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Geschenkter Gaul, oder: von Pferdefleisch und Mindestlohn

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White horse

Als Vegetarier betrifft mich der Pferdefleischskandal nicht so wirklich. Könnte eine oder einer jedenfalls denken. Aber eigentlich ist der Pferdefleischskandal, wie die x Lebensmittelskandale davor, eher ein Symptom dafür, dass insgesamt irgendetwas nicht stimmt mit unserer hochindustrialisierten Lebensmittelindustrie – und, das muss mitgedacht werden, mit den Einkommensverhältnissen.

Ich habe mal nachgeschaut. Im Jahr 2012 habe ich monatlich etwa 260 Euro für »Haushalt« ausgegeben. Das sind in meiner eigenen Statistik* vor allem Lebensmittel, aber auch Verbrauchsartikel wie Toilettenpapier, Geschirrspülmittel oder Shampoo. Dazu kommen Bargeldausgaben – vor allem für Kantinenessen beim Arbeiten und Verpflegung beim Pendeln. Das dürften nochmal um die 200 Euro pro Monat sein. Grob geschätzt gebe ich also monatlich 420 Euro für Lebensmittel aus. Für mich und zwei halbe** Kinder. Im Bioladen, und unterwegs eben – leider meist nicht sehr ökologisch – an Bahnhöfen und in Kantinen. Ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht und esse kein Fleisch – all das würde vermutlich zu deutlich höheren Ausgaben führen, insbesondere dann, wenn ich an Bioqualität festhalte.

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Kurz: Bio mit Gesicht

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The making of apple pie: the survivors

Seit einiger Zeit ist mir auf einigen der Bioprodukte, die ich so kaufe, der Hinweis auf das Portal »Bio mit Gesicht« aufgefallen (Naturland steckt u.a. dahinter). Kurz gesagt geht es dabei darum, dass auf jedem Produkt eine Nummer aufgedruckt ist, die auf der Website bio-mit-gesicht.de eingegeben wird. Heute habe ich es mal mit den Kartoffelpuffern ausprobiert, die wir zum Mittagessen gegessen haben (ja, ein Halbfertig-Bio-Convenience-Produkt). Und was soll ich sagen: es funktioniert. Die Nummer 1007323 führt nicht nur zu der Firma, die die Kartoffelpuffer produziert hat (mit Gruppenfoto), sondern geht die halbe Wertschöpfungskette lang – porträtiert wird die Tiefkühlbäckerei, der Kartoffelbauer, der Hof, der die Zwiebeln angebaut hat, der, der das Getreide angebautgeliefert hat, und die Mühle, die das Getreide gemahlen hat.

Finde ich erstmal ziemlich beeindruckend, so im Sinne einer Bewusstmachung der Arbeitsleistung und der vielen kollektiven Akteure, die an z.B. der Produktion von Bio-Kartoffelpuffern beteiligt sind. Und auch die mehr oder weniger regionalen Produktionszusammenhänge werden so sichtbar. Ich nehme an, dass der Aufwand dafür gar nicht so groß ist, weil vermutlich die entsprechenden Abschnitte der Wertschöpfungsketten eh für durchgehende Zertifizierungen erfasst werden müssen – so wird das ganze dann halt noch mit einem Hofportrait und einem Foto verbunden und online abrufbar gemacht. Ob’s allerdings mehr als ein nettes Bio-Gimmick ist, darüber bin ich mir noch unschlüssig. Soll heißen: hat die Möglichkeit, sich anzuschauen, wer da alles an meinem Essen mitmacht, einen Einfluss darauf, was ich kaufe?

