Sachsen-Anhalt

Die stark gestie­ge­nen Wahl­be­tei­li­gung war ein ers­tes Warn­si­gnal. Das Ergeb­nis der Land­tags­wahl in Sach­sen-Anhalt dann nicht weit weg von der schlimmst­mög­li­chen Vari­an­te einer direk­ten AfD-Mehr­heit. Statt des­sen (mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Iro­nie des Schick­sals) eine AfD mit 39 Sit­zen – drei weni­ger als die abso­lu­te Mehr­heit von 42 Sit­zen – und auf der ande­ren Sei­te CDU, SPD, Grü­ne und Lin­ke mit zusam­men eben­falls 39 Sit­zen. Die rest­li­chen fünf Man­da­te ent­fal­len auf das BSW, das mit 5,3 Pro­zent recht knapp neu in den Land­tag gekom­men ist. Und damit prompt eine Rol­le als Züng­lein an der Waa­ge bekommt.

Die Lan­des­ver­fas­sung Sach­sen-Anhalts sieht vor, dass es zwei Wahl­gän­ge zum Minis­ter­prä­si­den­ten­amt gibt, bei denen eine abso­lu­te Mehr­heit not­wen­dig ist. Bis 2020 gab es zudem noch eine har­te Frist, wann die­se Wahl spä­tes­tens statt­zu­fin­den hat; das wur­de gestri­chen. Eine Frist gibt es jetzt nur noch für das Zusam­men­tre­ten des Land­tags zur kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung – übri­gens ein­ge­la­den nicht durch eine Alters­prä­si­den­tin, son­dern durch den amtie­ren­den Land­tags­prä­si­den­ten von der CDU. Die­se kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung muss spä­tes­tens am 6. Okto­ber stattfinden.

Wenn in den bei­den Wahl­gän­gen kei­ne abso­lu­te Mehr­heit erreicht wird, gibt es zunächst eine Abstim­mung über die Selbst­auf­lö­sung des Land­tags. Auch hier­zu ist eine abso­lu­te Mehr­heit not­wen­dig. Schei­tert die­se Abstim­mung, kommt es schließ­lich zum drit­ten Wahl­gang, bei dem die rela­ti­ve Mehr­heit ausreicht.

In die­sem drit­ten Wahl­gang hät­te bei Ent­hal­tung des BSW und akti­ver Betei­li­gung aller ande­rer Abge­ord­ne­ter ein­schließ­lich der Lin­ken weder der Kan­di­dat der AfD noch eine Kan­di­da­tin für CDU, SPD, Grü­ne und Lin­ke eine Mehr­heit. Damit blie­be die bis­he­ri­ge CDU-geführ­te Regie­rung geschäfts­füh­rend – und ohne Mehr­heit im Land­tag – im Amt.

Anders sieht es aus, sobald Abge­ord­ne­te des BSW aktiv für einen AfD-Kan­di­da­ten stim­men, oder wenn Abge­ord­ne­te der Lin­ken sich ent­hal­ten. Dann wäre recht schnell der Weg für einen AfD-MP frei, der dann Minister*innen ernen­nen könnte.

Was wäre noch denk­bar? Tei­le der CDU könn­ten, ver­rannt in das Gefühl, eine „demo­kra­ti­sche“ Wahl unter­stüt­zen zu müs­sen, und viel­leicht auch inhalt­lich näher an der AfD, als uns das lieb sein kann, eine Min­der­heits­re­gie­rung eines AfD-MPs unter­stüt­zen. Damit wür­de die CDU im Bund ver­mut­lich end­gül­tig implo­die­ren. Aber ob das das Kal­kül von Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten leitet?

Die ein­zi­ge halb­wegs rea­lis­ti­sche posi­ti­ve Wen­dung, die mir noch ein­fällt, wäre tat­säch­lich eine über­par­tei­li­che Per­son, auf die sich die Par­tei­en von BSW bis CDU eini­gen, um dann eine tech­no­kra­ti­sche Regie­rung ein­zu­set­zen. Son­der­lich sta­bil wäre das nicht. 

