Party till it’s over

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Haben Par­tei­en eine Zukunft? Letz­tes Wochen­en­de fand in den Ber­li­ner Sophi­en­sä­len die Tagung „Zukunft der Par­tei­en­de­mo­kra­tie“ der Hein­rich-Böll-Stif­tung statt. Die­se Tagung ist Teil eines umfang­rei­cher ange­leg­ten Dis­kus­si­ons­pro­zes­ses, zu dem auch die Stu­die Par­tei 2025 gehört, die von Han­no Bur­mes­ter et al. für das SPD-nahe Pro­gres­si­ve Zen­trum, die Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung und eben die Böll-Stif­tung erstellt wur­de. Wei­te­re Ver­an­stal­tun­gen sol­len folgen.

Sind Par­tei­en denn nun in einem schlech­ten Zustand, gar in der Kri­se? Oder han­delt es sich, wie es etwa Jas­min Siri beton­te, bei der Kri­sen­rhe­to­rik um etwas, das – zumin­dest in Deutsch­land – schon immer mit unse­rem Bild von Par­tei­en ver­bun­den ist? 

Gelernt habe ich im Lauf der ver­schie­de­nen Panels, dass Par­tei­en schrump­fen und die milieu­spe­zi­fi­sche Bin­dungs­kraft ver­lo­ren geht. Im Ver­gleich zur Gesamt­be­völ­ke­rung ist ihre Mit­glied­schaft – wobei es da durch­aus Abwei­chun­gen zwi­schen ein­zel­nen Par­tei­en gibt – älter, männ­li­cher und gebil­de­ter als die Bevöl­ke­rung ins­ge­samt. Ent­spre­chend stell­te Mar­cel Lewan­dow­sky fest, dass das Par­tei­mit­glied nicht so rich­tig reprä­sen­ta­tiv ist. Und auch das Zur-Wahl-gehen oder das Nicht­wäh­len hat etwas mit der sozia­len Situ­iert­heit zu tun. 

Bet­ti­na Gaus fand ein über­zeu­gen­des Indiz dafür, dass Par­tei­en min­des­tens in einer Akzep­tanz­kri­se sind: Wenn selbst Spit­zen­funk­tio­nä­rIn­nen aller Par­tei­en nach einem „Ende des Par­tei­en­streits“ rufen, dann stimmt etwas nicht.

Wo steckt das Pro­blem? Funk­tio­nal betrach­tet, sol­len Par­tei­en die staat­li­che Wil­lens­bil­dung steu­ern, das poli­ti­sche Gemein­we­sen legi­ti­mie­ren, Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sozia­li­sie­ren und für poli­ti­sche Füh­rungs­po­si­tio­nen rekru­tie­ren sowie sozia­le Kräf­te reprä­sen­tie­ren (so Lewan­dow­sky mit Bezug auf Deck). Siri bringt es noch knap­per auf den Punkt: Funk­ti­on der Par­tei­en ist es, The­men und Per­so­nal auszuwählen.

Wil­lens­bil­dung und Legi­ti­ma­ti­on klappt soweit noch ganz gut, auch wenn’s gewis­se Akzep­tanz­pro­ble­me gibt. Ob das Par­tei­en­spek­trum alle rele­van­ten poli­ti­schen Kräf­te abbil­det, ist schon frag­li­cher. Und bei der Rekru­tie­rung und Sozia­li­sa­ti­on fin­den sich in der Tat Dys­funk­tio­na­li­tä­ten, inso­fern Par­tei­en wohl für vie­le Men­schen schlicht unat­trak­tiv sind. 

Das hat was mit dem Zeit­be­darf für die Par­tei­ar­beit zu tun, mit Hier­ar­chien und inter­nen Struk­tu­ren, mit dem – dar­auf leg­te Bur­mes­ter ganz beson­de­ren Wert – mise­ra­blen Umgang mit­ein­an­der, mit der feh­len­den Will­kom­mens­kul­tur und mit der feh­len­den Selbst­wirk­sam­keit (das Boh­ren dicker Bret­ter heißt eben auch, dass es viel Geduld und eine hohe Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz braucht, bis ein Resul­tat sicht­bar ist – wenn überhaupt).

