Archiv der Kategorie: Wissenschaft

Bioläden besser als Supermärkte

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In Teilen Freiburgs ist heute abend mehrere Stunden lang der Strom ausgefallen – wohl wegen einer defekten Trafostation. Genau um diese Zeit habe ich eine Freundin dabei begleitet, im Stühlinger – also da, wo der Strom weg war – noch was einzukaufen. War ganz schön seltsam, vor allem deswegen, weil der Edeka (Rolltreppen, künstliche Beleuchtung) einfach komplett zu war (samt Schild »wegen Stromausfall leider gesperrt« oder so ähnlich). Im Bioladen – die natürlich auch aus ganz anderen Gründen viel besser als herkömmliche Supermärkte sind – war’s zwar auch dunkel, aber der Laden hatte (trotz skeptischer Nachfrage) geöffnet und verkaufte auch. Scanner, Registrierkasse und Gemüsewaage waren allerdings auch dort funktionslos …

Kurz zuvor hatte ich noch davon berichtet, wie schön Praxistheorie das »ohne groß drüber nachzudenken« alltäglicher Handlungsabläufe erklären kann. Außer, wenn die eben nicht funktionieren. Zum Beispiel, wenn in einer Stadt, wo das sonst sehr selten passiert, der Strom ausfällt. Und die alltäglichen Handlungsmuster dann eben plötzlich nicht mehr funktionieren, und statt dessen alltägliches Handeln dann auf einmal mit Bewusstheit, Nachdenken und nicht-automatisierten Handlungsvollzügen verbunden ist.

Warum blogge ich das? Sommerlochanekdotenblogging. Und weil’s die Praxistheorie schön illustriert.

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Heirat und Geschlechterrollen (Update 3)

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Der Spiegel hat wohl ein Sonderheft zum Thema Familie herausgebracht. Online findet sich da inzwischen ein (wie meist) recht lesenswerter Aufsatz von Reinhard Mohr über den Wandel des Familienbegriffs seit ’68 samt Ausblick auf die mühsame Freiheit der Patchwork-Familie. Außerdem haben die eine ganze Reihe von statistischen Informationen zum Themenfeld Familie, Kinder, Heirat zusammengestellt (dass die »nichtehelichen Kinder« in der Anmoderation des Artikels zu »unehelichen Kindern« mutieren, und dass beides eigentlich blöde Begriffe sind, sei mal dahingestellt). Unter den Grafiken ist mir eine besonders aufgefallen:

spiegel-grafik.png

Familie und Beruf (Quelle: Spiegel online)

Und zwar nicht wegen des Tippfehlers im Diagramm, sondern weil die – steigende, aber noch immer relativ kleine – Gruppe nichtehelicher Lebensgemeinschaften zumindest diesem Diagramm nach Berufstätigkeiten egalitärer verteilt. Es wäre interessant, dem nachzugehen. Auf den ersten Blick wirkt es jedenfalls so, als würde das Diagramm die These stützen, dass das Ehegattensplitting ungleiche Erwerbsbeteiligungen von Männern und Frauen verstärkt. Allzuviel sollte allerdings in das Schaubild auch nicht reininterpretiert werden – es kann durchaus sein, dass es neben institutionellen Faktoren wie dem Ehegattensplitting auch soziale und kulturelle Faktoren gibt, die sowohl die Entscheidung zu einer Heirat als auch die Entscheidung zu nicht-egalitären Arbeitsverteilungen beeinflussen (sprich: wer sich gegen eine Heirat entscheidet, ist möglicherweise ›eh‹ weniger stark an traditionellen Geschlechterrollen orientiert und würde auch bei einer Heirat zu einer egalitäreren Verteilung von Tätigkeiten neigen; oder: wer aus finanziellen Gründen nicht heiratet, ist möglicherweise ›eh‹ materiell drauf angewiesen, das beide in Vollzeit arbeiten usw.).

Allerdings ist das Spiegel-Diagramm, so wie hier abgebildet, letztlich nicht nur wegen diesen Unsicherheiten über Kausalitäten relativ nutzlos: abgebildet sind nämlich nur diejenigen Paare, bei denen beide überhaupt berufstätig sind. Was fehlt – und eigentlich spannend wäre – ist die Frage, wie sich das klassische deutsche Modell der Arbeitsverteilung sowohl innerhalb der beiden Gruppen auswirkt als auch hier wiederum der Vergleich zwischen den Gruppen. Dazu müsste es eigentlich auch Mikrozensus-Daten geben (im Datenreport 2006 war beim kurzen Durchblättern allerdings nichts dazu zu finden).

