Archiv der Kategorie: Wissenschaft

Zum Überlebensminimum-Unsinn (Update 2: Hartz-IV soziologisch betrachtet)

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , ,  

Zwei Chemnitzer Ökonomen (Prof. Dr. Friedrich Thießen und ein Dipl.-Kfm. Christian Fischer) haben eine Studie veröffentlicht (scheinbar tatsächlich in der Zeitschrift für Wirtschaftspolitik erschienen, wenn dem Dokument zu trauen ist), auf die u.a. taz und Spiegel Online aufgesprungen sind, und die als betriebswirtschaftliche Legitimation einer maximalen Reduzierung der Hartz-IV-Sätze verstanden werden kann. Zur Erinnerung: der Regelsatz (ohne Wohngeld) liegt (zum Zeitpunkt der Studienverfassung) bei 345 Euro, der Minimalfall der Studie kommt auf 132 Euro (ohne Heizung, Strom und Miete).

Inzwischen fühlen die Autoren sich genötigt, die Studie mit einem rechtfertigenden Vorblatt zu versehen. Trotzdem müsste »Studie« eigentlich in Anführungszeichen gesetzt werden.

Umso interessanter ist es, sich anzuschauen, wie die Vorannahmen aussehen, die zu solch unsinnigen Ergebnissen führen.

1. Ausgangspunkt ist ökonomen-typisch ein rational handelnder Mensch, darunter wird hier nicht nur verstanden, dass in jedem Fall das billigste Produkt genommen wird, sondern auch, dass mit Geld vernünftig umgegangen wird, keine Lebensmittel weggeworfen werden usw. Darauf (und nicht auf dem tatsächlichen Verhalten von Menschen) zur Verfügung zu stellende Geldmittel aufzubauen, ist zynisch.

2. Ausgangspunkt ist zweitens die Preislage der billigsten Anbieter (gerne auch kostenloser Second-Hand-Produkte) in Chemnitz. Auch wenn in der Studie behauptet wird, dass das keine Rolle spielt, kann ich mir z.B. kaum vorstellen, dass das ÖPNV-Ticket (Jahresnetzkarte) in Hamburg, Berlin, Chemnitz, Köln und Freiburg preislich ähnlich liegt.

3. Drittens – und hier geht es ans Eingemachte – wird versucht, von einem mehr oder weniger selbst definierten Zielset (verwiesen wird dazu auf ein unveröffentlichtes Manuskript des Ko-Autors Fischer) aus einen monatlichen Warenkorb zu definieren. Dabei wird ziemlich komplett ignoriert, dass Hartz IV mehr sein soll als eine Überlebenssicherung, sondern als Minimalfall wird tatsächlich rein das physische Überleben herangezogen. Selbst die relativ schlichte, von Ökonomen gerne herangezogene Maslowsche Bedürfnispyramide macht deutlich, dass zwischen dem physischen Existenzminimum und menschlichem Überleben Welten liegen.

4. Das Fallbeispiel wird anhand eines gesunden deutschen Mannes ohne Behinderung und sonstige Einschränkung, aber dafür mit deutschen Verbrauchsgewohnheiten berechnet. Über jedes Einzelne dieser Attribute ließe sich diskutieren. Kinder samt deren Extrakosten kommen nicht vor, ebensowenig dürfen rationale Almosenempfänger (m) irgendwelche Hobbies, Interessen, sozialen Kontakte oder Ernährungsvorlieben haben.

5. Externe Kosten (z.B. die Gesundheitsfolgen einer auf den billigsten Discounterprodukten basierenden Ernährung) kommen absolut nicht vor. Gesundheitskosten kommen überhaupt nicht vor, der deutsche Mann ist ja auch gesund.

