Science Fiction und Fantasy im September 2026

Museum Atlantikwall Raversyde - XXX

Ganz über­wie­gend habe ich den Sep­tem­ber damit zuge­bracht, die emp­feh­lens­wer­te Valor-Serie von Tanya Huff – kana­di­sche MilSF – zu lesen. Dazu unten mehr. 

Gele­sen habe ich außer­dem Mary Robi­net­te Kowals The Mar­ti­an Con­tin­gen­cy (2025), den vier­ten Band ihrer Lady-Astro­naut-Serie. Robi­net­te Kowal schreibt im Nach­wort, dass die­ser Band nicht ein­fach zu schrei­ben war. Das Ergeb­nis ist jeden­falls gelun­gen, gera­de auch im Ver­gleich zur an der einen oder ande­ren Stel­le erstaun­lich par­al­lel gela­ger­ten Serie For All Man­kind. Im Mit­tel­punkt des Buchs steht die zwei­te Mars-Expe­di­ti­on, die 100 Men­schen aus unter­schied­li­chen Natio­nen auf den Mars brin­gen soll. Die Astro­nau­tin Dr. Elma York ist das Gesicht des inter­na­tio­na­len Raum­fahrt­pro­gramms. In die­ser Zeit­li­nie wur­de es gegen­über unse­rer Wirk­lich­keit (und auch gegen­über For All Man­kind) deut­lich beschleu­nigt, weil ein Meteo­ri­ten­ein­schlag in Nord­ame­ri­ka ein­drück­lich vor Augen geführt hat, wie zer­brech­lich die Erde ist. Inso­fern fin­det die Mars-Expe­di­ti­on hier in den spä­ten 1960ern oder frü­hen 1970er Jah­ren statt – den Hin­ter­grund bil­det eine bun­te Mischung aus Offen­heit für neue Erfah­run­gen (indi­sche Gewür­ze, ara­bi­sche Musik, sexu­el­le Revo­lu­ti­on) einer­seits und über­kom­me­nen Moral­vor­stel­lun­gen, alt­her­ge­brach­ter Poli­tik plus Ras­sis­mus und Sexis­mus ande­rer­seits. Und natür­lich ist auch die Tech­no­lo­gie zwar weit fort­ge­schrit­ten, was Rake­ten und Raum­fahrt anbe­trifft; gerech­net wird aber nach wie vor eher mit dem Rechen­schie­ber. Digi­ta­le Bild­über­tra­gun­gen scheint es bei­spiels­wei­se auch noch nicht zu geben. Wäh­rend der ers­ten Mars-Expe­di­ti­on betrat York nie den Mars­bo­den. Nun ist sie als „second in com­mand“ gemein­sam mit ihrem Ehe­mann eine der zwan­zig, die das Habi­tat wie­der in Betrieb neh­men und alles für den Bau eines zwei­ten Habi­tats vor­be­rei­ten sol­len. Und stellt bald fest, dass irgend­et­was nicht stimmt. Die­je­ni­gen, die bei der ers­ten Lan­dung dabei waren, rücken spür­bar nicht mit der Wahr­heit her­aus, son­dern hal­ten sie außen vor. Dass nicht alles glatt läuft, und die Expe­di­ti­on irgend­wann kurz vor dem Abbruch steht, macht es für Dr. York nicht ein­fa­cher, den Din­gen auf den Grund zu gehen. Robi­net­te Kowal ver­steht es, gro­ße poli­ti­sche Fra­gen und die zwi­schen Thril­ler und Detek­tiv­ro­man chan­gie­ren­de Auf­klä­rung mit lebens­na­hen Sze­nen aus dem Mars-All­tag und des Trans­port­raum­schif­fes zusam­men­zu­brin­gen. Das gan­ze ist nicht nur ein Sit­ten­ge­mäl­de einer Ver­gan­gen­heit, die es so nicht gab, son­dern lässt sich auch mit Blick auf denen einen oder ande­ren heu­ti­gen Bezug lesen.

Recht gut gefal­len hat mir auch der von Jona­than Stra­han her­aus­ge­ge­be­ne Sam­mel­band Revo­lu­ti­on in the Heart (2026), der aus Geschich­ten von 15 Autor*innen besteht, die als Hom­mage an Ursu­la K. Le Guin zu ver­ste­hen sind. Wenn ich in den Bio­gra­fien nichts über­se­hen habe, kom­men alle Autor*innen aus dem FLIN­TA-Spek­trum; dar­un­ter gro­ße Namen wie Char­lie Jane Anders, Kel­ly Link, Ann Leckie und Dar­cie Litt­le Bad­ger. Die Geschich­ten sind ganz unter­schied­lich – man­che bezie­hen sich the­ma­tisch auf Le Guin und könn­ten in z.B. ihr Hai­nish-Uni­ver­sum ein­ge­fügt wer­den, man­che zitie­ren sie direkt, wie­der ande­re nähern sich ihr über den Stil und die Atmo­sphä­re an. Wenn ich ver­su­chen wür­de, ein gemein­sa­mes Fazit zu zie­hen, dann das, dass es hier um huma­nis­ti­sche spe­ku­la­ti­ve Fik­ti­on geht, und um die gro­ßen Fra­gen, die sich aus dem Umgang mit Unter­drü­ckung und Auf­be­geh­ren ergeben. 