Warum blogge ich das? Zum einen, weil mich das Thema politisch und beruflich interessiert, zum anderen, weil die nähere Beschäftigung mit dem Schaubild zeigt, dass es weit weniger hergibt, als möglich wäre … relativ typisch für Infografiken in Massenmedien.

Update: Zufällig bin ich bei der Suche nach ganz anderen Dingen auf eine aktuelle Sonderauswertung des Mikrozensus zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestoßen – da (Schaubild 11 ist identisch mit oben, Schaubild 10 ergänzt das …) stehen die oben fehlende Dinge drinne (und bestätigen die genannte Tendenz).

Update 2: Hier nochmal der Hinweis auf die derzeit durch Medien und Blogs geisternde Studie von Davis, Greenstein und Marks zur Hausarbeitsverteilung zwischen verheirateten und unverheirateten Paaren: Pressemitteilung, Preprint, Diskussion: BoingBoing, Diskussion: Zeitrafferin (mein letzter, etwas lang geratener Kommentar), SpOn.

Update 3: (20.10.2007) Via Reddit bin ich auf zwei Meldungen gestoßen, die das Thema dieses Blog-Eintrags ganz gut ergänzen. Das eine ist ein Vergleich der rechtlichen Bedingungen, unter denen hetero- bzw. homosexuelle Paare in den USA und in Kanada zusammenleben. Nicht-verheiratete heterosexuelle Paare in Kanada werden nach einem Jahr als automatisch als »common law relationship« anerkannt; in den USA gibt es einige Staaten, in denen diese Form des Zusammenlebens illegal ist. Insgesamt gibt es in dem Artikel ein paar gute Fragen zum Thema, wie staatliche Regulationen und partnerschaftliche Beziehungen zusammenhängen.

Das zweite ist nochmal ein ganz anderer Blickwinkel auf das Thema: Feminists have more fun – und zwar betrifft dies sowohl feministisch eingestellte Frauen wie auch Männer, die mit solchen zusammenleben (und umgekehrt) …

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Das magische Dreieck, oder: Milchkaffee

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I am a hard bloggin' scientist. Read the Manifesto.

Nachdem Tina Günther mein Blog netterweise zu den soziologischen zählt, und weil mir das Grafikdesign von »Hard Bloggin‹ Scientist« gut gefällt, und ich das überhaupt für eine gute Idee halte, möchte ich mein Blog hier doch verstärkt dazu nutzen, meinen soziologischen Schaffensprozess zu begleiten.

Derzeit schlage ich mich mit dem Problem herum, mir klar darüber werden zu wollen, wie sich das »magische Dreieck« aus Natur, Technik und Gesellschaft sozialtheoretisch fassen lässt. Das hat zum einen ziemlich viel damit zu tun, die – in großer Zahl vorliegenden Texte zu diesem Thema – zu überblicken und zu verdauen, zum anderen aber auch viel damit, darüber nachzudenken, was ich von den verschiedenen Argumenten eigentlich halte und welche theoretische Position mir sinnvoll erscheint. Vor Jahren schon hat mich Johannes Moes mal darauf hingewiesen, dass es Technik eigentlich gar nicht gibt. Inzwischen kann ich nachvollziehen, warum das eine einleuchtende Position sein kann. Nur: wie damit umgehen, dass »die Technik« genauso wie »die Natur« gesellschaftliche Konstrukte sind, einerseits, dass aber, andererseits, sowohl die Grenzziehung innerhalb des Materiellen (was ist noch Natur, was schon Technik?) als auch die zwischen dem Materiellen und der Gesellschaft verschwimmen (für letzteres argumentieren beispielsweise Bruno Latour, Donna Haraway oder auch Mike Michael) und eigentlich alles nur noch als Hybrid, Cyborg, Co-Agent, verteiltes Netzwerk denkbar erscheint? Vor allem dann, wenn man gerade dabei ist, eine techniksoziologische Arbeit über im Alltagssinn durchaus dem Gefilde des Technischen zuzurechnende Dinge zu schreiben?