Neben der Regie­rungs­fra­ge zwi­schen Cha­os und Sturz in blaubrau­ne Zei­ten (auch wenn die AfD bei wei­tem nicht alles umset­zen könn­te, was sie sich vor­ge­nom­men hat, weil vie­les davon nicht in Lan­des­kom­pe­tenz liegt oder Ver­fas­sungs­än­de­run­gen vor­aus­set­zen wür­de, bleibt genug, was eine AfD-geführ­te Regie­rung schlim­mes tun könn­te) hän­gen an 44 Pro­zent AfD noch eine gan­ze Rei­he ande­rer Fra­gen. Das beginnt beim Land­tags­prä­si­den­ten, geht über die meist pro­por­tio­nal aus­ge­rich­te­te Beset­zung exter­ner Gre­mi­en bis zur Fra­ge der Aus­schuss­grö­ße. Alles kei­ne schö­nen Aus­sich­ten. Und ein Land­tag, in dem die Arbeit etwa der acht grü­nen MdL alles ande­re als ver­gnü­gungs­steu­er­pflich­tig wer­den wird.

Wenn die Nach­wahl­be­fra­gun­gen halb­wegs stim­men, hat die AfD ins­be­son­de­re Nichtwähler*innen mobi­li­siert. Ihre höchs­ten Wer­te erreicht sie im (aus­blu­ten­den) länd­li­chen Raum. Das schlech­tes­te Ergeb­nis von „nur“ 18 Pro­zent dage­gen in einem der Wahl­krei­se im Hal­le – Grü­ne kom­men hier auf 33 Pro­zent, in Hal­le und Mag­de­burg konn­te die Lin­ke zudem Direkt­man­da­te errin­gen. Beson­ders gute Wer­te erreich­te die AfD unter Men­schen mit for­mal nied­ri­ger Bil­dung, unter Män­nern und in der mitt­le­ren Alters­grup­pe. Zudem haben vie­le Men­schen, die ihre eige­ne Lage sozi­al als schlecht bewer­ten, AfD gewählt.

Ich ver­mu­te, dass gera­de die­se sozio­de­mo­gra­fi­schen Grup­pen im Fal­le einer AfD-Regie­rung eher noch schlech­ter daste­hen wer­den – und dass sie, Stich­wort kogni­ti­ve Dis­so­nanz, dies dann trotz­dem nicht der AfD zuschrei­ben wer­den, son­dern ande­re Schul­di­ge fin­den werden.

Den­je­ni­gen in Sach­sen-Anhalt, die nicht AfD gewählt haben, kann ich nur einen lan­gen Atem und Durch­hal­te­ver­mö­gen wün­schen. Und ja: wir müs­sen auch dar­über nach­den­ken, was an prak­ti­scher Soli­da­ri­tät not­wen­dig sein wird, um z.B. sozia­le, demo­kra­ti­sche und öko­lo­gi­sche Pro­jek­te zu unter­stüt­zen, deren Finan­zie­rung ein­ge­stellt wird. (Apro­pos: das sind genau die Grund­sät­ze, zu denen die Lan­des­ver­fas­sung Sach­sen-Anhalt alle Insti­tu­tio­nen verpflichtet.)

Und dann gibt es die ande­ren bei­den Punk­te. Ich glau­be nicht dar­an, dass eine mög­li­che AfD-Regie­rung sich schnell ent­zau­bern wird. Sie wur­de nicht für Inhal­te gewählt, son­dern – jeden­falls von vie­len – wohl eher für ein bestimm­tes Gefühl. Das kann die AfD auch bedie­nen, wenn sie ganz objek­tiv Murks baut. Dar­auf soll­ten wir uns also nicht verlassen.

Und das ande­re sind die Inter­de­pen­den­zen. Sach­sen-Anhalt ist eines von 16 Bun­des­län­dern, die in ganz unter­schied­li­chen For­ma­ten im ste­ten Aus­tausch ste­hen und viel der Poli­tik in Lan­des­kom­pe­tenz unter­ein­an­der abstim­men. Was wird da pas­sie­ren – und wel­che Fol­gen wird das für fünf­zehn ande­re Bun­des­län­der haben, wenn ein Land hart nach rechts zieht? Schon jetzt mer­ken wir ja, wie erfolg­reich die AfD dar­in ist, das Sag­ba­re zu ver­schie­ben und die Poli­tik aus der Oppo­si­ti­on her­aus zu beein­flus­sen; über diver­se media­le Trans­mis­si­ons­rie­men genau­so wie auf­grund der Uni­ons­stra­te­gie, Feu­er mit Feu­er zu bekämp­fen und Tei­le der AfD-Pro­gram­ma­tik und Spra­che zu übernehmen.