Damit zu Tanya Huff und Staff Ser­geant Torin Kerr, auf die ich zufäl­lig gesto­ßen bin; irgend­je­mand hat­te sich auf einem Social-Media-Kanal abfäl­lig dar­über geäu­ßert, dass hier Gesell­schaf­ten exis­tie­ren sol­len, die nicht wis­sen, was eine Pis­to­le ist, wenn ich es rich­tig zusam­men­brin­ge. In den ins­ge­samt sie­ben Roma­nen (und einer Kurz­ge­schich­ten­samm­lung) ist Torin Kerr Fokus­punkt der Geschich­te, die sich über ein oder zwei Jahr­zehn­te hin­zieht. Das Set­ting: es gibt eine inter­stel­la­re Kon­fö­de­ra­ti­on der „elder races“, die sich im Krieg mit „the Others“ befin­det, auch das, wie wir spä­ter erfah­ren, ein Zusam­men­schluss ganz unter­schied­li­cher Spe­zi­es. Die­se „elder races“ sind fried­lie­bend und haben längst Abschied von krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen genom­men – des­we­gen haben sie die Mensch­heit und zwei ande­re Spe­zi­es in die Kon­fö­de­ra­ti­on ein­ge­la­den. Der Deal: die­se bekom­men Raum­fahrt­ka­pa­zi­tä­ten, tol­le Tech­no­lo­gien und Pla­ne­ten, die sie besie­deln kön­nen, etwa Kerrs Hei­mat­pla­net „Para­di­se“ – dafür kämp­fen Men­schen, Di’­Tay­kan und Krai für die Kon­fö­de­ra­ti­on. Dass Di’­Tay­kan gewis­se Ähn­lich­kei­ten mit Elfen haben (wenn die­se knall­bun­te Haar­füh­ler und Augen hät­ten, und in ihrer „Di“-Phase Sexua­li­tät in etwa so ein­set­zen, wie dies von Bono­bo­nos berich­tet wird), und die Krai auch für Trol­le oder Kobol­de gehal­ten wer­den könn­ten (jeden­falls haben sie fast unzer­brech­li­che Kno­chen und kön­nen so gut wie alles essen), macht die Sache noch­mal inter­es­san­ter. Die „midd­le races“ (die H’san als eigent­li­che „elder race“ tau­chen so gut wie gar nicht auf, zie­hen aber alle Fäden) haben dage­gen Kat­zen oder Wara­ne zum Vor­bild; da oder dort wirk­te das dann ein biss­chen wie Urmel aus dem Eis mit spre­chen­den Tie­ren. Huff macht aber klar, dass z.B. die kat­zen­ar­ti­gen Ali­ens eben kei­ne Kat­zen sind, auch wenn sie ent­spre­chen­de Refle­xe bei Men­schen aus­lö­sen. Neben (Mili­tär­ein­sät­zen auf) Pla­ne­ten neh­men Raum­sta­tio­nen und Raum­schif­fe – und ein big dumb object – eine wich­ti­ge Rol­le ein, gro­ße Tei­le der Geschich­te spie­len dort. 

Zur Zeit des ers­ten Romans zieht sich die­ser Krieg schon eini­ge Gene­ra­tio­nen hin, es gibt immer wie­der har­te Gefech­te, neue Waf­fen, umstrit­te­ne Pla­ne­ten­sys­te­me in den äuße­ren Wel­ten etc. etc. – ein Ende oder ein Sieg der einen oder ande­ren Sei­te ist jedoch nicht in Sicht. Was die­se Rei­he beson­ders macht, ist Huffs genau­er Blick – auf das Innen­le­ben der aus den genann­ten drei Spe­zi­es zusam­men­ge­setz­ten mili­tä­ri­schen Ein­hei­ten, aber auch auf das Ver­hält­nis zwi­schen kämp­fen­der Trup­pe einer­seits und Offizier*innen ande­rer­seits; und den Mit­teln, mit denen Kerr ihre Vor­ge­setz­ten führt und dazu bringt, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Stel­len­wei­se ist das dich­te Beschrei­bung mili­tä­ri­scher Orga­ni­sa­ti­ons­prak­ti­ken im etwas ver­frem­de­ten Set­ting. Dass ist die Bücher in mei­nem Urlaub in Bel­gi­en gele­sen habe, der mich auch zu einem Teil des „Atlan­tik­walls“ führ­te, samt Rekon­struk­ti­on der Lebens­be­din­gun­gen der dama­li­gen Trup­pen, ver­lieh der Lek­tü­re dann noch­mals eine Beson­der­heit. Manch­mal schreibt Huff arg for­ma­lis­tisch, etwa wenn sie die Beson­der­hei­ten der Di’­Tay­kan oder Krai immer wie­der mit fast wort­glei­chen For­mu­lie­run­gen ein­flie­ßen lässt. Das tut der Unter­hal­tung – unter deren Ober­flä­che mora­li­sche Fra­gen ver­han­delt wer­den – aber kei­nen Abbruch. 

  • Valor’s Choice (2000) – Kerr ist Staff Ser­geant und soll mit ihrem Mari­nes-Pla­toon aus Men­schen, Di’­Tay­kan und Krai eine diplo­ma­ti­sche Mis­si­on unter­stüt­zen, die dazu bei­tra­gen soll, Bezie­hun­gen zwi­schen der Kon­fö­de­ra­ti­on und den Sils­viss – bru­ta­len Dino­sau­rie­ren – aufzubauen.
  • The Bet­ter Part of Valor (2002) – Das bereits erwähn­te „big dumb object“, ein gro­ßes Raum­schiff, das von unbe­kann­ten Ali­ens zu stam­men scheint, wird erforscht. Gefun­den hat es ein Schrott­samm­ler Craig Ryder (klei­ner Spoi­ler: er wird auch in den fol­gen­den Bän­den auf­tau­chen). Kerrs Pla­toon soll Wissenschaftler*innen und eine Repor­te­rin schüt­zen – und natür­lich kommt alles anders, als man erst mal den­ken würde.
  • The Heart of Valor (2007) – Zum Gun­nery Ser­geant beför­dert, beglei­tet Kerr neue Rekrut*innen zu einem Trai­nings­pla­ne­ten – der sich als gefähr­li­cher als gedacht erweist.
  • Valor’s Tri­al (2008) – Mit Blick auf die Zahl der Toten (und die Auf­lö­sung eines Rät­sels, dass in den letz­ten drei Bän­den lang­sam auf­ge­baut wur­de) sicher­lich der düs­ters­te Band der Serie. Die Wiki­pe­dia beschreibt ihn als „Gun­nery Ser­geant Kerr fights her way out of an under­ground POW camp.“ – das stimmt zwar irgend­wie, trifft aber den Kern nur so halb. Aller­dings wäre es auch arg spoi­lernd, mehr dazu zu sagen.
  • The Truth of Valor (2010) – Die Ereig­nis­se des letz­ten Ban­des haben bei Kerr ihre Spu­ren hin­ter­las­sen. Sie ver­sucht, sich ein neu­es Leben jen­seits der Mari­nes auf­zu­bau­en – Pirat*innen machen ihr einen Strich durch die Rechnung.
  • An Anci­ent Peace (2015) – Ex-Gun­nery Ser­geant Kerr lei­tet jetzt eine neu auf­ge­bau­te Poli­zei­trup­pe (die „War­den“), die dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um unter­stellt ist. Einer ihrer ers­ten Fäl­le: uralte Arte­fak­te aus H’san-Gräbern – von deren Grab­pla­net – tau­chen auf dem Schwarz­markt auf.
  • A Peace Divi­ded (2017) – Wissenschaftler*innen, die auf einem restrik­tiv unter Qua­ran­tä­ne ste­hen­den Pla­ne­ten Aus­gra­bun­gen vor­neh­men, wer­den gekid­nappt. Kerr und ihre War­den sol­len sie befrei­en – mög­lichst, ohne dass Gei­seln umkom­men. Zugleich spinnt Huff hier meh­re­re Fäden zusam­men, die aus den ers­ten Bän­den bzw. aus An Anci­ent Peace noch offen sind.
  • The Pri­vi­le­ge of Peace (2018) – das „big dumb object“ ist wie­der da – Kerr woll­te damit nichts mehr zu tun haben, das Uni­ver­sum hat ande­re Pläne.
  • The Shorter Parts of Valor (2022) – Kurz­ge­schich­ten­samm­lung; die letz­te Geschich­te gibt einen kras­sen Blick in eine mög­li­che Zukunft des von Huff auf­ge­bau­ten Universums.

