Experimenteller Technikoptimismus – Update 2016

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Deep Dream Dreamscope
Deep Dream Dreamscope, Jessica Mullen, Public Domain

Vor einem Jahr schrieb ich eine kurze Auseinandersetzung mit einem Artikel, den Judith Horchert, Matthias Kremp und Christian Stöcker damals bei Spiegel online veröffentlicht hatten. In dem Artikel sind fünf Prognosen dazu zu finden, welche Technologien in naher Zukunft unseren Alltag verändern werden. Ich fand das damals alles arg unwahrscheinlich, und hatte versprochen, ein Jahr später (usw.) nachzuschauen, wie es denn jeweils um den Stand der Technik steht. Mit ein paar Tagen Verspätung hier nun mein erster Blick auf den Stand der Dinge.

Themenfeld eins bei Horchert et al. war die Robotik. Dazu schrieben sie: »Künftig aber dürften Maschinen, die scheinbar autonom einem oder gleich mehreren Zwecken dienen, sich zunehmend in unserem Alltag breitmachen. Als schweigende Helfer in Krankenhäusern, als Lagerarbeiter im Couchtisch-Format oder als Einparkhelfer. Vom Staubsauger, Fensterputzer, über Lieferdrohnen bis hin zu humanoiden Maschinen wie Baxter, die in Fabrikbetrieben diverse Aufgaben übernehmen.«

In meinem Alltag sind noch keine autonomen Roboter aufgetaucht. Aber ich gebe zu, dass Staubsaugeroboter und Drohnen in den letzten zwölf Monaten an Selbstverständlichkeit gewonnen haben. Und Filme wie »Ex Machina« brachten im letzten Jahr die Auseinandersetzung um nichtmenschliche, menschenähnliche Maschinen auch in die Populärkultur.

Zweitens ging es um das Selbstfahrende Auto. Das fahrerlose Taxi wird dort für 2021 bis 2023 erwartet, ebenso der selbstfahrende LKW. Gibt es beides noch nicht, aber hier ist doch einiges passiert. Sowohl, was die Technik angeht, als auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Debatte darum, wie die Verantwortlichkeit bei autonomen Fahrzeugen aussieht, und was mit der ganzen Logistikbranche passiert, wenn Autos fahrerlos unterwegs sind, und wie es um den Datenschutz steht. Google zeigte sich enttäuscht, dass auch in Kalifornien selbstfahrende Autos einen Fahrer oder eine Fahrerin enthalten müssen. Bei Daimler werden Assistenzsysteme für LKW entwickelt, die demnächst eine autonome Fahrt auf der Autobahn ermöglichen, vielleicht schon vor 2020. Und auch beim Elektroauto Tesla soll es in naher Zukunft teilautonom zugehen.

Anders das dritte Thema, die Virtuelle Realität. Hier hieß es: »Schon in wenigen Jahren wird man im Zug oder im Flugzeug Menschen mit VR-Gerät am Kopf statt mit Laptop oder Tablet als Filmabspieler antreffen. Und es werden Unterhaltungsformate entstehen, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.« – Es gibt zwar in der Film- und Gamesbranche tatsächlich Debatten darüber, wie VR-Spiele und -Unterhaltungsprogramme aussehen können. Und mit Oculus Rift steht ein »Konsumer-VR-Gadget« kurz vor der tatsächlichen Vermarktung. Am anderen Ende des Spektrums steht Google Cardboard als Selbstbausystem für VR auf Android-Handys. Und quer dazu gibt es Projekte, bei denen 3D auf Oberflächen (»tabletop«) projeziert werden soll. Microsoft ist auch dabei. Ein bisschen was passiert hier tatsächlich. Im Zug sind mir aber noch keine Menschen mit VR-Brille begegnet, und auch bei Twitter ist es noch nicht das große Ding. Gleichzeitig sind Features wie der 3D-Modus bei Fernsehgeräten wohl schon wieder im Abklingen im Trendzyklus. Meine Prognose: Für Computerspiele kommt das, als allgemeines Interface, und sei es im Unterhaltungsbereich, ist VR in den nächsten Jahren eher noch weit weg. Oder findet wegen »unpraktisch« gar nicht statt. Was insofern gut ist, als es bedeutet, dass die Vision weitgreifenden Analphabetentums in einer High-Tech-Welt, wie sie Star Wars verkörpert, nicht wirklich vor der Tür steht.