6. Der Fallbeispielmann verzichtet auf Alkohol und Tabak (ist irrational), ist dafür jedoch relativ viel Wurst und Fleisch (scheint rational zu sein). Gespart wird überhaupt insbesondere am Essen – im Monat reichen 9 kg Brot, 9 kg Kartoffeln, 10 kg Obst, 10 kg Gemüse, 7,5 l Milch, 1,8 kg Käse, 1,6 kg Fleisch, 1,8 kg Wurst, 1,3 kg Fisch und 1,2 kg Fett. Gewürze sind allerdings ebensowenig vorgesehen wie z.B. Süßigkeiten. Oder Kaffee. Kaffee! Genuß gibt’s nicht. Beim Discounter kostet dieser Warenkorb (der angeblich einem WHO-Standard entsprechen soll) laut Studie 68 Euro. Pi mal Daumen komme ich mit den üblichen Supermarktpreisen auf mindestens das Doppelte (auch die realen Ernährungsausgaben im unteren Quintil abzgl. Sozialhilfeempfänger liegen dieser Studie zu Folge mit 138 Euro in dieser Größenordnung). Eine rationale – also vernünftige, gesunde, und ökologische – Ernährung wird vermutlich nochmal etwas teurer. Aber die scheint eben nicht vorgesehen zu sein.

7. Ähnlich schräg ist es bei Alltagsgegenständen und Kleidung (sollen gebraucht bzw. umsonst irgendwo erworben werden). Gebraucht wird auch gar nicht viel. Aha.

8. Für »Kommunikation, Unterhaltung, Verkehr« sind im Minimalfall vorgesehen: ein billiger Fernseher, die Mitgliedschaft in der Stadtbibliothek und 2,38 Euro für Briefmarken (reicht das für die notwendigen Bewerbungen?). Und ein ÖPNV-Ticket für 23 Euro pro Monat, auf der Seite der Chemnitzer Verkehrs-AG habe ich allerdings nichts auch nur annähernd in dieser Preisklasse gefunden. Die Stadtbibliothek darf dann auch gleich das kostenfreie Internet mitliefern, Telefon ist nicht notwendig. Kosten insgesamt: 26,78 Euro pro Monat. Über die Effekte einer derartigen Freizeitzuweisung haben die Autoren allerdings nicht nachgedacht, jedenfalls machen sie keine Ausführungen dazu. Fahrrad, Kino, Fußball, Urlaub (noch nicht mal das Wochenendticket der DB AG), Telefon, Kneipenkonsum: sind alle nicht vorgesehen. Kurz: eingesperrt in den eigenen vier Wänden, in der Zeit, die zwischen Arbeitsamt, Discounter-Preissuche und Stadtbibliothek mit ÖPNV noch bleibt. Privatsphäre in der Kommunikation gibt es hier auch nicht.

9. Abschließend wird dann noch argumentiert, dass auch Menschen, die mehr Geld haben, unzufrieden sind, und dass es deswegen nicht weiter schlimm wäre, wenn minimalausgestattete Personen glauben, Mängel zu leiden.

Zusammengefasst: relativ asketisch lebende gesunde alleinstehende Männer mit deutschen Verzehrgewohnheiten ohne soziale Kontakte, ohne Kinder und ohne Hobbies kommen mit 132 Euro im Monat aus. Normale Menschen mit normalen Praktiken nicht, Menschen mit Problemen nicht, und Familien erst recht nicht. Es wundert mich nur, dass nicht als Berechnungsgrundlage auch das »Containern« und die Nutzung öffentlicher Infrastruktur zur Befriedigung von Wohnbedürfnissen herangezogen wurden.

Die Ergebnisse bestätigen also letztlich vor allem eins – meine Vorurteile über ÖkonomInnen.

Warum blogge ich das? Im Rahmen der Grundeinkommensdebatte ging es auch darum, wie viel Menschen zum einigermaßen guten und entwicklungsförderlichen (»Hilfe zur Selbsthilfe«, anyone?) Leben brauchen, und ob die relativ niedrigen, finanzierbaren Grundeinkommensbeiträge, die wir vorgeschlagen haben, dazu ausreichen würden. Wir reden hier über 420 Euro ohne Wohnkosten. Dafür gab’s heftig Schelte, dass die Hartz-IV-Sätze bei einigermaßen »normalen« Alltagspraktiken kaum ausreichen, ist allgemein bekannt – und dann scheinbar ökonomisch begründet mal den Idealtypus des edlen und sparsamen Armen als Regelfall zu setzen, was die Studie implizit macht, kann einfach nicht gut gehen. Oder heißt: Wer arm ist, muss leiden. Und verdient die mediale Polemik, der ich mich hiermit anschließe.

