Blog ins Buch, die Dritte, oder: biografische Wühlarbeiten

Dotted

Eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on für bedruck­tes Papier kann ich nicht ver­heh­len. Wes­we­gen ich auch in regel­mä­ßi­gen Abstän­den auf die Idee kom­me, dass so ein Blog sich doch wun­der­bar eig­nen müss­te, in Buch­form gebracht zu wer­den. Also nicht, dass ich glau­be, dass das außer mir irgend­wen inter­es­siert. Aber trotz­dem, hät­te ich halt gerne. 

Im März 2010 bin ich das ers­te Mal auf „Blog­Boo­ker“ gesto­ßen, habe die­ses Tool nach eini­gen Expe­ri­men­ten dann aber wie­der ver­ges­sen, um es im Febru­ar 2022 erneut zu ent­de­cken. Neben gra­fi­schen Häß­lich­kei­ten erge­ben sich bei die­sem Weg vom Blog aufs Papier aller­dings zwei Pro­ble­me. Ers­tens wäre es ziem­lich viel Papier (ein paar tau­send Sei­ten), und zwei­tens, ver­bun­den damit, gibt es auch ziem­lich viel Schrott, der sich seit 2002 hier ange­sam­melt hat. In einem PDF lässt sich das noch igno­rie­ren, auch wenn dabei dann recht gro­ße Datei­en ent­ste­hen. Auf Papier: nee.

Wozu ein Tool nut­zen, wenn’s auch hand­ge­macht geht? Nach die­sem Mot­to habe ich in den letz­ten Tagen die Text­emp­feh­lun­gen aus der Sei­ten­spal­te und dann aus­ge­wähl­te und auch aus heu­ti­ger Sicht zumin­dest his­to­risch inter­es­san­te Bei­trä­ge aus den Jah­ren 2006 bis 2011 in Word gepackt – ich hat­te gewis­se Beden­ken, ob Libre­Of­fice mit die­ser Daten­men­ge klar­kommt, und fand den Weg über Scri­bus zu auf­wen­dig – und im Buch­for­mat lay­outet. Um dann fest­zu­stel­len, dass Print On Demand inzwi­schen ver­gleichs­wei­se spott­bil­lig gewor­den ist. Ich bin inso­fern gespannt dar­auf, „mein Blog“ (bzw. die genann­ten Aus­zü­ge) dem­nächst dann tat­säch­lich mal auf Papier in der Hand zu hal­ten. (Apro­pos: ich habe das Gefühl, das Word zwar bes­ser dar­in gewor­den ist, mit gro­ßen Text­men­gen und Bil­dern klar­zu­kom­men, aber bei Recht­schreib­prü­fung, diver­sen Auto­ma­tis­men und der Zwi­schen­ab­la­ge deut­lich nach­ge­las­sen hat …).

Blogtexte, Band I. Ausgewählte Texte 2008 bis 2025

Die Tex­te aus der Rand­spal­te habe ich für das Buch (→ hier als PDF) in vier Rubri­ken ein­sor­tiert. Unter Poli­ti­sche Fra­gen geht es v.a. um Bünd­nis 90/Die Grü­nen – und das Rin­gen dar­um, die ver­schie­de­nen Neu­erfin­dun­gen mei­ner Par­tei nach­zu­voll­zie­hen – mit Par­tei­en im All­ge­mei­nen, mit Baden-Würt­tem­berg und der Kli­ma­po­li­tik im Spe­zi­el­len. Zudem fin­det sich hier ein Text zum Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft und Poli­tik eben­so wie einer zum Hei­mat­be­griff. Die Kate­go­rie Sozi­al­wis­sen­schaft ent­hält eine Skiz­ze zum Ver­hält­nis von Umwelt­so­zio­lo­gie und Pra­xis­theo­rie – einen Pfad, den ich wohl wei­ter ver­folgt hät­te, wäre ich nicht „in die Poli­tik“ gewech­selt. Unter der Rubrik Netz, Medi­en und digi­ta­les Leben geht es um den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt des letz­ten Vier­tel­jahr­hun­derts – der Auf­stieg und Nie­der­gang von Twit­ter spie­gelt sich hier eben­so wider wie die in den 2020er Jah­ren plötz­lich auf den Bild­schir­men auf­tau­chen­de KI (und die Fra­ge, wie damit eigent­lich umzu­ge­hen ist). Und schließ­lich: Unter Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy fin­den sich Tex­te, die sich über­ge­ord­net – jen­seits mei­ner inzwi­schen recht regel­mä­ßi­gen monat­li­chen Rezen­sio­nen der aktu­el­len Lek­tü­re – mit Sci­ence Fic­tion auseinandersetzen. 

