Altes aus Xanga, Teil III

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Saturday, August 24, 2002

Börse und Politik ist eh das gleiche …

So ungefähr seit der letzten Bundestagswahl gibt es den Versuch, das Wahlergebnis nicht politisch durch Meinungsumfragen, sondern ökonomisch durch eine Börse vorherzusagen. Die Idee dahinter ist, dass Menschen Entscheidungen, die für sie mit realen Geldgewinnen oder Verlusten verbunden sind, sehr viel ernsthafter und realistischer treffen als bloße Meinungsäußerungen. Auch wer die CDU und die FDP nicht leiden kann, aber glaubt, dass sie gewinnen werden, wird deren Aktien kaufen.

Die Wahlbörse (»Wahl$treet«) läuft diesmal in Kooperation mit diversen Zeitschriften-Websites, die aber untereinander ein und den selben Markt verwenden. Unten ist der Link auf das Angebot der ZEIT angegeben, weil die am schicksten aussehen (wer’s mehr börsianerisch haben will, kann sich ja mal das Handelsblatt ansehen; die sind auch beteiligt).

Egal, was mensch davon halten mag, getreu neoliberaler/rational-choice-Ideologie auch politische Wahlhandlungen ökonomisch zu simulieren – interessant ist es auf jeden Fall, und ein bißchen Wahrheit scheint auch hinter der dahinterstehenden Theorie zu stecken – jedenfalls war der Gesamtfehler bei der letzten Bundestagswahl kleiner als der Fehler der meisten Umfragen. Und meinen Einsatz habe ich in der letzten Woche auch schon um 25 Cent erhöhen können

Kleiner Nachtrag: Insgesamt habe ich – sage und schreibe! – einen Gewinn von 36 Cent oder so machen können. Und mich damit auf Platz 1400 oder so platziert …


Saturday, August 17, 2002

Mecklenburg

Auch wenn hier auch sonst nicht so viel los ist: die letzten Wochen war noch weniger los, weil ich Urlaub in Mecklenburg gemacht habe: Bei der Sommerschule des fzs und dann noch ein paar Tage an der Ostsee. Inkl. Regen, Erkältung, Sonnenschein und Sonnenbrand.

Noch ein Film: Hundstage

Wer diesen Film gesehen hat, wird ihn nicht mehr vergessen, gleich, ob er ihn geliebt oder gehasst hat. Corriere della Sera (laut Website)

Erst hatten wir ja gedacht, dass Hundstage – viel mit Vorfeldlorbeeren bedacht etc., benannt nach dem Wetter im August – ein passendes Gegenstück zum realen Augustwetter (Regen) sein könnte. Weil aber nette kleine Programmkinos eben insbesondere auch klein ist, wurde das erstmal nichts. Ausverkauft. Am nächsten Tag war das Wetter dann besser, wir sind aber trotzdem in den Film reingegangen, übrigens wieder ausverkauft.

Kurz zusammengefasst: es ist heiß in Österreichs Vororten. Seltsame und wahrscheinlich doch leider ziemlich normale Menschen tun seltsame Dinge, sind gewalttätig, haben Sex, oder beides, oder keins von beidem, oder nerven einfach nur. Angeblich suchen sie nach Liebe. Und das ganze zieht sich ziemlich lange (zwei Stunden), beginnt mit einem ziemlich abrupten Anfang und endet ebenfalls sehr abrupt. Einen Plot im klassischen Sinne – gibt’s eher nicht, oder? Anna und der Alarmanlagenvertreter, das könnte vielleicht ein Plot sein. Trotzdem passiert viel: All das alltäglich-schlimme Verhalten, das eben auch im wirklichen Leben vor allem nervt. Mich jedenfalls.

Passend zum österreichischen O-Ton und zum Titel (der ist unstrittig gelungen) könnte der Film vielleicht noch knapper zusammengefasst werden: Er macht einen narrisch.

Soll heißen: Es ist qualvoll, ihn anzuschauen. An einigen Stellen war ich kurz davor, rauszugehen. Jedenfalls hoffte ich zumindest, dass diese Stellen bald vorbei sind, was sie meistens nicht waren.

