Kurz hatte ich mit dem Gedanken gespielt, um 5 Uhr wach genug zu sein, um mir die diesjährige Verleihung der Hugo-Awards anzuschauen – die Worldcon findet in Los Angeles statt, dort ist es das Abendprogramm. Ganz gelungen ist es mir nicht, aber immerhin habe ich dann doch zugeschaut, wie T. Kingfisher mit wechselnden Hüten und biologischen Faktoiden die letzten paar Awards anmoderierte.
Die komplette Übersicht darüber, wer was gewonnen hat (und die sehr in die Tiefe gehenden administrativen Berichte über die Wahl) finden sich auf der Seite der LACon V. In den meisten Kategorien landeten meine persönlichen Favoriten auf dem zweiten oder dritten Platz. Cool finde ich, dass Ada Palmers Inventing the Renaissance als best related work gewonnen hat.
Und wie jedes Jahr hat der Hugo-Award auch die Funktion – für mich jedenfalls – mich auf Bücher, Serien, Computerspiele, Kurzgeschichten usw. hinzuweisen, die ich bisher nicht kannte. Die ausführliche Liste der Nominierungen ist da hilfreich. Nebeneffekt: mein (virtueller) Stapel der zu lesenden Bücher wird nicht kleiner, selbst nach diesem August nicht, in dem ich recht viel Zeit zum Lesen (und zum Anschauen von Filmen) gefunden habe.
Aufgrund der großen Zahl schreibe ich hier jetzt nichts über die (für mich eher durchwachsene) 4. Staffel von Star Trek: Strange New Worlds, sondern packe das bei Gelegenheit – und wenn das Staffelfinale durch ist – in einen eigenen Blogbeitrag. Ansonsten angeschaut habe ich die ersten fünf Folgen der dritten Staffel von Silo (Apple TV), die ich trotz einiger Plotholes weiter packend fand. Auch wenn weiter offen ist, wie der inzwischen mehr Raum einnehmende gegenwartsnahe Strang über amerikanische Politik und Medizin dann am Schluss wirklich mit der zukünftigen Timeline einer seit hundert Jahren in unterirdischen Silos lebenden Gesellschaft zusammenpasst.
Gemeinsam mit Z. und R. angeschaut habe ich die zweite Staffel von Avatar – The Last Airbender (Netflix). Da ich die gezeichnete Vorlage nicht kenne, weiß ich nicht, wie gut das umgesetzt wurde – für sich genommen gutes Kino, auch weil am Schluss der Staffel eben nicht der große Sieg von Gut gegen Böse steht, und weil alle Hauptpersonen eben auch Schwächen und traumatische Seiten haben. Nebenbei wird einiges über found families und familiäre Erwartungen, politische Intrigen, follow your heart und (enttäuschtes) Vertrauen kommuniziert.
An die auf ein Finale gekürzte dritte Staffel von Good Omens (Prime) bin ich mit gemischten Gefühlen herangegangen – einerseits wegen der Causa Gaiman, andererseits auch, weil ich dachte, dass die Geschichte weitgehend auserzählt ist. Insofern passte es dann, dass die dritte Staffel nur aus einem Film besteht, der sich zwei Fragen widmet: der Beziehung zwischen dem (in himmlische Spitzenämter beförderten und damit kaltgestellten) Engel Aziraphale und dem Dämonen Crowley (Spoiler: ein gutes Ende), und, hm, einer ziemlich kritischen Auseinandersetzung mit Grundannahmen der christlichen Religion vom Zulassen von Leid durch eine allwissende Gottheit bis zur Frage des freien Willens (Spoiler: so richtig gut schneiden da weder Himmel noch Hölle ab, und auch hier: ein gutes Ende). Den einen oder anderen Nebenplot hätte man da sogar noch kürzen können, und auch so: optisch hervorragend, die beiden Hauptpersonen sind mir ans Herz gewachsen, aber insgesamt hat sich Good Omens doch etwas verlaufen, also ausgewaschen und verirrt.
Unterhaltsam, aber nicht besonders tiefgründig fand ich Milky Subway: The Galactic Limited Express (Netflix), auf die ich beim Zappen zwischen Plattformen zufällig gestoßen bin: Kleinkriminelle Jugendliche müssen einen wild gewordenen Weltraumexpresszug stoppen. Mit Rückblenden und der einen oder anderen Überraschung und humorvollen Seitenbemerkung gut erzählt.