Ange­guckt habe ich die drit­te Staf­fel von Silo (Apple TV), und kann die­se sehr emp­feh­len. Anfangs war ich skep­tisch bezüg­lich der bei­den par­al­lel geführ­ten Hand­lungs­strän­ge. Silo spielt ja in einem unter­ir­di­schen Bun­ker. In die­ser Staf­fel wird klar, dass es meh­re­re sol­che Bun­ker gibt, in denen jeweils 10.000 Men­schen leben. In einem Strang geht es um Revo­lu­ti­on inner­halb des Silos, und um mora­li­sche Ambi­va­lenz, Revol­ten und den Kampf gegen die Silo-IT, die mit Aus­lö­schung und Gedächt­nis­ver­lust droht, soll­ten die Regeln nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Der ande­re Strang spielt im Ame­ri­ka der nahen Zukunft, samt einer Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen einem jun­gen Abge­ord­ne­ten und einer Jour­na­lis­tin. Erst in den letz­ten Fol­gen wird klar, wie bei­de Strän­ge zusam­men­ge­hö­ren – bit­ter und herz­zer­rei­ßend. Ich bin gespannt auf die Fort­set­zung, die im nächs­ten Som­mer lau­fen soll. 

Eben­falls zu Ende gegan­gen ist die vier­te Staf­fel von Star Trek: Stran­ge New Worlds (Para­mount +). Ich hat­te erst über­legt, dazu aus­führ­li­cher etwas zu schrei­ben, aber eigent­lich trifft die­se Kri­tik ganz gut mei­ne Mei­nung. Tol­le Cha­rak­te­re, groß­ar­ti­ge Schauspieler*innen (gera­de in den Her­aus­for­de­run­gen der Quatsch-Fol­gen), ein span­nen­des und für den Anschluss an TOS klug aus­ge­dach­tes Set(ting) – aber eine sehr durch­wach­se­ne Staf­fel mit eini­gen Fol­gen, die ein­fach nicht ernst genom­men wer­den konn­ten („alles nur ein Traum“), eini­gen Fol­gen, die auf selt­sa­me Gim­micks set­zen (Noir, Soap, …), um die per­sön­li­che Ent­wick­lung von Spock, Laan, Scot­ty etc. plau­si­bel zu machen – und eini­ge rich­tig, rich­tig gute Fol­gen (ins­be­son­de­re Orders of Magni­tu­de, Off-Hour und Tomorrow’s Enter­pri­se). Was ich tat­säch­lich auch posi­tiv fand: dass es kei­nen Staf­fel-Böse­wicht mit Boss­fight am Schluss gab. Auch hier bin ich gespannt auf die fünf­te und letz­te Staf­fel, die wohl kür­zer aus­fällt und sich auf den Anschluss von SNW zu TOS kon­zen­trie­ren wird.

Science Fiction und Fantasy im August 2026

Trainjourney morning

Kurz hat­te ich mit dem Gedan­ken gespielt, um 5 Uhr wach genug zu sein, um mir die dies­jäh­ri­ge Ver­lei­hung der Hugo-Awards anzu­schau­en – die World­con fin­det in Los Ange­les statt, dort ist es das Abend­pro­gramm. Ganz gelun­gen ist es mir nicht, aber immer­hin habe ich dann doch zuge­schaut, wie T. King­fi­sher mit wech­seln­den Hüten und bio­lo­gi­schen Fak­to­iden die letz­ten paar Awards anmoderierte. 

Die kom­plet­te Über­sicht dar­über, wer was gewon­nen hat (und die sehr in die Tie­fe gehen­den admi­nis­tra­ti­ven Berich­te über die Wahl) fin­den sich auf der Sei­te der LACon V. In den meis­ten Kate­go­rien lan­de­ten mei­ne per­sön­li­chen Favo­ri­ten auf dem zwei­ten oder drit­ten Platz. Cool fin­de ich, dass Ada Pal­mers Inven­ting the Renais­sance als best rela­ted work gewon­nen hat. 

Und wie jedes Jahr hat der Hugo-Award auch die Funk­ti­on – für mich jeden­falls – mich auf Bücher, Seri­en, Com­pu­ter­spie­le, Kurz­ge­schich­ten usw. hin­zu­wei­sen, die ich bis­her nicht kann­te. Die aus­führ­li­che Lis­te der Nomi­nie­run­gen ist da hilf­reich. Neben­ef­fekt: mein (vir­tu­el­ler) Sta­pel der zu lesen­den Bücher wird nicht klei­ner, selbst nach die­sem August nicht, in dem ich recht viel Zeit zum Lesen (und zum Anschau­en von Fil­men) gefun­den habe.

„Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy im August 2026“ wei­ter­le­sen

Science Fiction und Fantasy im Juli 2026 (der Rest)

Sunset clouds, Gundelfingen

Anfang Juli habe ich die Dan­de­l­ion Dynasty zu Ende gele­sen; dazu habe ich hier eini­ges auf­ge­schrie­ben. Den Rest­mo­nat habe ich mit fünf (teil­wei­se kur­zen) Roma­nen und einem, hm, Sach­buch verbracht. 