Update: (5.9.2008) Soeben haben sich die Grünen im Bundestag mit einer Pressemitteilung zu dieser Studie zu Wort gemeldet. Und Markus Kurth macht das richtig gut.

PRESSEMITTEILUNG der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

NR. 0931 – Datum: 8. September 2008

Existenzminimums-Studie: Wirtschafts-Professor aus Chemnitz sei Selbsterfahrung auf Hartz IV-Niveau empfohlen

Anlässlich der Studie der TU Chemnitz zur Höhe der sozialen Mindestsicherung erklärt Markus Kurth, sozialpolitischer Sprecher:

Die Studie zweier Wirtschaftswissenschaftler der Technischen Universität Chemnitz, unter Leitung von Professor Friedrich Thießen, zur Höhe der sozialen Mindestsicherung ist unseriös und realitätsfremd. Die erhobenen Angaben zu den Verbrauchskosten, die angeblich den Lebensunterhalt sichern sollen, sind völlig frei erfunden und entbehren jedweder wissenschaftlichen Grundlage. Stichprobenartige, eher zufällig aufgespürte Schnäppchen in Chemnitz haben mit einer seriösen, für bundesweite Maßstäbe tauglichen Bedarfserhebung nichts zu tun. Jeder überprüfbare Beleg fehlt. Die staatlich besoldeten Wissenserfinder sollten einmal versuchen, einen Monat von Hartz IV zu leben. Das würde reichen, um derartige Behauptungen zum Lebensnotwendigen zu widerlegen.

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Integration am Arbeitsmarkt haben für den professoralen Schnäppchenjäger Thießen offenbar keine Bedeutung. So ist es völlig weltfremd, zu glauben, man könne ohne Telefon am kommunikativen Leben teilnehmen und sich in einer 12-Euro-Hose auf ein Vorstellungsgespräch zu begeben.

Update 2: Parallel zur Debatte um die Chemnitz-Studie gibt es bei Tina Günther eine ausführliche Auseinandersetzung mit Medienhetze und Hartz-IV-Wirklichkeit, wie immer im sozlog soziologisch unterfüttert. Lesenswerte Ergänzung.

Be the first to like.


Über 6000 Seiten Soziologie – der DGS-Kongressband 2006 ist da

Veröffentlicht unter Lesenswert, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Die akademischen Publikationsmühlen mahlen langsam, aber rechtzeitig vor dem nächsten Kongress der Deutschen Gesellschaft in Soziologie (DGS), der im Oktober 2008 in Jena stattfinden wird, ist jetzt endlich der DGS-Kongressband 2006 »Die Umwelt der Gesellschaft« erschienen (und wurde jetzt den TagungsteilnehmerInnen zugestellt).

Kassel university campus I

Wie auch schon beim letzten Mal ist der Band so aufgebaut, dass – diesmal in zwei Teilbänden – die Texte zu den Mittagsvorlesungen und Plenarsitzungen in gedruckter Form erschienen sind (und zum einfacheren Zugriff auch auf CD), die Sitzungen der Sektionen, Arbeitsgruppen und ad-hoc-Gruppen dagegen nur auf der CD-ROM enthalten sind.

Wer sich das anschaut, weiss ich auch nicht so genau. Die CD-ROM enthält diesmal nicht nur die PDFs, sondern auch ein kleines Tool, um darin herumzublättern, nach AutorInnen oder nach dem Inhaltsverzeichnis geordnet. Außerdem gibt es auch eine Volltextsuche. Das macht die Datenflut – insgesamt über 6000 Druckseiten, 1350 davon auch tatsächlich auf Papier – etwas übersichtlicher, und ermöglicht es vielleicht tatsächlich, die für die eigene Arbeit relevanten Texte rauszusuchen (zu den dunkel erinnerten Vorträgen, oder auch zu denen, bei denen es nicht möglich war, hinzugehen).

