Das Problem sind nicht die fehlenden Ideen – das Problem ist der Weg zur Umsetzung

Am 29. und 30. Mai 2026 fin­det „IM/PULS“ statt. Das ist nicht der kul­tur­po­li­ti­sche Arbeits­kreis „Im-Puls“ Stau­fen­berg, auch nicht die säch­si­sche Nacht der Jugend­kul­tu­ren „im:puls“, und erst recht nicht das „Im.Puls“-Bewegungsteam oder die „Im·Puls“-Tagung Lebens­kraft. Nein, hin­ter die­sem Namen – auf das Satz­zei­chen kommt es an – ver­birgt sich was Bündnis/Grünes – genau­er gesagt: „Zwei Tage für Ideen, Debat­ten und Per­spek­ti­ven“. Ein grü­ner Kon­gress irgend­wo zwi­schen Bar­camp, Re:publica und Par­tei­tag. Gesucht wer­den sol­len „Ant­wor­ten auf eine Welt im Wan­del“. Klingt alles irgend­wie nice, trotz­dem: so rich­tig begeis­tert bin ich davon bis­her nicht. Und über­le­ge, ob ich mir das Wochen­en­de ein­pla­nen soll oder nicht.

War­um die­ses Zögern? Banal betrach­tet ver­mut­lich des­we­gen, weil ich schon zu lan­ge dabei bin, zu vie­le Zukunfts‑, Per­spek­tiv- und Pro­gramm­kon­gres­se erlebt habe, und auch schon zu lan­ge im „Poli­tik­ma­nage­ment“ tätig bin. Etwas weni­ger banal bin ich mir nicht sicher, ob ich die Prä­mis­se hin­ter „IM/PULS“ tei­le. Hin­ter der Pro­sa steckt der – legi­ti­me – Ver­such, pro­gram­ma­ti­sche Wei­ter­ent­wick­lung inner­halb der in den letz­ten Jah­ren stark gewach­se­nen Par­tei zu orga­ni­sie­ren. Und ja, die Welt heu­te ist eine ande­re als vor zehn oder fünf­zehn Jah­ren, und sie ist auch eine ande­re als 2018 (da wur­de das letz­te Grund­satz­pro­gramm beschlos­sen). Und ja, es gibt ein paar inner­par­tei­li­che Kon­flik­te, die eher über­tüncht als gelöst wor­den sind. Trotz­dem: im Gro­ßen und Gan­zen habe ich den Ein­druck, dass wir pro­gram­ma­tisch gut auf­ge­stellt sind. 

Wir haben eine aus mei­ner Sicht rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung der Welt­pro­blem­la­gen, wir haben viel­fach ganz gute Kon­zep­te, um zur Pro­blem­lö­sung bei­zu­tra­gen, und da, wo wir rat­los sind, hat das oft mehr damit zu tun, dass es kei­ne gute Lösung gibt (klei­nes Stich­wort: Nah­ost­kon­flikt), als damit, dass wir sie nicht kennen. 

Was wir aktu­ell nicht haben, ist eine Macht­per­spek­ti­ve. Da, wo es die­se gibt, fin­den wir einen erstaun­lich gro­ßen Zuspruch. Wobei mein Ein­druck am Info­stand in Baden-Würt­tem­berg war: den meis­ten Men­schen sind die Details unse­res Pro­gramms egal. Da zählt ins­ge­samt der Ein­druck, dass wir ganz ordent­lich arbei­ten, das Herz am rech­ten Fleck und die rich­ti­gen Wer­te haben, und dass es für Baden-Würt­tem­berg deut­lich bes­ser ist, wenn Cem Özd­emir Minis­ter­prä­si­dent wird, als wenn jemand ande­res die­ses Amt aus­füllt. Und die 30,2 Pro­zent haben auch etwas damit zu tun, dass eben kei­ne gro­ßen pro­gram­ma­ti­schen grü­nen Debat­ten statt­fan­den, son­dern sehr prag­ma­tisch „Bein­frei­heit“ zuge­stan­den wur­de. Was am Schluss dabei her­aus kommt, wis­sen wir dann, wenn es soweit ist. 