Das Sach­buch heißt How To Build A Dra­gon Or Die Try­ing: A Sati­ri­cal Look At Cut­ting-Edge Sci­ence (2019) und wur­de von einem Vater-Toch­ter-Duo geschrie­ben (2021 auch als Dra­chen­zucht für Ein­stei­ger auf deutsch erschie­nen). Paul Knoepf­ler ist ein Pro­fes­sor für Zell­bio­lo­gie, sei­ne Toch­ter Julie Knoepf­ler hat sich die Fra­ge, ob es mög­lich wäre, mit Hil­fe von Gen­tech­nik etc. zu züch­ten, in einem Schul­pro­jekt in der 8. Klas­se gestellt. Das Ergeb­nis ist ein Buch, das mal sehr nach Teen­ager-Vor­stel­lun­gen eines Dra­chen­haus­tiers klingt und mal nach Wis­sen­schaft. Hier und auch in eini­gen ande­ren Punk­ten hät­te dem Buch ein etwas stren­ge­res Lek­to­rat gut getan; so gibt es doch den Ein­druck vie­ler unnö­ti­ger Wie­der­ho­lun­gen und Zwi­schen­zu­sam­men­fas­sun­gen. Und Sati­re, die das Buch auch sein will, ist halt kei­ne Sati­re, wenn vor jedem über­trei­ben­den oder sar­kas­ti­schen Satz erst ein­mal dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass es sich hier um Sati­re han­delt. Ein biss­chen schwing da die Angst mit, dass irgend­wer das tat­säch­lich als Anlei­tung lesen könn­te. Ich fand das Buch trotz die­ser sprach­li­chen Schwä­chen inter­es­sant zu lesen – von den Über­le­gun­gen, was wohl eine gute Grund­la­ge wäre, um einen Dra­chen zu züch­ten – Eidech­sen, Vögel, Komo­do-Wara­ne – über Wir­bel­tier­bau­plä­ne, die Gene­tik von Federn und Schup­pen bis hin zur Fra­ge, wie Flug­fä­hig­keit (wenig Gewicht), Intel­li­genz (gro­ßes Gehirn) und Feu­er­spu­cken (kom­pli­zier­te Mecha­nis­men) in ein Tier pas­sen könn­ten. Bei Wie­der­käu­er­mä­gen zur Methan­her­stel­lung (Feu­er) fühl­te ich mich an Ken Lius Silk­punk-Dra­chen erin­nert. Gut gefal­len hat mir der Abschluss des Buchs, der aus­lo­tet, wel­che ethi­schen Fra­gen eigent­lich damit ver­bun­den wären, einen Dra­chen in die Welt zu brin­gen – vom Blick auf das Wohl­be­fin­den des Tiers über die poten­zi­el­le Waf­fen­taug­lich­keit bis zu öko­lo­gi­schen Fra­gen. Dabei kom­men auch die pro­ble­ma­ti­sche­ren Sei­ten von Crispr/Cas und Klo­nen als Hype-Tech­no­lo­gien der 2010er Jah­re nicht zu kurz. Rea­lis­ti­sche­rer Fan­ta­sy-Wel­ten­bau wäre eher ein Neben­ef­fekt der Lek­tü­re, ins­ge­samt geht des den Knoepf­lers wohl eher um die Auf­for­de­rung, mit zell­bio­lo­gi­schen Tech­ni­ken ver­ant­wor­tungs­voll umzugehen.

Dra­chen, äh, Dino­sau­ri­er, tauch­ten dann auch in der ers­ten Fol­ge der vier­ten Staf­fel von Star Trek: Stran­ge New Worlds (Para­mount+) auf. Ins­ge­samt habe ich die­se Fol­ge als Hom­mage an A Prin­cess of Mars und ähn­li­che Pulp-Geschich­ten gele­sen. Bonus: ein gigan­ti­sches Zeit­rei­se­pa­ra­dox. Weni­ger gut gefal­len hat mir die zwei­te Fol­ge der vier­ten Staf­fel – hier wird zum Stil­mit­tel „Body Hor­ror“ gegrif­fen. Das wird zwar gut umge­setzt, und genutzt, um die Psy­cho­lo­gie eini­ger Haupt­cha­rak­te­re aus­zu­lo­ten, aber ist ers­tens nicht mei­nes und führt zwei­tens für mei­nen Geschmack viel zu viel an Über­sinn­lich­keit in den Star-Trek-Kanon ein. Geis­ter? Wirklich?

„Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy im Juli 2026 (der Rest)“ wei­ter­le­sen

Science Fiction und Fantasy im September 2025

Night clouds, Gundelfingen

Im Sep­tem­ber fand ich weni­ger Zeit zum Lesen als übli­cher­wei­se. Das hat ver­schie­de­ne Grün­de; neben einem Fokus auf Seri­en – und einem Buch, mit dem ich mich schwer getan habe – habe ich grö­ße­re Tei­le mei­ner Frei­zeit mit einem Python-Pro­jekt gefüllt. Aber genug der Vorrede:

Auf dem Bild­schirm gese­hen haben wir den Mine­craft-Movie, den ich aller­dings arg quat­schig und nicht wirk­lich über­zeu­gend fand. Ja, der Film hat den einen oder ande­ren lus­ti­gen Moment, die eine oder ande­re Figur, die Empa­thie her­vor­ruft – ins­ge­samt ähnelt der gan­ze Plot jedoch einem Schwamm. 

Ich blei­be bei den eher ent­täu­schen­den Film­erleb­nis­sen: die rest­li­chen Fol­gen der drit­ten Staf­fel von Star Trek: Stran­ge New Worlds (Para­mount+) tru­gen lei­der wei­ter zum sehr durch­wach­se­nen Ein­druck die­ser Staf­fel bei. Ohne zu viel zu ver­ra­ten, lässt sich das Staf­fel­fi­na­le doch eher als Fan­ta­sy mit einem dün­nen SF-Fir­nis beschrei­ben. Der Druck, an TOS anzu­schlie­ßen, scheint lei­der zuneh­mend den krea­ti­ven Spiel­raum hin­sicht­lich Plot und Figu­ren­ent­wick­lung ein­zu­schrän­ken – statt des­sen wer­den selt­sa­me Expe­ri­men­te gestar­tet. Bleibt zu hof­fen, dass die drit­te Staf­fel eher einen Durch­hän­ger dar­stellt und es mit der vier­ten wie­der auf­wärts geht.