Das alles muss nicht heißen, dass Hundstage schlecht ist. Nur sehr anstrengend eben, zu dokumentarisch, um Kunst zu sein, und zu schlimm, um nur dokumentarisch zu sein. Nah dran, und damit – und nicht so sehr durch die sichtbareren Tabubrüche – im echten Wortsinn schockierend. Jedenfalls keine Unterhaltung, auch wenn einige der unterhaltsameren Stellen in ihrer Lachen-im-Hals-Steckenbleiben-Komik an Deix erinnerten. Letztlich also ein etwas unschlüssiges: Was ist dieser Film dann?

Der Corriere della Sera hat wohl recht: Den Film vergisst niemand so leicht. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn nicht lieber doch manchmal vergessen würde. Verdrängung? Therapie? Wenn der Alltag wirklich so ist, dann ist er jedenfalls schlimmer, als ich mir das bisher meistens vorgestellt habe.

> Website


Wednesday, July 17, 2002

Neulichs im Kino: Lilo & Stitch

Die Botschaft, dass Familien zusammenhalten müssen und für einander einstehen sollen, kann leicht als typisch Disney abgetan werden, auch in ihrer imaginär-hawaiianischen Verpackung, sponsored by the tourist authority of Hawai‹i.

Die Familie in diesem Fall besteht allerdings aus einem kleinen Mädchen, das von der Welt nicht verstanden wird, ihrer noch gar nicht so großen Schwester, die sich um sie kümmern muss, deren Freund und einem kleinen außerirdischen Monster. Nicht ganz so typisch, oder? Eine galaktische Präsidentin reiht sich nahtlos in die Ankunft im heute ein. Und wenn dann – ohne zuviel vorwegzunehmen – der Mafiatyp vom Jugendamt und zwei Aliens zu Wahlonkels (oder -tanten, das ist bei dieser strichförmigen Lebensform nicht so klar) werden, dann ist da zwar die süße Happy-End-Botschaft, dass es was bringt, zusammenzuhalten – von der WASP-Moralität Disneys ist aber wenig übrig geblieben. Insofern ist Lilo & Stitch ganz schön zeitgemäss.

Natürlich ist es auch möglich, die ganze Story als einen Zähmungs- und Domestizierungsprozess von Kindern und Monster(chen) zu lesen: aus Lilos Fotos dicker Menschen am Strand werden alle Stationen eines typisch amerikanischen Familienlebens, aus Stitchs Wunsch, Großstädte niederzureißen, wird Spaß im Haushalt. Aber trotzdem bleibt selbst in den letzten Minuten des Films der Eindruck, dass hier widerspenstige Potenziale übrig sind, und außerdem macht es einfach viel mehr Spaß, den Film als einen zu lesen, der davon erzählt, dass weder Monster noch kleine Mädchen immer brav sein müssen, dass die Welt der Arbeit eine der Zwänge ist und so weiter. Meine Empfehlung: Angucken!

> Website zum Film, Flash


Saturday, July 06, 2002

Was passiert hier eigentlich?

Nicht’s großartiges, nur ein Hinweis darauf, dass Marcus Hammerschmitt im weBLOGging die aktuelle Variante der Internet-Utopie ausgemacht hat. Und dazu was in Telepolis geschrieben hat.

> Jeder ist Chefredakteur

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Altes aus Xanga, Teil II

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Tuesday, June 25, 2002

Fussball

Heute war alles das entscheidende Spiel. Südkorea / Deutschland, Deutschland hat gewonnen. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass ich mich eigentlich für Fussball nicht interessiere. Schön, es gehört irgendwie zum allgemeinen Hintergrundwissen, mitzukriegen, dass nur noch ein Finalspiel und ein paar Tage die Nation von der Weltmeisterschaft trennen. Oder so. Aber wichtig finde ich das nicht.

Warum ich trotzdem was dazu schreibe? Weil das Spielergebnis nicht zu überhören war. Die Freiburger Mensa ist auf die glorreiche Idee gekommen, die Spiele live zu übertragen. Die Mensa hat ein Foyer (das normalerweise leer steht) und einen Speiseraum ein Stockwerk oben drüber. Außerdem lässt es sich im Sommer draußen vor der Mensa sitzen und essen. Heute war das Foyer voller Stühle (und einer Großbildleinwand), der Speiseraum leer – zumindest gab’s hier keine Stühle mehr, für Leute, die was essen wollten, und auch draußen auf der Mensawiese war deutlich weniger los als sonst. Das Spiel selbst war aber gut zu hören, auch draußen. Verhaltener Jubel: Chance. Lauter Jubel: Tor. Verdächtige Stille: Chance für die Koreaner.

