Science Fiction und Fantasy im Juli 2026 (der Rest)

Sunset clouds, Gundelfingen

Anfang Juli habe ich die Dan­de­l­ion Dynasty zu Ende gele­sen; dazu habe ich hier eini­ges auf­ge­schrie­ben. Den Rest­mo­nat habe ich mit fünf (teil­wei­se kur­zen) Roma­nen und einem, hm, Sach­buch verbracht. 

Das Sach­buch heißt How To Build A Dra­gon Or Die Try­ing: A Sati­ri­cal Look At Cut­ting-Edge Sci­ence (2019) und wur­de von einem Vater-Toch­ter-Duo geschrie­ben (2021 auch als Dra­chen­zucht für Ein­stei­ger auf deutsch erschie­nen). Paul Knoepf­ler ist ein Pro­fes­sor für Zell­bio­lo­gie, sei­ne Toch­ter Julie Knoepf­ler hat sich die Fra­ge, ob es mög­lich wäre, mit Hil­fe von Gen­tech­nik etc. zu züch­ten, in einem Schul­pro­jekt in der 8. Klas­se gestellt. Das Ergeb­nis ist ein Buch, das mal sehr nach Teen­ager-Vor­stel­lun­gen eines Dra­chen­haus­tiers klingt und mal nach Wis­sen­schaft. Hier und auch in eini­gen ande­ren Punk­ten hät­te dem Buch ein etwas stren­ge­res Lek­to­rat gut getan; so gibt es doch den Ein­druck vie­ler unnö­ti­ger Wie­der­ho­lun­gen und Zwi­schen­zu­sam­men­fas­sun­gen. Und Sati­re, die das Buch auch sein will, ist halt kei­ne Sati­re, wenn vor jedem über­trei­ben­den oder sar­kas­ti­schen Satz erst ein­mal dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass es sich hier um Sati­re han­delt. Ein biss­chen schwing da die Angst mit, dass irgend­wer das tat­säch­lich als Anlei­tung lesen könn­te. Ich fand das Buch trotz die­ser sprach­li­chen Schwä­chen inter­es­sant zu lesen – von den Über­le­gun­gen, was wohl eine gute Grund­la­ge wäre, um einen Dra­chen zu züch­ten – Eidech­sen, Vögel, Komo­do-Wara­ne – über Wir­bel­tier­bau­plä­ne, die Gene­tik von Federn und Schup­pen bis hin zur Fra­ge, wie Flug­fä­hig­keit (wenig Gewicht), Intel­li­genz (gro­ßes Gehirn) und Feu­er­spu­cken (kom­pli­zier­te Mecha­nis­men) in ein Tier pas­sen könn­ten. Bei Wie­der­käu­er­mä­gen zur Methan­her­stel­lung (Feu­er) fühl­te ich mich an Ken Lius Silk­punk-Dra­chen erin­nert. Gut gefal­len hat mir der Abschluss des Buchs, der aus­lo­tet, wel­che ethi­schen Fra­gen eigent­lich damit ver­bun­den wären, einen Dra­chen in die Welt zu brin­gen – vom Blick auf das Wohl­be­fin­den des Tiers über die poten­zi­el­le Waf­fen­taug­lich­keit bis zu öko­lo­gi­schen Fra­gen. Dabei kom­men auch die pro­ble­ma­ti­sche­ren Sei­ten von Crispr/Cas und Klo­nen als Hype-Tech­no­lo­gien der 2010er Jah­re nicht zu kurz. Rea­lis­ti­sche­rer Fan­ta­sy-Wel­ten­bau wäre eher ein Neben­ef­fekt der Lek­tü­re, ins­ge­samt geht des den Knoepf­lers wohl eher um die Auf­for­de­rung, mit zell­bio­lo­gi­schen Tech­ni­ken ver­ant­wor­tungs­voll umzugehen.