Blogtexte, Band II. Weitere Texte 2006 bis 2011

Wäh­rend die Samm­lung der mir wich­ti­gen Tex­te orga­nisch gewach­sen ist und eine Ten­denz zu neue­ren Bei­trä­gen auf­weist (ursprüng­lich war es mal ein „Fünf Emp­feh­lun­gen“, zu denen immer mal wie­der eine dazu kam, und eine ande­re ent­fernt wur­de), und in die­ser Aus­wahl schon bis­her und auch wei­ter­hin über die Rand­spal­te des Blogs auf­ruf­bar ist, ist das Ergeb­nis der „Wühl­ar­bei­ten“ für die Tex­te aus den Jah­ren 2006 bis 2011 (→ hier als PDF) zumin­dest für mich – und mög­li­cher­wei­se die eine oder ande­re Zeitgenoss*in – noch span­nen­der. Vie­les, was heu­te rele­vant ist, deu­te­te sich damals schon an. Man­che Debat­ten wer­den immer wie­der geführt. In ande­ren Tex­ten schim­mert ein gewis­ser Opti­mis­mus durch, der der Rea­li­tät nicht stand­ge­hal­ten hat.

Bei den poli­ti­schen Fra­gen ver­schiebt sich mein Fokus: am Anfang steht die inner­grü­ne Debat­te um das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men. Dann geht es um Lis­ten­auf­stel­lun­gen und Koali­ti­ons­bil­dun­gen, um die gro­ße netz­po­li­ti­sche Fra­ge des Jah­res 2009 (Netz­sper­ren ein­füh­ren oder rechts­wid­ri­ge Bei­trä­ge löschen? – ver­bun­den mit dem Auf­kom­men der als poten­zi­ell star­ker Kon­kur­renz emp­fun­de­nen Pira­ten­par­tei) und eini­ge hoch­schul­po­li­ti­sche Fein­schme­cker­the­men (Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung an Hoch­schu­len, die Fra­ge der Akkre­di­tie­rung im Bolo­gna-Sys­tem sowie anhand des Falls Gut­ten­berg die Pla­gi­ats­de­bat­te). Mit dem Jahr 2010 taucht die Tri­as aus grü­nem Boom, Fuku­shi­ma und Stutt­gart 21 im Blog auf. Der Wahl­kampf wird beglei­tet, genau beob­ach­tet, die Hal­tung der SPD und die Kam­pa­gne der FDP kri­tisch beäugt. Am Schluss des poli­ti­schen Bogens steht 2011 die Wahl von Win­fried Kret­sch­mann zum baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten an – samt der etwas ban­gen Fra­ge, ob er habi­tu­ell so bleibt „wie er ist“, und ob das mit der „Poli­tik des Gehört­wer­dens“ etwas wer­den kann. Bei­de Fra­gen hat die Geschich­te – aus mei­ner Sicht posi­tiv – beant­wor­tet. Und Stutt­gart 21 ist immer noch nicht fer­tig gebaut, wäh­rend der Atom­aus­stieg in Deutsch­land (fast) unum­kehr­bar scheint. 

Im The­men­feld Sozi­al­wis­sen­schaft fin­den sich Neben­pro­duk­te mei­nes spä­ter abge­bro­che­nen Pro­mo­ti­ons­vor­ha­bens. Tech­nik­so­zio­lo­gie und Pra­xis­theo­rie, Wis­sens- und Wis­sen­schafts­so­zio­lo­gie geben sich hier die Hand, in dem Ver­such, eine Theo­rie zu bas­teln, um nach­hal­ti­gen Kon­sum und öko­lo­gi­sche Lebens­sti­le erklä­ren und erfor­schen zu kön­nen. Aus heu­ti­ger Sicht inter­es­sant: ein wis­sens­so­zio­lo­gi­sches Plä­doy­er dafür, sich beim The­ma Homöo­pa­thie nicht zu ver­kämp­fen. Hier habe ich dann ande­re Pfa­de ein­ge­schla­gen, wäh­rend eine pra­xis­theo­re­ti­sche und wis­sens­so­zio­lo­gi­sche Fun­die­rung mei­ne ange­wandt-poli­ti­sche Wahr­neh­mung, wür­de ich jeden­falls behaup­ten, heu­te noch prägt.