Vielleicht hilft ein Beispiel, die verschwimmenden Grenzen sichtbar zu machen: gerade eben war ich einen Milchkaffee trinken (um über eben diese Frage nachzudenken), und bin danach durch den Regen wieder in mein Büro gelaufen. Eine ganze Reihe von »Akteuren« sind an dieser Szenarie beteiligt. Konstellationsanalytisch lässt sich beispielsweise nach Menschen, technischen Dingen, natürlichen Dingen und Zeichensystemen (also Diskursen, Regelwerken etc.) sowie Hybriden aus den vier Gruppen unterscheiden. Während klassisch-soziologisch genau zwei Akteure auftreten: ich und der Verkäufer des Milchkaffees, oder mit Luhmann all das beschriebene nur insofern wichtig ist, als es Teil gesellschaftlicher Kommunikation darüber ist (Finanztransaktionen, Kommunikationen innerhalb des Wissenschaftssystems, …) und Personen keine Rolle spielen, tauchen mit der von Latour u.a. inspirierten Konstellationsanalyse haufenweise Akteure auf (es sei jetzt mal dahingestellt, welche für eine Analyse der Situation wirklich relevant sind):

  • Menschen: Ego, Verkäufer
  • Zeichensysteme: Geld; evtl. die Speisekarte; Wissen über das richtige Verhalten in Cafes; die Vorstellung, dass Nachdenken im Cafe besser funktioniert; Distinktion (Milchkaffee aus dem Cafe und nicht Plörre aus dem Automaten)
  • technische Dinge: ein Tisch, ein Barhocker, die Kaffeetasse, die Straße, Kaffee, eine Espressomaschine
  • natürliche Dinge: Kaffeebohnen, Koffein, Wasser, Milch (damit auch Kühe), der Regen, ein durch Koffein anstachelbarer Körper
  • Hybride: das Cafe, die Stadt, der Milchkaffee
  • Dieses Netzwerk trägt die soziale Praktiken »einen Kaffee trinken gehen, um über nachzudenken« und »Spaziergang im Regen«

    Es ließe sich jetzt jedoch genauso gut fast alles in die Kategorie »Hybride« packen – und da wird dann mein Problem mit dem Dreieck deutlich. Mal abgesehen davon, dass Menschen natürlich ;-) eh hybrid sind (Körper, Bewusstsein, Brille, Kleidung, Geldbeutel, …), ist die Milchkaffeetasse zwar ein technisches Ding, aber auch kulturell aufgeladen. Dass in der Tasse Milchkaffee ist, funktioniert nur durch das Zusammenwirken von Wasser, Kaffeeplantagen und -händlern, den Stromwerken, dem Verkäufer hinter dem Bartresen, den zu diesen Zweck gezüchteten und manipulierten Kühen, … hinter dem einfachen Milchkaffee steckt also auch schon wieder ein hybrides Netzwerk. Und dass das mit Natur und Technik so einfach nicht ist, machen nicht nur die Kühe deutlich (klar, Natur – aber ziemlich technisierte Natur!), sondern auch der Regen: der fällt wegen Gravitation und Wetterverhältnissen, letztere haben – immerhin haben wir August! – diese Woche aber auch was mit dem anthropogenen Klimawandel zu tun.

    Wenn aber, und das ist mein letzter Schlenker für heute, eigentlich eh alles Hybride sind: wie dann hingehen, und die einzelnen Bestandteile, die da zusammenwirken, in ihren Wirkungen und Beeinflussbarkeiten voneinander trennen? Orthodoxe Latour-AnhängerInnen werden jetzt erklären, dass das halt der große Fehler der Moderne ist, der Versuch, dies zu trennen, und ich das halt lassen soll; um darüber zu reden – und um analytische Aussagen treffen zu können – muss ich hier aber trennen, Netzwerke auseinandernehmen und (nicht zuletzt der disziplinären Anschlussfähigkeit in Richtung a. Techniksoziologie und b. Umweltsoziologie zuliebe) Unterscheidungen treffen. Und da stehe ich jetzt.

    Warum blogge ich das? Um zum Nachdenken über diesen Umstand heute nicht noch eine dritte Tasse Kaffee trinken zu müssen.

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    Ein Dossier zum Ende der Freiburger Linie, und ein paar Fragen zur Forschungsfreiheit im Sicherheitsstaat (Update 6: offene Briefe zum Fall Andrej H.)

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    Eindrücke, wonach eine vermeintliche „Freiburger Linie“ nicht mehr eingehalten werde, polizeiliche Verhaltensweisen sich geändert haben oder durch Wechsel von Führungspersonen nicht mehr Anwendung finden, sind subjektive Eindrücke.

    So steht’s in einer Pressevorlage der Freiburger Polizei. Ich glaube derzeit eher den subjektiven Eindrücken, und bin da auch nicht der einzige. Mit dem neuen Polizeichef Amann hat sich ganz klar etwas verändert. Was, lässt sich zum Beispiel einem umfangreichen Dossier bei Indymedia entnehmen. Da wollte ich einfach mal drauf hinweisen.

    Warum blogge ich das?