Offen ist, wie viel von die­sen Unat­trak­ti­vi­täts­fak­to­ren in der Eigen­lo­gik der Par­tei­en ange­legt ist. Das stäh­ler­ne Gehäu­se Webers lässt das eher­ne Gesetz Michels grü­ßen. Wenn eine der Haupt­funk­tio­nen von Par­tei­en Selek­ti­on ist, und wenn Par­tei­en in der Öffent­lich­keit vor allem als mit­ein­an­der im Wett­streit lie­gen­de Orga­ni­sa­tio­nen auf­tre­ten, dann ist der Spiel­raum für einen freund­li­chen Umgang mit­ein­an­der mög­li­cher­wei­se gerin­ger, als eini­ge das ver­mu­ten. Und wenn Par­tei­en dazu da sind, ähn­lich gerich­te­te inter­es­sie­ren vie­ler tau­send Men­schen zu orga­ni­sie­ren, blei­ben Hier­ar­chien und damit ver­bun­de­ne Phä­no­me­ne wie Och­sen­tou­ren und Seil­schaf­ten nicht aus. Oli­ver Mar­chart ging noch einen Schritt wei­ter und loka­li­sier­te im Zen­trum der Demo­kra­tie einen lee­ren Ort (den nicht exis­tie­ren­den, nicht exis­tie­ren kön­nen­den ein­heit­li­chen Volks­wil­len), der Demo­kra­tie per se zu einer pre­kä­ren Ver­an­stal­tun­gen macht.

Der nei­di­sche Blick rich­te­te sich in der Tagung auf NGOs und Netz­wer­ke. Aber klar wird dann auch: NGOs (und erst recht das poli­ti­sche Kaba­rett) müs­sen sich nicht legi­ti­mie­ren. Sie brau­chen kei­ne inne­re demo­kra­ti­sche Struk­tur, sie dür­fen nach Belie­ben aus­schlie­ßen, und sie müs­sen vor allem nicht zu jedem The­ma etwas sagen. Sie müs­sen kei­ne Kom­pro­mis­se ein­ge­hen und kön­nen damit radi­ka­ler, kla­rer und abgrenz­ba­rer The­men und ein­fa­che Lösun­gen anbie­ten. Selbst ver­meint­li­che Sin­gle-Issue-Par­tei­en sto­ßen hier an Gren­zen, sobald es um par­la­men­ta­ri­sche oder gar Regie­rungs­ar­beit geht. (Hier liegt dann auch ein gewis­ses Para­do­xon der Par­tei­en, das immer wie­der durch­schim­mer­te: Sie sol­len zugleich den Blick auf das Gan­ze und auf das Gemein­wohl ein­neh­men als auch Abgrenz­bar­keit und klar unter­scheid­ba­re Posi­tio­nen dar­stel­len. Wie bei­des zugleich geht, bleibt offen.) 

Und was ist mit der tech­ni­schen wie sozia­len Ver­netz­werkung der Gesell­schaft, könn­te da die Lösung für die Pro­ble­me der Par­tei­en lie­gen? Chris­toph Kap­pes prä­sen­tier­te eini­ge Gedan­ken zur Netz­wer­köf­fent­lich­keit, wies aber auch dar­auf hin, dass die Sicht­bar­wer­dung unter­schied­li­cher Tei­löf­fent­lich­kei­ten qua Inter­net etc. nicht gleich­be­deu­tend mit einer neu­en Frag­men­tie­rung der Gesell­schaft ist. In einem rela­tio­nal-dyna­mi­schen Ver­ständ­nis von Öffent­lich­keit bedeu­tet das rei­fe Netz­zeit­al­ter, dass sich die medi­al ansprech­ba­ren Adres­sa­tIn­nen mas­siv ver­viel­facht haben. Damit ent­steht ein Über­schuss an Sinn. Die Ord­nungs­me­cha­nis­men, Tech­ni­ken und Prak­ti­ken, um mit die­ser „Über­for­de­rung“ umzu­ge­hen, also Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on vor­zu­neh­men, ent­wi­ckelt die Gesell­schaft gera­de erst – mit Hil­fe von Algo­rith­men, aber auch durch die Mar­kie­run­gen von Dis­kur­sen, etwa durch Hash­tags, Links und die Nutz­bar­ma­chung von Netz­werk­ef­fek­ten wie Red­un­danz. (Das geht bis zum Shit­s­torm als Mar­kie­rung der gera­de statt­fin­den­den Ver­hand­lun­gen über die Gren­zen der Gesellschaft).