Während des Spiels war es aber eigentlich noch ganz okay, draußen auf der Mensawiese zu liegen und die Sonne zu genießen. Schwierig wurde es, als das Spiel anfing, zu enden. Da wurde es dann wirklich laut, und es war ganz klar, dass Deutschland gewonnen haben musste. Neugierig geworden, fiel der Blick von mir und meiner Freundin dann auf die an der Mensa vorbeiführende Straße. Erst gab’s nur vereinzelt hupende Wagen und Deutschlandfahnen. Inzwischen, so eine Stunde später, ist nur noch ein ununterbrochenes Hupkonzert zu hören (auch hier an meinem Arbeitsplatz, ein gutes Stück von der Straße weg). Ich weiss gar nicht, wo die ganzen Fahnen (Oder heißt das Flaggen? Ich verwechsel das immer) herkommen. Jedenfalls hat jetzt jedes zweite Auto eine dabei, um sie zu schwenken. Hupen tun alle. Und die Polizei regelt den Verkehr.

Soweit aktuelles zum Halbfinale aus Freiburg. Endspielsieg oder Generalstreik dürfte dann ungefähr die gleichen Folgen haben. Und lauschige Plätze weit entfernt von öffentlichen Straßen gesucht werden. Sonst bleibt einem keine Chance, den Fussball zu ignorieren.

P.S.: So etwa eine weitere Stunde später ist das Hupen leiser geworden, dafür gibt es jetzt rhythmisches Trommeln und ab und zu »Finale«-Gesänge. Freiburg, von der Badischen Zeitung grade noch der Maßvollheit bezichtigt, scheint sich mächtig zu freuen. Nur – worüber eigentlich?


Monday, June 03, 2002

Out of this world 2

Ein Versuch, verschiedene Galaxien miteinander telefonieren zu lassen

Nur ein ganz kurzer Hinweis drauf, dass ich dieses Wochenende in Bremen beim Out-of-this-world-Kongress war, ziemlich beeindruckt davon war, dort mit ziemlich vielen ziemlich interessanten Menschen über utopische Ökonomien, über den Platz von Utopie in der Science Fiction, über The Dispossessed und über Star Trek diskutiert habe, witzige politische Videocollagen gesehen habe und letztlich zum Schluss gekommen bin: Will ich auch haben!. In anderen Worten: Der oben zitierte Versuch, verschiedene Galaxien miteinander telefonieren zu lassen, der eines der Motti auf der Kongresshomepage ist, hat geklappt. Für mich jedenfalls.

> Out of this world 2


Sunday, May 12, 2002

Monsoon Wedding

Gestern »Monsoon Wedding« im Friedrichsbau angeschaut (und natürlich hat es passend zum Film danach geregnet). Der Film hat mir nicht nur deswegen gefallen, weil er wie erwartet farbenfroh und witzig-romantisch war, sondern auch deswegen, weil er ziemlich genau das Bild von Delhi rübergebracht hat, dass ich selbst hatte, als ich im Oktober 2000 dort eine Woche lang war: die Kontraste zwischen arm und reich, eine Gesellschaft, die von einer nicht-christlichen Religion (oder so) geprägt ist, unglaublich vollgestopfte Straßen mit allem vom Handkarren bis zum indischen SUV, Hektik und Gelassenheit, Gelassenheit und Hektik … naja, der Film hat jedenfalls eine ganze Menge Erinnerungen an Delhi im Herbst 2000 geweckt, und auch den Wunsch, mal wieder dort zu sein. Und ist auch deshalb empfehlenswert.

> www.monsoonwedding.de


Saturday, May 11, 2002

Nochmal Bürgermeisterwahl

Zeit ist eine knappe Ressource – und es ist jetzt schon wieder fast eine Woche her, dass in Freiburg der Grüne Dieter Salomon zum »ersten grünen OB einer deutschen Großstadt« gewählt wurde. (Und zwar mit einem Traumergebnis von 64,4% – herzlichen Glückwunsch auch von dieser Stelle).