Selbst wenn es bei Sach­sen-Anhalt bleibt, die Wah­len im Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ber­lin anders aus­ge­hen und wir kei­ne Domi­no­ef­fek­te in Thü­rin­gen und Sach­sen beob­ach­ten, betrifft uns das alle. Eine gesi­chert rechts­extre­me Par­tei in die­ser Stär­ke bleibt nicht ohne Wir­kung. (Viel­leicht wäre Radio­ak­ti­vi­tät die bes­se­re Meta­pher als Feuer.)

Es wird jetzt eine Rei­he von Demos geben. Die Zivil­ge­sell­schaft han­delt, und das ist gut so. Aber solan­ge die Medi­en glau­ben, eine gute Sto­ry sei wich­ti­ger als die Fra­ge, ob sie damit bei­tra­gen, unse­re Demo­kra­tie zu gefähr­den; solan­ge Journalist*innen und Beamt*innen „vor­sichts­hal­ber“ schon mal zurück­ru­dern; solan­ge die drei zustän­di­gen Insti­tu­tio­nen vor einem Prüf­ver­fah­ren vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt zurück­schre­cken, – solan­ge das so ist, reicht zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment nicht aus, um die blaue Gefahr wie­der zurückzudrängen.

Kurz: Habemus Koalitionsvertrag

Am Mitt­woch wur­de der grün-schwar­ze Koali­ti­ons­ver­trag 2026–2031 vor­ge­stellt. Lay­outet sind’s rund 160 Sei­ten, die hier nach­ge­le­sen wer­den kön­nen. Einer wei­ter­ge­hen­den inhalt­li­chen Bewer­tung ent­hal­te ich mich mal; in der Vor­stel­lung durch Cem Özd­emir und Manu­el Hagel ist deut­lich gewor­den, dass Wirt­schaft, Büro­kra­tie­ab­bau (teils: dras­ti­scher Büro­kra­tie­ab­bau) und die Idee gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halts im Vor­der­grund ste­hen. Nach ers­tem Durch­le­sen fin­det sich viel grün, viel CDU (Augen­hö­he, lei­der …) und eini­ges an gemein­sa­men Pro­jek­ten. Eben­falls mit­zu­le­sen: das, was im Wahl­kampf von der einen oder von der ande­ren Sei­te gefor­dert wur­de und jetzt nicht kommt – kei­ne Lan­des­wohn­bau­ge­sell­schaft, aber auch kei­ne KI-Uni, kei­ne Abschaf­fung des Lan­des­in­for­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zes und kei­ne Rück­kehr zum drei­glied­ri­gen Schulsystem. 

Über allem schwebt der Ver­weis auf die schwie­ri­ge Finanz­la­ge. Der Grund­ton fin­det sich in der dun­kel­grün-schwarz chan­gie­ren­den Über­schrift: „Aus Ver­ant­wor­tung fürs Land. Gemein­sam stark in stür­mi­schen Zeiten“

Am Sams­tag kom­men die Par­tei­ta­ge zusam­men, am Mon­tag danach soll – wenn es nicht noch Über­ra­schun­gen gibt – der Ver­trag unter­zeich­net wer­den. Dann dürf­te auch bekannt wer­den, wer Minister*in und wer Staatssekretär*in wird. Die Wahl zum Minis­ter­prä­si­den­ten steht schließ­lich für Mitt­woch, den 13. Mai an. „MP“ meint dann nicht mehr Kret­sch­mann – auch das etwas, an das ich mich erst gewöh­nen muss.

Mei­nun­gen?

Wie ein Koalitionsvertrag entsteht

Foyer, Sparkassenakademie Stuttgart

Bis Frei­tag lie­fen die vier­zehn inhalt­li­chen Arbeits­grup­pen der baden-würt­tem­ber­gi­schen Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen; um 20 Uhr muss­ten die geein­ten Papier abge­ge­ben wer­den. Ich durf­te die­ses Jahr für die grü­ne Sei­te die Fach­grup­pen zu Land­wirt­schaft sowie zu Digi­ta­li­sie­rung beglei­ten. Zu den Inhal­ten darf ich natür­lich nichts sagen, aber ein paar Beob­ach­tun­gen am Ran­de möch­te ich doch aufschreiben. 