Gut gefal­len hat mir hier das Bild einer not­wen­di­gen Puf­fer­zo­ne, die zwi­schen zwei inkom­pa­ti­blen Eigen­lo­gi­ken ver­mit­teln soll. Auf der einen Sei­te ste­hen die for­ma­len Ver­fah­ren der – weit gespro­chen – Gesetz­ge­bung; dazu gehört dann auch die for­ma­li­sier­te inner­par­tei­li­che Mei­nungs­bil­dung. Die­se Ver­fah­ren sind regu­liert, lang­sam und eher an Insti­tu­tio­nen als an Per­so­nen gebun­den. Auf der ande­ren Sei­te das amor­phe Gebil­de der öffent­li­chen Dis­kur­se, das mit Hil­fe des Inter­nets mög­li­cher­wei­se noch ein­mal neu struk­tu­riert wird, das schnell agiert und reagiert, in dem The­men­kon­junk­tu­ren sich abwech­seln, und das sich ger­ne auf ein­zel­ne Per­so­nen, Per­sön­lich­kei­ten und „Stars“ stützt und stürzt. 

Die Logi­ken auf bei­den Sei­ten sind unter­schied­lich, und Par­tei­en hän­gen qua per­sön­li­cher Mit­glied­schaft irgend­wo dazwi­schen. Das bewuss­ter wahr­zu­neh­men, kann durch­aus hilf­reich sein – und dar­über nach­zu­den­ken, wie ein gelin­gen­der Trans­fer, eine Über­set­zung, Abpuf­fe­rung oder Mode­ra­ti­on gelin­gen kann, wäre wohl wichtig.

Ein aktu­el­les Bei­spiel dazu (mit Dank an Wolf­gang G. Wettach): Ein ein­zel­ner, medi­al stark wahr­ge­nom­me­ner Poli­ti­ker wie Boris Pal­mer ist in der Lage, The­men auf die öffent­li­che Agen­da zu set­zen – aktu­ell mit sei­nen Quer­schlä­gen zur Flücht­lings­po­li­tik. „Par­tei“ kann hier­auf zunächst nur reagie­ren; die eige­nen Pro­zes­se sind deut­lich lang­sa­mer. Öffent­lich­keit ist hier eine Abkür­zung, um inter­ne Mei­nungs­bil­dung zu umge­hen und unter Druck zu set­zen. Und dank Inter­net – hier: social media – gelingt das noch ein­mal bes­ser und schnel­ler. Und frus­triert die Par­tei­mit­glie­der, die die­se Abkür­zung nicht beschrei­ten kön­nen oder wollen.

Zurück zu den Par­tei­en. An Reform­an­ge­bo­ten man­gel­te es auf der Tagung nicht. Mar­chart ver­wies auf die Expe­ri­men­te von SYRIZA mit loka­ler Gemein­schafts­bil­dung, mit Online­for­ma­ten und der Ein­be­zie­hung von Nicht­mit­glie­dern. Lewan­dow­sky beton­te, dass eine stär­ke­re Exklu­si­vi­tät von Par­tei­en, also gera­de nicht die Öff­nung, son­dern die Schlie­ßung, mit mehr Wirk­mäch­tig­keit und Trans­pa­renz auf der Innen­sei­te, eine Lösung für leben­di­ge­re Par­tei­en sein könn­te. (Wobei die Fra­ge der Trans­pa­renz und der Not­wen­dig­keit des Hin­ter­zim­mers heiß umstrit­ten war). Außer­dem sei das mit dem Orts­prin­zip über­holt. Als sozio­lo­gi­sche Beob­ach­te­rin wies Siri dar­auf hin, sich durch­aus mal anzu­schau­en, wie rechts­po­pu­lis­ti­sche Bewe­gun­gen Attrak­ti­vi­tät gene­rie­ren. Albrecht von Lucke von den Blät­tern mahn­te mehr Unter­scheid­bar­keit und kla­re ideo­lo­gi­sche Posi­tio­nen an. (Dies gel­te beson­ders für die Grü­nen, die auf kei­nen Fall so wie in Baden-Würt­tem­berg agie­ren dürf­ten, um erfolg­reich zu sein. Sonst trü­gen sie zur Ent­po­li­ti­sie­rung bei. Nun ja.) Peter Sil­ler ver­wies auf den eigent­li­chen Kern von Par­tei­en, den Streit zwi­schen unter­schied­li­chen Inter­es­sen. Dafür wie­der Orte zu schaf­fen, statt Füh­rung von Par­tei­en als tech­no­kra­ti­schen Mode­ra­ti­ons­pro­zess zu ver­ste­hen, und statt sich in Flü­gel­de­bat­ten abzu­kap­seln, sei wich­tig. Und Bur­mes­ter beton­te (auf der Ver­an­stal­tung noch stär­ker als in der Stu­die) die Bedeu­tung von Will­kom­mens­kul­tur und Mensch­lich­keit. Wobei das bei ihm, als ich so als Teil der mitt­le­ren Funk­tio­närs­ebe­ne einer Par­tei zuhör­te, fast schon so klang, als sei es dafür not­wen­dig, die Par­tei­mit­glied­schaft kom­plett aus­zu­wech­seln, die Orga­ni­sa­ti­on umzu­krem­peln, und die heu­te exis­tie­ren­den Par­tei­en durch was ganz ande­res zu erset­zen. Chan­ge manage­ment vom grü­nen Tisch aus, also.