Ange­fan­gen haben wir die zwei­te Wed­nes­day-Staf­fel (Net­flix). Die zwei­te Fol­ge war bes­ser als die teil­wei­se arg ober­fläch­li­che und ste­reo­ty­pe ers­te Fol­ge. (Mehr ‚Emi­ly the Stran­ge‘ als Addams-Fami­lie, falls das jemand etwas sagt …). Es soll bes­ser wer­den, habe ich gehört – mal sehen, wie es weitergeht.

Rich­tig begeis­tert bin ich dage­gen von Arca­ne (Net­flix). Viel­schich­ti­ge Figu­ren in einer eben­so viel­schich­ti­gen wie schil­lern­den Fan­ta­sy-Welt, und das alles gra­fisch und musi­ka­lisch hoch inno­va­tiv umge­setzt – sie­he https://mashable.com/article/netflix-arcane-league-of-legends-animation. Lei­der gibt es nur zwei Staf­feln, der zwei­ten (die ich zu zwei Drit­teln eben­falls bereits gese­hen habe) ist anzu­mer­ken, dass da sehr viel Geschich­te mas­siv ver­dich­tet wur­de; scha­de, dass dem nicht mehr Raum gege­ben wird. So oder so: eine Emp­feh­lung für alle, die gra­fisch umge­setz­te Fan­ta­sy ohne kla­re Gut-Böse-Dicho­to­mie mögen.

Dann zu den Büchern. Ger­ne gele­sen habe ich das Debut von Emi­ly Pax­man, Death on the Cal­de­ra (2025). Der Roman ist mehr­schich­tig, und die Beschrei­bung „Mord­fall im Ori­ent Express“ in einem Fan­ta­sy-Reich (bzw. genau­er gesagt: in einem zwi­schen meh­re­ren Fan­ta­sy-Rei­chen umkämpf­ten Gebiet) trifft es nur teil­wei­se. Es geht um Roman­zen, um Wider­stands­kämp­fe, um den Anbruch einer indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on, um alte Vul­kan­gott­hei­ten und ein Königs­haus mit inter­es­san­ten Gebräu­chen, um Hexe­rei und um diver­se, recht cle­ve­re Magie­sys­te­me. Und ja, das alles hat auch etwas mit einem Zug zu tun, und ist recht packend erzählt. 

Eben­falls sehr ger­ne gele­sen habe ich den neus­ten Roman von R.F. Kuang, Kat­aba­sis (2025), der es auch auf diver­se Best­sel­ler­lis­ten geschafft hat; samt Por­träts der Autorin bei gro­ßen Medi­en­häu­sern – erst dadurch ist mir bewusst gewor­den, dass sie nicht nur Babel geschrie­ben hat, son­dern im „Litfic“-Feld schon mit ande­ren Büchern recht erfolg­reich war. Wenn ich nach Gemein­sam­kei­ten zwi­schen bei­den Büchern suchen woll­te, dann wäre das der Innen­blick auf bri­ti­sche Uni­ver­si­tä­ten (hier Cam­bridge), eine dezi­diert post­ko­lo­nia­le Per­spek­ti­ve und Magie. Da hört es dann aber auch fast schon wie­der auf. Kat­aba­sis, der grie­chi­sche Begriff für den Abstieg in die Unter­welt, spielt in einer unde­fi­nier­ten nahen Ver­gan­gen­heit, ich wür­de auf die 1980er oder 1990er Jah­re tip­pen. Ali­ce Law, die Haupt­per­son des Buches, ist dabei, in Cam­bridge ihre Pro­mo­ti­on abzu­schlie­ßen – in dem Feld der „Ana­ly­ti­cal Magick“. Magie in Babel beruh­te auf Spra­che; für Kat­aba­sis hat sich Kuang ein Magie­sys­tem aus­ge­dacht, dass alt­ehr­wür­dig ist und bis zu grie­chi­schen (und chi­ne­si­schen) Klas­si­kern zurück­reicht, das auf mit Kalk (und der Lebens­en­er­gie von Jahr­mil­lio­nen alten Orga­nis­men) gezeich­ne­te Pen­ta­gram­me setzt, und in des­sen Kern Para­do­xa ste­hen. In die­sem Buch ist dar­aus ein typi­sches aka­de­mi­sches Feld gewor­den, mit renom­mier­ten ehr­wür­di­gen Pro­fes­so­ren und Außenseiter*innen, mit einem Kanon und apo­kry­phi­schen Tex­ten, mit Kon­fe­ren­zen und mit der Aus­beu­tung von Nachwuchswissenschaftler*innen, die bis spät abends im Labor schuf­ten, um doch noch den Dreh hin­zu­krie­gen. Getrie­ben vom Ehr­geiz, selbst zu glän­zen, getrie­ben von Neu­gier­de – und letzt­lich doch nur Aus­ge­beu­te­te in einem auf weni­ge „genia­le“ Köp­fe zulau­fen­den Sys­tem. Was Kuang hier beschreibt, klingt erst ein­mal nach einem etwas reflek­tier­te­ren Cam­pus­ro­man. Sie belässt aber nicht dabei, denn an die aka­de­mi­sche Vor­höl­le schließt sich der wort­wört­li­che Abstieg in die mit aller­hand Quer­ver­wei­sen gespick­te Höl­le an. Moti­va­ti­on bei Law (und ihrem Kol­le­gen): den kürz­lich bei einem Unfall ver­stor­be­nen Dok­tor­va­ter zurück in die Welt der Leben­den holen, damit die­ser die letz­te Prü­fung abneh­men kann, die vor dem eige­nen aka­de­mi­schen Auf­stieg steht. Es kommt anders – und Kuang zeich­net die myso­gy­ne und von Ehr­geiz zer­fress­se­ne aka­de­mi­sche Welt dabei genau­so dras­tisch wie die Tor­tu­ren, die die Höl­le als Spie­gel Cam­brid­ges bereit­hält. Ein Trip – mit einem über­ra­schen­den Ende.