Alles kann hoch­sym­bo­lisch sein, etwa die Wahl des Ortes. Getagt wur­de in der Spar­kas­sen­aka­de­mie in Stutt­gart, ein von außen eher unschein­ba­res Gebäu­de am Pari­ser Platz in Stutt­gart zwi­schen Ban­ken­hoch­häu­sern. Innen: zweck­mä­ßig, begrün­ter Innen­hof, viel moder­ne Kunst an den Wän­den. Das Gebäu­de wird wohl nor­ma­ler­wei­se von den Spar­kas­sen für inter­ne Fort­bil­dun­gen genutzt. In den letz­ten zwölf Tagen ver­wan­del­te es sich – zumin­dest im fünf­ten Stock, im Rest des Hau­ses ging der nor­ma­le Betrieb wei­ter – in den Ort der Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen. Wer mag, darf Bezü­ge her­stel­len zwi­schen der Bio­gra­fie von Manu­el Hagel, der ja mal Spar­kas­sen­fi­li­al­lei­ter war, und die­sem Ort, oder auch dazu, dass es eben weder das Haus der Archi­tek­ten (grün-rote Ver­hand­lun­gen) noch das Gebäu­de der LBBW (da wur­de 2021 mit star­kem grü­nen Über­ge­wicht im Ver­trag ver­han­delt) war, son­dern ein neu­er Ort. Auf­bruch? Spar­sam­keit? Oder doch: eher Zweckmäßigkeit?

Neben den eigent­li­chen Ver­hand­lungs­räu­men, in denen sich die fach­li­chen Teams bei­der Sei­ten begeg­ne­ten, gehört zur Infra­struk­tur der Ver­hand­lun­gen noch eini­ges an Drum­her­um: ein Cate­ring-Raum, in dem sich Grü­ne und Schwar­ze bei Mit­tag- und Abend­essen tra­fen, Räu­me der grü­nen bzw. der CDU-Sei­te, jeweils ein tech­ni­sches Büro für bei­spiels­wei­se Aus­dru­cke der Tex­te. In den Ver­hand­lungs­räu­men war das Stan­dard­set­up das von zwei sich gegen­über­ste­hen­den Tisch­rei­hen, an denen die zehn Per­so­nen (fünf Verhandler*innen, fünf Arbeits­ebe­ne) sich gegen­über saßen. Ein gro­ßer Bild­schirm konn­te dazu genutzt wer­den, Tex­te einzublenden. 

Das Stan­dard­set­up wur­de in man­chen Grup­pen auch vari­iert – etwa indem nur sechs Per­so­nen sich direkt gegen­über saßen, dahin­ter eine Bank für die Arbeits­ebe­ne und quer ein Tisch für das Pro­to­koll bzw. die Note­ta­ker. Allei­ne „mei­ne“ bei­den Grup­pen setz­ten schon auf sehr unter­schied­li­che Arbeits­wei­sen. Von Kolleg*innen hör­te ich wei­te­re Vari­an­ten, wie am Schluss ein gemein­sa­mer Text zustan­de gekom­men ist. Ohne in Details zu gehen: in man­chen Grup­pen wur­de alles vor allem zwi­schen den bei­den Leiter*innen aus­ge­han­delt, manch­mal auch im sehr klei­nen Kreis. In man­chen Grup­pen wur­de die Arbeits­ebe­ne in die Dis­kus­si­on ein­be­zo­gen, in ande­ren strikt abwech­selnd und nur von der poli­ti­schen Sei­te gespro­chen. Da wur­de inten­si­ve gemein­sa­me Text­ar­beit mit dem peni­blen Durch­gang von vor­her erstell­ten Text­vor­la­gen betrie­ben, dort eher the­ma­tisch gespro­chen und am Schluss ein Pro­to­koll erstellt. 

Der Ziel­kor­ri­dor für das fina­le Pro­dukt lag bei sie­ben Sei­ten – das zu hal­ten, erwies sich als gar nicht so ein­fach. Anek­do­tisch: der ers­te halb­wegs geein­te Ent­wurf der Land­wirt­schafts­grup­pe lag bei 21 Sei­ten … (und ging an der einen oder ande­ren Stel­le in fach­li­che Ver­äs­te­lun­gen, die zwar zuvor mun­ter dis­ku­tiert wor­den waren, denen ich als fach­li­cher Laie aber nur bedingt fol­gen konn­te – sei­en es Details der Stall­bau­för­de­rung oder Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die forst­li­che bes­te Praxis …). 

