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Kurz: Bildungszeiten

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Ein Problem, dass der Bildungspolitik (und eingeschränkt auch der Hochschulpolitik) inhärent ist, ist die stark verzögerte Aktion – Wirkung, bei gleichzeitig unmittelbarer Alltagsbetroffenheit für viele Menschen. Inhaltliche Reformen des Lehramtstudiums wirken genauso wie quantitative Veränderungen bei der Zahl der Lehramtsstudienplätze erst fünf, sechs oder sieben Jahre nach den politischen wirksam. Ein Studium dauert eben.

Ähnlich sieht es aus, wenn zum Beispiel im Grundschulunterricht etwas geändert wird – egal was, egal in welche Richtung. Es gibt einen relativ langen Vorlauf – Änderung der Bildungspläne, Fortbildungen, neue Materialien – und möglicherweise werden Folgen erst beim Übergang in die weiterführende Schule oder gar erst im weiteren Schulverlauf sichtbar. Auch hier reden wir also von zeitlichen Verzögerungen zwischen Aktion und Wirkung von Jahren bis Jahrzehnten.

Politik findet in Legislaturperioden statt (vier oder fünf Jahre), tagesaktuell werden noch viel kürzere Zeithorizonte eingefordert – jetzt ist das Studienergebnis X da, jetzt muss sofort reagiert werden. Faktisch führt das zu einer permanenten Übersteuerung in der Schulpolitik, durch didaktische Modewellen und Angst vor aufgebrachten Eltern noch verstärkt. Kontraintuitiv wäre hier also zum einen langsameres und gelassenes – dafür breit auch über politische Lager hinweg konsentiertes – Handeln sinnvoll, zum anderen – sagt mir der Blick auf die Arbeitswissenschaft – eine Stärkung lokaler Kompetenzen, Entscheidungsspielräume, Ressourcen und »Puffer«, um Verwerfungen kurzfristig in den Schulen auffangen zu können, ohne am großen Rad der Bildungspolitik zu drehen.

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Nach dem Duell Nr. 1

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Zora's wordsGestern abend fand das erste Duell im Landtagswahlkampf 2016 statt. Halt, natürlich war es kein Duell, sondern ein »Streitgespräch« in der SWR-Sendung »Zur Sache« – denn aus diversen Gründen (SWR wollte SPD dabei haben, FDP wollte dann auch, SWR sagte Duell ab, Wieland Backes sagte eigenes Duell an, SWR wollte dann doch auch ein, äh, Streitgespräch) durfte es kein Duell sein. Das hatte den Vorteil, dass die Sendung nicht den starren Inszenierungsregeln der Kanzlerduelle folgte (genaue Zeitmessung, vorher abgesprochene Kameraeinstellungen, keine Interaktion, …), sondern davon abweichen konnte. Was wiederum SWR-Moderator Clemens Bratzler den Raum für eine durchaus vorzeigbare Moderation des Ganzen gab.

Inhaltlich ging es vor allem um Flüchtlingspolitik und um innere Sicherheit, am Schluss war noch Zeit für einen kleinen Schlenker zur Bildungspolitik. Also eigentlich »home turf« der CDU. Trotzdem beschränkte CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf sich darauf, in der ihm eigenen Bissigkeit (flapsig gesagt: eher kläffender Terrier als Wolfshund) die altbekannten Vorwürfe und Forderungen vorzutragen. Viel Kritik, viel Halb- und Ganzunwahrheit dabei (etwa bei Abschiebezahlen), außer »mehr Polizei« und »mehr Abschiebungen« und »mehr Verschärfung« kein Konzept. In der Bildungspolitik wurde die Lüge vom Gemeinschaftsschulgutachten wiederholt. Interessant fand ich, dass Wolf en passant seinen eigenen Parteifreunden in Gemeinderäten und Rathäusern fachliche Inkompetenz unterstellte, als er sagte, dass diese Gemeinschaftsschulen nicht aus inhaltlichen, sondern nur aus strukturellen Gründen einführten. Dass Wolf die Gemeinschaftsschule abschaffen will, sagte er nicht so richtig deutlich – wer das CDU-Programm kennt, weiß aber, dass genau das faktisch geplant ist.

»Home turf« der CDU – und trotzdem konnte aus meiner Sicht Ministerpräsident Winfried Kretschmann deutlich punkten (auch wenn ich nicht alles teile, was derzeit an Maßnahmen im Bereich der Innenpolitik stattfindet). Er strahlte Besonnenheit und Kompetenz aus – die richtig, richtig guten Sympathiewerte über das ganze Parteienspektrum sind ja nicht ohne Grund so, wie sie sind. Vom ganzen Setting Regierung/Opposition her hatte er die Rolle desjenigen inne, der herausgefordert wurde und Angriffe parierte – das gelang selbstverständlich gut, ließ aber leider wenig Raum, um eigene Themen zu setzen. Insofern kamen zentrale grüne Themenfelder – von der Nachhaltigkeit und der Klimakrise bis zur Digitalisierung der Wirtschaft – leider nicht vor.