Ganz pas­send zu die­sen bei­den Büchern und den oben genann­ten Fil­men der klei­ne Band Char­lie N. Holmberg’s Book of Magic (2024) – eine flott geschrie­be­ne Ein­füh­rung dazu, wie Autor*innen kon­sis­ten­te und inno­va­ti­ve Magie-Sys­te­me ent­wi­ckeln. Der Band deckt von magi­schen Gegen­stän­den über Ener­gie­quel­len und Kos­ten bis zum Blick auf die Kon­se­quen­zen (etwa auf Kriegs- und Staats­füh­rung) alles ab, was beim Schrei­ben eines auf Magie set­zen­den Buches oder einer Geschich­te zu beach­ten ist, und berei­tet Lust, genau das zu tun. Der Band eig­net sich gleich­zei­tig, um einen ana­ly­ti­schen Blick dar­auf zu wer­fen, wie Autor*innen ein­set­zen – gera­de bei Arca­ne spie­len bei­spiels­wei­se die Kos­ten, Begren­zun­gen und sozia­len Aus­wir­kun­gen der dort im Kern ste­hen­den „Hex­tech“ eine gro­ße Rol­le, und die bei­den genann­ten Bücher leben eben­falls zu einem gro­ßen Teil davon, dass die Autorin­nen sich Magie­sys­te­me aus­ge­dacht haben, die nicht iso­liert ste­hen, son­dern in ein sozio­tech­ni­sches Sys­tem ein­ge­bun­den sind. 

Damit kom­me ich zum Schluss zu dem Buch, das ich nicht zu Ende gele­sen habe, son­dern nach zwei Drit­teln abge­bro­chen habe – zu zäh war es, zu sehr war das Feh­len eines ordent­li­chen Lek­to­rats spür­bar. Dabei ist die Grund­idee von Cir­cle for the Earth (2025) von Daph­ne Sin­ging­tree durch­aus inter­es­sant: ein 30-Mei­len-Kreis rund um ein im Mit­tel­punkt ste­hen­des Casino/Tagungshotel auf Lako­ta-Stam­mes­land in South Dako­ta wird mit allem drum und dran aus unse­rer Gegen­wart in die Ver­gan­gen­heit ver­setzt, genau­er gesagt ins Jahr 1791. Rund 10.000 Men­schen müs­sen sich in die­ser Situa­ti­on zurecht­fin­den – aus zwei Coun­ties und zwei Reser­va­ten ent­steht Chan­g­les­ka, ein aus Sicht der Autorin an Solar­punk-Ideen ori­en­tier­ter Staat, der die Geschich­te der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ändern könn­te. Das Buch bie­tet sehr aus­führ­li­che Beschrei­bun­gen nicht nur der Gefühls­zu­stän­de eines dut­zend Fokus­per­so­nen, son­dern auch der tech­ni­schen und poli­ti­schen Grund­la­gen von Chan­g­les­ka. Was bis zu dem Punkt, wo ich abge­bro­chen habe, aber so gut wie nicht statt­fin­det, sind Begeg­nun­gen zwi­schen den Men­schen aus unse­rer Zeit und der Welt der Ver­gan­gen­heit – es wer­den nach zwei Drit­teln des Buches gera­de ein­mal ers­te Füh­ler hin zu den in der Nähe leben­den Lako­ta aus dem Jahr 1791 und die dar­aus ent­ste­hen­den Miss­ver­ständ­nis­se beschrie­ben. Dafür sind bis dahin schon meh­re­re Mor­de, Atten­ta­te, Raub­über­fäl­le etc. pas­siert; die 10.000 Men­schen schaf­fen es, hart gegen­ein­an­der zu arbei­ten. Mög­li­cher­wei­se beschreibt das die Gegen­wart South Dako­tas ganz gut, mir erschien es ein biss­chen viel. Der Zufall bringt vie­le Ärzt*innen und ein paar klu­ge Leu­te mit in die Ver­gan­gen­heit; mit das ers­te, was sie tun, ist ein neu­es, zen­sier­tes Inter­net auf­zu­bau­en, das prak­ti­scher­wei­se vor­han­de­ne Geo­ther­mie-Kraft­werk des Res­sorts wird eine gro­ße Rol­le spie­len, und aus­führ­lich wird auch beschrie­ben, wie so schnell wie mög­lich ein neu­es Geld­sys­tem auf­ge­baut wird. Ach so: Alte und Kran­ke ster­ben lei­der, lei­der, weil es nicht genug Medi­ka­men­te gibt. Aber dadurch wer­den Plät­ze in Hei­men frei – Unter­kunfts­pro­blem gelöst. Wie schnell wel­che Tech­no­lo­gie fehl­schlägt, und wie schnell – ohne jeden Kon­takt – das Mind­set des 18. Jahr­hun­derts über­nom­men wird, über­rascht eben­so wie die Tat­sa­che, dass für ein Buch, das sich selbst Solar­punk zuord­net, Geld, Waf­fen und eher abschät­zi­ge Beschrei­bun­gen vega­ner Ernäh­rungs­sti­le eine gro­ße Rol­le spie­len. Irgend­wann war mein Ärger dar­über dann grö­ßer als mei­ne Neu­gier­de dar­an, wie die Autorin denn die tat­säch­li­che Begeg­nung mit der Welt des 18. Jahr­hun­derts beschrei­ben würde.

