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Herkünfte

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Small/big windmill

Meine Tochter geht jetzt in die 6. Klasse. Als Einstieg in den Geschichtsunterricht konnten die Kinder ihrem Stammbaum nachspüren. Dazu fertigte sie mit der Unterstützung insbesondere diverser Großeltern ein schönes Poster an, auf dem vier Generationen zu sehen sind – mit Verlängerungsmöglichkeit nach oben, denn auch ein weiteres Zurückgehen in die Vergangenheit wäre machbar gewesen.

Und zwar deshalb, weil mir bei ihrer Recherche wieder eingefallen war, dass ich vor 25 Jahren – nicht im Geschichtsunterricht, sondern aus Interesse – mal einem ähnlichen Projekt nachgegangen war. Das dazu geschriebene Turbo-Pascal-Programm fand sich zwar noch in den archivierten Archivdateien (geht das anderen Leuten auch so, dass sie einen Ordner »Alter Rechner« in ihrem Dateiverzeichnis haben, in dem sich dann wieder ein Ordner »Noch älteres Krams« findet, etc.?), es wollte aber unter Windows 7 nicht mehr laufen, auch nicht auf einer simulierten 386er-Dosbox, jedenfalls wären dazu wohl noch diverse Anpassungen nötig gewesen, zu denen mir Zeit und Muße fehlten. Was es aber noch gab, waren die Daten, die ich damals gesammelt hatte, und zwar nicht nur als Rohdaten, sondern auch als lange Personenliste.

Die fand dann nicht nur das Kind spannend, sondern auch ich. Unter anderem deswegen, weil an den Stammbaumdaten sehr schön deutlich wird, was für Mobilitätssprünge es in den letzten fünfzig bis hundert Jahren gegeben hat. Denn bis dahin ist das recht übersichtlich: auf der Seite meines Vaters spielt sich alles im Allgäu und in der bayerisch-württembergischen Grenzregion – etwa in Nördlingen – ab; erst, wenn viel weiter zurück geschaut wird, geht es im 16. oder 17. Jahrhundert dann bis Salzburg und Zürich. Aber ganz überwiegend sind es Handwerker, Generationen von Leutkircher Wirten und Brauern sowie Bauern und Bäuerinnen, die sich da finden lassen. Alteingessen, mit einer geringen Mobilität, sowohl in räumlicher als auch in sozialer Hinsicht. Erst mein Vater geht dann – in Tübingen – auf die Universität und studiert Chemie.

Auf der Seite meiner Mutter ist es ebenfalls übersichtlich: hier spielt sich fast die ganze Herkunfsgeschichte zwischen Nord- und Ostsee ab, teilweise in Dörfern, die heute kaum noch zu finden sind, die längst in größeren Gemeinden aufgegangen sind. Hier gibt es zunächst Kleinbauern, dann Lehrer, Erzieherinnen, Ingenieure und Kaufleute in Bremen und im Bremer Umland. Meine Mutter lässt sich zur Chemotechnikern ausbilden und wagt den Schritt in den Süden.

Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre treffen meine Eltern in Tübingen aufeinander, heiraten, gründen eine Partei, bekommen Kinder, gehen erst nach Frankfurt und schließlich nach Freiburg. Da wohne ich heute noch, während es meine Schwestern nach Bonn und Saarbrücken gezogen hat.

Das Muster relativ langer Ortsansässigkeit lässt sich auch auf der mütterlichen Seite meiner Tochter beobachten; da findet sich etwa das alte sozialdemokatische Bürgertum in Offenburg.

Ich bin neugierig, wie das weitergeht. Heute ist für viele längst Europa, wenn nicht gar der Erdball der Horizont der sozialen Mobilität. Bleibt es dabei und verstärkt sich das noch – oder setzt sich eine Gegenbewegung durch, wie sie sich in Heimatdebatten und – im europäischen Kontext – in Separationsbewegungen niederschlägt? Bleibt es bei der Anziehungskraft der Städte, oder schlägt das Pendel hin zum ländlichen Raum aus?

Warum blogge ich das? Vielleicht als persönlichen Beitrag – wo komme ich eigentlich her – dazu, warum ich es durchaus interessant finde, über Heimat zu reden, auch in einem grünen Diskurs.