Nur am Ran­de tauch­te die Umwelt von Par­tei­en jen­seits der Medi­en auf, am ehes­tens viel­leicht noch beim abend­li­chen Exkurs zu Bor­gen und House of Cards: Par­la­men­te, Frak­tio­nen, Regie­rungs­ap­pa­ra­te. Die ja nun durch­aus etwas damit zu tun haben, wie Par­tei­en arbei­ten, wor­auf sie aus­ge­rich­tet sind, was sie kön­nen und wel­chen Zwän­gen sie sich unterwerfen. 

Ein Pro­blem in die­sem Kon­text ist – dar­auf wies Sil­ler als Lei­ter der Inlands­ab­tei­lung der Böll-Stif­tung hin – die Ver­qui­ckung von Exis­tenz­ab­si­che­rung einer­seits und poli­ti­scher Legi­ti­ma­ti­on und Wahl auf Zeit ande­rer­seits, also das Pro­blem, für das ganz frü­her – in Grie­chen­land – das Los­prin­zip, und etwas spä­ter – in der Bun­des­re­pu­blik der 1980er Jah­re – die Rota­ti­on als Lösung gefun­den wurde.

Unterm Strich neh­me ich von der Tagung mehr offe­ne Fra­gen als Ant­wor­ten mit. Vage am Hori­zont erscheint eine Par­tei, die ihre Struk­tur nach innen trans­pa­ren­ter macht und für wirk­sa­me Betei­li­gung öff­net, ger­ne auch mit Netz­tools, ger­ne auch mit Räu­men für dis­kur­si­ve For­ma­te, und die nach außen (wir sind in Deutsch­land) geschlos­sen auf­tritt, aber stär­ker als heu­te auf Unter­scheid­bar­keit und die eine oder ande­re stark ver­ein­fach­te The­se setzt. Eine Par­tei, die auch Gren­zen zieht zum par­la­men­ta­ri­schen Pro­zess, und die erklä­ren kann, was Posi­ti­on und was Kom­pro­miss ist. Die punk­tu­ell mit Orga­ni­sa­tio­nen und Pro­jek­ten außer­halb des Par­tei­en­ho­ri­zonts zusam­men­ar­bei­tet, aber hier kla­re Rol­len­ver­tei­lun­gen ein­for­dert und ihre Gren­zen sicht­bar macht. Die um die knap­pen Res­sour­cen der Ehren­amt­li­chen weiß, ja, auch um das Zeit­pro­blem und die Ver­ein­bar­keits­pro­ble­ma­tik, und des­we­gen Unter­stüt­zung anbie­tet und Abläu­fe dar­an ori­en­tiert. Die, kurz gesagt, ihre Mit­glie­der schätzt, ohne sie zu überfordern. 

Ob das dann Spaß machen muss, da mit­zu­ma­chen, oder ob (Kret­sch­mann) Poli­tik ja gar nicht dazu da sei, Spaß zu machen, son­dern Sinn erge­ben müs­se, wäre dann abzu­war­ten. Ein biss­chen mehr Attrak­ti­vi­tät wäre sicher­lich kein Feh­ler, damit eine leben­di­ge Demo­kra­tie eine Zukunft hat. 

War­um blog­ge ich das? Durch­aus auch, um die gan­zen Ein­drü­cke, die ich von der Tagung mit­ge­nom­men habe, mal zu sor­tie­ren. Der nächs­te Schritt wäre dann die Lek­tü­re des einen oder ande­ren der vie­len Essays, Auf­sat­zes und Hin­ter­grund­pa­piers. Und für das nächs­te Mal wün­sche ich mir mehr For­mat­viel­falt auf der Ver­an­stal­tung, mehr Kon­kre­ti­on, und einen schär­fe­ren Blick auch auf die Ver­schie­den­hei­ten der unter­schied­li­chen Parteien.

Eine Antwort auf „Party till it’s over“

  1. Schö­ne Über­sicht über die kom­ple­xe Gemenge­la­ge von Parteien.

    In Dei­nem Text steht »staat­li­che Wil­lens­bil­dung« … war das so gemeint (als End­pro­dukt poli­ti­scher Arbeit) oder
    ist »staat­li­che Wil­lens­bil­dung« das sel­be wie die grund­ge­setz­li­che »poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung des Volkes« ?

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