Dra­chen, äh, Dino­sau­ri­er, tauch­ten dann auch in der ers­ten Fol­ge der vier­ten Staf­fel von Star Trek: Stran­ge New Worlds (Para­mount+) auf. Ins­ge­samt habe ich die­se Fol­ge als Hom­mage an A Prin­cess of Mars und ähn­li­che Pulp-Geschich­ten gele­sen. Bonus: ein gigan­ti­sches Zeit­rei­se­pa­ra­dox. Weni­ger gut gefal­len hat mir die zwei­te Fol­ge der vier­ten Staf­fel – hier wird zum Stil­mit­tel „Body Hor­ror“ gegrif­fen. Das wird zwar gut umge­setzt, und genutzt, um die Psy­cho­lo­gie eini­ger Haupt­cha­rak­te­re aus­zu­lo­ten, aber ist ers­tens nicht mei­nes und führt zwei­tens für mei­nen Geschmack viel zu viel an Über­sinn­lich­keit in den Star-Trek-Kanon ein. Geis­ter? Wirklich?

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Aufschrieb zur Metropolcon 2026

Das ers­te Mal bei einer „Con“ war ich vor zwei Jah­ren. Das war dann gleich die rie­si­ge World­Con in Glas­gow, also das welt­wei­te Tref­fen der Sci­ence-Fic­tion- und Fan­ta­sy-Fans. Dort wur­de dafür gewor­ben, dass 2026 in Ber­lin die „Euro­Con“ statt­fin­den wer­de. Das klang inter­es­sant und geo­gra­fisch deut­lich bes­ser erreich­bar als zum Bei­spiel Seat­tle (World­Con 2025), so dass ich mich direkt mal anmel­de­te. Jetzt, im Juli 2026, mani­fes­tier­te sich die Metropolcon/EuroCon dann tat­säch­lich in Ber­lin, und mit meh­re­ren hun­dert, man­che sagen auch: knapp tau­send, ande­ren SF-Fans besuch­te ich sie. 

Heim­li­ches Mot­to „Ever­y­thing is run­ning smooth­ly“ – die Organisator*innen hat­ten ein gut gefüll­tes Pro­gramm zusam­men­ge­stellt, mit einem Mix aus deutsch­spra­chi­gen und eng­lisch­spra­chi­gen Panels. Die bei­den lite­ra­ri­schen Ehren­gäs­te, Aiki Mira und Becky Cham­bers, waren eben­falls eine sehr gute Wahl. In gewis­ser Wei­se ste­hen bei­de für den Grund­ton die­ser Metro­pol­con; viel­leicht liegt’s aber auch nur an den Panels und Ver­an­stal­tun­gen, die ich besucht habe. Aiki Mira schreibt Roma­ne und Kurz­ge­schich­ten, hat für meh­re­re davon Prei­se aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence-Fic­tion bekom­men. In Neon­grau ent­wi­ckelt sie bei­spiels­wei­se den Cyber­punk zeit­ge­nös­sisch wei­ter und sie­delt ihn in einem von Kli­ma­wan­del, AI und sozia­len Medi­en ver­än­der­ten, aber wie­der erkenn­ba­ren Ham­burg an. Becky Cham­bers ist sowohl für ihre Way­fa­rer-Serie bekannt, in der es um ganz gewöhn­li­che Men­schen am Ran­de eines galak­ti­schen Gemein­we­sens geht, als auch für die bei­den Monk-and-Robot-Bücher, Medi­ta­tio­nen über das Wesen des Menschen. 

Wie lässt sich Cyber­punk aus­brei­ten, in einer Zeit, in der „Tech­bros“ sich als größ­te Fans und Agen­ten die­ser Dys­to­pie outen? Was hat es mit ambi­ent que­er­ness auf sich, oder, wei­ter­ge­dacht, mit ambi­ent uto­pi­as, also mit dem Ver­such, Uto­pien zu erzäh­len, ohne die (lang­wei­li­ge) Uto­pie in den Mit­tel­punkt der Geschich­te zu stel­len? Und wie passt – bei Cham­bers – eine gewalt­freie Sicht auf die Welt und eine Begeis­te­rung für unse­re bio­lo­gi­sche Mit­welt zu den Erfor­der­nis­sen von Plot und Story? 