Jetzt aber geht’s um die wunderbare Formulierung: »erster grüner OB einer deutschen Großstadt«. Die ist so umständlich und formelhaft, weil er nämlich erstens nicht der erste grüne Oberbürgermeister ist – da gibt’s auch schon welche in Konstanz und Mühlacker, um nur zwei zu nennen, weil er zweitens nicht der erste grüne Großstadt-OB ist (Rutelli regierte mal Rom), und weil drittens auch völlig unklar ist, wo eigentlich die Großstadtgrenze liegt (und warum Freiburg mit 200.000 EinwohnerInnen eine Großstadt ist, und irgendwelche Bezirksbürgermeister Berliner Bezirke mit genausoviel EinwohnerInnen nicht als Großstadt zählen).

So toll das Ergebnis für Dieter, für Freiburg und für die Grünen ist – zumindest, was die Superlative angeht, muss der nächste oder die nächste sich was anderes ausdenken. »Erste grüne Bürgermeisterin einer deutschen Großstadt nördlich der Mainlinie« zum Beispiel. Oder so. Und alle, die jetzt mit Dieter ein tolles Vorbild gefunden haben, müssen auch vorsichtig sein – der Wunsch, ebenfalls später mal erster grüner OB einer deutschen Großstadt zu werden, wird leider nicht in Erfüllung gehen …


Monday, April 22, 2002

Amt für Amt voran …

Wer wissen will, warum ich nicht in Freiburg war, sondern offensichtlich mal wieder quer durch die Republik gereist bin, kann schnell eine Antwort kriegen: Dieses Wochenende fand die Bundesversammlung des Bündnisses grün-alternativer Hochschulgruppen in Dresden statt. Und weil wir zwar wichtig, aber leider viel zu wenige sind, blieb von meinem guten Vorsatz, mein Engagement dort deutlich zu reduzieren, leider nur wenig übrig. Statt dessen kandidierte ich als Sprecher und wurde auch gewählt – und werde jetzt zumindest bis zur Mitgliederversammlung im Wintersemester zusammen mit Christine Scholz das Bündnis gegenüber der Partei Bündnis 90/Die Grünen und nach außen hin vertreten.

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Altes aus Xanga, Teil I

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Monday, April 22, 2002

Wahltag …

Wahltag, und zwar ein ganz seltsamer. Die ersten Ergebnisse kriege ich in den Radionachrichten im Zug mit – und bin ziemlich entsetzt. Der Osten wird schwarz, jedenfalls deutet ein Ergebnis, bei dem FDP, SPD und PDS jeweils etwa gleichstark abschneiden und nur die CDU deutlich besser liegt, darauf hin. Schill kommt knapp nicht rein (na, glücklicherweise), und auch wenn ich’s nicht verstehe, wundert es mich nicht, dass Bündnis 90/Die Grünen deutlich unter 5% bleiben. Soweit meine Gedanken zu Radionachricht eins. Dann kommt Radionachricht zwei: In Frankreich landet Le Pen auf Platz zwei bei der Präsidentenwahl – und lässt den Franzosen und Französinnen damit die Wahl zwischen einem Rechtskonservativen und einem Rechtsradikalen. Na prima. Irgendwie scheint mir hier ein Problem des Zwei-Gang-Wahlsystems zu liegen, vielleicht sähe das Ergebnis ganz anders aus, wenn’s ein Präferenzwahlsystem gäbe …

Leider fand der hessische Rundfunk im ICE kurz nach Frankfurt es nicht für notwendig, über baden-württembergische Oberbürgermeisterwahlergebnisse zu berichten (und die erstmal schockende Nachricht »Neue Bürgermeisterin in …« entpuppte sich dann doch als irgendwo auf dem hessischen Land und nicht als Freiburger CDU-Kandidatin). Insofern blieb mir hier erstmal nur die Ungeduld: schließlich hatte heute ja auch Freiburg gewählt.