Was jetzt schon klar ist: wenn, wird es in Baden-Würt­tem­berg wie­der eine lager­über­grei­fen­de Koali­ti­on aus Grü­nen und CDU geben. Genau­so, wie es in Rhein­land-Pfalz eine lager­über­grei­fen­de Koali­ti­on aus CDU und SPD geben wird. Und auch im Bund war die „Gro­ße Koali­ti­on“ ja bekannt­lich das ein­zi­ge, was nach einem ober­fläch­lich ähn­lich per­so­nen­zen­trier­tem, fak­tisch aber doch anders gela­ger­tem Wahl­kampf übrig blieb. 

Wer sich die Umfra­gen der letz­ten Mona­te anschaut, und mal ein biss­chen rech­net, kommt immer auf etwa 35, 36 Pro­zent für ein holz­schnitt­ar­ti­ges „lin­kes Lager“ aus SPD, Grü­nen und Links­par­tei. Es gab Zei­ten, wo das anders war, aber aktu­ell ver­schie­ben sich Umfra­ge­wer­te inner­halb die­ses Lagers – und nur da. Auf der ande­ren Sei­te ste­hen rund 25 Pro­zent für CDU/CSU und noch ein­mal rund 25 Pro­zent für die AfD. Macht­op­tio­nen wären damit aktu­ell: eine CDU/C­SU-AfD-Koali­ti­on (die hof­fent­lich die Mehr­heit der Uni­on wei­ter­hin ablehnt) oder eine Koali­ti­on aus CDU/CSU und (SPD und/oder Grü­nen); je nach Zahl der ver­lo­re­nen Stim­men und der Fra­ge, wer inner­halb des „lin­ken Lagers“ gera­de vor­ne liegt, könn­te es knapp für eine Zwei­er­ko­ali­ti­on reichen. 

Auch wenn die Umfra­ge­wer­te in den letz­ten Mona­ten wenig Dyna­mik zei­gen, gibt es natür­lich die Mög­lich­keit, dass vor der nächs­ten Bun­des­tags­wahl doch noch etwas in Bewe­gung gerät, dass bei­spiels­wei­se der ver­blie­be­ne links­li­be­ra­le Rest der FDP-Wähler*innen ent­deckt, dass es Grü­ne gibt, oder dass Tei­le der CDU/C­SU-Wäh­ler­schaft sich für eine oder einen „mit­ti­gen“ grüne*n Kandidat*in begeis­tern. Solan­ge die oder der kei­ne Gen­der­stern­chen benutzt und sich auch sonst betont bür­ger­lich gibt. 

Aber selbst in die­sen Sze­na­ri­en ist eine eigen­stän­di­ge „lin­ke“ Mehr­heit weit weg. Eine eigen­stän­di­ge „rech­te“ Mehr­heit wird von der star­ken AfD ver­hin­dert, so lan­ge die­se nicht Teil davon ist.

Was ich sagen will: wenn es eine Macht­op­ti­on gibt, dann ist es eine lager­über­grei­fen­de. Und das heißt, um noch­mal auf Baden-Würt­tem­berg zurück zu kom­men, dass am Schluss neben eini­gen grü­nen Juwe­len ver­mut­lich sehr viel CDU/C­SU-Wei­ter­so in einem Pro­gramm zu fin­den sein wird. 

Wenn wir das nicht wol­len, dann soll­te – uno­po­pu­lä­re Mei­nung – im Mit­tel­punkt einer „IM/PULS“-Tagung nicht die Fra­ge der pro­gram­ma­ti­schen Wei­ter­ent­wick­lung ste­hen, son­dern die Fra­ge, wel­che gesell­schaft­li­chen Bünd­nis­se (auch außer­halb der eige­nen Kom­fort­zo­ne) not­wen­dig sind. Oder die Fra­ge, wel­che Inhal­te wir nach vor­ne stel­len, um anschluss­fä­hig an die Fra­gen der Zeit zu blei­ben (und wel­che eher nicht). Oder die Fra­ge, wie es gelingt, grün zu blei­ben und sich trotz­dem geschlos­sen, über­zeugt und über­zeu­gend hin­ter einer Per­son zu ver­sam­meln, die eine reel­le Chan­ce hat, die Umfra­ge­er­geb­nis­se so zu ver­schie­ben, dass Optio­nen dafür greif­bar wer­den, die guten und muti­gen grü­nen Kon­zep­te, die es ja gibt, auch umzu­set­zen. Und dabei davon aus­zu­ge­hen, dass es von Tag eins an fie­se Gegen­kam­pa­gnen geben wird – die schon ein­kal­ku­liert wer­den müss­ten, ohne jedoch den Mut zu ver­lie­ren. Zu dis­ku­tie­ren, was dafür jetzt getan wer­den kann: das wäre für mich ein Impuls, der die Par­tei vor­an­tra­gen könnte.