P.S.: Nachdem dann alles im richtigen Verzeichnis war, lief das alte Programm dann auch …

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Bürgerliche Werte – oder wie wir uns unsere WählerInnen vorstellen (Teil I)

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I. Anfänge

Das Schwäbische Tagblatt nimmt die Wahl von Fritz Kuhn zum Oberbürgermeister von Stuttgart zum Anlass für eine Archivrecherche über die grünen Anfänge in Tübingen in den frühen 1980er Jahren. Bündnis 90/Die Grünen heute sind nicht mehr DIE GRÜNEN von 1983. Die überwiegende Mehrheit der Parteimitglieder ist viel später eingetreten und hat ihre eigenen Ideen in die Partei hineingebracht. Aber viele derjenigen, die heute im Scheinwerferlicht stehen, haben sehr direkt mit diesen Anfängen zu tun. Deswegen glaube ich, dass es für eine Debatte über das grüne Verhältnis zum Bürgertum sinnvoll ist, sich noch einmal vor Augen zu halten, wie diese Partei damals aussah.

Vielleicht an dieser Stelle ein kleiner autobiographischer Einschub. Ich bin 1975 in Tübingen geboren. Meine Eltern waren in der neu gegründeten Partei in dieser Stadt aktiv, bis wir – da war ich etwa acht Jahre alt – nach Abschluss der Promotion meines Vaters wegzogen. Unistadt eben, akademisches Milieu.

Auch wenn ich keine direkten Erinnerungen an die ersten Jahre der Grünen habe, gibt es allein schon daher bei mir ein Gefühl biographischer Verbundenheit zu den grünen Anfängen.

Wer waren diese Leute, die damals die grüne Partei gegründet haben? Unzufriedene mit einer SPD, die die in sie gesetzten Erwartungen in einen wirklichen demokratischen, sozialen und ökologischen Aufbruch nicht erfüllt haben. Fritz Kuhn war mal Juso. Konservative, auch Rechte, denen der Schutz des Lebens wichtig war – und denen die neue Partei bald zu links war. Die Überreste von 1968 und Menschen aus den Bewegungen, die sich in den 1970er Jahren gegründet haben. Frieden, Frauen, Umweltschutz. ProtestantInnen, die aus ihrem Glauben heraus zur solidarischen Entwicklungspolitik und zur Eine-Welt-Bewegung gefunden hatten. In den ASten und K-Gruppen sozialisierte – Winfried Kretschmann und, ebenso, aber ganz anders, Reinhard Bütikofer. NaturwissenschaftlerInnen, die durch den blinden Fortschrittsglauben der herrschenden Lehre an den Hochschulen in die Politik gespült worden waren. EsoterikerInnen, für die Partei Selbsterfahrung war – oder ein Weg, um endlich einmal verschwörerisch Öffentlichkeit zu finden.

Kurz: In den Anfangsjahren war das wohl eine ziemlich wilde Mischung. Die sich in ihrer ganzen Vielfalt zusammengerauft hat, um den drängenden, konkreten Problemen der Zeit eine politische Stimme zu geben. Der Schutz der Lebensgrundlagen. Die atomare Bedrohung. Der Staat, der seine Bürgerinnen und Bürger nicht ernst nahm. Die erstarrte Gesellschaft grauhaariger Männer.

Was diese ganz unterschiedlichen Menschen zusammengebracht hat, war – neben den ganz konkreten Fragen, den Straßenbauten und Biotopen, den AKW-Standorten und Raketendepots – wohl zunächst einmal ein Zeitgeist, der in seiner Mischung aus Zukunftsangst und utopischer Hoffnung auf das Mögliche diametral zur offiziellen Haltung stand. Vielleicht ein Lebensgefühl.

Waren das schon Werte? Oder fanden die sich erst in der sich formierenden Partei (die auch mal den Slogan »nicht links, nichts rechts, sondern vorn« gut fand)? Selbst »basisdemokratisch – ökologisch – sozial – gewaltfrei« als Banner der Grundwerte war ja eigentlich nicht viel mehr als ein Kompromiss, ein Versuch mal aufzuschreiben, was alle so halbwegs teilen konnten, und was jede Einzelne dann doch anders betonte.