Fast schon his­to­risch inter­es­sant dann die Bei­trä­ge im netz­po­li­ti­schen Teil. Den Anfang macht eine Doku­men­ta­ti­on eines heu­te ver­mut­lich weit­ge­hend ver­ges­se­nen poli­ti­schen Streits: die – von mir nach wie vor genutz­te – Foto­platt­form Flickr, damals zu Yahoo! gehö­rig, führ­te 2007 eine als über­grif­fig emp­fun­de­ne Rege­lung ein: als „unsafe“ oder „rest­ric­ted“ gekenn­zeich­ne­te Fotos durf­ten auf­grund einer har­ten Inter­pre­ta­ti­on lan­des­ty­pi­scher Geset­ze von Nutzer*innen, die in Sin­ga­pur, Hong­kong oder Deutsch­land regis­triert waren, nicht mehr geöff­net wer­den. Als Reak­ti­on gab es koor­di­nier­te Pro­test­ak­tio­nen, die in der Netz­öf­fent­lich­keit eine gewis­se Auf­merk­sam­keit erreg­ten. Für mich der Aus­gangs­punkt, mich mit Platt­for­men, Abhän­gig­kei­ten und social graphs zu befas­sen.

Face­book taucht 2007 als neue Platt­form auf, die damals noch Mög­lich­kei­ten bie­tet, per API Dritt­an­bie­ter-Anwen­dun­gen lau­fen zu las­sen – und fin­det sich 2010 mal wie­der im Mit­tel­punkt poli­ti­scher Auf­merk­sam­keit, weil die AGBs heim­lich geän­dert wer­den. Twit­ter kommt 2008 als Teil des ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampfs in der deut­schen poli­ti­schen Öffent­lich­keit an – das fin­det eben­so Wider­hall in mei­nem Blog wie die Social-Media-Kam­pa­gne von Barack Oba­ma und heiß dis­ku­tier­te Fra­gen, was die­se neu­en „Web 2.0“-Möglichkeiten für Wahl­kämp­fe und inner­par­tei­li­che Orga­ni­sa­ti­on bedeu­ten. Ob das „Wur­zel­werk“ (so der Name der grü­nen par­tei­in­ter­nen Platt­form bei Ein­füh­rung) eine Lösung dar­stellt? Erstaun­lich, wie schein­bar fest die sich in den Jah­ren zwi­schen 2006 und 2011 eta­blie­ren­de Web 2.0‑Infrastruktur auch heu­te noch ist: die Stra­te­gie von Goog­le (damals noch eher auf der Sei­te von not evil, trotz abseh­ba­rer Welt­herr­schafts­stra­te­gie) und die Struk­tu­rie­rung der Wiki­pe­dia sind wei­ter­hin Themen. 

Der Abschnitt endet mit zwei Tex­ten aus dem Jahr 2011, die aus heu­ti­ger Sicht auf Epo­chen­mar­ker hin­wei­sen. Das eine ist eine wis­sens­so­zio­lo­gisch begrün­de­te Aus­ein­an­der­set­zung mit Sascha Lobos Kri­tik am Exper­ten­tum als Brei­ten­sport, die in einem Plä­doy­er für Medi­en­kom­pe­tenz endet. Spä­tes­tens seit der Coro­na-Pan­de­mie leben wir in einer Welt, in der die ver­schwö­rungs­ori­en­tier­te Ver­brei­tung von Falsch­in­for­ma­tio­nen noch einem eine ganz ande­re Bedeu­tung erreicht hat.

Und der zwei­te, den Band schlie­ßen­de Text hält das selt­sa­me Gefühl fest, wie es ist, in der­sel­ben Twit­ter-Time­line zeit­gleich irrele­van­te Bana­li­tä­ten und Live-Tweets aus Utøya (dem rechts­extre­men Anschlag auf ein nor­we­gi­sches Som­mer­la­ger) wahr­zu­neh­men. „Die moder­ne Gesell­schaft kennt kei­ne Pau­sen­tas­te“, schrei­be ich da, und fra­ge mich, wie ein Umgang mit dem Ein­bruch des fas­sungs­los machen­den Schre­ckens in den All­tag aus­se­hen könnte. 

Um den Bogen von damals nach heu­te zu schla­gen: Eine Pau­sen­tas­te für den ste­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­strom haben wir noch immer nicht, bräuch­ten die­se aber drin­gen­der denn je. Und nein, damit mei­ne ich kei­ne Inter­net­sper­ren, wie wir sie heu­te in auto­kra­ti­schen Län­dern erle­ben, son­dern eine Umgangs­form mit Ter­ror, die nicht zu des­sen Wir­kungs­stei­ge­rung und auch nicht zu des­sen Nor­ma­li­sie­rung beiträgt.