Das sind nur eini­ge der Fra­gen, die ver­tieft bespro­chen wur­den, und die mir in abge­wan­del­ter Form auch in ande­ren Panels wie­der begeg­ne­ten, etwa bei den bei­den Dis­kus­si­ons­run­den des Car­co­sa-Ver­lags zu Kim Stan­ley Robin­son und zu Ursu­la K. Le Guin. Stan­ley Robin­sons Green Earth kommt nach zehn Jah­ren in einer deut­schen Über­set­zung neu her­aus. Er selbst war per Video­schal­te aus Kali­for­ni­en zuge­schal­tet und beant­wor­te­te mun­ter Fra­gen zum Stand des Kli­ma­schut­zes und der Lie­be zu Land­schaf­ten, zu sei­ner Dar­stel­lung von Wissenschaftler*innen – hier berich­te­te er, dass er auf ganz nahe Beob­ach­tun­gen zurück­grei­fen konn­te, da sei­ne Frau lan­ge für eine natio­na­le Ein­rich­tung als Wis­sen­schaft­le­rin gear­bei­tet hat – und zur depri­mie­ren­den poli­ti­schen Lage in den USA. Im Panel zu Ursu­la K. Le Guin gab Karen Nöl­le Ein­bli­cke in die Pra­xis der Über­set­zung und Han­nes Rif­fel schil­der­te, wie er von The Dis­pos­se­sed zur Sci­ence Fic­tion und letzt­lich zu Car­co­sa kam. Und auch hier: nicht die gro­ßen Held*innen, son­dern die in der Rei­se­ta­sche mit­ge­schlepp­ten uto­pi­schen Ver­satz­stü­cke, die zusam­men dann eine Geschich­te erge­ben, die Mög­lich­keits­räu­me aufmacht. 

Aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence Fic­tion bleibt mir Nils Wes­ter­boer in Erin­ne­rung – nicht nur als dies­jäh­ri­ger Kurt-Laß­witz-Preis­trä­ger, son­dern auch mit einer sze­ni­schen Lesung aus sei­nem Meis­ter­werk Lyne­ham (das nicht ganz geglück­te Ter­ra­forming von Perm aus Per­spek­ti­ve a. der Kin­der und b. der psy­cho­lo­gisch wie zeit­lich weit ent­fern­ten Mut­ter) und mit einem ers­ten Teaser zur Ver­fil­mung von Athos 2643, die nächs­tes Jahr ins Kino kom­men soll. Die ers­ten Bil­der gaben die Atmo­sphä­re des Buchs gut wie­der, und auch Ver­glei­che mit dem Namen der Rose (nur im Welt­raum) dürf­ten nicht zu weit her­ge­holt sein. 

Im Übri­gen gab es meist zeit­gleich mehr als ein Panel, das ich unbe­dingt sehen woll­te. Auch das macht eine gute Con aus, den­ke ich. Und nicht alles war Podi­ums­dis­kus­si­on – Kon­zer­te am Abend, die von Klas­sik (zu Ray Brad­buy) bis zu den „Gam­ma Rats“ mit cyber­punk-inspi­rier­tem 8‑Bit-Rock reich­ten; die Dis­co, zu der nicht John Scal­zi auf­leg­te; rumä­ni­sche SF-Kurz­fil­me samt der Wahr­heit über die Mond­lan­dung und Kaf­fee­klatsch ohne Kaf­fee, aber mit Autor*innen wie Charles Stross im direk­ten Aus­tausch. Oder auch eine Run­de „Turf“ rund um den Ver­an­stal­tungs­ort – all das run­de­te das Pro­gramm ab. Signiert wur­de natür­lich auch, und wer woll­te, konn­te sehr vie­le Bücher und diver­ses SF- und Fan­ta­sy-bezo­ge­ne Krims­krams erwer­ben, tie­fer in Schreib­tech­nik- und Ver­öf­fent­li­chungs­fra­gen ein­tau­chen oder sich in die mehr­stün­di­ge, aber straff gelei­te­te Mit­glie­der­ver­samm­lung des SCFD setzen.

Apro­pos Ver­an­stal­tungs­ort: das silent green in Ber­lin pass­te gan­ze her­vor­ra­gend zu die­ser Euro­Con. Ein Kre­ma­to­ri­um, Anfang des 20. Jahr­hun­derts eröff­net, in den 1990er Jah­ren um eine unter­ir­di­sche Lei­chen­hal­le erwei­tert, 2002 geschlos­sen und zum Kul­tur­quar­tier umge­baut: das wirkt erst ein­mal irri­tie­rend. Aber sowohl der his­to­ri­sche Kup­pel­saal als auch die eher bru­ta­lis­tisch wir­ken­den unter­ir­di­schen Tei­le des Ver­an­stal­tungs­or­tes har­mo­ni­sier­ten mit den The­men der Con. 