Ich selbst war auf dem letztjährigen Kongress auch zweimal präsent: einmal als Mitorganisator der Ad-hoc-Gruppe »Natur und Gesellschaft in ein neues Verhältnis setzen – das Beispiel Wald« und einmal als Referent in der Ad-hoc-Gruppe »Naturgewalt, Gewalt gegen Natur, hybride Zivilisation?« der Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie (NGU). Witzigerweise scheint das DGS-Herausgeberteam um Prof. Rehberg das etwas durcheinander gebracht zu haben – mein umweltsoziologischer Text »Umwelt als Praxis« ist jedenfalls gleich zweimal auf der CD zu finden, einmal da, wo er hingehört, nämlich in der NGU-Sitzung, und einmal bei der Wald-Gruppe.

Einen Überblick über die Abstracts etc. gibt es übrigens auf der Kongresswebsite http://www.dgs2006.de.

* * *

Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Frankfurt am Main/New York: Campus. 2 Teilbände + CD-ROM, insgesamt über 6000 Seiten. 99 Euro. Bei amazon bestellen.

Westermayer, Till (2008): »Umwelt als Praxis – Reflexionen anlässlich einer praxistheoretischen Analyse von Umweltratgebern«, in Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, CD-ROM-Beilage. Frankfurt am Main, New York: Campus, S. 3641-3652 (hier als PDF).

Wonneberger, Eva; Westermayer, Till (2008): »Warum Wald ein gutes Beispiel dafür ist, das Verhältnis von Natur und Gesellschaft zu diskutieren – Einführende Thesen«, in Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, CD-ROM-Beilage. Frankfurt am Main, New York: Campus, S. 3769.

Warum blogge ich das? Sowohl wegen meines noch immer vorhandenen Erstaunens darüber, wie schwerfällig das Medium Papier im akademischen Bereich sein kann, als auch, um auf meinen gleich zweimal auf der CD-ROM zu findenden Beitrag hinzuweisen.

Be the first to like.


Spin am Beispiel Studienanfängerzahlen

Veröffentlicht unter Hochschulpolitik, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , ,  

Zum Thema Studienanfängerzahlen liegen heute zwei Pressemitteilungen in meiner Mailbox. Die erste kommt von der grünen Bundestagsfraktion:

Erneut haben mehr junge Menschen auf ein Studium verzichtet. Laut Statistischem Bundesamt sanken die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger um fünf Prozent. Dazu erklärt Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher:

Der Rückgang der Studienanfängerzahlen ist ein peinliches Armutszeugnis für die Hochschulpolitik von Bund und Ländern. Weniger Studienanfänger sind ein Alarmsignal an die Wissenschaftsminister in Bund und Land.

Die zweite, ein paar Stunden später, von Bildungsministerin Schavan:

Bundesbildungsministerin Annette Schavan sagte am Dienstag in Bonn: »Der Abwärtstrend bei der Entwicklung der Studienanfängerzahlen ist gestoppt. Seit 2007 haben endlich wieder mehr junge Menschen ein Studium aufgenommen als im Jahr zuvor. Damit zeigt der Hochschulpakt erste Wirkung. Wir rechnen auch künftig mit steigenden Zahlen bei den Studierenden. […]«

Beim Statischen Bundesamt gibt es unterschiedliche Daten: die Zahl der Studierenden ist von 2005 nach 2006 gesunken, und liegt auch im WS 2007/08 etwas unter den Vorjahreszahlen. Zur Zahl der StudienanfängerInnen heißt es auf einer Pressekonferenz im Dezember 2007, dass diese 2007 im Vergleich zum Vorjahr um 4 % gestiegen ist. Von 2003 bis 2006 ist die Zahl der StudienanfängerInnen dagegen jedes Jahr gesunken, auch die »Studienanfängerquote« (d.h. der Anteil der StudienanfängerInnen an der gleichaltrigen Bevölkerung) ist in diesem Zeitraum jedes Jahr gesunken und erreicht 2007 mit 36,6 % auch noch lange nicht die Werte von 2005 oder den Vorjahren. Eine neuere Pressemitteilung dazu habe ich nicht gesehen.