Manche meinten nach dem Duell, dass Kretschmann in der Darstellung der Sympathischere von zwei Konservativen gewesen sei, die inhaltlich wenig trennte. Das stimmt so nicht. Kretschmann war definitiv sympathischer (bis hin zu seinem bodenständigen Auftreten im humorigen Abschlussspielchen), aber er hat auch inhaltlich deutlich gemacht, wo die Unterschiede liegen: Beispielsweise dabei, ob davon ausgegangen werden soll, dass hierher geflohene Menschen sich integrieren wollen (Kretschmann), oder ob Ängsten und Überforderung das Wort geredet wird (Wolf). Darin, ob Gesundheitsversorgung für alle hier lebende Menschen ein Zeichen der Humanität ist (Kretschmann), oder ob Ängste geschürt wurden (Wolf). Darin, ob Bildung sich an Qualität messen lassen muss (Kretschmann), oder ob es nur um Strukturen und Kennzahlen geht (Wolf). Und auch darin, ob die AfD als Hort fremdenfeindlicher Brandstifter zu verstehen ist (Kretschmann) oder nicht (Wolf).

Interessant fand ich die Reaktionen auf Facebook und Twitter. Soweit ich das verfolgt habe, hat Roland Muschel (Südwestpresse) recht, wenn er davon spricht, dass hier jeweils die »Mitstreiter« des einen bzw. des anderen Kandidaten zu Wort kamen. Tatsächliche Eindrücke davon, wie das Duell bei der Wählerschaft ankam, ließen sich da kaum gewinnen (gleiches gilt für Online-Polls …). Dabei wäre das durchaus interessant. Durch die Brille der CDU-Anhänger*innen hat – vermutlich von niedrigen Erwartungen ausgehend – deren Favorit Wolf sich gut geschlagen; bis hin zu Behauptungen der Art, dass Kretschmann regelrecht »zerfleischt« worden sei. Dieses Duell habe ich nicht gesehen, aber das mag an unterschiedlichen Erwartungshorizonten liegen. Lustig war zu beobachten, wie aus CDU-Kreisen versucht wurde, die immer wieder gleichen Botschaften zu setzen, egal, ob diese eine Verankerung in der Realität haben oder nicht. Das mag wahlkampfstrategisch ja sinnvoll sein, wirkte auf mich in dieser Uniformität aber absurd, weil’s halt so gar nicht passte. Die Kommentierung der grünen Seite wirkte auf mich naturwüchsiger, organischer und nicht so gesteuert. Aber vermutlich gibt es da einfach unterschiedliche Wirklichkeiten.

Ich befürchte, dass wir die immer gleichen Lügengeschichten der CDU bis zur Wahl in knapp zwei Monaten noch einige Dutzend Male hören werden. Dabei geht die CDU nicht ganz so platt vor wie der rechte Rand im Netz, der ja gerne Dinge behauptet, die einfach frei erfunden und in einer Minute Recherche widerlegbar sind, sondern setzt darauf, komplexere Vorgänge falsch zu vereinfachen und Zahlen zu verwenden, die eher in die Richtung gehen, Äpfel und Birnen mit Waschmaschinen zu vergleichen. Selbst Rote-Socken-Kampagnen werden nochmal aus der Mottenkiste von 2001 oder 1996 geholt. Das ist ziemlich perfide. Trotzdem bleibt die Hoffnung, dass diese letztlich doch sehr aufgesetzte und künstliche Erregtheit nicht verfängt, sondern die Wahl zu Gunsten von Ehrlichkeit, Bodenständigkeit und einem klaren Kurs ausfällt.

Es wird spannend werden, und es wird in den sozialen Medien eher ungemütlicher werden, je stärker sich Frontstellungen ausbilden. Der Wahlkampf in Baden-Württemberg ist jetzt endgültig eröffnet.

Warum blogge ich das? Trotz aller Befangenheit wollte ich meinen semidistanzierten Blick auf das Duell mal aufschreiben.