    Eigentlich hatte ich nur »Andrej« und »Stadtsoziologie« in Google eingegeben, um herauszufinden, wer denn der im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen die angebliche militante Gruppe verhaftete Berliner Soziologe ist, der in der Presse immer nur als »Andrej H.« bezeichnet wird. Also aus Neugierde. Die Suchmaschinentreffer ergeben dann das Bild eines engagierten, politisch sicherlich links stehenden Akademikers, der sich am Lehrstuhl von Prof Häußermann an der HU mit Gentrification, Privatisierungen und Hartz IV auseinandersetzt (wenn das inzwischen ausreicht, um des Terrorismus verdächtigt zu werden, sollte die Deutsche Gesellschaft für Soziologie mal lieber schnell ihre Mitgliederliste vernichten).

    Da u.a. Spiegel Online auch auf eine Debatte bei Indymedia verwiesen, habe ich dann auch dort mal wieder reingeschaut – und zwar ein paar Solidaritätsdemoankündigungen und -berichte gefunden, aber nicht die große Debatte. Dafür dann das oben angesprochene Dossier zum Ende der Freiburger Linie, auf das ich hiermit hinweise. Was ich damit anfangen soll, dass die intellektuelle Fähigkeit zum Verfassen kapitalismuskritischer Analysen inzwischen ausreicht, um als Mitglied einer angeblichen terroristischen Vereinigung identifiziert zu werden, weiss ich dagegen grade noch nicht so genau. Volker Ratzmann von den Berliner Grünen sagt dazu:

    Das hieße, dass zukünftig jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin, die sich im politischen Bereich und mit gesellschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzt, aufpassen muss, dass niemand gegen ihren Willen ihre Ausführungen zur Begründung seiner eigenen und strafrechtlich relevanten Handlungen heranzieht. Wenn sie dann vielleicht noch in Seminaren Kontakt hatten, werden sie gleich zum Bestandteil einer konstruierten terroristischen Vereinigung.

    Das Zitat bringt es auf den Punkt.

    Zusammengenommen zeigt beides – die Erkenntnisse, wie sehr die badische Deeskalation an einer Person hing, und die Tatsache, dass der Staat mal eben wieder Methoden aus den 1970er Jahren ins Spiel bringt – wie schwierig es ist, Freiräume des Denkens und Handelns aufrecht zu erhalten. Sich darauf zu verlassen, dass sicher geglaubte Freiheiten bestand haben, könnte fatal sein.

    Update: Inzwischen gibt es laut WordPress-Statistik ironischerweise Leute, die nach »Andrej H.« und »Soziologie« (u.ä.) suchen – und dann hier bei einem Bericht über eine solche Suche landen. Dass es tatsächlich möglich ist, über eine derartige Suche umfangreiche Infos über Andrej H. zu finden, ist, nebenbei gesagt, ein Hinweis darauf, dass bestimmte mediale Anonymisierungsstrategien (wir nennen den »Verdächtigen« nicht mit vollem Namen, sondern nur mit Vornamen und Initial) nicht funktionieren, wenn 1. der Vorname hinreichend selten ist, und 2. weitere Infos (»Berliner Stadtsoziologe«) vorliegen, die die Menge möglicher Personen deutlich einschränken. Anders gesagt: der Versuch der Anonymisierung funktioniert in diesem Fall überhaupt nicht …

    Update 2: Bei Telepolis gibt’s ein Interview mit Prof. Rainer Rilling (Uni Marburg und Rosa-Luxemburg-Stiftung) zum Fall Andrej H. und den Konsequenzen daraus.

    Update 3: Rilling sitzt auch im wissenschaftlichen Beirat von Attac, der sich ebenfalls dazu äußert (via).

    Update 4: (15.08.2007) Wie die ZEIT berichtet, gibt es inzwischen einen offenen Brief einer ganzen Reihe WissenschaftlerInnen, in dem die Generalbundesanwältin aufgefordert wird, die Ermittlungen gegen Andrej H. einzustellen und – meine Paraphrase – in Zukunft etwas genauer hinzusehen, statt sozialwissenschaftliche Arbeit als Verdachtsmoment zu nehmen. Unterzeichnet haben den unterstützenswerten Brief u.a. Hartmut Häußermann, Wilhelm Heitmeyer, Claus Offe, Helmuth Wiesenthal, Franz Schultheis, Michael Schumann, Susanne Frank, Wolfgang Kaschuba, Ralf Fücks (Böll-Stiftung) und 52 weitere WissenschaftlerInnen. Ich bin mir sicher, dass noch eine ganze Reihe mehr diesen Brief unterschreiben würden, wenn dafür im weiteren Kreis Unterschriften gesammelt würden. Hoffen wir, dass es was hilft.