In der Heidenheimer Neue Presse findet sich zumindest eine Erklärung, warum das Thema jetzt auf die Agenda gelangt:

Warum die Deutsche Presseagentur (dpa) gestern die einige Monate alten Angaben mit dem Jahresergebnis von 2003 verglich und zur Schlagzeile »Immer mehr junge Menschen verzichten auf ein Studium« gelangte, bleibt ein Geheimnis. Tatsächlich könnte das Jahr 2007 zum Wendepunkt werden nach mehrjährigem Rückgang der Bereitschaft junger Menschen, nach bestandenem Abitur ein Studium anzuschließen. Denn die endgültigen Zahlen für 2007, die mittlerweile aus den Ländern gemeldet wurden, übertreffen die vorläufigen Angaben offenbar noch. Von einem Plus von 4,7 Prozent ist jetzt bereits die Rede.

Damit bleiben alle Unklarheiten offen – die Datengrundlage scheint tatsächlich das oben bereits angesprochene Material zu sein. Das gibt beim direkten Vergleich 2006/2007 erst einmal Schavan recht – der mehrjährige Trend bleibt jedoch sichtbar. Es bleibt also offen, ob es sich bei diesen Zahlen tatsächlich um das Ende des »Abwärtstrends« handelt, wie Schavan es interpretiert, oder ob der Trend weiter nach unten zeigt, wie es Gehring es darstellt. Das wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Interessant ist es jedenfalls schon, wie hier aufgrund der selben Quelle ganz unterschiedliche politische Einschätzungen vermittelt werden, indem unterschiedliche Vergleichsjahre herangezogen werden. Den Daten dürfte es egal sein; als Faustregel bleibt vielleicht die Einsicht, dass die Latenzzeit politischer Maßnahmen mitunter beträchtlich sein kann, was aber nicht unbedingt immer berücksichtig wird, wenn diese gelobt werden, und dass es hilfreich ist, sich im Zweifelsfall die Datengrundlage selbst anzuschauen.

Warum blogge ich das? Vielleicht trägt’s zur hochschulpolitischen Aufklärung bei.

Einer Person gefällt dieser Eintrag.


Die Freude, Papier in der Hand zu halten

Veröffentlicht unter Lesenswert, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , ,  
Titel Mensch – Technik – Ärger?

Auch in digitalen Zeiten erfreut es einen – mich jedenfalls – dann doch immer noch, eigene Texte schwarz auf weiss gedruckt in der Hand zu halten. In diesem Fall handelt es sich um meinen Beitrag »Transformation durchs Telefon?«, der im endlich erschienenen Sammelband Mensch – Technik – Ärger? von Dorina Gumm, Monique Lanneck, Roman Langer und Edouard J. Simon enthalten ist. Eine Zusammenfassung der forstrelevante Seite davon ist schon vor ein paar Wochen in den Forsttechnischen Informationen (FTI) erschienen (und wird ab Herbst/Winter 2008 unter der FTI-Website auch online abrufbar sein).