Science Fiction im Juni (und Juli) 2026

Shadows of fall VI

Über die Metro­pol­con, die ich letz­tes Wochen­en­de besuch­te, muss ich mal an ande­rer Stel­le noch schrei­ben. Erwäh­nen kann ich aber schon mal das dort ent­deck­te Sci Phi Jour­nal, ein Online-Maga­zin für phi­lo­so­phisch ange­hauch­te Sci­ence Fic­tion. Auf der Rück­fahrt aus Ber­lin habe ich etwas dar­in her­um­ge­stö­bert und war sehr angetan. 

Ange­guckt habe ich mir den Rest der zwei­ten Staf­fel von One Pie­ce (Net­flix), und fühl­te mich bei allem bun­ten Quatsch dann doch ganz gut und tief­sin­ni­ger als erwar­tet unter­hal­ten. Und außer­dem habe ich mir Paul (2011) ange­schaut (zwei Nerds fah­ren zu einer Con­ven­ti­on, kom­men an der Area 51 vor­bei und gabeln ein eher unaus­steh­li­ches Ali­en auf, mit dem sie ein Road Movie erle­ben). Eher Fan Ser­vice, aber ganz amüsant. 

Gele­sen habe ich zum einen den gera­de her­aus­ge­kom­me­nen neu­en Mur­der­bot-Roman von Mar­tha Wells (Plat­form Decay, 2026). Eine Ret­tungs­mis­si­on auf einem rie­si­gen Orbi­tal­ring geht erst ein­mal ziem­lich schief. Neben dem Innen­le­ben von Mur­der­bot (und eini­gen Über­le­gun­gen zu Befrei­ungs­be­we­gun­gen) fand ich hier vor allem das World­buil­ding inter­es­sant – so ein Orbi­tal ist sehr, sehr groß und bie­tet Platz für ganz unter­schied­li­che Interieurs …

Vor allem habe ich den Juni und den Juli bis jetzt aber damit zuge­bracht, Ken Lius Dan­de­l­ion-Dynasty-Epos zu Ende zu lesen. Und, wow, ich bin beein­druckt! Vor­ne­weg: Epos ist hier wört­lich zu neh­men. Wäh­rend der ers­te Band, The Grace of Kings (2015), 640 Sei­ten hat­te, und der zwei­te, The Wall of Storms (2016), den ich im April gele­sen habe, bei 880 Sei­ten raus­kommt, bil­den der drit­te und der vier­te Band zusam­men eine Geschich­te. The Vei­led Thro­ne (2021) und Spea­king Bones (2022) kom­men zusam­men auf gut 2000 Sei­ten. Das ist lang, und manch­mal nimmt Liu auch eher unge­wöhn­li­che Abzwei­gun­gen (etwa, wenn es auf vie­len Sei­ten um die Aus­ein­an­der­set­zung zwei­er kon­kur­rie­ren­der Restau­rants geht). Kate­go­ri­siert wird die Dan­de­l­ion Dynasty von Liu als Silk­punk. Gemeint ist mit Silk­punk hier dann doch etwas mehr, als dass gro­ße Tei­le der Geschich­te in einer Art Asi­en spie­len, Sei­de als Schrift­trä­ger und als Grund­la­ge der „silkmo­tic force“ – elek­tri­scher Ladung – die Basis für vie­le Erfin­dun­gen und Ele­men­te die­ser Welt dar­stellt. Und ja, so eine Art Dra­chen tau­chen auch auf. Genau­so gut jedoch könn­te das Epos als lan­ge, lan­ge Aus­ein­an­der­set­zung um die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen von Poli­tik ver­stan­den wer­den. (Oder, um noch­mal Liu selbst zu fol­gen, als Re-Inter­pre­ta­ti­on des ame­ri­ka­ni­schen Grün­dungs­my­thos vor dem Hin­ter­grund des han-chi­ne­si­schen Impe­ri­ums, und spricht von einer Remy­tho­lo­gi­sie­rung der Moder­ne – spannend). 

