen Ent­schei­dun­gen los.
  • Micaiah John­son, The Space bet­ween Worlds (2020) – düs­ter, aber sehr emp­feh­lens­wert. Rei­sen in Par­al­lel­wel­ten sind mög­lich – aber nur, wenn die rei­sen­de Per­son in die­ser Par­al­lel­welt tot ist. Cara hat auf­grund ihrer Ver­gan­gen­heit zwi­schen Slum und Pro­sti­tu­ti­on dafür gute Vor­aus­set­zun­gen. Aber nicht alles ist so, wie es scheint – weder auf der zwi­schen abge­schirm­ter Stadt und lebens­feind­li­cher Wüs­te auf­ge­teil­ten Erde, auf der Par­al­lel­welt­rei­sen ent­deckt wur­den, noch in den ver­schie­de­nen ande­ren Ver­sio­nen davon. Und auch Cara ist eine ande­re, als die Leser*in zuerst glaubt …
  • Marie Vib­bert, Galac­tic Hell­cats (2021) – quee­re Young-Adult-Space-Ope­ra mit unwahr­schein­li­chen Held*innen, eher leich­te Unterhaltung.
  • Arka­dy Mar­ti­ne, A Deso­la­ti­on cal­led Peace (2021) – der zwei­te Band nach A Memo­ry cal­led Empi­re, sehr emp­feh­lens­wer­te Space Ope­ra, in der ein byzan­ti­ni­sches Ster­nen­im­pe­ri­um (mit allem, was dazu­ge­hört) und eine klei­ne Welt­raum­sta­ti­on den Hin­ter­grund eines Krie­ges mit plau­si­blen Außer­ir­di­schen bil­den. Dane­ben eine Media­ti­on über Spra­che, Iden­ti­tät und unter­schied­li­che For­men kol­lek­ti­ven Bewusstseins.

Sieben Tage, sieben Bücher

Auf Face­book läuft seit eini­ger Zeit ein – naja, eigent­lich: Ket­ten­brief – zum The­ma »Sie­ben Tage, sie­ben Bücher«. Wer mit­macht, soll an sie­ben Tagen jeweils ein Buch­co­ver ohne wei­te­re Erläu­te­rung pos­ten, und eine wei­te­re Per­son zum mit­ma­chen ani­mie­ren. Das Ergeb­nis fin­de ich durch­aus inter­es­sant; bei eini­gen sehr vor­her­seh­bar, bei ande­ren uner­war­tet. Jeden­falls passt mir das jeden Tag ein Cover pos­ten und eine Per­son nomi­nie­ren nicht, des­we­gen gibt es mei­ne sie­ben (plus zwei) Cover jetzt gesam­melt. Und auch wenn’s kei­ne wei­te­ren Erläu­te­run­gen geben soll: bei vie­len davon steht das gewähl­te Cover pars pro toto für eine gan­ze Rei­he von Büchern, die ich auch hät­te pos­ten können …

Im Herbst 2015 gelesen – Teil II

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Eini­ge weni­ge der Bücher, die unten bespro­chen wer­den – viel liegt auf der Kind­le-App, ande­res steht schon im Regal …

Heu­te set­ze ich dann mei­nen von eini­gen Wochen gepos­te­ten Über­blick dar­über fort, was ich seit dem Som­mer 2015 gele­sen habe.

* * *

Nach­dem ich mit Among others die Autorin Jo Walton für mich ent­deckt hat­te, las ich mich wei­ter durch ihr Werk. Tooth and claw (2003), ein Jane-Aus­ten-Fami­li­en­dra­ma, nur mit Dra­chen, war nicht so ganz meines.