Kurz nach 23 Uhr bin ich dann endlich in Freiburg – und muss weiter ungeduldig bleiben, denn weder bei der Badischen Zeitung noch am Rathaus hängen Ergebnisse aus. Zuhause dann der erste Hinweis auf meinem Anrufbeantworter: Ein sensationalles Ergebnis, meint meine Mutter. Näheres hat sie dem Anrufbeantworter nicht verraten. Also ins Internet – und weder www.freiburg.de noch www.badische-zeitung.de wollen sich laden lassen, über irgendwelche bundesweiten Nachrichtenticker finde ich erstmal auch nichts, und www.gruene-freiburg.de ist noch auf dem Stand vier Tage vor der Wahl. Die informierende Rettung naht in Form einer eMail auf einer der Mailinglisten der Grünen Jugend – Dieter Salomon von den Grünen hat es nicht nur unter die ersten zwei geschafft – ich hatte ja mit sowas wie 35% für die CDU-Frau und knapp 30% für ihn gerechnet – sondern belegt mit 36% den Spitzenplatz vor Heute-Bluhm von der CDU. Zepter (SPD) ist meiner Meinung nach zurecht auf Platz drei gelandet, mit nur wenigen Prozentpunkten Vorsprung von Michael Moos – eigentlich halte ich ja nichts von Vorurteilen über blasse Bürokraten, aber hier stimmt’s einfach, und insofern geschieht’s ihm recht. Dass Michael Moos von der Linken Liste deutlich über zehn Prozent landet (und Salomon trotzdem vorne liegt!) finde ich ebenfalls gut. Alles in allem in Freiburg also ein wirklich positives Ergebnis, das jetzt nur noch einen guten zweiten Wahlgang braucht …

Dafür sieht’s außerhalb der kleinen grünen Hochburg im Süden leider doch ganz anders aus. Schade.

Politik – SPIEGEL ONLINE


Sunday, April 07, 2002

Kleinräumigkeit und glückliche Zufälle

Ein Vorteil davon, in einer Stadt wie Freiburg zu wohnen, deren 200.000 EinwohnerInnen – zumindest die studentischen oder sonstwie universitären – sich in einem relativ kleinen Teil der Innenstadt bewegen, besteht darin, dass sich glückliche Zufälle häufen.

Anderswo wären oft umständliche Telekommunikationsvorgänge notwendig, um zum Beispiel Termine abzustimmen, sich über etwas auf dem Laufenden zu halten, oder um einfach nur jemand zu treffen. Natürlich ist es auch in Freiburg nicht so, dass ständig jeder jeden trifft, oder jede. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, bei einem Gang durch die Innenstadt, in der Mensa, vor der Universitätsbibliothek oder in den Kollegiengebäuden ganz zufällig und ungeplant auf eine Person zu stoßen, die einem etwas mitzuteilen hat, oder der etwas mitzuteilen ist, liegt wohl deutlich höher als in größeren räumlichen Gebieten. Allein in den letzten Tagen ist es mir ungefähr zweimal täglich passiert, dass ich jemand zufällig getroffen habe, und dass so andersweitige Kommunikationsvorgänge ersetzt wurden.

Allerdings fehlt mir die eigene Erfahrung, um beurteilen zu können, wie weit dies mit der spezifischen räumlichen Größe und Situation in Freiburg zu tun hat. Trifft mensch sich in Berlin zufällig? Und wie sieht’s beim anderen extrem aus, dem kleinräumigen Dorf, wo solche glücklichen Zufälle noch viel alltäglicher sein müssten – oder aber vielleicht seltener vorkommen, weil es weniger Anlässe gibt, sich quer durch den öffentlichen Raum zu bewegen? Vielleicht ist das ganze aber auch nur dadurch zu erklären, dass soziale Netzwerke und die räumliche Situation zusammenfallen, dass die selben Leute, mit denen Kommunikation notwendig ist, sich relativ oft an den selben Orten aufhalten. Dann könnte diese Art glücklicher Zufälle auch in Großstädten recht häufig sein, wenn nur die Orte stimmen. Dafür spricht, das bestimmte zufällige Begegnungen mit situativen Veränderungen wegfallen oder neu hinzukommen: Nicht mehr HiWi im Institut für Soziologie zu sein, heißt auch, nicht mehr in den dortigen Flurfunk eingebunden zu sein, Neuigkeiten, Entwicklungen und Ereignisse nur noch selten und ausgewählt zu Gesicht zu bekommen, jedenfalls seltener anwesend und damit potenziell ansprechbar zu sein.