Eini­ge Cha­rak­te­re spie­len sehr lan­ge Spie­le, ande­re kämp­fen heiß­blü­tig für Refor­men, und wie­der ande­re erle­ben Intri­gen und gera­ten wider Wil­len in Posi­tio­nen der Macht. Oder, noch­mal anders beschrie­ben, geht es im drit­ten und vier­ten Band der Dan­de­l­ion Dynasty dar­um, wie der Kreis­lauf aus Erobe­rung, Gräu­el­ta­ten, Trau­ma und Rache ver­las­sen wer­den kann. Den, das zeich­net die­se Bücher aus: Han­deln hat hier Kon­se­quen­zen, man­che gute Tat zieht viel spä­ter schreck­li­che Fol­gen nach sich. Die ver­schie­de­nen Phi­lo­so­phien und Gott­hei­ten von Lius Welt wir­ken genau­so lebens­echt wie die fan­tas­ti­sche Tier­welt die­ser Inseln (und des Kon­ti­nents hin­ter dem Sturmwall). 

Der lan­ge Bogen die­ser 2000 Sei­ten erzählt, wie es nach der Inva­si­on der Lyu­cu im Reich Dara wei­ter­geht. Wir fol­gen den ver­schlun­ge­nen Pfa­den von Kuni Garus Kin­dern und Kai­se­rin Jia. Timu ver­schlägt es als Kon­sor­te der Pékyu Tan­va­na­ki in die von Lyu­cu erober­ten Inseln Dasu und Rui (Ukyu-taa­sa bzw. „unre­de­e­med Dasu“, je nach poli­ti­scher Sicht­wei­se), Thé­ra geht den „inter­es­san­ten Weg“ hin­ter den Sturm­wall nach Ukyu-Gon­dé, um die Agon – die dor­ti­gen Gegen­spie­ler der Lyu­cu, die die­sen von außen sehr ähn­lich wir­ken – als Ver­bün­de­te zu gewin­nen (und es kommt natür­lich anders als gedacht), Kron­prinz Phy­ro wird von sei­ner Stief­mut­ter Jia vom Thron fern­ge­hal­ten und Fara, Deck­na­me „Dan­de­l­ion“, die wir als klei­ne Schwes­ter ken­nen­ge­lernt haben, wür­de sich am liebs­ten Kunst und Male­rei wid­men. Und das ist nur ein klei­ner Teil der han­deln­den Per­so­nen – Zomi Kido­su taucht eben­so auf die wie wild zusam­men­ge­wür­fel­te „Blos­som Gang“, deren Talen­te zusam­men die Welt ver­än­dern könn­ten. Und und und. (Und neben arran­gier­ten, poli­ti­schen Hei­ra­ten gibt es auch die eine oder ande­re Liebesgeschichte.)

Ken Liu selbst spricht auf sei­ner Web­site davon, dass es ihm hier um „Ingenieur*innen statt Magier*innen“ geht – die auf das zurück­grei­fen, was mit west­li­chem Blick als „asia­tisch“ gele­sen wird:

„In the silk­punk world of my novels, this view of tech­no­lo­gy is domi­nant. The voca­bu­la­ry of the tech­no­lo­gy lan­guage reli­es on mate­ri­als of his­to­ri­cal importance to the peo­p­le of East Asia and the Paci­fic islands: bam­boo, shells, coral, paper, silk, fea­thers, sinew, etc. The grammar of the lan­guage puts more empha­sis on biomimetics–the air­ships regu­la­te their lift by ana­lo­gy with the swim blad­ders of fish, and the sub­ma­ri­nes move like wha­les through the water. The engi­neers are cele­bra­ted as gre­at artists who trans­form the exis­ting lan­guage and evol­ve it toward ever more beau­tiful forms.“

Kurz gesagt: „It’s epic fan­ta­sy with a hea­vy dose of sci­fi — I mean, Luan Zya lite­ral­ly pro­claims, ‘the uni­ver­se is kno­wa­ble,’ a mani­festo of the sci­en­ti­fic view of the cosmos.“

(In Ukyu-Gon­dé kom­men, um das zu ergän­zen, dann Kno­chen, Seh­nen und ande­re Kör­per­tei­le der Gari­na­fin und ande­rer Tie­re als Mate­ri­al zum Ein­satz – pas­send zur kul­tu­rel­len Spra­che die­ses Kontinents.)