Nicht zuletzt habe ich die Verfilmung von Andi Weirs Project Hail Mary („Der Astronaut“) angeschaut – in Marburg im riesigen Freiluftkino, am Ende der Vorführung mit sternklarem Himmel. Und ja: das Buch ist gut umgesetzt, genügend große Teile der dahinter stehenden Wissenschaft* sind sauber recherchiert und dargestellt, und am Schluss ist es – trotz einiger mehr oder weniger pubertärer Scherze – deutlich weniger Bro Movie geworden, als ich das beim Lesen befürchtet habe. Also: durchaus anguckbar! (* Die Grundannahme des Films, sprich: im All lebende sternenfressende Bakterien, ist allerdings Quatsch und noch dazu wirkt die Lösung des Problems bei näherer Betrachtung unlogisch; und die Lichtgeschwindigkeit scheint mir ebenfalls nur teilweise beachtet worden zu sein …).
Damit zu den Büchern. Inzwischen ist der zweite Band von Metropolia (2026) von Fred Duval und Ingo Römling herausgekommen. Metropolia – Die Außenbezirke ist eine Graphic Novel in einem apokalyptischen Berlin, in dem der Privatermittler Sascha Jäger im Auftrag des titelgebenden Konzerns Metropolia unterwegs ist, um Fälle zu lösen – hier einen Brand(anschlag) auf einige gigantische Baumaschine in den „Außenbezirken“. Zugleich ist das Buch eine Geschichte über Flucht und eine Zeit nach der globalen Bewegungsfreiheit, die wir heute für selbstverständlich nehmen. Wäre durchaus verfilmbar.
Apropos Berlin: von der Metropolcon hatte ich mir die von Hannes Riffel herausgegebene Anthologie (oder, wie sich das Buch selbst nennt, den Verlagsalmanach) Das Flirren der Hoffnung (2026) mitgebracht. Neben Kurzgeschichten (u.a. von Becky Chambers und Aiki Mira) enthält das Buch v.a. Texte über das Schreiben und Übersetzen von speculative fiction. Das eröffnet noch einmal ein anderes Fenster auf Science Fiction und Fantasy und erinnert daran, dass beim nicht-muttersprachlichen Lesen in englischer Sprache – der üblichen Konsumform, in der ich diese Medien zu mir nehme – doch die eine oder andere Nuance, das nur angedeutete Bild oder der hintergründige Bezug verloren gehen mag. Gekauft hatte ich mir das Buch auch, weil ich das Projekt des Carcosa-Verlags – Werkausgaben wichtiger Autor*innen in neuer Übersetzung – spannend und unterstützenswert finde, und die Buchgestaltung hervorragend gelungen ist.
Sehr zu empfehlen: John Chus kurzer Roman The Subtle Art of Folding Space (2026). Auf einer Ebene geht es um das Verhältnis von Ellie zu ihrer Schwester Chris; Ellie ist unser Fokuspunkt, und das Buch beginnt damit, dass sie es ganz normal findet, dass Chris jede Woche neue Anschläge auf sie plant. Die aus Taiwan stammende Mutter der beiden liegt im Sterben – und selbst das wird von Chris gegen Ellie genutzt. Interessant wird diese Geschichte nun durch einen innovativen Worldbuilding-Kniff: Ellie folgt der Berufung ihrer Mutter, die eine Meisterin darin war, Reparaturen im Skunkwork vorzunehmen, und so unsere Welt vor dem Untergang zu bewahren. Das Skunkwork ist der Mechanismus, der unser Universum am Laufen hält, und der selbst in einem anderen Universum liegt. Dass es dieses Skunkwork gibt, scheint in der Welt des Romans bekannt zu sein, aber ihm wird von den meisten Menschen keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Und auch das Universum, in dem „unser“ Skunkwork liegt, hat Zugriff auf Maschinen im Universum eins außerhalb. Während der Mechanismus für Ellie aus Rohren und Ventilen, Puffern und Laufzeiten besteht, visualisiert ihr Cousin Daniel die Korrektheit von Bestandteilen des Skunkworks am liebsten in Form chinesischen Essens, das er scheinbar aus dem Nichts erscheinen lässt. Anderswo tauchen in mehr als drei Dimensionen gefaltete Platten aus Luft auf, die als Blaupause dienen. Ellie muss mit Daniels Hilfe nun tiefer in das Skunkwork eintauchen, als ihr lieb ist, um herauszufinden, wer unautorisierte Änderungen vorgenommen hat – und was dahinter steckt.