Allerdings ist diese Vielfalt zugleich eine grüne Stärke – noch heute. Im aktuellen gültigen Grundsatzprogramm von 2002 (pdf) werden dementsprechend die linken und liberalen, wertkonservativen und solidarischen Wurzeln der ökologischen Partei beschworen, wird aber auch dargestellt, wie sich aus dieser Heterogenität heraus eine gemeinsame politische Identität »grün« entwickelt hat. Wer möchte, kann diese Identität unter Begriffe wie sozial-ökologisch, nachhaltig, generationengerecht, zukunftsorientiert stellen. Gleichzeitig bleiben die Wurzeln in ihrer Breite, die trotz der zahlenmäßig geringen Größe der Partei weitgehende diskursive Anschlussfähigkeit herstellen. Volkspartei en miniature, aber mit klaren Inhalten. Vielfalt, bei der es übrigens, nebenbei gesagt, überhaupt nicht schadet, diese auch immer wieder öffentlich sichtbar zu machen – nicht zuletzt personell.

Im Teil II. geht’s weiter mit Werten, Lagern und Milieus.

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Stadtwerke Tübingen bauen Kohlekraftwerk in Schleswig-Holstein (Update 8: Klimacamp)

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CO2hleNicht nur im Hamburger Koalitonsvertrag war »Moorburg« das große Thema – also die Frage, ob der Bau eines neuen Kohlekraftwerks genehmigt wird oder nicht. In den Jahren klimaschützerischer Realpolitik, die jetzt auf uns zukommen, ist der Ausstieg aus der Kohle – oder alternativ: die Kohle als »Übergangstechnologie« – der Punkt, an dem Umweltverbände und Grüne einerseits und die großen Energiekonzerne und die »Volksparteien« andererseits aufeinanderprallen. Das diesjährige, von einem breiten Bündnis getragene Klimacamp sieht in Kohle (Hamburg: Kohlehafen, Vattenfall, Kraftswerksneubauten und Exporte) einen Kristallisationspunkt. Robin Wood macht Aktionen zu »Moorburg« und »Karlsruhe«. Der BUND hat ebenfalls eine Kampagne Kohlekraftwerke stoppen. Bei campact gibt’s einen Klima-Appell gegen Kohle. Und die Grünen: die erst recht. Zum Beispiel mit der Beteiligung an der Demo gegen ein Kohlekraftwerk bei Mannheim. Und auch für die umweltpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Sylvia Kotting-Uhl, ist der Umgang mit Kohle und der »Clean-Coal«-Schimäre ein zentrales klimapolitisches Thema. Soweit könnte fast der Eindruck entstehen, dass die Bauplätze der neu geplanten Kohlekraftwerke so etwas wie das Wyhl oder Brunsbüttel unserer Generation werden könnten.

Allerdings scheinen das nicht alle so zu sehen. Der von mir durchaus geschätzte Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat zwar erst vor kurzem eine hochwertige Klimaschutz-Kampagne »Tübingen macht blau« (siehe auch hier) gestartet. Aber jetzt ist er doch aus etwas seltsamen Gründen in die Schlagzeilen geraten, nämlich mit der Beteiligung der Tübinger Stadtwerke an einem Kohlekraftwerksneubau in Brunsbüttel:

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) verteidigt die Beteiligung seiner Stadt am Bau eines gigantischen Kohlekraftwerks in Schleswig-Holstein: »Wir dürfen neue Kraftwerksprojekte nicht um den Preis verhindern, dass alte ineffizient weiter laufen«, sagt Palmer der ZEIT und stellt sich damit gegen seine Partei, die neue Kohlekraftwerke ablehnt. Tübingen wolle sich von den großen Energieversorgern unabhängig machen, sagt Palmer und fährt fort: »Denn wenn die Stadtwerke sterben, hat man keine Chance, den völlig verkrusteten Strommarkt ökologisch neu auszurichten.« Allerdings sei es auch sein Ziel, einen »energiepolitischen Rahmen« zu schaffen, »der alle Kohlekraftwerke überflüssig und unwirtschaftlich macht«.

Damit hat Boris zwar mal wieder bewiesen, dass er es hervorragend schafft, die grüne Partei bei Bedarf als Kontrastfolie zu benutzen, um sich selbst besonders hervorheben zu können. Inhaltlich scheint mir der Schluss von »Stadtwerke müssen überleben« (richtig) zu »wir beteiligen uns an einem Kohlekraftwerk« fehlerhaft. EWS und andere machen vor, dass wirtschaftlich erfolgreiche Energieproduktion – selbst ohne komplett regenerativ aufgestellt zu sein – auch ohne Kohle machbar ist. Es gibt Alternativen, und jetzt die falschen energiepolitischen Weichen für die nächsten 30 Jahre zu stellen, muss einfach nicht sein.