Vorhersage Nr. 4 war die Automatische Übersetzung on the fly, die schon bald Normalität sein soll – das Handy als Universalübersetzer. Interessanterweise ist hier – zumindest in Europa – die Flüchtlingskrise mit zu einem Antrieb für die öffentliche Präsenz von automatischen Übersetzungen geworden. Neben spezialisierten Programmen ist hier insbesondere Google Translate zu nennen, das nicht nur mit geschriebener Sprache, sondern inzwischen auch halbwegs passabel erstaunlich gut mit (einzelnen) gesprochenen Wörtern oder Sätzen klarkommt. Kleine Anekdote dazu: in der Grundschulklasse meines Sohnes sind seit ein paar Tagen zwei Kinder aus Syrien, die noch kein Deutsch können. R. berichtete nun, dass das Handy der Lehrerin – und vermutlich Google Translate – dabei helfen soll, dass die Kinder sich untereinander verständigen. Das ist alles noch nicht die fließende Simultanübersetzung, und manchmal kommt noch großer Quatsch raus (»Ich heiße Till« -> »I till hot«), aber besser als sprachlos rumzustehen ist es allemal.

Und auch beim fünften Punkt, dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz in PC und Smartphone, ist mehr passiert, als ich mir das vor einem Jahr hätte vorstellen können. Facebook und Google stecken beide massiv Geld in die KI-Forschung. Und ganz besonders viel dazu beigetragen hat, dass KI plötzlich wieder im Mittelpunkt des Interesses steht, hat Googles Veröffentlichung von TensorFlow (siehe Wikipedia) – einer Open-Source-Bibliothek für »Machine Intelligence«, also für Maschinenlernen bzw. für das Training tiefer neuraler Netzwerke. Sichtbar wurde diese Bibliothek etwa in den im Netz kursierenden Bildern von DeepDream (eine Software, die Bilderkennung voranbringen soll und deren Zwischenschritte ein gewisser psychodelischer Surrealismus innewohnt). Aber auch in die ganz normale Auswertung der Suchergebnisse fließt inzwischen KI mit ein. Und auch Flickr verschlagwortet Fotos inzwischen automatisch – nicht immer perfekt, und mit einer ganzen Menge Fallstricke, aber immerhin. [Update, 21.02.: Google bietet jetzt AI-Power – hier: Fotoerkennung – zum Mieten an …]

Vor einem Jahr war ich noch sehr skeptisch, dass es hier tatsächlich zu Durchbrüchen kommt und entsprechende Technologien – von den Robotern bis zur allgegenwärtigen KI – Einzug in den Alltag finden und sich auch tatsächlich durchsetzen. Gerade was die Sprach- und Bilderkennung angeht, und alles, was darauf aufbaut, ist in den letzten Monaten extrem viel passiert. Insofern bin ich gespannt, ob das tatsächlich bis 2017 zu einem fundamentalen Wandel unserer Alltagstechnologie führt.

Spannend finde ich, wie oft hier »Google« auftaucht. Egla, ob autonomes Fahren oder Übersetzen-on-the-fly – irgendwie ist der kalifornische Konzern immer mit dabei. Und typisch Google: natürlich funktioniert das Beibehalten von Monopolen besser, wenn alle auf die eine, offene Technologie zugreifen. Das hat bei Android gut geklappt, und es spricht einiges dafür, dass das auch bei TensorFlow der Fall sein wird. Dass Facebook und Google beinahe zeitgleich verkündeten, Go gelöst zu haben, also eines der harten Probleme der KI-Forschung, passt da ins Bild eines gerade an Tempo zulegenden technologischen Rennens. (Tja, und Baden-Württemberg? Ich bin gespannt, ob Firmen und Forschungsprojekte aus dem Ländle hier in Zukunft eine Rolle spielen werden, oder ob da gerade was verpasst wird). Also viel Stoff dafür, in einem Jahr erneut zu schauen, was mit den fünf Technikfeldern passiert ist.

Warum blogge ich das? Als techniksoziologische Langzeitbeobachtung.

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2 Antworten auf Experimenteller Technikoptimismus – Update 2016

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