Kurz: Der langsame Abschied von den US-Plattformen

Wäh­rend die ver­gan­ge­nen Kon­to­aus­zü­ge von Bestel­lun­gen bei Ama­zon (vie­les E‑Books, aber auch ande­res, von Kla­mot­ten und Spie­len bis hin zu Haus­halts­ge­rä­ten) nur so wim­mel­ten, fin­den sich im März nur noch zwei Ama­zon-Buchun­gen – noch nut­ze ich Ama­zon Prime und einen Video­ka­nal*. Dass das so ist, war eine halb­be­wuss­te Ent­schei­dung; ein Unter­bre­chen der ein­ge­üb­ten Prak­ti­ken beim Online-Bestel­len, in zwei­er­lei Hin­sicht: ein­mal, dar­über nach­zu­den­ken, ob ich Was-Auch-Immer wirk­lich haben will, und ein­mal, um es dann eben nicht bei Ama­zon zu bestel­len, son­dern zu gucken, ob das Ding auch anders­wo im Netz zu fin­den ist. Und meis­tens ist das so.

Schwer fällt mir die­ser Abschied von „der“ Online-Han­dels­platt­form vor allem in einem Punkt: bei digi­ta­len Büchern. Hier habe ich noch kei­nen guten Work­flow gefun­den, um eng­lisch­spra­chi­ge Wer­ke anders­wo zu bestel­len und zu lesen. Ein Ver­such, ein SF-Buch über Goog­le Books zu kau­fen, ende­te damit, dass sich das gekauf­te Buch weder auf dem PC noch auf einem der Mobil­ge­rä­te öff­nen lässt, weil irgend­wel­che Kopier­schutz­re­geln es ver­hin­dern. Und eigent­lich wür­de ich ger­ne die bei­den Kind­le-Lese­ge­rä­te, die hier rum­schwir­ren, wei­ter nut­zen. Vor­erst behel­fe ich mir, erst ein­mal kei­ne neu­en Bücher zu kau­fen (es gibt noch sehr viel unge­le­se­ne in diver­sen Sta­peln), bzw. im Zwei­fel auf auch über ande­re Platt­for­men erhält­li­che gedruck­te Fas­sun­gen aus­zu­wei­chen. Auf die Dau­er ist das aber kei­ne Lösung. Wenn also jemand einen erprob­ten Weg kennt, digi­ta­le Bücher ohne Ama­zon zu erwer­ben und zu lesen, neh­me ich hin­wei­se ger­ne ent­ge­gen (und ja, theo­re­tisch lie­ße sich Calib­re als Cli­ent-Ser­ver-Sys­tem auf­set­zen, das mir momen­tan aber noch zu kompliziert …). 

Deut­lich schwie­ri­ger als der Abschied von Ama­zon sieht es bei den ande­ren Platt­for­men aus. Na gut, Twitter/X hat mich raus­ge­wor­fen, seit­dem habe ich kei­ner­lei Lust ver­spürt, dahin noch ein­mal zurück­zu­keh­ren. Bei Meta nut­ze ich Face­book (und Insta­gram für den grü­nen Orts­ver­band, und Whats­app für ein paar weni­ge Kon­tak­te). Micro­soft wird mit Win­dows 11 und Copi­lot, mit Abo-Model­len für MS Office etc. zuneh­mend unat­trak­tiv, noch läuft auf einem mei­ner bei­den pri­va­ten Rech­ner aber Win­dows, und auf dem Dienst­lap­top eh – da habe ich aber kei­nen Ein­fluss drauf. Dito das Dienst­han­dy, das das gan­ze Apple-Öko­sys­tem hin­ter sich her­zieht. Ganz schwie­rig sieht’s bei Pay­pal und bei Goog­le aus, da sehe ich noch kei­ne wirk­lich gute Alter­na­ti­ve für die Art, wie ich deren Pro­duk­te aktu­ell nut­ze. Auch da: ger­ne Tipps in den Kommentaren!

* Es wäre groß­ar­tig, wenn Star Trek sich ent­schei­den könn­te, über eine ande­re Platt­form als Para­mount+ via Ama­zon Prime ver­füg­bar zu sein.