Parteireform?!

Bee party I

Bünd­nis 90/Die Grü­nen sind in den letz­ten Jah­ren enorm gewach­sen – nicht ganz so stark wie eng­li­schen Grü­nen, die gefühlt gera­de explo­die­ren, aber immer­hin: Zum 31.12.2024 waren es in Deutsch­land rd. 155.000 Grü­ne (+23% im Ver­gleich zum Vor­jahr), zum 31.12.2025 waren es dann über 180.000 (erneut +18%). Im Ver­gleich zum Zustand Mit­te der 1990er Jah­ren, als ich in die Par­tei ein­ge­tre­ten bin, ist das fast unvor­stell­bar – da waren es knapp 50.000 Mit­glie­der, und die­se Grö­ßen­ord­nung galt bis zum Reform­kurs von Robert Habeck und Anna­le­na Baer­bock 2018 – ab da ging’s dann los mit dem Wachstum.

Das als Hin­ter­grund macht klar, war­um in letz­ter Zeit immer wie­der über eine struk­tu­rel­le Par­tei­re­form gespro­chen wird. Ja, es ist irgend­wie logisch, dass eine vier­mal so gro­ße – und auch in ande­rer Hin­sicht z.T. pro­fes­sio­na­li­sier­te – Par­tei ande­re Instru­men­te braucht. Gleich­zei­tig zucke ich bei dem Gedan­ken zurück, dass wir Grü­nen uns jetzt erst­mal über Mona­te mit Sat­zungs­fra­gen befas­sen. Das ist eine schö­ne Beschäf­ti­gung, wenn es gera­de nichts wich­ti­ge­res gibt. Und „nichts wich­ti­ge­res“ beschreibt die Lage aktu­ell, nun ja, nicht wirk­lich gut. Den­noch: ich sehe einen gewis­sen Sinn dar­in, das Fass der Par­tei­re­form jetzt auf­zu­ma­chen. Und auch den prag­ma­ti­schen Ansatz des Bun­des­vor­stands fin­de ich nach­voll­zieh­bar, jeden­falls deut­lich bes­ser als theo­re­ti­sche Über­bau­dis­kus­sio­nen über das Ende der Mit­glie­der­par­tei etc. etc. – all das gab es auch schon mal.

Auf der Web­site des grü­nen Bun­des­ver­bands wird die Par­tei­re­form wie folgt beschrieben:

„Doch auch eine gute Sat­zung braucht von Zeit zu Zeit Aktua­li­sie­rung und Klar­stel­lung. Jetzt ist ein sol­cher Moment: Wir wol­len an dem fest­hal­ten, was sich bewährt hat und moder­ni­sie­ren, was uns für die kom­men­den Jah­re hand­lungs­fä­hi­ger macht.“

Über die Sat­zungs­än­de­run­gen soll in einer Urab­stim­mung, nicht auf einem Par­tei­tag ent­schie­den wer­den. Freund­lich inter­pre­tiert geht es dar­um, alle Mit­glie­der mit­zu­neh­men und mit­ent­schei­den zu las­sen – etwas weni­ger freund­lich inter­pre­tiert lese ich aus dem gewähl­ten Vor­ge­hen auch eine gewis­se Angst vor den Eigen­in­ter­es­sen der Par­tei­tags­de­le­gier­ten her­aus. (Und, Nach­trag: Ände­rungs­an­trä­ge oder Alter­na­tiv­an­trä­gen sind auf die­sem Weg natür­lich auch nicht mög­lich.) So oder so: es zeich­net eine basis­de­mo­kra­ti­sche Par­tei aus, dass die­se Orga­ni­sa­ti­ons­fra­gen von der Par­tei ins­ge­samt ent­schie­den werden. 