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Kurz: Munition

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In der grünen BAG Wissenschaft, Hochschule, Technologiepolitik haben wir über einen längeren Zeitraum die Frage des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik diskutiert. In Baden-Württemberg lässt sich diese Problematik gerade mustergültig bestaunen: zu den neu eingeführten Gemeinschaftsschulen gibt es eine wissenschaftliche Begleitforschung. Ein Gutachten aus dieser Begleitforschung zu einer Schule, das wohl – ich kenne es nicht – eine Reihe von Schwachpunkten und Verbesserungsmöglichkeiten auflistet, war dann gestern für die FAZ Grundlage genug für einen Mehrspalter, in dem die Gemeinschaftsschule in Grund und Boden verteufelt wurde. Und natürlich gefundenes Fressen für den Oppositions-Wolf. Den interessiert nicht, dass es ein Gutachten zu einer Schule ist, und die komplette Studie erst im Januar abgeschlossen ist. Den interessiert nicht, dass die Logik wissenschaftlicher Arbeiten und Bewertungen eine andere ist als die der Politik. Der sieht nur einen weiteren Strohhalm, um sein liebstes Vorurteil zu bestätigen, das in der so peinlichen wie bekannten Forderung mündet, Gemeinschaftsschulen allerhöchstens zu dulden, aber auf keinen Fall weiter auszubauen. So wird aus Wissenschaft Munition – was keiner Seite gerecht wird.

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Kurz: Ein Jahr Ländle-Wahlkampf steht bevor

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Programme gibt es noch keine (unseres entsteht in einem mehrstufigen Prozess bis Herbst 2015), so stehen doch die Personen fest, die im Frühjahr 2016 Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden wollen: Winfried Kretschmann hat angekündigt, wieder anzutreten (und ist ja auch recht beliebt). Die SPD wird wohl Finanzminister und Landesvorsitzenden Nils Schmid ins Feld führen. Und die CDU-Basis hat unlängst, ein bisschen überraschend, den Noch-Landtagspräsidenten Guido Wolf, demnächst Fraktionsvorsitzender der CDU, demnächst evtl. auch Parteivorsitzender der CDU, zum designierten Kandidaten gekürt. Im Januar wird ein CDU-Parteitag das Basisvotum dann aller Wahrscheinlichkeit nach bestätigen.

Einer dieser drei Männer – grüner Landesvater, kühler Finanzer oder Maxi-Landrat – wird also im Frühjahr 2016 Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden. Bis dahin ist es noch etwas hin, die Wahl wird wohl im März 2016 stattfinden. Und obwohl Winfried Kretschmann dafür geworben hat, nicht jetzt schon in den Wahlkampf zu starten, wird es wohl darauf hinauslaufen. Die CDU wird sich noch weniger als in den letzten dreieinhalb Jahren auf konstruktive Oppositionspolitik einlassen, sondern noch einen Zahn Fundamentalkritik zulegen (und sei es auch in Gedichte verpackt). Bisher sind’s die Nebensätze, die verräterisch sind – so hat Guido Wolf angekündigt, dass die jetzigen GemeinschaftsschülerInnen noch ihren Abschluss machen dürfen. Klingt erst mal nett, heißt im Klartext, dass die CDU die über 200 neuen Gemeinschaftsschulen im Land auslaufen lassen möchte, wenn sie denn die Chance dazu bekommt. Gleichzeitig wird – auch das war in den Haushaltsreden der CDU schon zu hören – das Blauen vom Himmel versprochen, beispielsweise die Rücknahme von Kürzungen und Verschiebungen bei den Beamtengehältern bei gleichzeitig striktem Sparkurs. Passt irgendwie nicht zusammen, interessiert aber keine WahlkämpferIn am Landtagsredepult.

Aber auch in der Koalition wird das Klima 2015 vermutlich rauer werden. Bisher liegen wir in den Wahlumfragen vor der SPD und das soll auch so bleiben. Selbstverständlich sieht der kleinere Koalitionspartner das anders und wird noch stärker versuchen, sich zu profilieren. Auch hier dürfte die Bildungspolitik ein Themenfeld werden, in dem 2015 interessant wird – und dass in der Innenpolitik grüne Projekte aus dem Koalitionsvertrag nicht mit Priorität 1 bearbeitet worden sind, ist auch kein Geheimnis. Ich vermute, dass 2015 keine neuen großen Vorhaben mehr aufs Landesgleis gesetzt werden, dass aber bei allem Profilierungswillen beiden Parteien auch klar ist, dass Streit in der Koalition beiden schadet. Auch insofern wird 2015 ein landespolitisch interessantes Jahr werden.

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Bildungswesen und andere Geister

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Classroom detail II

Jede und jeder kann was zum Thema Schule sagen, aus eigener Erfahrung, oder aus der Erfahrung der eigenen Kinder heraus. Bildungsreformen sind auch deswegen so schwierig. Das kriegen wir Tag für Tag mit, wenn im Landtag die langsame Einführung der Gemeinschaftsschule und die letztlich doch recht behutsame Reform des baden-württembergischen Bildungswesens auf der Tagesordnung steht. Selbst das führt schon zu heftigen Proteststürmen. Und eigentlich müsste es ja noch viel weiter gehen.

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