Kurz: Atomkraft-Intelligenz

Bis­her über­zeu­gen die gan­zen Kon­zep­te für klei­ne modu­la­re Atom­kraft­wer­ke nicht so rich­tig. Ich habe jeden­falls nur Mel­dun­gen wahr­ge­nom­men, dass die­se teu­rer wer­den, doch nicht gebaut wer­den, kon­zep­tio­nell zwar über­zeu­gen, aber …

Jetzt kom­men neue Play­er ins Spiel. Nach­dem Micro­soft ange­kün­digt hat, einen der Three-Miles-Island-Reak­to­ren wie­der anzu­fah­ren, um den stei­gen­den Strom­be­darf zu decken, gab es in den letz­ten Tagen Mel­dun­gen, dass Goog­le und Ama­zon jeweils in Klein-AKW inves­tie­ren wol­len. Der Micro­soft-Plan klang recht kon­kret, die Vor­ha­ben der ande­ren bei­den Tech-Kon­zer­ne wirk­te noch etwas wol­ki­ger. Ich wür­de nicht drauf wet­ten, dass die­se AKW tat­säch­lich gebaut werden.

All das weißt aller­dings auf etwas hin, das sich schon ange­deu­tet hat­te. Der AI-Hype hat ganz rea­le Fol­gen. Wäh­rend Ope­nAI und Co. noch um trag­fä­hi­ge Geschäfts­mo­del­le rin­gen, wagt kaum jemand, kein Lar­ge-Lan­guage-Model ein­zu­set­zen, kei­ne klei­nen GPTs irgend­wo ein­zu­bau­en. Goog­le, Win­dows, Ado­be, der Acro­bat-Rea­der, Word­Press, Chat­fens­ter und so wei­ter … Obwohl die Text­ver­ar­bei­tung ein­drucks­voll ist, und der künst­li­che Schim­mer KI-gene­rier­ter Bil­der­wel­ten sich wohl genau­so in den Zeit­geist der 2020er Jah­re ein­bren­nen wird wie die Tat­sa­che, dass Such­ergeb­nis­se und Web­sites mehr und mehr unglaub­wür­di­ge, „hal­lu­zi­nier­te“ Fakes dar­stel­len – ich bin immer noch nicht über­zeugt davon, dass die schö­ne neue Welt sto­chas­ti­scher Intel­li­gen­zen nach­hal­tig ist. Nicht im Sin­ne von „dau­er­haft sta­bil“, und erst recht nicht mit Blick auf die öko­lo­gi­schen Fol­gen. Block­chain lässt grüßen.

Mit Blick auf den Kli­ma­wan­del kön­nen wir uns das Aus­rol­len einer wei­te­ren ener­gie­hung­ri­gen Tech­no­lo­gie nicht leis­ten. Bis­her bekom­men wir als Endverbraucher:innen von der Ener­gie­sei­te des Gan­zen wenig mit – das betrifft ja Ope­nAI, Goog­le, Meta usw. Das ändert sich zum einen dann, wenn die Kos­ten dafür in zukünf­ti­ge AI-Geschäfts­mo­del­le ein­ge­preist wer­den (nach der Anfix-Pha­se), und dürf­te zum ande­ren da spür­bar wer­den, wo neue Hard­ware gefor­dert ist. Win 11 mit Co-Pilot, die neus­ten mobi­len Flagg­schif­fe – all die wol­len Rechen­leis­tung, um auch lokal AI-Rät­sel lösen zu kön­nen. Den Preis zah­len wir.

Science Fiction und Fantasy im September 2024

Schloss Zeil, Leutkirch

Aus Grün­den gibt es gar nicht so viel zu berich­ten über den Sep­tem­ber. Ich habe (allei­ne, weil der Rest der Fami­lie das Gen­re und über­haupt …) nicht mag, Rings of Power, Sea­son 2 (Ama­zon Prime) wei­ter­ge­schaut und mich über die Ambi­va­len­zen gefreut, die ich so bei Tol­ki­en nicht in Erin­ne­rung hat­te – wobei ich zuge­ge­be­ner­ma­ßen das Sil­ma­ril­li­on zwar (in der deut­schen Über­set­zung) besit­ze, aber nie wirk­lich mit Freu­de gele­sen habe. Außer­dem habe ich (mit den Teen­agern) die Orpheus-und-Eury­di­ke-Adop­ti­on KAOS (Jeff Gold­blum, Net­flix) ange­guckt, die letz­te Fol­ge fehlt uns noch, trotz­dem lässt sich jetzt schon sagen: sehr ideen­rei­cher, gut umge­setz­ter Trash. Die grie­chi­schen Gött*innen, wie sie ver­mut­lich noch nie dar­ge­stellt wur­den. Zeus als durch­ge­knall­ter Neu­rei­cher, Posei­don auf sei­ner Jacht, Hera, die die Fäden im Hin­ter­grund zieht, der büro­kra­ti­sche Hades (in schwarz-weiß) … und Kre­ta als Dik­ta­tur, die die olym­pi­schen Ritua­le halt so durch­zieht. Es macht durch­aus Spaß, da zuzu­gu­cken. Jetzt hof­fe ich nur, dass die letz­te Fol­ge nicht enttäuscht. 