Und: die Urab­stim­mung ist mehr­stu­fig, aktu­ell läuft noch die Kom­men­tie­rungs­pha­se, bei der – bis 31. März 2026 – Stel­lung­nah­men von Mit­glie­dern und Orga­nen ein­ge­reicht wer­den kön­nen, die dann in einem Rea­der zusam­men­ge­fasst wer­den. Die eigent­li­che Abstim­mung star­tet mit dem Ver­sand der Wahl­be­nach­rich­ti­gun­gen Mit­te Mai, abge­stimmt wird dann im Juni.

Wor­um soll es nun ganz kon­kret gehen?

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Neustart gelungen

Die 50. Bun­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz von Bünd­nis 90/Die Grü­nen – gezählt seit dem Zusam­men­schluss bei­der Par­tei­en 1993 – tag­te an die­sem Wochen­en­de im schmu­cken Rhein Main Con­gress Cen­trum in Wies­ba­den. Ich war als Dele­gier­ter für mei­nen Kreis­ver­band dabei; als ich mich dele­gie­ren ließ, war die Welt noch eine ande­re. Bei der Auf­stel­lung hat­te ich ambi­va­len­te Gefüh­le – Frei­tag bin ich dann schon mit sehr viel mehr Zuver­sicht zum Par­tei­tag gefahren.

Aus­führ­lich lässt sich in Mast­o­don unter dem Hash­tag #bdk24 nach­le­sen, wie die­ser Par­tei­tag gelau­fen ist. Die Zuver­sicht hat sich als berech­tigt erwie­sen; der grü­ne Neu­start ist gelungen.

Im Kern sind es vier Din­ge, die wir auf die­ser BDK gemacht haben:

  • Dank und Wertschätzung
  • Neu­wahl des Bundesvorstands
  • Start in den Wahl­kampf mit dem #Team­Ro­bert
  • Beschlüs­se zu aus der Par­tei­ba­sis her­aus gesetz­ten, inhalt­li­chen Themen

„Neu­start gelun­gen“ weiterlesen

Metadualismus: Wie weiter mit den Grünen?

SkyEine Euro­pa­wahl, die deut­lich gemacht hat, dass 2019 eine Aus­nah­me war, und uns auf den Stand der Jah­re davor zurück gewor­fen hat. Auch bei den Kreis­tags­wah­len deut­li­che Ver­lus­te (in Baden-Würt­tem­berg lan­des­weit rund fünf Pro­zent­punk­te). Bei den Gemein­de­rats­wah­len sieht es etwas bes­ser aus, in vie­len Gemein­den sind wir da sta­bil geblie­ben (und sehen jün­ge­re und weib­li­cher gewor­de­ne Frak­tio­nen). Jeden­falls: mal wie­der eine gro­ße Kri­se der Partei.

Dar­auf gibt es jetzt zwei Reak­tio­nen. Auf der einen Sei­te ste­hen die, die die­se Lage dazu nut­zen wol­len, das durch­zu­set­zen, was sie schon immer woll­ten. Grü­ne zu einer super­rea­len Par­tei ähn­lich den Grün­li­be­ra­len in der Schweiz umfor­men. Oder, sel­te­ner zu hören, aber doch prä­sent: Rück­be­sin­nung auf grü­ne Wer­te, schär­fe­res Pro­fil, kla­re­re lin­ke Poli­tik. Die einen füh­ren die Abwan­de­rung zur CDU (im Ver­gleich zur Bun­des­tags­wahl) als Grund an, die ande­ren die gro­ßen Ver­lus­te Rich­tung Nichtwähler*innen und Kleinst­par­tei­en. Die einen glau­ben, dass wir zum Bei­spiel beim The­ma Migra­ti­on nur gewin­nen kön­nen, wenn wir här­ter als die Uni­on auf­tre­ten, die ande­ren kämp­fen für den Erhalt des Asyl­rechts. Und so wei­ter und so weiter.