Ebenfalls ein ungleiches Paar ermittelt in den beiden Folgebänden zu A Tainted Cup von Robert Jackson Bennett (Shadow of the Leviathan). Dass die auf Biologie aufbauende Welt mit ihren Besonderheiten schon aus dem ersten Band bekannt ist, macht es einfacher, der durchaus vielschichtigen Geschichte zu folgen. Die exzentrische Detektivin Ana – die möglicherweise mehr oder anderes ist, als es scheint – und ihr Assistent Din, der biologisch so verändert wurde, dass er ein perfektes Gedächtnis aufweist, begeben sich in A Drop of Corruption (2025) in ein Grenzgebiet, das noch nicht zum Reich Khanum gehört. Der Weg dorthin führt durch den Dschungel, so richtig willkommen werden sie nicht geheißen – und doch sollen sie den zunächst unerklärbaren Mord an einem Finanzbeamten aufklären. Je mehr sie an einzelnen Fäden ziehen, desto tiefer geht es in ein Geflecht von Intrigen und Verschwörungen. Gut erzählt, mit dem einen oder anderen Punkt, der zum Nachdenken anregt (ja, auch über Könige) und weitgehend glaubwürdig in einer komplett fremdartigen Welt. In A Trade of Blood (2026) verschlägt es Ana und Din in eine Art dünn übertünchten Wilden Westen mit einem Streit zwischen zwei Familienclans (Superkuhherden vs. Futteranbau mit Hilfe von Katzen, und ein bisschen Romeo und Julia spielt auch hinein). Auch A Trade of Blood ist gut geschrieben und spannend zu lesen, ich fand dann aber doch einiges vorhersehbarer und anderes unglaubwürdiger als in den beiden vorausgehenden Romanen.
Nach Slow Gods im Juli habe ich jetzt Claire Norths älteren Roman The First Fifteen Lives of Harry August (2014) gelesen und kann ihn empfehlen. North geht von der Prämisse aus, dass unter uns Menschen leben, die wiedergeboren werden – und zwar nicht in einen neuen Körper. Vielmehr beginnt für diese ihr Leben erneut, zum selben Zeitpunkt und in den selben Umständen, aber mit dem Wissen der vorherigen „Durchläufe“. Damit lässt sich, wenn man nicht verrückt wird, natürlich einiges anfangen – Reichtum und Mäzenatentum, der eine oder andere Stups, um die Welt zu verbessern – oder auch der Versuch, mit dem Wissen um die Zukunft diese ganz neu zu gestalten (was andere verhindern wollen). Der titelgebende Harry August ist einer dieser Menschen, geboren 1919 in einem Waschraum, dann von der Gärtnerfamilie eines Landguts adoptiert, mal Mediziner, mal spiritueller oder weltlicher Entdeckungsreisender, mal Professor der Mathematik. North gibt Harry August einen Erzählton distanziert zu seinem eigenen Leben (kein Wunder, beim vierzehnten oder fünfzehnten Durchlauf), und trotzdem bleibt genügend Humanismus und freier Wille übrig in diesem ganz anderen Ansatz, Zeitreisen zu erzählen. (Und wenn ich auf die Romane von North gucke, die ich bisher gelesen habe, dann wechseln zwar wild die Genres, dieser Grundton bleibt jedoch.)
The Unmagical Life of Briar Jones (2025) von Lex Croucher wird teilweise als young adult eingeordnet, von Croucher selbst allerdings nicht, auch wenn es um das Erwachsenwerden von Briar Jones geht. Unsere non-binäre Hauptperson wächst in einer englischen Kleinstadt auf dem Biobauernhof des Stiefvaters auf. Die Kindheit ist durch die Freundschaft zu Seb gekennzeichnet, dessen adeligen Eltern weitgehend abwesend sind – umso mehr Gelegenheit für Briar und Seb, auf den Feldern des Gutes herumzustreifen. Und beide wollen selbstverständlich später auf die von Gerüchten umwobene nahe Temple School gehen. Dass sie mit vollem Namen Temple School of Thaumaturgy heißt, wissen nur Eingeweihte. Seb wird angenommen, Briar nicht. Erst über einen Sommerjob einige Jahre später kommt Briar auf das Schulgelände, und stellt nun fest, dass dieser alte Wunschort zwar tatsächlich eine magische Schule ist (und dass die Architektur pittoresk ist). Magie heitß: die Schüler*innen lernen, andere gegen deren Willen zu beeinflussen. Von den grausamen Aufnahmeritualen bis zur strikten Hierarchie ist die Temple School alles andere als ein schöner Ort. Und Seb ist Teil einer Clique, die ganz oben in der Pyramide des Terrors steht. Briar findet Anschluss an ein queeres Dreiergespann, das die Öffentlichkeit darüber aufklären möchte, durch was für eine Schule Premierminister und Wirtschaftschefinnen hier gehen. Oder ist alles nur ein Plot der Hausmeisterin? Dark Academia, teilweise sehr düster – auch deswegen, weil ein Magiesystem, zu dem gehört, dass diejenigen, die es beherrschen, von anderen alles verlangen können, schnell zu Grausamkeit führt, die Croucher dann auch deutlich beschreibt. Und ja, einen Enemies-to-Lovers-Plot gibt es natürlich auch – zugleich stellt sich heraus, dass es auch in Briars Vergangenheit dunkle Flecken gibt. Diese gut geschriebene Ambivalenz und Komplexität der Charaktere hat mir gefallen.