Gele­sen habe ich zum einen das gera­de neu im Sep­tem­ber 2024 erschie­ne­ne Space Oddi­ty von Catheryn­ne Valen­te. Das ist die Fort­set­zung von Space Ope­ra. Da ging es, kurz zusam­men­ge­fasst, dar­um, dass die Mensch­heit nur dann Mit­glied der galak­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on wer­den kann – und ansons­ten ihrer Anni­hi­la­ti­on ent­ge­gen­sieht – wenn sie beim Galac­tic Song Con­test nicht auf dem letz­ten Platz lan­det. Deci­bel Jones und sei­ne Band haben die unver­hoff­te Ehre, hier auf­tre­ten zu dür­fenmüs­sen. Die­ser ers­te Band war ein sehr gelun­ge­ner Mix aus einem Humor im Stil von Dou­glas Adams, der wohl­wol­len­den Aus­ein­an­der­set­zung mit der Tra­di­ti­on des ESC und jedem SF-Space-Ope­ra-Motiv, das nicht schnell genug um die Ecke ver­schwin­den konn­te. Space Oddi­ty setzt das jetzt fort. Nach dem Song Con­test ist vor der inter­ga­lak­ti­schen Pro­mo­ti­on-Tour, und das Welt­all ist voll mit Wun­dern, die uns noch vor dem Früh­stück begeg­nen. Zu die­sen Wun­dern gehört dann unver­hofft eine bis­her unent­deck­te Spe­zi­es. Ein Song Con­test muss her, um zu bewei­sen, dass es sich hier um intel­li­gen­tes Leben han­delt. Nur: die­se Spe­zi­es hat ihre Gefüh­le exter­na­li­siert. Das hört sich ziem­lich depres­siv an – jeden­falls nicht nach Musik. Und das all­mäch­ti­ge Board des Song Con­test ist alles ande­re als amü­siert. Soweit mal, sonst wird zu viel ver­ra­ten. — Wie auch der ers­te Band ist Space Oddi­ty flott geschrie­ben und steckt voll mit Anspie­lun­gen. Valen­te ist da tat­säch­lich eine wür­di­ge Nach­fol­ge­rin der ganz spe­zi­el­len Dou­glas-Adams-Schrei­be. Gleich­zei­tig lei­det der Roman selbst ein klei­nes biss­chen am „Schwieriges-zweites-Album“-Syndrom (nicht umsonst heißt das Kes­het-Zeit­pa­ra­dox-Schiff, in dem Deci­bel Jones unter­wegs ist, Dif­fi­cult Second Star­ship). Die Neu­heit eines ESC-Space-Ope­ra-Mixes ist ver­flo­gen, die wil­den Zeit­rei­sen der Kes­het, die das Buch durch­zie­hen, machen es teil­wei­se schwie­rig, nach­zu­voll­zie­hen, was hier gera­de pas­siert, und es gibt Sät­ze, die Anspie­lung auf Anspie­lung anpa­cken und humor­voll bear­bei­ten, ohne jedoch am Schluss irgend­wie dazu bei­getra­gen zu haben, den Fort­gang der Geschich­te zu beschleu­ni­gen. Kurz: Space Oddi­ty reicht nicht ganz an Space Ope­ra her­an. Trotz­dem eine Lese­emp­feh­lung – ins­be­son­de­re für alle, die zwi­schen Nerd- und Pop­kul­tur sitzen.