Auf der ande­ren Sei­te ste­hen die, die glau­ben, dass die Lage kom­pli­zier­ter ist. Die an dem Pro­jekt einer breit auf­ge­stell­ten Bünd­nis­par­tei fest­hal­ten wol­len. Die Prag­ma­tis­mus und Wer­te ver­bin­den möch­ten und wis­sen, dass das nicht immer leicht fällt. Und die wie alle ande­ren dar­an lei­den, dass die durch­aus vor­han­de­nen grü­nen Erfol­ge im Bund unter all dem Streit kaum zu sehen sind. 

Ver­mut­lich ist es zwi­schen den Zei­len schon deut­lich gewor­den: ich hal­te nichts von dem ver­meint­lich ein­fa­che­ren Weg, jetzt eine inhalt­lich homo­ge­ne Par­tei for­men zu wol­len. Nicht als Super­re­alo­pro­jekt, aber auch nicht als Selbst­ver­zwer­gung zu einer neu­en Klein­par­tei a la Volt oder Klimaliste. 

Und ich hal­te auch nichts davon, die Tat­sa­che, dass uns der Zeit­geist gera­de ins Gesicht weht, dazu zu nut­zen, die grü­ne Pro­gram­ma­tik über Bord zu wer­fen. Es gibt ja Grün­de dafür, war­um wir das in unse­re Wahl­pro­gram­me geschrie­ben haben, was da steht. Und nur weil es gera­de nie­mand wahr­ha­ben will, ändert das weder etwas an der Phy­sik des Kli­ma­wan­dels noch an den inter­na­tio­na­len Ver­wer­fun­gen und deren Folgen.

Inso­fern bin ich über­zeugt davon, dass unse­re Zie­le wei­ter die rich­ti­gen sind. Stellt sich also die Fra­ge, wie wir die­se umset­zen, mit wem dies gelin­gen kann, und wo – soviel Selbst­kri­tik muss dann auch sein – unter dem Deck­man­tel der Regie­rungs­fä­hig­keit pro­gram­ma­tisch neue Wege ein­ge­schla­gen wor­den sind, ohne die Par­tei mit­zu­neh­men. Das betrifft bei­spiels­wei­se die Frie­dens­po­li­tik. Ich fin­de unse­re kla­re Hal­tung hier rich­tig, auch wenn ich es ab und zu dann doch erstaun­lich fin­de, woher die­je­ni­gen kom­men, die die­se neue Hal­tung am lau­tes­ten ver­tre­ten. Aber weil Eile gebo­ten war – und viel­leicht auch, weil unschö­ne Debat­ten ver­mie­den wer­den soll­ten: so rich­tig in der Par­tei in ihrer Brei­te dis­ku­tiert wur­de hier nicht. Und es gibt wei­te­re The­men, bei denen es ähn­lich ist. Friss oder stirb funk­tio­niert in einem demo­kra­ti­schen Rah­men nur sehr begrenzt. Da sehe ich – nach innen – eine Leerstelle. 

Greenhouse XVIII

2025, in gut einem Jahr, fin­det eine Bun­des­tags­wahl statt. Der nächs­te Bun­des­par­tei­tag fin­det im Novem­ber statt. Ich ver­mu­te, dass dort das Bun­des­tags­wahl­pro­gramm beschlos­sen wer­den wird. Ich neh­me noch nicht wahr, dass es für die Erstel­lung die­ses Pro­gramms – dass ja eini­ge der ange­ris­se­nen Fra­gen beant­wor­ten muss – bereits einen guten Pro­zess gibt. Viel­leicht bin ich da nicht mehr nah genug dran an BAGen und Bun­des­ge­schäfts­stel­le. Bis­her habe ich dies­be­züg­lich jeden­falls nichts wahr­ge­nom­men. Dabei ist so ein Pro­gramm­pro­zess immer auch eine Chan­ce, die eige­ne Posi­ti­on zu schär­fen, erreich­tes her­aus­zu­ar­bei­ten und deut­lich zu machen, in wel­che Rich­tung es gehen soll. Dis­ku­tie­ren wir als Par­tei noch?