Wer sich auf die Dan­de­l­ion Dynasty ein­lässt, erlebt vie­le Stun­den in einer plau­si­blen, aber kul­tu­rell ande­ren Regeln fol­gen­den Welt.Gleichzeitig ist das Buch auch da rea­lis­tisch, wo es um Gräu­el geht – aus einer Ideo­lo­gie der kul­tu­rel­len Rein­heit erwächst ein Ter­ror­re­gime, Ver­rat endet blu­tig, und bei aller Nach­voll­zieh­bar­keit der Moti­ve (und Begeis­te­rung über die dahin­ter ste­hen­de Inge­nieurs­kunst) blei­ben Waf­fen Waf­fen. Das Ende – Vignet­ten zei­gen, wie sich die Welt von Dara Jahr­zehn­te nach dem „Ende“ der Hand­lung wei­ter­ent­wi­ckelt hat – ver­söhnt dann eini­ger­ma­ßen. Viel­leicht steckt in die­sem Epos hier sogar der Kern einer rea­lis­ti­schen Uto­pie („mel­ding past-reinter­pre­ta­ti­on with future-hopecrafting“). 

Photo of the week: #NextFrontiers Stuttgart (@ Uni Stuttgart)

#NextFrontiers Stuttgart (@ Uni Stuttgart)

 
Anfang Mai habe ich es end­lich mal geschafft, mir die #Next­Fron­tiers-Kon­fe­renz („Appli­ed Fic­tion Days“) anzu­schau­en. Ich bin in deren News­let­ter, und die­se Stutt­gar­ter Kon­fe­renz gibt es seit 2019, bis­her kam aber immer was dazwi­schen. Die Prä­mis­se fin­de ich hoch­span­nend: Wis­sen­schaft und Sci­ence Fic­tion ein­an­der begeg­nen las­sen, und mal gucken, was herauskommt. 

Der Eröff­nungs­abend in der Stadt­bi­blio­thek Stutt­gart mit der Phi­lo­so­phie­pro­fes­so­rin Amrei Bahr und der Schrift­stel­le­rin Berit Glanz, die sich auf hohem Niveau über Künst­li­che Intel­li­genz unter­hal­ten haben, hat Spaß gemacht, und war mal etwas ande­res als die har­ten „Dafür“/„Dagegen“-Takes aus den sozia­len Medi­en. Nein, man kann auch sehr dif­fe­ren­ziert dar­auf gucken, wie LLMs wir­ken, wo Expe­ri­men­te damit coo­le Expe­ri­men­te sind, und wo es um Kapi­ta­lis­mus und Aus­beu­tung geht. 

Der Tagungs­tag selbst fand dann in der Uni Stutt­gart statt (ein High­light des Pri­mär­far­ben­bru­ta­lis­mus). Das abge­stürz­te UFO im Ein­gangs­be­reich war schon mal viel­ver­spre­chend, abge­se­hen davon fühl­te ich mich aber eher etwas lost – das übli­che Kaffeepausen-wenn-man-niemand-kennt-Problem. 

Die Vor­trä­ge waren v.a. Vor­trä­ge (in einem Hör­saal, der das Pri­mär­far­ben­bru­ta­lis­mus-Sche­ma fort­setz­te), die sich jeweils dar­an anschlie­ßen­den Gesprä­che dann lei­der aus mei­ner Sicht wenig ergie­big. Die Key­note von Maar­ten Hajer und Jero­en Oomen zu „Cap­ti­ve Futures“ und der Rol­le von Zukunfts­er­zäh­lun­gen für poli­ti­sches Enga­ge­ment war auf­schluss­reich, und auch die Vor­trä­ge von Dirk Brock­mann („Den­ken wie ein Pilz“), Adri­an Kel­ler („DNA Data Sto­rage“) und Thar­shan Mas­he­wa­ran („Pla­ne­ta­ry Suns­ha­de“) fand ich inter­es­sant. Mar­cus Ham­mer­schmitt prä­sen­tier­te als SF-Autor „in resi­dence“ drei mehr oder weni­ger pes­si­mis­ti­sche Zukunfts­sze­na­ri­en; ein ech­ter Aus­tausch zwi­schen Brock­mann und ihm kam dann aller­dings nicht zustan­de, weil bei­de, so mein Ein­druck, ein­fach über kom­plett unter­schied­li­che Din­ge rede­ten. Karl­heinz Stein­mül­ler trat als Con­fé­ren­cier zu Kel­ler auf, und mach­te das recht char­mant. The­re­sa Han­nig wie­der­um, die den Suns­ha­de-Vor­schlag als SF-Autorin kom­men­tie­ren soll­te, kon­fron­tier­te eher; das erschien mir an die­ser Stel­le nicht hilf­reich. Die Autorin Emma Bras­lavs­ky schließ­lich ging in ihrer Key­note noch­mals auf KI ein, mit einem recht kom­ple­xen Bogen von Mythen und der Ent­ste­hung des Ich-Bewusst­seins in Ver­bin­dung mit dem Auf­kom­men von Religionen. 