Begeis­tert hat mich My real child­ren (2014) – die fik­ti­ve Dop­pel­bio­gra­phie einer in den 1920er Jah­ren gebo­re­nen Eng­län­de­rin, Patri­cia Cowan – zwei sich über­la­gern­de Rück­blen­den über zwei erfüll­te Leben, die in den 1940er Jah­ren an einem Bifur­ka­ti­ons­punkt aus­ein­an­der­lau­fen und sich ganz unter­schied­lich ent­wi­ckeln. Wenn My real child­ren in ein Gen­re gepackt wer­den müss­te, wäre es der his­to­ri­sche Was-wäre-wenn-Roman, aller­dings hier aus der Per­spek­ti­ve von unten. Ob Ken­ne­dy ermor­det wird oder nicht, fin­det nur im Hin­ter­grund statt. Im Vor­der­grund zeich­net Walton den Weg Patri­cia Cowans zur gefei­er­ten Rei­se­füh­rer-Autorin, die in einem zuneh­mend geein­ten Euro­pa mit ihrer Part­ne­rin und ihren Kin­dern zwi­schen Flo­renz und Groß­bri­tan­ni­en lebt, – und den Weg von Patri­cia Cowan, die nach einer unglück­li­chen Ehe zur loka­len Akti­vis­tin für Frie­den, Frau­en­rech­te und den Erhalt des his­to­ri­schen Stadt­kerns wird. Oder anders gesagt: ein Buch über die Ungleich­zei­tig­kei­ten des 20. Jahr­hun­derts aus bio­gra­phi­scher Per­spek­ti­ve. (Lei­der gibt es kei­ne deut­sche Über­set­zung – ich könn­te mir vor­stel­len, dass das Buch auch außer­halb des Gen­res Anklang fin­den könnte …)

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Kulturkampf um das imaginäre Land

Adopt a pop culture I

Um die Zukunft und die Ver­gan­gen­heit – so weit sie als Sci­ence Fic­tion bzw. als Fan­ta­sy ima­gi­niert wer­den – fin­det der­zeit, von der grö­ße­ren Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbe­merkt, ein Kul­tur­kampf statt. Unbe­merkt, aber nicht unwich­tig, denn wo anders als in die­sem Gen­re ent­steht das kol­lek­ti­ve Ima­gi­nä­re? Ein heiß dis­ku­tier­tes Sym­ptom für die­sen Kul­tur­kampf sind die vor weni­gen Tagen bekannt­ge­ge­be­nen Hugo-Nomi­nie­run­gen. Um das zu ver­ste­hen, ist aller­dings etwas Hin­ter­grund notwendig.

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Lesezeichen: »Among Others« und anderes

Titel Among OthersIn den letz­ten Wochen habe ich ziem­lich viel gele­sen; auch die Weih­nachts­zeit etc. haben das ihre dazu bei­getra­gen, dass ich Zeit dazu gefun­den habe. Dazu gehör­ten unter ande­rem Wil­liam Gib­sons neu­er Roman The Peri­pheral (teil­wei­se recht span­nend, aber irgend­wie nicht ganz so groß­ar­tig, wie ich das erwar­tet hät­te), Ken MacLeods Descent (Ufos ins Schott­land, oder viel­leicht auch nicht), Ben Aaron­vitchs Fox­glove Sum­mer (mit eng­li­schen Elfen und Ein­hör­nern) und Ursu­la K. Le Guins über ihr gan­zes Werk zurück­schau­en­de Kurz­ge­schich­ten­samm­lung The Unre­al & The Real (die mir noch ein­mal sehr deut­lich gemacht hat, war­um ich LeGu­in für eine her­aus­ra­gen­de Schrift­stel­le­rin hal­te, und ihren Stil sehr mag). Außer­dem kamen meh­re­re tau­send Sei­ten Peter F. Hamil­ton dazu, den ich bis­her ver­passt hat­te. Andy Weirs The Mar­ti­an – klas­si­sche har­te Sci­ence Fic­tion mit einem Schuss Mac­Gy­ver – muss­te ich an einem Stück lesen. 

Der eigent­li­che Anlass für die­sen Blog­ein­trag ist aber Jo Waltons Among Others, das Ende der 1970er Jah­re in Wales und Süd­eng­land spie­len­de gehei­me Tage­buch eines Teen­agers, das bereits Anfang 2011 erschie­nen ist. 

Mor­ween, nach einem Unfall ver­krüp­pelt, wird auf ein Inter­nat geschickt. Sie ist klug und beob­ach­tet sich selbst und ihre Umwelt ziem­lich genau. Die klas­si­sche Außen­sei­ter­ge­schich­te. Walton ver­webt geschickt zwei Erzähl­strän­ge inein­an­der. Die Com­ing-of-Age-Geschich­te eines Mäd­chens aus unüber­sicht­li­chen Fami­li­en­ver­hält­nis­sen, die vor ihrer Mut­ter weg­ge­lau­fen ist, und Halt und Freund­schaft fin­det im Sci­ence-Fic­tion- und Fan­ta­sy-Kanon der 1970er Jah­re, und eine Geschich­te über Magie, Feen und die Mut­ter als böse gewor­den­de Hexe.

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