Damit das rich­tig ver­stan­den wird: mir ist der Pro­zess wich­ti­ger als das Ergeb­nis. Ich glau­be, ein gro­ßer Teil von Stär­ke und Geschlos­sen­heit in den Jah­ren ab 2018 lässt sich dadurch erklä­ren, dass es immer wie­der For­ma­te, öffent­li­che Posi­tio­nie­run­gen und Debat­ten gab, in denen wir als Par­tei – teil­wei­se auch stell­ver­tre­tend für die Gesell­schaft – um Hal­tun­gen und Posi­tio­nen gerun­gen haben. Natür­lich ist dafür in Regie­rungs­be­tei­li­gung weni­ger Raum, natür­lich sind vie­le der Akteur*innen, die das damals auf die Bei­ne gestellt haben, jetzt im engen Kor­sett von Bun­des­mi­nis­te­ri­en und Regie­rungs­frak­ti­on gefan­gen. Trotz­dem: den Bedarf dafür gibt es, wenn wir nicht aus­trock­nen wollen.

(Das gilt erst recht für das jetzt hoch und run­ter dis­ku­tier­te The­ma der Jungwähler*innen, die plötz­lich genau so wäh­len wie ihre Eltern. Lasst uns reden und rin­gen und damit zei­gen, dass wir wei­ter­hin die Par­tei sind, die an ernst­haf­ten und tie­fer­ge­hen­den Ant­wor­ten inter­es­siert sind. Das macht uns nicht plötz­lich cool, aber bes­ser als Anbie­de­rung ist es allemal.)

Das wäre jeden­falls mei­ne Ant­wort auf die oben auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge des wie wei­ter. Nicht die Leu­te auf der einen Sei­te oder die Leu­te auf der ande­ren Sei­te ver­grau­len in der vagen Hoff­nung, son­dern den Anspruch ernst zu neh­men, die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen zu ver­han­deln und gemein­sa­me Hal­tun­gen zu fin­den. Und dass dann auch nach außen zu ver­mit­teln, jen­seits wohl­fei­ler Sprü­che und Paro­len (und natür­lich trotz­dem ger­ne in einer ver­ständ­li­chen Sprache). 

Der­wei­len freue ich mich dar­über, dass es uns hier vor Ort gelun­gen ist, im Kom­mu­nal­wahl­kampf neue Gemein­sam­kei­ten zu ent­de­cken und neu­en Schwung in den Orts­ver­band zu brin­gen. Das kann dann auch gefei­ert werden. 

Auf dem Weg zur Kommunalwahl

Buschwindröschen II

Am 9. Juni 2024 fin­det in Baden-Würt­tem­berg nicht nur die Euro­pa­wahl statt, son­dern auch die Kom­mu­nal­wahl in den Gemein­den, Stadt- und Land­krei­sen. Und wie jede Wahl, so hat auch die­se einen Vor­lauf. Bereits im Som­mer letz­ten Jah­res haben wir in Gun­del­fin­gen begon­nen, uns zwi­schen Orts­vor­stand und aktu­el­ler Frak­ti­on Gedan­ken dar­über zu machen, wer für die Lis­te ange­fragt wer­den kann. 

Als Gemein­de mit 12.000 Einwohner*innen besteht der Gun­del­fin­ger Gemein­de­rat aus 22 Plät­zen, eine Teil­orts­wahl gibt es glück­li­cher­wei­se nicht mehr. Das heißt auch: 22 Leu­te zu fin­den, die bereit sind, mit ihrer Per­son für die grü­ne Sache in die Öffent­lich­keit zu gehen. Die Lis­te haben wir dann am 30. Novem­ber 2023 gewählt, zudem zwei Ersatzkandidat*innen. Wie bei jeder grü­nen Lis­te gilt das Frau­en­sta­tut, d.h. jeder zwei­te Platz (1, 3, 5, …) ist für eine Frau reser­viert. Her­aus­ge­kom­men ist eine bun­te Mischung aus Men­schen, die lan­ge für die grü­ne Sache aktiv sind und einer gan­zen Rei­he neu­er Gesich­ter, aus Par­tei­mit­glie­dern und Sympathisant*innen, die – zum Teil in ande­ren Grup­pen wie etwa Foodsha­ring oder Flücht­lings­hel­fer­kreis aktiv – bereit waren, auf unse­re Lis­te zu gehen. Die Lis­te umfasst ein Alters­spek­trum von 18 bis 80 Jah­re (und ganz schön vie­le Akademiker*innen …).