Für sich genom­men wie gesagt alles durch­aus inter­es­sant; ein Gan­zes hat es für mich aber nicht erge­ben. Zudem war an der einen oder ande­ren Stel­le spür­bar, dass es sich hier auch um eine Lehr­ver­an­stal­tung des IZKT han­del­te und das Publi­kum teil­wei­se aus (zwangs­ver­pflich­te­ten?) Stu­die­ren­den bestand, an die sich dann auch der Work­shop-Tag (an dem ich nicht teil­ge­nom­men habe und der viel­leicht eher als der Vor­trags­tag das „sci­ence meets sci­ence fic­tion“ umge­setzt hät­te) pri­mär rich­te­te. Viel­leicht lag es am Hör­saal als Ort, dass das alles recht fron­tal ablief und die Publi­kums­in­ter­ak­ti­on auf Slido da und ein paar weni­ge Fra­gen dort begrenzt war. Gefreut hät­te ich mich im Rah­men­pro­gramm auch über sagen wir einen Stand eines SF-Ver­lags oder ein paar Pos­ter aus dem IZKT. Für „Wir wol­len die Stutt­gar­ter SXSW sein“ war das dann doch ein biss­chen zu sehr Hochschule.

Science Fiction und Fantasy im Mai 2026

Very little moon

Defi­ni­tiv weder Sci­ence Fic­tion noch Fan­ta­sy ist die ARTE-Doku, auf die ich auf­merk­sam gemacht wur­de, nach­dem ich auf Mast­o­don über mein Mai-Rab­bit­ho­le berich­tet hat­te. Das bestand, wie im neben­ste­hen­den Bild zu sehen, dar­in, in Brick­link Stu­dio viel Zeit damit zu ver­brin­gen, die typi­sche Archi­tek­tur von Städ­ten wie Kopen­ha­gen oder eben Ams­ter­dam in vir­tu­el­len Lego-Model­len nach­zu­bau­en. Das macht Spaß, weil anders als in rea­lem Lego a. viel Platz da ist (die aktu­el­le Datei mit über 140.000 Lego­bau­stei­nen bringt mei­nen PC dann aller­dings an sei­ne Gren­zen), b. die Model­le nichts kos­ten und c. modu­la­ri­sier­tes Bau­en ein­fach mög­lich ist. Jeden­falls führ­te das zu Tors­tens Hin­weis auf die lei­der nur noch bei You­tube und nicht mehr in der ARTE-Media­thek zu fin­den­de, drei­ein­halb­stün­di­ge Doku The Magni­fi­ci­ent Three: Ams­ter­dam – Lon­don – New York. Eigent­lich gar nicht mein Gen­re, aber dann doch ein sehr gut gemach­ter Blick auf die eng mit ein­an­der ver­wo­be­ne Geschich­te aus Kapi­ta­lis­mus, Reli­gi­ons­krie­ge, Städ­te­bau und Kolo­nia­li­sie­rung, die auch erklärt, war­um die drei Städ­te so aus­se­hen, wie sie aus­se­hen. Etwas diver­se­re Expert*innen hät­ten der Serie gut getan, aber das ist auch schon mein ein­zi­ger Kri­tik­punkt. Dan­ke also für die Empfehlung! 

Gele­sen habe ich natür­lich auch – unter ande­rem einen der dies­jäh­ri­gen Locus-Gewin­ner, näm­lich das sehr cute Comic­buch The Space Cat (2025) von Nne­di Oko­ra­for und Tana Ford. Die etwas außer­ir­di­sche Kat­ze Peri­wink­le erzählt von ihren Aben­teu­ern in den USA und in Nige­ria, und ret­tet neben­bei die Welt – es pas­siert also gar nicht so viel, trotz­dem eine sehr net­te Sache.

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