Eben­so wie das räum­li­che gin­gen auch die zeit­li­chen Set­tings aus­ein­an­der – von zwei Sit­zun­gen in der gro­ßen Run­de, dazwi­schen und danach im klei­ne­ren Kreis bis zu fast täg­li­chen Sit­zun­gen mit 20 Per­so­nen war alles dabei. Davor und dazwi­schen dann: inter­ne Bespre­chun­gen, um sich über die jewei­li­ge Linie zu ver­stän­di­gen, und – auf Arbeits­ebe­ne – Redak­ti­ons­ar­beit im Vier- oder Acht­au­gen­prin­zip, um Tex­te zu kür­zen und kon­sens­fä­hi­ge For­mu­lie­run­gen zu fin­den. Und zumin­dest für die grü­ne Sei­te, aber wohl auch bei der CDU: im Vor­gang, vor dem Beginn der Ver­hand­lun­gen, schon inten­si­ve Arbeit, um Posi­tio­nen aus den Wahl­pro­gram­men, die Vor­ga­ben der Son­die­rungs­grup­pe und die im Lauf der letz­ten fünf Jah­re gesam­mel­ten Ideen zusam­men zu bringen. 

Bei all dem, und bei allen har­ten inhalt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen (nach allem, was ich höre: ganz über­wie­gend kon­struk­tiv, im Übri­gen) gab es auch eine gewis­se grup­pen­dy­na­mi­sche Annä­he­rung, gemein­sa­me Hei­ter­keit und – so jeden­falls mein Gefühl – doch ein bes­se­res Ver­ständ­nis dafür, wie die jeweils ande­re Sei­te „tickt“.

Die in den Fach­grup­pen erar­bei­te­ten Tex­te bil­den nun die Grund­la­ge für die Ver­hand­lun­gen im Spit­zen­team, in dem es dar­um geht, letz­te Dis­sen­se zu klä­ren und auch noch ein­mal auf Wider­sprü­che zwi­schen den jeweils aus fach­li­cher Per­spek­ti­ve geschrie­be­nen Text­tei­len zu ach­ten. Wenn alles klappt, erblickt der Koali­ti­ons­ver­trag Anfang Mai das Licht der Öffent­lich­keit und liegt am 9. Mai den bei­den Par­tei­ta­gen zur Abstim­mung vor. 

Wahlanalyse zur Landtagswahl 2026

Knapp eine Woche nach der Wahl will ich dann doch ein paar Wor­te dazu in mein Blog packen. Wobei: aktu­ell wird lei­der jedes Wort auf die Gold­waa­ge gelegt, Stich­wort „Schmutz­kam­pa­gne“. Inso­fern blei­be ich mal weit­ge­hend bei dem, was sich halb­wegs fak­ten­ba­siert über das Wahl­er­geb­nis sagen lässt.

Ich hat­te fünf „Key Questions“:

1. Wer liegt vor­ne bei den Zweit­stim­men – Grü­ne mit Cem Özd­emir oder die CDU mit Manu­el Hagel?
2. Wie groß ist der Abstand zwi­schen Grü­nen und CDU? Und damit ver­bun­den: Ist bereits um 18 Uhr klar, in wel­che Rich­tung es geht, oder müs­sen wir bis spät in die Nacht warten?

In den ers­ten Pro­gno­sen um 18 Uhr sah das noch sehr deut­lich aus, zumin­dest bei der ARD, mit einem deut­li­chem Vor­sprung der Grü­nen vor der CDU. Das gab einer­seits rie­si­gen Jubel (die Staats­ga­le­rie, in der die grü­ne Wahl­par­ty statt­fand, wur­de da sehr laut), ande­rer­seits dann aber all­seits die besorg­te Fra­ge, ob die­ser Vor­sprung den hal­ten wür­de. Bis das tat­säch­li­che End­ergeb­nis fest­stand, dau­er­te es dann bis deut­lich nach Mit­ter­nacht, aber schon gegen 22 Uhr war klar: Grü­ne lie­gen bei den Zweit­stim­men unein­hol­bar vor­ne, und auch wenn es „nur“ rund 25.000 Stim­men sind (30,2 zu 29,7 Pro­zent), steht damit ein Ergeb­nis fest.