Ziel des Sammelbandes – die Arbeit dazu begann schon im Herbst 2006 und zog sich u.a. deswegen lange hin, weil es rein Review-Verfahren gab – war es, das Thema »Immer Ärger mit der Technik?« inter- und transdisziplinär aufzudröseln. Ich habe dazu das Fallbeispiel Mobiltelefon gewählt und mir angeschaut, wie diese konkrete Informations- und Kommunikationstechnologie mit dazu beigetragen hat bzw. dafür genutzt wurde, Strukturen ausgelagerter Arbeit (Forstdienstleister) in der Forstwirtschaft zu schaffen – und damit natürlich auch ganz neue Potenziale für Ärger. Den theoretischen Hintergrund dafür bildete die Idee der Netzwerkgesellschaft, wie sie Castells entwickelt und neuerdings auch in Richtung Mobiltelefon adaptiert hat. Am forstlichen Beispiel wird sichtbar, wie das Mobiltelefon sowohl als nützliches Werkzeug wie auch als »virtuelle Fessel« fungieren kann – und dass darüber, also auch über das Ausmaß an Ärgerlichkeit, weniger die Technik selbst als vielmehr die soziale Gestaltung der Techniknutzung, also die akzeptierten Praktiken und Erwartungen entscheiden (wann darf das Mobiltelefon ausgeschaltet werden, ohne als Kleinstunternehmer wirtschaftliche Sanktionen erwarten zu müssen?). Insofern finden sich in meinem Text – im Sammeband selbst wird er vor allem als Beitrag zum Thema Arbeitswelt diskutiert – auch über den forstlichen Kontext hinausgehende Anschlüsse und Überlegungen.

Zum Sammelband insgesamt: er ist zwar transdisziplinär angelegt, aber letztlich doch ziemlich IT-lastig geworden; Technik wird in vielen Beiträgen sehr stark eingegrenzt auf »informationstechnische Systeme«, und viele AutorInnen haben einen direkten oder (selbst bei mir) zumindest indirekten Informatikhintergrund. Das finde ich insofern ein bißchen schade, als das Buch insgesamt damit seinen eigenen Anspruch nur teilweise einlöst. Trotzdem sind für sich genommen einige sehr spannende Beiträge herausgekommen. Für mich persönlich fand ich vor allem drei Texte brauchbar: Peter Brödner zum »Elend computerunterstützer Organisation«, Paul F. Siegert zur Technikgeschichte der E-Mail und den Abschlusstext von Roman Langer et al., in dem ein Modell skizziert wird, soziotechnische Systeme zu erforschen, das vieles aus der Techniksoziologie aufnimmt, was mir auch sinnvoll erscheint. Das mag aber je nach Interessenschwerpunkten auch ganz anders aussehen. Wer sich ganz konkret mit Informationstechniksoziologie (oder dem Bereich »Informatik und Gesellschaft«) befasst, wird eine ganze Menge mehr brauchbares finden.

Literaturangaben
Gumm, Dorina / Janneck, Monique / Langer, Roman / Simon, Edouard J. (Hrsg.) (2008): Mensch – Technik – Ärger? Zur Beherrschbarkeit soziotechnischer Dynamik aus transdisziplinärer Sicht. Münster: LIT. 24,90 Euro, 209 Seiten, ISBN 3-8258-1347-9. Bei Amazon bestellen.

Westermayer, Till (2008): »Immer erreichbar sein? Überlegungen zum forstlichen Mobiltelefon«, in Forsttechnische Informationen, Jg. 60, Nr. 3+4/2008, S. 25-29.

Westermayer, Till (2008): »Transformation durchs Telefon? Mobile Kommunikation und die Auslagerung von Arbeit in der Netzwerkgesellschaft, dargestellt am Beispiel forstlicher Dienstleistungsunternehmen«, in Gumm et al., S. 135-152.

Warum blogge ich das? Ein bißchen auch als Reaktion auf den wissenschaftlichen Herstellungsprozess, der für mich zeitweise eher nach »Immer Ärger mit dem Buch?« klang – für die HerausgeberInnen war das sicher noch deutlich stärker so. Was mich immer noch nicht ganz überzeugt, ist die Buchgestaltung – das Titelbild ist gelungen, der Innenteil sieht leider stark nach print on demand aus, was eigentlich nicht notwendigerweise so sein müsste, selbst wenn dieses Herstellungsverfahren gewählt wird.

Be the first to like.