Last but not least: Spannend wäre es, wenn es sowas auch für hochintegrierte Produkte wie z.B. Mobiltelefone gäbe …

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Äpfel und Birnen vergleichen

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Apples on blue


Ich kaufe inzwischen zu ungefähr 80-90% Bioprodukte. Das mag auch daran liegen, dass ich inzwischen eine Kundenkarte bei »meinem« Bioladen habe und damit das Preisniveau halbwegs erträglich ist. Letztlich kaufe ich aber aus politischen Gründen »bio«: weil ich Probleme damit habe, wie der agrarindustrielle Komplex wirtschaftet, weil ich, wenn ich schon Milchprodukte und Eier verzehre, zumindest keine Massentierhaltung damit unterstützen möchte, und weil ich – zum Beispiel beim Kaffee und bei Schokolade – inzwischen »fair« und »bio« verbinden kann und sich das sozio-ökologisch gut anfühlt.

Ich weiss, dass es viele gibt, die den Bio-Konsum weniger politisch begründen, sondern – LOHAS ist hier das Schlagwort – mit Lifestyle und »Health« (vgl. auch NVS II). Aber auch kontrolliert biologisch angebauter fairer Rohrohrzucker ist Zucker, um nur ein Beispiel zu nennen, warum »bio« nicht automatisch »gesund« bedeutet. Insofern wundern mich die jetzt viel diskutierten Ergebnisse des Stiftung-Warentest-Vergleichs zwischen biologisch angebauten und konventionellen Produkten wenig. Und ja: dass, wenn beim Anbau weniger Gift eingesetzt wird (auch z.B. Kupferlösungen im Weinbau sind letztlich Gift), dann auch weniger Pestizide im Essen sind: auch das wundert mich nicht wirklich.

Gleichzeitig muss schon gefragt werden, mit was für einem Verständnis die Stiftung Warentest an den Vergleich rangegangen ist. Zumindest zwischen den Zeilen scheint da die alte Tonnen-Ideologie durchzuscheinen. Gut ist, wo viel drinsteckt – Hochleistungskühe, überdüngte Felder, aufgeputsche Kunstlebensmittel, und was möglichst billig ist. Mit der SZ kann also die Frage gestellt werden, was die politische Agenda dahinter ist, Biolebensmittel schlechtzureden (»sind ja gar nicht besser«) – vor allem dann, wenn die Ergebnisse des Vergleichs diese Aussage gar nicht decken.

Und auch dem Fazit der SZ kann ich mich nur anschließen:

Aber gemessen an den Ansprüchen, mit denen die ökologische Landwirtschaft eigentlich angetreten ist, bleibt es dabei: Bio war und ist besser. Besser für die Umwelt, die Tiere und letztlich auch für den Menschen.

Es geht also nicht um Gesundheitsförderung und »medicinal food«, sondern um einen viel weiter gefassten Begriff von Gesundheit – vergleichbar der Definition der WHO. Die Ansprüche ökologischer Landwirtschaft bestehen eben nicht darin, hochpreisige Nischenlebensmittel mit Wellnessfaktor zu produzieren, sondern ein Ernährungssystem zu etablieren, dass Lebensmittel herstellt, die nicht auf Massentierhaltung angewiesen sind, die Böden und Grundwasser in der Bewirtschaftung schonen und die idealerweise in regionaler Nähe produziert werden.

Anders gesagt: letztlich verbergen die so objektiv erscheinenden Testergebnis und Noten, dass dahinter immer ein – durchaus auch offengelegter, aber nichtsdestotrotz gesetzter – Maßstab der Bewertung steht. Insofern vergleicht die Stiftung Warentest hier Äpfel und Birnen.

Warum blogge ich das? Erstens, weil mich die Frage nach der Agenda hinter dem Schlechtreden von Biolebensmitteln durchaus auch umtreibt – und zweitens, weil ich es interessant finde, was für ein Echo diese – ja immer wieder mal auftauchenden – Meldungen haben. Kurz gesagt: die Politik des Biolebensmittelkonsums. Und drittens, weil ich glaube, dass wir »Ökos« auch eine Spur Selbstkritik brauchen – eine qualitative Inhaltsanalyse der Produktwerbung und der einschlägigen Magazine dürfte zu Tage fördern, dass gerade in den letzten Jahren die für den Boom so förderliche Botschaft »Gesundheit« immer wieder gerne nach vorne gestellt wurde.

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