Science Fiction und Fantasy im August 2025

Night photography III

Ich fan­ge mit einem Buch an, das eigent­lich eher ein Sach­buch ist – Mark McCau­gh­re­ans „Rei­se­füh­rer“ 111 places in space that you must not miss (2023). Der Titel beschreibt eigent­lich auch schon ganz gut, was es mit die­sem Buch auf sich hat, das wohl tat­säch­lich in einer Rei­he erschie­nen ist, die auch jeweils 111 „ber­eis­ba­re“ Zie­le anders­wo zusam­men­bringt. Die 111 Orte im Welt­raum sind in drei Abtei­lun­gen unter­teilt, die sich mit dem Son­nen­sys­tem, der Milch­stras­se und dem Rest des Uni­ver­sums befas­sen. Etwas irri­tiert hat­te mich zuerst, dass die Objek­te, die jeweils mit einer Sei­te Text und einem Foto vor­ge­stellt wer­den, inner­halb die­ser drei Abtei­lun­gen alpha­be­tisch sor­tiert sind. Ich hät­te eine Sor­tie­rung nach Ent­fer­nung zur Erde erwar­tet. McCau­gh­re­an beschreibt mit einer leicht iro­ni­schen Note die unter­schied­li­chen Objek­te, die von Mond und ISS bis zu Deep-Field-Auf­nah­men und der kos­mi­schen Hin­ter­grund­strah­lung rei­chen. Inter­es­san­ter­wei­se hat die­ser Rei­se­füh­rer auf mich eher den Effekt, noch ein­mal deut­lich zu machen, wie groß und lebens­feind­lich das Welt­all ist … das wird nicht nur in den Rei­se­zei­ten sicht­bar, die bei den wei­ter ent­fern­ten Objek­ten ger­ne mal bei „Mil­lio­nen Jah­re mit Licht­ge­schwin­dig­keit“ lie­gen, aber selbst im Son­nen­sys­tem wird deut­lich, dass neben dem Mond, Hub­ble und ISS (und bei einer Rei­se­zeit von min­de­tens 9 Mona­ten: dem Mars) selbst z.B. die Jupi­ter­mon­de wohl für ent­spre­chend lan­ge flie­gen­de Son­den, aber eben nicht für mit Men­schen besetz­te Raum­schif­fe erreich­bar sind. Und dass es, dort ein­mal ange­kom­men, ganz schnell zu Pro­ble­men mit Strah­lung kom­men wür­de. Und auch zum Mars schreibt der Autor „will kill you“. Inso­fern: ein gutes Sach­buch über den Stand unse­res Wis­sens über das Son­nen­sys­tem, die Milch­stra­ße und unse­re loka­len Super­struk­tu­ren, aber auch ein Buch, das komi­sche Dimen­sio­nen ver­deut­lich und klar macht, dass die Prä­mis­sen selbst „har­ter“ SF-Seri­en wie The Expan­se weit jen­seits der Rea­li­tät lie­gen. Von Warp-irgend­was gar nicht zu sprechen.

Und wo ich gera­de bei Sach­bü­chern bin: als Ergän­zung zu mei­ner Rei­se nach Kopen­ha­gen habe ich das Buch The Sto­ry of Scan­di­na­via (2023) des Poli­tik­wis­sen­schaft­lers Stein Rin­gen gele­sen. Rin­gen fängt bei den Wikinger*innen an und endet – nach inten­si­ver Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ent­ste­hung der König­rei­che und spä­ter einer luthe­ria­nisch ein­ge­färb­ten Sozi­al­de­mo­kra­tie – in den 2020er Jah­ren. Ich fand das Buch auf­schluss­reich für ein Ver­ständ­nis, wie Däne­mark, Nor­we­gen und Schwe­den sich ent­wi­ckelt haben, und wie die drei Län­dern in wech­seln­den Kon­stel­la­tio­nen zusam­men und gegen­ein­an­der gewirkt haben. Im Kon­text SF und Fan­ta­sy rele­vant: Rin­gen macht u.a. deut­lich, dass wir uns die Wikinger*innen wohl am ehes­tens als War­lords vor­stel­len müs­sen, die Bru­ta­li­tät zu einem Mar­ken­zei­chen mach­ten, dass dann euro­pa­weit bekannt und gefürch­tet wur­de (und die nicht zuletzt Skla­ven­han­del betrie­ben). Aus den War­lords wur­den dann ab etwa dem 10. Jahr­hun­dert, Köni­ge (u.a. Harald Blau­zahn und Knud der Gro­ße), die aber – so Rin­gen – nichts blei­ben­des hin­ter­lie­ßen. Und die Beschrei­bun­gen der Intri­gen der unter­schied­li­chen hoch­mit­tel­al­ter­li­chen Herrscher*innen erin­ner­te doch stark an „Game of Thro­nes“ – bis hin Bru­der­mor­den und zu Ein­la­dun­gen aller Wich­ti­gen zu Fest­mäh­lern, die im Blut­bad enden. (Eigent­li­cher Kern des Buchs ist die Fra­ge, wie aus die­sem Cha­os Demo­kra­tien und nach dem 2. Welt­krieg der skan­di­na­vi­sche Wohl­fahrts­staat ent­ste­hen konn­ten – auch das durch­aus inter­es­sant; inter­es­sant auch der Blick auf das Han­deln Däne­marks (weit­ge­hend akzep­tier­te Beset­zung, Kol­la­bo­ra­ti­on), des als Natio­nal­staat jun­gen Nor­we­gens (Beset­zung mit Wider­stand und einer flie­hen­den Exil­re­gie­rung) und Schwe­dens (Neu­tra­li­tät und Waf­fen­ver­käu­fe) in der Nazizeit.) 

An SF gele­sen habe ich die ers­ten bei­den Bän­de der „Kin­dom Tri­lo­gy“ von Betha­ny Jacobs, The­se Bur­ning Stars (2023) und On Vicious Worlds (2024); der drit­te Band wird noch in die­sem Jahr erschei­nen. Die Bücher ver­bin­den Aspek­te aus bei­den Sach­bü­chern: sie spie­len in einem sich über meh­re­re Son­nen­sys­te­me erstre­cken­den Impe­ri­um („The Treb­le“); und stel­len­wei­se wird es sehr blu­tig und bru­tal mit Blick auf Nach­fol­ge­kämp­fe und Rache­ak­te. Ins­be­son­de­re inner­halb und zwi­schen den „First Fami­lies“ und den drei Säu­len des „Kin­dom“ (Priester*innen der poly­the­is­ti­schen Reli­gi­on; Ver­wal­tung und Jus­tiz; und die „bru­tal hand“ mit ihren Killer*innnen). Zusam­men­ge­hal­ten wird „The Treb­le“ von einem ener­gie­rei­chen Mine­ral (Jevi­te bzw. in der syn­the­ti­schen Form Sevi­te), das u.a. Sprün­ge durch „Gates“ erlaubt. Inter­es­san­ter als die diver­sen Kämp­fe (sag­te ich schon, dass es sehr blu­tig und bru­tal wird?) sind die von Jacobs skiz­zier­ten Inter­es­sen­la­gen und orga­ni­sa­to­ri­schen Ver­krus­tun­gen – bei­spiel­wei­se hat die Fami­lie einer der Haupt­per­so­nen das Mono­pol auf die­sen Mine­ral; die in der Ver­ar­bei­tung von Sevi­te beschäf­tig­ten Über­le­ben­den eines Geno­zids – die Jeve­ni – sind mit ihrer Lage nicht zufrie­den usw. Und ziem­lich viel ist anders, als es am Anfang scheint. Gut gefal­len hat mir an die­ser Space Ope­ra auch, dass eini­ge der Trau­ma­ta und sozia­len Ängs­te eini­ger Haupt­per­so­nen klar the­ma­ti­siert wer­den. Egal, wie sehr sie die Held*innen die­ser Geschich­te sind. Ich bin auf den drit­ten Band gespannt – der zwei­te ende­te ziem­lich abrupt mit einer fie­sen Enthüllung.