Pao­lo Baci­g­alu­pi war mir bis­her vor allem als Autor von Near-Future-SF auf­ge­fal­len, die im glo­ba­len Süden spielt. Jetzt hat er mit Navo­la (2024) einen Roman geschrie­ben, der sich als Fan­ta­sy klas­si­fi­zie­ren lässt, obwohl ein gro­ßer Teil der Hand­lung ohne Magie etc. aus­kommt. Navo­la ist eine Han­dels­re­pu­blik, die an Flo­renz oder Vene­dig erin­nert; das Buch spielt in einer Welt, die unse­rer Renais­sance ähnelt, auch wenn die beschrie­be­nen Orte und Län­der ande­re Namen tra­gen, und sich eine ande­re Reli­gi­on als domi­nant durch­ge­setzt hat. Die alten Göt­tern sind her­ab­ge­setzt, aber nicht ganz ver­schwun­den. Was mir gut gefällt: wie Baci­g­alu­pi (pseudo-)lateinische/italienische Begrif­fe (er)findet und in die Spra­che sei­ner Erzäh­lung ein­flie­ßen lässt. Auch das trägt dazu bei, in den All­tag einer der mäch­tigs­ten Ban­kiers­fa­mi­li­en Navo­las ein­zu­tau­chen und ihn ganz und gar für wahr zu neh­men. Navo­la erzählt die Lebens­ge­schich­te Davicos di Regu­lai, der der Spröss­ling die­ses Han­dels­hau­ses ist und bald des­sen Lei­tung über­neh­men soll. Die Regu­lai haben sich durch geschick­te Poli­tik ein die gan­ze dama­li­ge Welt umspan­nen­des Netz an Filia­len auf­ge­baut. Und wo Poli­tik nicht aus­reicht, gibt es noch Schat­ten­män­ner, Atten­tä­ter und zur Not auch ange­heu­er­te Armeen. Davico hat aller­dings kein Talent für Intri­gen. Wenn ihn etwas inter­es­siert, dann ist das die Welt der Natur, das Netz des mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Lebens. Statt der Aus­bil­dung zum Han­dels­mann wür­de er lie­ber Natur­ge­lehr­ter wer­den – aber die­ser Weg ist ihm ver­schlos­sen. Und dann gibt es noch sei­ne „Schwes­ter“, Celia – die als Faust­pfand aus einer Feh­de Teil der Fami­lie gewor­den ist. Ach ja, und das Auge eines Jahr­tau­sen­de alten Dra­chens wird eben­falls eine Rol­le spie­len. — In mei­nem Urteil über Navo­la bin ich zwie­ge­spal­ten. Die Welt, die Baci­g­alu­pi meis­ter­haft auf­baut, ist inter­es­sant genug, um dar­in zu ver­sin­ken. Ich wür­de ger­ne mehr dar­über lesen und habe das Buch auch des­we­gen ver­schlun­gen. Das Buch hat aller­dings einen Kipp­punkt, ab dem der blu­ti­ge und bru­ta­le Unter­gang der Fami­lie di Regu­lai beschrie­ben wird. Ich ver­ste­he, war­um Baci­g­alu­pi die­sen Weg ein­schlägt, und auch die Aus­sa­ge, die er damit über die ger­ne ver­steck­ten Schat­ten­sei­ten einer erfolg­rei­chen und intri­gan­ten Han­dels­fa­mi­lie trifft – trotz­dem dach­te ich da: muss das sein? Wäre ein ande­rer Aus­gang der Geschich­te für Davico (und Celia) mög­lich gewe­sen? Oder ist genau die­ser bru­ta­le zwei­te Teil schon in den ers­ten Sei­ten und ers­ten Ent­schei­dun­gen angelegt?

Robin Slo­an war mir – ich gebe es ungern zu – bis­her kein Begriff. Über die World­con und das The­ma Solar­punk bin ich auf sei­nen Roman Moon­bound (2024) gesto­ßen. Eine viel bes­se­re Rezen­si­on, als ich sie je schrei­ben könn­te, fin­det sich dazu bei Cory Doc­to­row. Kurz gesagt: die Aben­teu­er des Jun­gen Ari­els wer­den aus der Per­spek­ti­ve einer 1000 Jah­re alten KI (ein „Chro­nic­ler“) beschrie­ben, die nach einem lan­gen Sleep-Mode-Zustand wie­der zum Leben (?) erweckt wird – und Ari­el selbst lebt in einer Welt, die 11.000 Jah­re nach unse­rer exis­tiert, eine Welt, die den Nie­der­gang unse­rer Zivi­li­sa­ti­on, den Auf­stieg der post­apo­ka­lyp­ti­schen Mensch­heit und deren Nie­der­gang erlebt hat, und in der es jetzt – (wir befin­den uns wei­ter­hin im Feld der Sci­ence Fic­tion) – spre­chen­de Tie­re gibt, Zau­be­rer, ver­teil­te Robo­ter, KIs, Gen­tech­no­lo­gie – und ein Solar­punk-Set­ting, in dem sowohl das maxi­ma­le Recy­cling wie auch ein groß­flä­chi­ges Car­bon Manage­ment (hier: durch spre­chen­de Bie­ber) eben­so einen Platz fin­den wie die Spät­fol­gen von LLMs. Sag­te ich schon, dass neben­bei auch Pop­kul­tur und Memes als Wun­der­waf­fe auf­tau­chen? Und die Arthur-Legen­de? Das klingt jetzt viel­leicht chao­tisch, aber das ist eine sehr schö­ne und sehr schön geschrie­be­ne Mischung. Alles ist genau­so, wie es scheint, egal wie uner­klär­lich es erst ein­mal wirkt. 