Noch dazu hat die Sache insofern einen unschönen Beigeschmack, als die Luftlinienentfernung von Tübingen nach Schleswig-Holstein doch recht groß ist. Wenn Boris mit den Tübinger Stadtwerken unbedingt ein Kohlekraftwerk mitbauen will, dann soll er das halt im Ländle versuchen – aber bitte nicht in Karlsruhe oder Mannheim (s.o.). Noch besser wäre es jedoch, das finanzielle Engagement zukunftsfähiger zu platzieren.

Warum blogge ich das? Weil mich die Argumentation des Tübinger Oberbürgermeisters doch ein bißchen stört. Und der »deutsche Barack Obama«, wie er vielleicht bald genannt werden wird, kann’s eigentlich besser. Was also soll das?

Update: (22.5.2008) Eine besonders interessante Note erhält das ganze dadurch, dass in wenigen Tagen Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein sind – und die Grünen dort u.a., und richtigerweise, einen klaren Antikohle-Schwerpunkt gesetzt haben.

Update 2: Der Konstanzer OB Horst Frank, ebenfalls ein Grüner, setzt sich gegen eine Beteiligung der Konstanzer Stadtwerke an dem in Brunsbüttel geplanten Kraftwerk ein. Die dortigen Stadtwerke sind allerdings ebenfalls dafür. Horst Frank wird in dem Artikel mit folgender Aussage zitiert: »Die Stadtwerke [Konstanz] sollten mit der Südweststrom verhandeln, warum sie nicht auf ein Gaskraftwerk setzt.« Darum geht es. Die Südweststrom Kraftwerk GmbH&Co KG, die das Kohlekraftwerk in Brunsbüttel bauen will, ist übrigens ein Zusammenschluss von Stadtwerken aus Süddeutschland.

An dieser Stelle vielleicht auch noch eine Klarstellung zu meiner etwas reißerischen Überschrift – natürlich sind es nicht die Stadtwerke Tübingen allein, vielmehr sind diese nur mit einem Anteil von 0,4 % / 2 Mio. Euro beteiligt, und erzeugen (so jedenfalls die Auskunft von Boris) über 90 % ihres Stroms nicht in Kohlekraftwerken.

Update 3: (25.5.2008) Der Vollständigkeit halber hier noch der Verweis auf das Positionspapier der Stadtwerke Tübingen zu diesem Thema.

Update 4: (27.5.2008) Zur Situation in Brunsbüttel – und dem vor Ort fast völlig fehlenden Widerstand – ist dieser ZEIT-Artikel recht lesenswert.

Update 5: (3.6.2008) In einer heute veröffentlichten Pressemitteilung der Tübinger Grünen (leider nicht online) heißt es »Kreisvorstand von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Landesvorstandsmitglied Christian Kühn und Winfried Hermann, MdB gegen Tübinger Einstieg in das Kohlegeschäft«. Damit stellt sich natürlich die Frage, wer außer Boris eigentlich den Einstieg der ökoblauen Stadt in die Kohlestromproduktion möchte. Und ob das die richtigen Bündnispartner für den grünen Oberbürgermeister sind.

Update 6: (26.6.2008) Ob’s stimmt, weiss ich nicht, aber den Link wollte ich doch noch hier unterbringen: heute steht in der Telepolis ein kurzer Artikel, in dem behauptet wird, dass das Kraftwerk in Brunsbüttel eigentlich ein Gaskraftwerk (vielleicht sogar ein GuD-Kraftwerk?) in Wertheim sein sollte, dort aber von einem grün angeführten Bürgerentscheid verhindert wurde. Wenn’s so ist, ist’s schade. Aber vielleicht lässt sich ja auch anderswo ein besseres Kraftwerk als ein Kohlegigant hinstellen.

Update 7: (3.7.2008) Ein paar interessante Hinweise zum globalen Kontext, z.B. zu einem möglicherweise geplanten zweijährigen Moratorium für Kohlekraftwerke in Großbritannien, bei Nature/TheGreatBeyond.

Update 8: (10.8.2008) Spreeblick berichtet anlässlich des Hamburger britischen Klimacamps über Kohle. (Upps, genauer lesen: nicht nur in Hamburg wird klimagecampt).

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