Wie ein Koalitionsvertrag entsteht

Foyer, Sparkassenakademie Stuttgart

Bis Frei­tag lie­fen die vier­zehn inhalt­li­chen Arbeits­grup­pen der baden-würt­tem­ber­gi­schen Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen; um 20 Uhr muss­ten die geein­ten Papier abge­ge­ben wer­den. Ich durf­te die­ses Jahr für die grü­ne Sei­te die Fach­grup­pen zu Land­wirt­schaft sowie zu Digi­ta­li­sie­rung beglei­ten. Zu den Inhal­ten darf ich natür­lich nichts sagen, aber ein paar Beob­ach­tun­gen am Ran­de möch­te ich doch aufschreiben. 

Alles kann hoch­sym­bo­lisch sein, etwa die Wahl des Ortes. Getagt wur­de in der Spar­kas­sen­aka­de­mie in Stutt­gart, ein von außen eher unschein­ba­res Gebäu­de am Pari­ser Platz in Stutt­gart zwi­schen Ban­ken­hoch­häu­sern. Innen: zweck­mä­ßig, begrün­ter Innen­hof, viel moder­ne Kunst an den Wän­den. Das Gebäu­de wird wohl nor­ma­ler­wei­se von den Spar­kas­sen für inter­ne Fort­bil­dun­gen genutzt. In den letz­ten zwölf Tagen ver­wan­del­te es sich – zumin­dest im fünf­ten Stock, im Rest des Hau­ses ging der nor­ma­le Betrieb wei­ter – in den Ort der Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen. Wer mag, darf Bezü­ge her­stel­len zwi­schen der Bio­gra­fie von Manu­el Hagel, der ja mal Spar­kas­sen­fi­li­al­lei­ter war, und die­sem Ort, oder auch dazu, dass es eben weder das Haus der Archi­tek­ten (grün-rote Ver­hand­lun­gen) noch das Gebäu­de der LBBW (da wur­de 2021 mit star­kem grü­nen Über­ge­wicht im Ver­trag ver­han­delt) war, son­dern ein neu­er Ort. Auf­bruch? Spar­sam­keit? Oder doch: eher Zweckmäßigkeit?

Neben den eigent­li­chen Ver­hand­lungs­räu­men, in denen sich die fach­li­chen Teams bei­der Sei­ten begeg­ne­ten, gehört zur Infra­struk­tur der Ver­hand­lun­gen noch eini­ges an Drum­her­um: ein Cate­ring-Raum, in dem sich Grü­ne und Schwar­ze bei Mit­tag- und Abend­essen tra­fen, Räu­me der grü­nen bzw. der CDU-Sei­te, jeweils ein tech­ni­sches Büro für bei­spiels­wei­se Aus­dru­cke der Tex­te. In den Ver­hand­lungs­räu­men war das Stan­dard­set­up das von zwei sich gegen­über­ste­hen­den Tisch­rei­hen, an denen die zehn Per­so­nen (fünf Verhandler*innen, fünf Arbeits­ebe­ne) sich gegen­über saßen. Ein gro­ßer Bild­schirm konn­te dazu genutzt wer­den, Tex­te einzublenden. 

Das Stan­dard­set­up wur­de in man­chen Grup­pen auch vari­iert – etwa indem nur sechs Per­so­nen sich direkt gegen­über saßen, dahin­ter eine Bank für die Arbeits­ebe­ne und quer ein Tisch für das Pro­to­koll bzw. die Note­ta­ker. Allei­ne „mei­ne“ bei­den Grup­pen setz­ten schon auf sehr unter­schied­li­che Arbeits­wei­sen. Von Kolleg*innen hör­te ich wei­te­re Vari­an­ten, wie am Schluss ein gemein­sa­mer Text zustan­de gekom­men ist. Ohne in Details zu gehen: in man­chen Grup­pen wur­de alles vor allem zwi­schen den bei­den Leiter*innen aus­ge­han­delt, manch­mal auch im sehr klei­nen Kreis. In man­chen Grup­pen wur­de die Arbeits­ebe­ne in die Dis­kus­si­on ein­be­zo­gen, in ande­ren strikt abwech­selnd und nur von der poli­ti­schen Sei­te gespro­chen. Da wur­de inten­si­ve gemein­sa­me Text­ar­beit mit dem peni­blen Durch­gang von vor­her erstell­ten Text­vor­la­gen betrie­ben, dort eher the­ma­tisch gespro­chen und am Schluss ein Pro­to­koll erstellt. 

Der Ziel­kor­ri­dor für das fina­le Pro­dukt lag bei sie­ben Sei­ten – das zu hal­ten, erwies sich als gar nicht so ein­fach. Anek­do­tisch: der ers­te halb­wegs geein­te Ent­wurf der Land­wirt­schafts­grup­pe lag bei 21 Sei­ten … (und ging an der einen oder ande­ren Stel­le in fach­li­che Ver­äs­te­lun­gen, die zwar zuvor mun­ter dis­ku­tiert wor­den waren, denen ich als fach­li­cher Laie aber nur bedingt fol­gen konn­te – sei­en es Details der Stall­bau­för­de­rung oder Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die forst­li­che bes­te Praxis …). 

Eben­so wie das räum­li­che gin­gen auch die zeit­li­chen Set­tings aus­ein­an­der – von zwei Sit­zun­gen in der gro­ßen Run­de, dazwi­schen und danach im klei­ne­ren Kreis bis zu fast täg­li­chen Sit­zun­gen mit 20 Per­so­nen war alles dabei. Davor und dazwi­schen dann: inter­ne Bespre­chun­gen, um sich über die jewei­li­ge Linie zu ver­stän­di­gen, und – auf Arbeits­ebe­ne – Redak­ti­ons­ar­beit im Vier- oder Acht­au­gen­prin­zip, um Tex­te zu kür­zen und kon­sens­fä­hi­ge For­mu­lie­run­gen zu fin­den. Und zumin­dest für die grü­ne Sei­te, aber wohl auch bei der CDU: im Vor­gang, vor dem Beginn der Ver­hand­lun­gen, schon inten­si­ve Arbeit, um Posi­tio­nen aus den Wahl­pro­gram­men, die Vor­ga­ben der Son­die­rungs­grup­pe und die im Lauf der letz­ten fünf Jah­re gesam­mel­ten Ideen zusam­men zu bringen. 

Bei all dem, und bei allen har­ten inhalt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen (nach allem, was ich höre: ganz über­wie­gend kon­struk­tiv, im Übri­gen) gab es auch eine gewis­se grup­pen­dy­na­mi­sche Annä­he­rung, gemein­sa­me Hei­ter­keit und – so jeden­falls mein Gefühl – doch ein bes­se­res Ver­ständ­nis dafür, wie die jeweils ande­re Sei­te „tickt“.

Die in den Fach­grup­pen erar­bei­te­ten Tex­te bil­den nun die Grund­la­ge für die Ver­hand­lun­gen im Spit­zen­team, in dem es dar­um geht, letz­te Dis­sen­se zu klä­ren und auch noch ein­mal auf Wider­sprü­che zwi­schen den jeweils aus fach­li­cher Per­spek­ti­ve geschrie­be­nen Text­tei­len zu ach­ten. Wenn alles klappt, erblickt der Koali­ti­ons­ver­trag Anfang Mai das Licht der Öffent­lich­keit und liegt am 9. Mai den bei­den Par­tei­ta­gen zur Abstim­mung vor. 

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