Für die Nach­welt hier noch­mals das vor­läu­fi­ge End­ergeb­nis: GRÜNE 30,2 (-2,4) Pro­zent, CDU 29,7 (+5,6) Pro­zent, SPD 5,5 (-5,5) Pro­zent, AfD 18,8 (+9,1) Pro­zent, Lin­ke und FDP jeweils mit 4,4 Pro­zent der Zweit­stim­men nicht im Land­tag. Wahl­be­tei­li­gung bei 69,6 Pro­zent, im Ver­gleich zur letz­ten Wahl deut­lich gestiegen

Die letz­te Umfra­ge vor der Wahl (ZDF-Polit­ba­ro­me­ter) sah Grü­ne und CDU jeweils bei 28 Pro­zent; hier gab es also auf bei­den Sei­ten noch ein­mal einen ordent­li­chen Mobi­li­sie­rungs­schub in den letz­ten Tagen und Stun­den. Das zeigt sich auch im Ver­gleich der Brief­wahl­stim­men zur Urnenwahl.

„Wahl­ana­ly­se zur Land­tags­wahl 2026“ wei­ter­le­sen

Landtagswahl Baden-Württemberg: Jetzt zählt es

Die Wahl­lo­ka­le in Baden-Würt­tem­berg sind geöff­net, der 18. Land­tag wird gewählt Dabei gilt zum ers­ten Mal das neue Wahl­recht mit zwei Stimmen.

Mei­ne fünf Key Ques­ti­ons für den Wahl­aus­gang sind:

  1. Wer liegt vor­ne bei den Zweit­stim­men – Grü­ne mit Cem Özd­emir oder die CDU mit Manu­el Hagel? Die letz­te Umfra­ge (Polit­ba­ro­me­ter vom Don­ners­tag) sieht bei­de bei 28 Pro­zent. Inso­fern kön­nen eini­ge weni­ge Stim­men dar­über ent­schei­den, wer Minis­ter­prä­si­dent wird – ande­re Kon­stel­la­tio­nen sind poli­tisch aus­ge­schlos­sen (mit AfD) oder rech­ne­risch sehr unwahr­schein­lich („Schwar­ze Ampel“).
  2. Wie groß ist der Abstand zwi­schen Grü­nen und CDU? Und damit ver­bun­den: Ist bereits um 18 Uhr klar, in wel­che Rich­tung es geht, oder müs­sen wir bis spät in die Nacht war­ten, weil to clo­se to call (dazu kommt: neu­es Wahl­sys­tem, das dürf­te Pro­gno­se-Unsi­cher­hei­ten eher vergrößern).
  3. Wie wird das neue Zwei­stim­men­sys­tem genutzt? Kommt es zu (tak­ti­schem) Stim­men­split­ting, oder wird ein­heit­lich gewählt? Kön­nen vie­le der bis­he­ri­gen grü­nen Direkt­man­da­te gehal­ten wer­den, oder setzt sich die bes­se­re loka­le Ver­net­zung der CDU in vie­len Wahl­krei­sen durch? Das hat dann auch Aus­wir­kun­gen auf die Land­tags­grö­ße – je stär­ker Direkt­man­da­te und Zweit­stim­me aus­ein­an­der gehen, des­to grö­ßer wird der Land­tag über die Min­dest­grö­ße von 120 (70 Direkt­man­da­te, 50 Lis­ten­man­da­te) hin­aus. (Bei der letz­ten Wahl gin­gen 58 der 70 Direkt­man­da­te an Grü­ne, der Rest an die CDU. Dies­mal hal­te ich eini­ge AfD-Direkt­man­da­te für mög­lich. Dies­mal hal­te ich einen deut­lich klei­ne­ren Land­tag als 2021 – 154 Sit­ze – für möglich.)
  4. Zur Wahl­rechts­re­form gehört auch das Wahl­recht ab 16 – wie inten­siv wird die­ses genutzt wer­den, und wo gehen die Stim­men der Erstwähler*innen hin?
  5. Und schließ­lich: wie sieht es an der Fünf-Pro­zent-Hür­de aus? Lin­ke und FDP sind in der letz­ten Umfra­ge bei 5,5 Pro­zent, die SPD bei acht. Kommt die Lin­ke das ers­te Mal ins Lan­des­par­la­men­te in Baden-Würt­tem­berg? Wie sieht es mit der FDP aus – die seit Lan­des­grün­dung unun­ter­bro­chen im Land­tag sitzt?