Ganz neu erschienen ist Everybody’s perfect (2026) von Jo Walton. Dieser Reigen miteinander verwobener Geschichten spielt in einer Art spirituellen Spiegelwelt unserer Stadt Venedig – die im Nebel erscheinende Serenissima, die von verschiedenen Welten aus erreichbar ist. Dementsprechend leben hier neben Menschen aus „unserem Venedig“ (wobei da nicht unterschieden wird, in der Serenissima ist auch jemand aus dem heutigen Nordamerika ein Venezianer oder eine Venezianerin) ganz unterschiedliche Wesen. Teils sind sie humanoid, nur dass sie ein Katzen- oder Hundegesicht haben, das sich im Zweifel hinter einer Maske verstecken lässt, teils kommen sie aus ganz anderen Gesellschaften und erinnern eher an Vögel oder pflanzenverzierte Dominos. Die Erzählform als Reigen, die die Geschichte von einer zur nächsten Person weiterreicht, die in der vorherigen Erzählung jeweils am Rande vorkommt, ermöglicht den Einblick in ganz unterschiedliche Lebenswelten in dieser magischen Stadt. Jenseits der Form zieht sich eine Geschichte über Krankheiten und Körper, Akzeptanz und Lebensformen, Reichtum und Macht durch das Buch – im Vordergrund stehen jedoch die Charaktere und das Worldbuilding.
Über Waltons monatliche Leseliste bin ich auf die zwei neue(re)n Bände von K.J. Parker gestoßen, die den Anfang der „Loyal Opposition“-Trilogie bilden: Sister Svangerd and the Not Quite Dead (2026) und Sister Svangerd and the Devil You Know (2026). Ein dritter Band ist für Dezember angekündigt. Die Bücher von Parker, die ich bisher gelesen habe, spielten mehr oder weniger in einem Analogum zum Römischen Reich; hier sind wir nun im Mittelalter angelangt. Erzählt werden die Bücher von einem eher besserwisserischen Mönch und Kopisten, der sich als Atheist zu erkennen gibt – und den Zeiten nachtrauert, als nicht nur einige wenige Bücher in dritter Kopie existierten, sondern Menschen noch wussten, wie … Zusammen mit der titelgebenden Nonne Svangerd bildet er ein Duo für die besonderen Fälle. In diesem Setting nehmen beide (im ersten Band) mit einem Spezialauftrag an einem Konzil in einer ehemals glänzenden Stadt teil bzw. versuchen (im zweiten Band) ein Buch mit dämonischen Kräften von einer Pirateninsel zu stehlen. Der Ich-Erzähler macht Pläne, die meist nicht aufgehen, und beeindruckt ansonsten vor allem durch seine Körpergröße; die fromme Svangerd scheut dagegen nicht davor zurück, ein Messer oder ein Schwert zu zücken und ist am Ende oft diejenige, die beide aus üblen Situationen raushaut. Aktion gibt es also genug. Und dann tauchen noch allerhand übersinnliche Gestalten auf: im ersten Band beispielsweise eine Art Zombies (aus Sicht des Ich-Erzählers, der dieses Phänomen aus seiner Jugend in der gottverlassenen Gegend der Mesoge kennt, ist das irgendwas naturgeschichtlich erklärbares) sowie eben diverse Agent*innen der „loyalen Opposition“, sprich: des Teufels. Diese suchen immer wieder das Gespräch mit dem Ich-Erzähler, der jedoch auf seinem Atheismus beharrt und sich nicht so recht vom großen Plan (und dessen Verästelungen) überzeugen lässt.