    Update 5: Der erwähnte offene Brief kann doch durch weitere Menschen unterstützt werden [via] – ich habe gerade unterschrieben (und gleich mal dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine Mail mit der Frage geschickt, ob die Fachgesellschaft nicht ihre Mitglieder auf diesen Brief aufmerksam machen möchte).

    Update 6: Der Fall Andrej H. zieht weitere Kreise – das Blog Kulturwissenschaftliche Technikforschung berichtet von der Tagung der American Sociological Association

    Auf der Jahrestagung der American Sociology Association (Vereinigung der US-amerikanischen Soziologen, vgl. http://www.asanet.org/), wo seit Samstag rund 4.000 Sozialwissenschaftler in New York tagen, wird der Fall in mehreren Veranstaltungen diskutiert, kursieren Petitionen, insbesondere Stadtsoziologen zeigen sich sehr besorgt über die deutsche Entwicklung.

    Auch ein weiterer offener Brief mit Unterstützung namhafter ausländischer WissenschaftlerInnen wird erwähnt – u.a. sind da (neben Elmar Altvater, Dieter Rucht und Roland Roth aus Deutschland) auch Mike Davis, Saskia Sassen, Richard Sennett und John Urry zu finden, um nur die bekanntesten zu nennen.

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    We all are lecturers, now

    Veröffentlicht unter Freiburg, Wissenschaft | Verschlagwortet mit , ,  

    In letzter Zeit waren meine Einträge zur Uni Freiburg ja alle etwas wenig freundlich – diesmal habe ich dagegen etwas nettes gefunden: um der zunehmenden Englischsprachigkeit des Wissenschaftsbetriebs gerecht zu werden, hat das Rektorat (board of chief executives) oder vielleicht auch das Rektoramt (rector’s executive administrative office) ein Wörterbuch deutsch/englisch ins Netz gestellt. Unter http://www.pr.uni-freiburg.de/service/dictionary findet sich eine Vielzahl von Fachausdrücken aus dem akademischen Alltag. Ich bin mir zwar nicht bei jeder Übersetzung sicher, ob ich das auch so sagen würde, finde die generelle Idee aber gut. Um zur Überschrift zurückzukommen: alle MitarbeiterInnen (staff) vom Lehrbeauftragten (part-time lecturer) bis zur Oberassistentin (senior lecturer) sind jetzt englischsprachig lecturers, also LektorInnen.

    Das finde ich tatsächlich etwas seltsam. Nicht nur, weil damit eine ganze Bandbreite von unterschiedlichen Tätigkeiten in einen Topf geworfen wird (also die deutschen Bezeichnungen viel differenzierter sind), sondern auch, weil z.B. mein Tätigkeitsschwerpunkt als wissenschaftlicher Angesteller in einem Drittmittelprojekt (third party funds project) eben nicht die Lehre ist, also das lecturing bzw. das Halten von Seminaren (seminar) und Vorlesungen (lecture course). Während das nur einen relativ geringen Teil meiner Tätigkeit ausmacht, ist der Hauptteil – laut Arbeitsvertrag, aber auch tatsächlich – die Projektbearbeitung. Bei englischsprachigen Korrespondenzen hatte ich mich deswegen bisher immer als »(junior) researcher« bezeichnet; das trifft es eigentlich besser.

    Ein weiterer Grund, warum ich das seltsam finden: mit der nächsten Novelles des Hochschulgesetzes (University Act) sollen LehrprofessorInnen und »Lehr-MitarbeiterInnen« (mit hohen Deputaten) eingeführt werden. Jetzt schon ist der Lektor/die Lektorin als Bezeichnung für eine Lehrkraft für besondere Aufgaben (Link geht vermutlich nur im Uninetz) bei der Fremdsprachenvermittlung gebräuchlich. Also z.B., wenn’s um englische Sprache geht. Hier sehe ich ein gewisses Verwirrungspotential. Und über die Frage, ob Wissenschaft und Lehre tatsächlich in Englisch stattfinden müssen, könnte auch noch lange was geschrieben werden. Das lasse ich jetzt aber mal.

    Warum blogge ich das? Weil ich’s bei aller Nörgelei auf jeden Fall hilfreich finde. Beim Schreiben dieses Eintrags ist mir allerdings auch aufgefallen, dass die bisher knapp 500 Begriffe erst der Anfang sein können. Viele Termini fehlen nämlich noch.

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