Wo derartige Begegnungen mit Bekannten nicht vorkommen, dass ist der virtuelle Raum. Treffen sind hier viel häufiger absichtlich, oder machen allein von der Begrifflichkeit her keinen Sinn. In einem durch eMail-Kommunikation konstituierten virtuellem Raum beispielsweise scheint es mir kaum möglich zu sein, von einem Treffen zu sprechen – und erst recht nicht von einem zufälligen Treffen.

Eine letzte Beobachtung: Wer sich auf zufällige Begegnungen verlassen kann, wird laxer, wenn es darum geht, Termine abzusprechen. Den oder die andere wird man ja vermutlich doch in der nächsten Zeit treffen. Wenn zu dieser Form der Zeitorganisation jedoch die Notwendigkeit der Organisation eigener Zeiten in einem virtuellen sozialen Netzwerk ohne gemeinsame räumliche Basis hinzutritt, dann ergibt sich ein Problem: Hier sind zwei unterschiedliche und nicht immer kompatible Herangehensweisen an Zeitorganisation zusammenzubringen – ein Widerspruch, der sich vielleicht letzlich nur dadurch auflösen lässt, dass der virtuelle Raum in den realen Raum mit hinausgetragen wird, über Organizer, über in Funknetze eingebundene Laptops, über die Kopplung der Verbindlichkeit der wahrscheinlichen Anwesenheit im realen Raum des daran gebundenen sozialen Netzwerks mit der Verbindlichkeit der elektronischen Erreichbarkeit des an diese gebundenen sozialen Netzwerks. Insofern stellt sich weniger die Frage danach, ob eMail und Handy die Möglichkeit zufälliger Begegnugen gefährden, sondern die Frage danach, wie diese erhalten bleiben und mit nichtlokalen sozialen Räumen integriert werden können. Oder?


Friday, April 05, 2002

Und nun?

So, einen einigermaßen ordentlich aussehenden Anbieter von WeBLOGs habe ich gefunden, registriert bin ich dort inzwischen auch, d.h. ich kann jetzt auch tatsächlich anfangen, mal was zu schreiben. Und dabei im Kopf zu behalten, dass das hier kein Tagebuch ist, sondern eher eine Kolumne. Ich werde also jetzt nichts darüber schreiben, dass meine Schwester heute Geburtstag hatte, was ich ihr geschenkt habe und dass das Wetter hier sonnig ist. Ich werde auch nichts darüber schreiben, dass ich heute meinen Arbeitsvertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt hier an der Uni Freiburg unterschrieben habe (und sehr gespannt bin, wie das Projekt laufen wird). Und ich werde erst recht nichts dazu schreiben, dass meine Freundin gerade an einer Hausarbeit sitzt, was extrem zeitaufwändig und nervaufreibend ist, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann (und was dazu führt, dass ich jetzt hier vor meinem Computer sitze und auf komische Ideen komme, wie die, mal auszuprobieren, ob ein WeBlog nicht was nettes wäre). Dazu wollte ich nichts schreiben, habe es jetzt aber doch getan. Egal.

Wo ich schon mal dabei bin, nichts zu schreiben, schreibe ich einfach auch nichts dazu, dass die Weltsituation noch immer ähnlich seltsam und gefährlich aussieht wie in den letzten Tagen. Während Deutschland sich Sorgen darüber macht, ob ein zusammenbrechendes Medienoligopol den Lieblingssport Fußball mit zum Einsturz bringt, als ob es nichts wichtigeres gäbe (und als ob es nicht wichtigere Gründe gäbe, warum Medienoligopole nicht so toll sind), klingen die Nachrichten aus Israel und Palästina von Tag zu Tag deprimierender. Krieg gegen Terror funktioniert auch hier nicht. Oder nur zu gut.

So, fast fertig mit meinem ersten öffentlichen Eintrag. Was habe ich dabei gelernt? Wenn es nicht nur ranting werden soll, macht es Sinn, sich ein Thema zu setzen, und auch tatsächlich was dazu zu schreiben. Und auch wenn es rhetorisch ein feiner Trick ist, etwas zu sagen, indem gesagt wird, dass es nicht gesagt wird, so wird damit trotzdem was gesagt – eine Gratwanderung zwischen öffentlich und privat … Ich bin gespannt, was und wann ich das nächste Mal was schreibe – dann vielleicht tatsächlich auf ein Thema bezogen, und nicht einfach mal so blau vom Himmel her geredet.

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