Auch Space Ope­ra, aber kom­plett anders, ist die online ver­öf­fent­lich­te Novel­le The Epi­pha­ny of Glie­se 581 von Fer­nan­do Bor­ret­ti (2022), die ein biss­chen an Greg Egan erin­nert. Viel spielt hier in dia­mant­ba­sier­ten Com­pu­ter­sub­tra­ten, und Menschen/transhumane Wesen, die sich selbst down­loa­den und per Mate­rie­druck repro­du­zie­ren kön­nen, tun sich ein biss­chen ein­fa­cher damit, ferns­te Son­nen­sys­te­me zu erfor­schen – oder wie hier: auf­zu­klä­ren, wie eine voll­endes trans­hu­ma­ne „Gott­heit“, die den namens­ge­ben­den Stern Glie­se 581 nach eige­nem Bild gestal­tet hat, zu Tode kam. 

Gele­sen habe ich und sehr emp­feh­len kann ich dann noch das gera­de erschie­ne­ne Auto­ma­tic Nood­le (2025) von Anna­lee Newitz. Wäh­rend ich mit ihren Ter­ra­for­mern nicht so viel anfan­gen konn­te, hat mir die­se eher cozy Geschich­te gut gefal­len: im Kern geht es um vier sehr unter­schied­li­che Robo­ter (und einen Men­schen), die übrig blei­ben, als eine Möch­te­gern-Fast­food-Ket­te ihr Geschäft auf­gibt. Das gan­ze spielt in San Fran­cis­co, in einem Kali­for­ni­en, das sich gera­de in einem blu­ti­gen Krieg von Ame­ri­ka abge­spal­tet hat, und das – anders als die Rest-USA – unter bestimm­ten Bedin­gun­gen men­schen­ähn­li­che Robo­ter mit Rech­ten aus­stat­tet – was ande­re nicht davon abhält, Vor­ur­tei­le zu äußern. Mit viel Lie­be zum Detail erzählt Nee­witz, wie aus dem Fast­food-Shop ein auf Biang-Biang-Nudeln spe­zia­li­sier­tes Restau­rant wird (da erin­ner­te mich das eine oder ande­re an Sourdough) – und wie dabei die ganz unter­schied­li­chen Robo­ter-Per­sön­lich­kei­ten mit ihren Stär­ken (und Schwä­chen und Trau­ma­ta) zusam­men­fin­den. (Lesens­wer­tes Inter­view mit Newitz dazu.)

In gewis­ser Wei­se gut dazu gepasst hat der Film Chap­pie (2015, lief auf Net­flix), den ich eher zufäl­lig aus­ge­wählt habe. Hier geht es um auto­no­me Poli­zei­ro­bo­ter in Johan­nis­burg und was pas­siert, als eine*r davon ein Bewusst­sein bekommt und bei einer von „Die Ant­wo­ord“ gespiel­ten Gangs­ter­fa­mi­lie auf­wächst. Regis­seur Neill Blom­kamp legt an man­chen Stel­len zu dick auf, der Film kann sich manch­mal nicht ent­schei­den, ob er jetzt Thril­ler, Hip-Hop-Gangs­ter­ko­mö­die oder Robo­ter-Reflek­ti­on sein möch­te – unter­halt­sam war’s trotz­dem. Ins­be­son­de­re mit dem zum Zeit­punkt die­ses Films noch nicht abseh­ba­ren AI-Hype im Hinterkopf.

Wei­ter­ge­guckt habe ich außer­dem Foun­da­ti­on und Star Trek: Stran­ge New Worlds – wobei ich hier von Fol­ge 6 („The Seh­lat Who Ate Its Tail“) ins­ge­samt eher begeis­tert war, und mit den Fol­gen 7 („What Is Star­fleet?“) und 8 („Four-and-a-Half Vul­cans“) nicht so viel anfan­gen konnte. 

Begon­nen und dann gleich bin­ge­ge­watcht habe ich die ers­te Staf­fel von Silo (Apple TV, 2023), der Ver­fil­mung der Bücher Wool, Shift und Dust von Hugh How­ey. Die Serie spielt (zumin­dest in der ers­ten Staf­fel) fast aus­schließ­lich in einer rie­si­gen Unter­grund­stadt, dem titel­ge­ben­den Silo, das von selt­sa­men Regeln (Trep­pen­stei­gen zwi­schen den 144 Stock­wer­ken!, kei­ne Mikro­sko­pe!) beherrscht wird. Drau­ßen ist böse – jeden­falls ist das die mit gro­ßem Auf­wand auf­recht erhal­te­ne herr­schen­de Mei­nung. Und Arte­fak­te aus der Zeit davor sind eben­falls ver­bo­ten. Durch einen geschick­ten Kniff ver­bin­det die Serie die Gescheh­nis­se im unters­ten Level – hier küm­mern sich Mechaniker*innen dar­um, dass alles läuft – der Mit­tel­schicht und der Eli­te des Silos in den obe­ren Leveln. Die Haupt­per­so­nen und deren Che­mie unter­ein­an­der ist dann auch Grund genug, über das eine oder ande­re Plot­ho­le hin­weg zu sehen (wie kommt eine seit vie­len Jahr­zehn­ten von der Außen­welt abge­schnit­te­ne Stadt mit 10.000 Men­schen an so Din­ge wie Kaf­fee oder Lötzinn?).