Prima Material für eine Fallstudie zu Blogs (Update 2)

Veröffentlicht unter Digitales Leben, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Boing Boing owns their blog, but not their reputation – that’s got to be earned. (Quelle)

Also, perhaps »permalink« should be renamed. (Quelle)

Logo BoingBoingIch mache mir jetzt nicht die Mühe, alle Fundstellen herauszusuchen: seit ein paar Tagen gibt es Gerüchte darum, dass das Blog »BoingBoing« (so ungefähr das drittgrößte überhaupt) alle auf die Bloggerin »Violet Blue« verweisenden Einträge gelöscht hat. Das ist erstens deswegen ein Thema, weil Blogs von »Permalinks« leben (also für Verweise auf Blogeinträge einen dauerhaften Link zur Verfügung stellen); die Permalinks zu allen Einträgen, in denen Violet Blue erwähnt wird, funktionieren nicht mehr, wenn die Einträge gelöscht bzw. »unpublished« (aus der Veröffentlichung gezogen) werden. Zweitens ist es gute Praxis in Blogs, frühere Fehler durch Ergänzungen etc. zu verdeutlichen, statt stillschweigend zu editieren, und drittens hat gerade BoingBoing den Ruf, für freie Rede, Transparenz, netzkulturelle Werte und gegen Zensur zu kämpfen. Eine explosive Gemengelage also (und Herzschmerz ist auch dabei).

Inzwischen gibt es ein Statement von BoingBoing, in dem kurz gesagt steht: ja, wir haben alle Einträge gelöscht, in denen auf Violet Blue Bezug genommen wird, und nein, wir sagen nicht warum. Erinnert mich ein bißchen an die Kommunikationspolitik im Fall Flickr.

Interessant daran ist nun letztlich gar nicht so sehr der konkrete Fall, sondern vielmehr das, was dazu an Diskussion stattfindet. Allein schon die – in kürzester Zeit mehrere hundert – Kommentare zum oben genannten Statement bei BoingBoing selbst sind sehr lesenswert, in weiteren Blogs gibt’s weitere Debatten. Bei BoingBoing findet die eine Hälfte es völlig unmöglich, weil BoingBoing damit seine Reputation verspielt und das fragile Netzwerk der Verlinkungen im Internet gefährdet, die andere Hälfte findet es völlig okay, weil es halt ein privates Blog ist, und die BetreiberInnen tun und machen können, was sie wollen. Ein bißchen Fanboytum ist sicher auch dabei.

Warum ist das ganze nun Material für eine Fallstudie zu Blogs? Weil z.B. hier sehr schön deutlich wird, wie aus einem subkulturellen Blog mit (emotional gebundener und auf Sozialvertrauen aufbauender) Gemeinschaft eine massenmediale Körperschaft mit formatierter Öffentlichkeit und regelgeleitetem Systemvertrauen wird. In diesem Institutionalisierungsprozess kommt es zu Wahrnehmungsverschiebungen und veränderten Rahmungen bisher akzeptierter oder nicht akzeptierter Praktiken. Was Reputation ausmacht, wandelt sich ebenfalls. Kurz gesagt: hier lässt sich die gesellschaftliche Genese reproduzierbarer Erwartungen an das Verhalten von »Blogs« und die Konflikthaftigkeit der damit verbundenen unterschiedlichen impliziten Standards beobachten – und die Frage stellen, ob Effekte wie dieser automatisch mit Wachstum und Kapitalisierung von Web 2.0-Angeboten zustande kommen, oder ob es Möglichkeiten gibt, die »nette Internetcommunity von nebenan« auch auf ein paar Millionen Seitenabrufe pro Tag zu skalieren.

Warum blogge ich das? Weil’s ein spannendes Realexperiment ist.

Update: (7.7.2008) Nachdem der Kommentarthread bei BoingBoing inzwischen auf über 1500 Kommentare angewachsen ist (und von gegenseitigen Beschimpfungen zurück zu einem zivilisierten Diskurs gefunden hat), erscheint es mir als passend, folgende simple Erklärung für die starke Dynamik internetbasierter Diskussionen in diesen Artikel einzufügen:


Duty Calls, xkcd (CC-BY-NC)

Update 2: (23.7.2008) Inzwischen gibt es die Lessons Learned – mit weiteren 500 Kommentaren. Und ein interessantes Essay zu den Konsequenzen für’s Blogging gibt’s (anderswo) auch.

Be the first to like.


Seite 22/34    1  …  21 22 23  …  34