Moon­bound war dann der Aus­lö­ser für mich, auch nach den frü­he­ren Wer­ken von Slo­an zu gucken. Sourdough habe ich noch vor mir, gele­sen habe ich aber jetzt immer­hin mal Mr. Penumbra’s 24-Hour Book­s­to­re (2012) samt der Pre­quel-Kurz­ge­schich­te Ajax Pen­um­bra 1969. Und was soll ich sagen: ich bin begeis­tert. Zum einen, weil Pen­um­bra eine sehr gut erzähl­te Geschich­te über eine Quest ist, mit (magi­schen?) Arte­fak­ten, einem Geheim­bund, alten Büchern und einer meta­tex­tu­ell immer wie­der refe­ren­zier­ten Fan­ta­sy-Geschich­te, also einem Buch im Buch – und zum ande­ren, weil es eine sehr gut gelun­ge­ne Moment­auf­nah­me der 2010er Jah­re ist, also Goog­le noch ein weit­ge­hend bene­vo­len­ter Kon­zern war, Nerds noch Nerds sein konn­ten und die poli­ti­sche Düs­ter­nis der kom­men­den Jah­re sich noch nicht über die­se kali­for­ni­sche Sze­ne gelegt hat­te (auch wenn die eine oder ande­re weir­de Idee hier bereits ihren Auf­tritt hat). Ach ja: und Typo­gra­fie spielt eine tra­gen­de Rol­le. Großartig!

Kurz: Hitzetod des Internets, oder: neue Anpflanzungen

In den letz­ten Tagen sind mir drei ganz unter­schied­li­che Tex­te über den Weg gelaufen:

  • Heat Death of the Inter­net ist ein nur ein klein wenig zuge­spitz­ter Text, der wun­der­bar auf den Punkt bringt, was gera­de falsch läuft mit dem Netz, AI und Co.
  • Wir müs­sen zurück zum wil­den Inter­net wur­de in die­sen Tagen auf netzpolitik.org ver­öf­fent­licht – ein Essay, das mit der Meta­pher des „Rewil­ding“ Ideen dafür ent­wi­ckelt, wie ein Zurück zu einem wil­de­ren Öko­sys­tem im Netz aus­se­hen kann
  • We can have a dif­fe­rent web dreht das Gan­ze schließ­lich kom­plett ins Kon­struk­ti­ve und macht Vor­schlä­ge, wo ein Weg zurück zu einem orga­ni­sche­ren Netz begin­nen kann

Dass die­se Tex­te alle mehr oder weni­ger zeit­gleich in mei­nen Feeds auf­ge­taucht sind, mag Zufall sein. Aber viel­leicht ist es auch ein Indiz dafür, dass die­ses The­ma gera­de sehr vie­le Leu­te umtreibt. Da schwingt viel­leicht auch ein Hauch Nost­al­gie für den Som­mer vor einem der ewi­gen Sep­tem­ber mit, das wun­der­ba­re MAUS/­FIDO­NET-Netz, das wun­der­ba­re Use­net-Netz, das wun­der­ba­re Geo­ci­ties-WWW der Anfangs­zei­ten, das wun­der­ba­re gol­de­ne Zeit­al­ter der Blogs, das wun­der­ba­re Mikro­blog­ging, bevor Elon Musk alles kaputt gemacht hat. Je nach Alter/Sozialisation dürf­te der Nost­al­gie­punkt ein ande­rer sein. Gemein­sam ist aber die Fest­stel­lung, dass ein durch Mono­po­le, „Ens­hit­ti­fi­ca­ti­on“ und KI-Müll­hal­den gekenn­zeich­ne­tes Netz nichts schö­nes ist – und das Wis­sen, dass es anders geht. Das Netz ist noch da. Nut­zen wir es.