Ein paar Tage spä­ter, am 7. Dezem­ber 2023 haben wir dann noch unse­re sechs Kandidat*innen für den Wahl­kreis Gun­del­fin­gen (mit Glot­ter­tal, St. Peter und Heu­wei­ler) für die Kreis­tags­wahl nomi­niert. Der Kreis­tag hat ins­ge­samt 60 Kreisrät*innen, die in zwölf Wahl­krei­sen gewählt wer­den – Gun­del­fin­gen ist mit vier Man­da­ten einer der kleins­ten Wahlkreise. 

Par­al­lel zur Suche nach Kandidat*innen haben wir uns über­legt, was The­men für unser Wahl­pro­gramm sein könn­ten. Dazu fand im Okto­ber 2023 ein ers­ter Work­shop statt, auf dem Ideen gesam­melt wur­den. In meh­re­ren Ite­ra­tio­nen ent­stand dar­aus ein Wahl­pro­gramm, das in sei­ner fina­len Form am 14. März 2024 beschlos­sen wur­de. Natür­lich gibt es ein paar Dau­er­bren­ner­the­men, die in jedem grü­nen Wahl­pro­gramm für Gun­del­fin­gen auf­tau­chen – etwa die Ver­kehrs­si­tua­ti­on. Ver­stärkt in den Blick rücken mit dem dies­jäh­ri­gen Pro­gramm sozia­le Fra­gen und – auch moti­viert durch die Demons­tra­tio­nen in den ers­ten Mona­ten des Jah­res – das The­ma Demo­kra­tie und Betei­li­gung. Gleich­zei­tig wur­de in der Debat­te um das Pro­gramm deut­lich, dass es vie­le The­men gibt, die nur bedingt oder gar nicht in kom­mu­na­ler Zustän­dig­keit lie­gen. Gemein­den haben in Baden-Würt­tem­berg eine star­ke Stel­lung, aber vie­les wird doch auf ande­ren Ebe­nen entschieden.

Mit Lis­te und Pro­gramm steht jetzt der Wahl­kampf bevor. Ab Mit­te April darf in Gun­del­fin­gen pla­ka­tiert wer­den und sind Info­stän­de mög­lich. Bei­des wer­den wir natür­lich nut­zen. Hin­zu kommt die Öffent­lich­keit in sozia­len Medi­en als wei­te­res Feld. Für den Wahl­kampf lau­fen aktu­ell die letz­ten Vor­be­rei­tun­gen – der Kreis­ver­band hat beim Lan­des­ver­band Pla­ka­te und Mate­ria­li­en für Info­stän­de bestellt, es gibt Fotos der Kandidat*innen, und ich bin gera­de dabei, unser Pro­gramm und unse­re Lis­te in eine Form zu brin­gen, die dann ver­teilt und bewor­ben wer­den kann. Hilf­reich dafür sind Lay­out­vor­ga­ben und ‑ele­men­te, die der Lan­des­ver­band im Rah­men der Kam­pa­gne „Dafür sind wir hier.“ bereit stellt, und die dann an loka­le Gege­ben­hei­ten ange­passt wer­den kön­nen. Nicht zuletzt heißt Wahl­kampf auch, zu orga­ni­sie­ren, wer was in die Hand nimmt, wer wann am Stand steht und wel­che wei­te­ren Aktio­nen sinn­voll sind, um für unser Pro­gramm und unse­re Lis­te zu werben.

Span­nend bleibt jetzt, wie eigent­lich das Umfeld aus­sieht, in dem wir um Stim­men wer­ben. Mit sechs Plät­zen stel­len wir der­zeit die zweit­größ­te Frak­ti­on nach den Frei­en Wäh­lern; außer­dem sind SPD und CDU im Gemein­de­rat ver­tre­ten. All die­se Grup­pie­run­gen tre­ten wie­der an – über wei­te­re Lis­ten etwa aus dem ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Milieu gibt es bis­her nur Gerüch­te. Ges­tern war die Dead­line für die Ein­rei­chung von Lis­ten­vor­schlä­gen, es dürf­te also in Kür­ze klar sein, auf wen die Bürger*innen Gun­del­fin­gens am 9. Juni ihre Stim­men ver­tei­len kön­nen. Bis dahin haben wir als Orts­ver­band noch eini­ges zu tun – auch das gehört zu geleb­ter Demo­kra­tie dazu.