Wahlrechtseffekte am Beispiel der UK2015-Wahl

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Das Vereinigte Königreich hat gewählt, und die Ergebnisse sind ernüchternd. Nachdem alle Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Tories und Labour vorhergesagt haben, hat am Ende (ein Wahlkreis, St. Ives, steht [beim Schreiben dieses Textes] noch aus) David Cameron von den Tories klar gewonnen und den Exit Poll von gestern abend sogar noch überschritten: mit 330 Sitzen wurde die Schwelle für die absolute Mehrheit klar überschritten, die konservative Regierung kann also ohne Koalitionspartner weiter regieren. Die andere Überraschung, Das andere Ereignis, den Scottish-National-Party-Erdrutsch (SNP) in Schottland, haben die Vorwahlumfragen dagegen klar vorhergesehen. 55 der dortigen 58 Sitze gehen an die SNP, die damit zu einem gewichtigen Block im britischen Parlament wird.

Einige dieser Überraschungen lassen sich durch das britische Mehrheitswahlrecht (first past the post) erklären. Das führt zu einer ganzen Menge Seltsamkeiten – auch der, dass Cameron mit rund 37 Prozent der Stimmen am Ende allein regieren kann und mehr als die Hälfte der Sitze stellt.

Ich habe die Ergebnisse (für 649 Sitze) mal in den Sitzverteilungsrechner gesteckt und ausprobiert, was bei einem proportionalen Wahlsystem passiert wäre (hier: Verteilung nach Sainte-Lague/Schepers). Klar ist: die Politik in Großbritannien würde jetzt ganz andere Debatten führen.

Dabei habe ich neben dem tatsächlichen Ergebnis (1) drei Modelle unterschieden: regionale Auszählung nach Sainte-Lague/Schepers ohne Sperrklausel (2), regionale Auszählung mit 5%-Sperrklausel (3), nationale Auszählung mit Sperrklausel (4). Die Ergebnisse* können hier nachgelesen werden. Visualisiert sieht das dann so aus:

1. tw-2015-uk-fptp Echtes Ergebnis mit First-past-the-post: Absolute Mehrheit für die Konservativen (Quelle. BBC Election Site).
2. tw-2015-uk-sls-regional-ohne-sperrklausel Proportionale Sitzverteilung in den vier Regionen, keinen Sperrklausel: UKIP, LibDem, Grüne profitieren, die SNP steht etwas schlechter da als im Mehrheitssystem. Labour und Conservative liegen nahe aneinander, neben einer großen Koalition wären mindestens drei Koalitionspartner für eine Mehrheit notwendig. Gegen Cameron wäre nur mit einer Allparteienkoalition unter Ausschluss von UKIP regierbar.
3. tw-2015-uk-sls-regional-mit-5prozent-sperrklausel Proportionale Sitzverteilung in den vier Regionen, mit regionaler 5%-Sperrklausel: Grüne fallen raus. Jetzt hätten Konservative und UKIP zusammen eine Mehrheit.
4. tw-2015-uk-sls-national-mit-5prozent-sperrklausel Proportionale Sitzverteilung national, mit 5%-Sperrklausel: es bleiben vier Parteien übrig, keine davon hat eine eigene Mehrheit. Neben einer großen Koalition wäre CON + UKIP oder CON + LD möglich.

Interessant hierbei ist, dass es zwar durch das Wahlsystem zu erheblichen Verzerrungen hinsichtlich der Frage kommt, welche Parteien im Parlament vertreten sind. Letztlich legen aber auch die Ergebnisse einer proportionalen Auszählung eine Regierungsbildung durch den konservativen Premierminister Cameron nahe. Er wäre allerdings auf Koalitionspartner angewiesen. Insbesondere in der Variante ohne Sperrklausel wäre die Regierungsbildung sehr schwierig – vermutlich würde es hier eine Minderheitsregierung geben. (Und natürlich weiß niemand, wie tatsächlich gewählt würde, wenn taktische Wahlanreize anders ausfallen).

Warum blogge ich das? Weil mich manche der Antiquiertheiten im britischen Wahlsystem wundern. Aus grüner Sicht wäre eine proportionale Vertretung deutlich besser – aus Sicht der UKIP allerdings auch.

* Wer genau hinschaut, wird auch eine Ungenauigkeit bemerken: die Sitze für zusammensummierte »Others« würden vermutlich anders aussehen.

P.S.: Wenn ich viel Zeit hätte, würde ich nochmal schauen, was herauskommen würde, wenn das baden-württembergische Wahlrecht (Mehrheit + Zweitauszählung) angelegt werden würde.

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3 Antworten auf Wahlrechtseffekte am Beispiel der UK2015-Wahl

  1. Kay Karpinsky sagt:

    Ich halte das für nicht sinnvoll, die aufsummierten Wahlkreisergebnisse in eine proportionale Sitzverteilung umzurechnen. Das Wahlsystem selbst hat nun einmal massive Auswirkungen auf das Wahlverhalten. Bei einem sperrklauselfreien Verhältniswahlsystem fehlt jede Notwendigkeit taktischen Wählens weg.
    Man kann deswegen davon ausgehen, dass die Grünen in England dann locker die 5% schaffen würden (sie sind in einigen Wahlkreisen ja gar nicht angetreten). Die UKIP hätte in einigen Con/Lab-Marginals noch besser abgeschnitten und die gelegentlich von taktischen Erwägungen profitierenden Liberaldemokraten wären vermutlich noch schwächer. Im Gebiet einiger jetzt unspannender Wahlkreise wär dann noch die Beteiligung höher.

    • Till sagt:

      Du darfst dich gerne daran versuchen, das auf Wahlkreisbasis zu modellieren. Mir ging’s drum, ein Gefühl für die damit verbundenen Verzerrungen zu bekommen.

      • Christian sagt:

        Klar, deine Analyse zeigt schon, dass es massive Verzerrungen gibt. Aber der Kommentar darüber hat trotzdem recht: Bei einem anderen Wahlsystem hätte es noch anders ausgesehen.

        Trotzdem eine schöne Analyse, dass selbst mit taktischem Wählen, massiv Wählerstimmen einfach so ignoriert werden. Ohne taktisches Wählen, wenn jeder die Partei wählen würde, die ihm eigentlich gefällt, wären es noch mehr.
        Aber das zu modellieren hat wenig mit Wahlkreis-Ebene zu tun, sondern viel mehr mit Annahmen über Entscheidungsprozesse. Und das wird dann eben hoch spekulativ.

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