Kurz: Wie halten Sie’s mit AI?

Mit einem gewis­sen Erstau­nen fällt mir immer wie­der auf, dass ich doch wei­ter­hin mit recht skep­ti­schem Blick auf AI/KI/LLMs schaue. Erstau­nen, weil ich durch­aus wahr­neh­me, dass die­se Model­le so etwas wie „instant intel­li­gence“ lie­fern. Wie auch immer sie das machen, und was auch immer das über mensch­li­che Intel­li­genz aus­sagt. Instant­kaf­fee wäre für mich eine Not­lö­sung, maxi­mal. So ähn­lich ist es hier. (Oder, um ande­re Ver­glei­che zu bemü­hen: die Plas­tik­lie­be der 1970er – und das Naturstoff-Revival).

Jeden­falls wur­de mir mei­ne Skep­sis jetzt amt­lich bestä­tigt. Unter https://bambamramfan.github.io/ai-compass/ fin­det sich ein Fra­ge­bo­gen mit 15 Fra­gen, der einen danach in einen Arche­ty­pen ein­sor­tiert. Nicht sehr wis­sen­schaft­lich, aber immer­hin. Ich fand es gut, allei­ne schon des­we­gen, weil ein paar der Fra­gen zum Nach­den­ken anre­gen, und weil deut­lich wird, dass die Hal­tung zu AI mehr­di­men­sio­nal ist und ein rei­nes Dafür/Dagegen viel zu kurz greift.

Photo of the week: #NextFrontiers Stuttgart (@ Uni Stuttgart)

#NextFrontiers Stuttgart (@ Uni Stuttgart)

 
Anfang Mai habe ich es end­lich mal geschafft, mir die #Next­Fron­tiers-Kon­fe­renz („Appli­ed Fic­tion Days“) anzu­schau­en. Ich bin in deren News­let­ter, und die­se Stutt­gar­ter Kon­fe­renz gibt es seit 2019, bis­her kam aber immer was dazwi­schen. Die Prä­mis­se fin­de ich hoch­span­nend: Wis­sen­schaft und Sci­ence Fic­tion ein­an­der begeg­nen las­sen, und mal gucken, was herauskommt. 

Der Eröff­nungs­abend in der Stadt­bi­blio­thek Stutt­gart mit der Phi­lo­so­phie­pro­fes­so­rin Amrei Bahr und der Schrift­stel­le­rin Berit Glanz, die sich auf hohem Niveau über Künst­li­che Intel­li­genz unter­hal­ten haben, hat Spaß gemacht, und war mal etwas ande­res als die har­ten „Dafür“/„Dagegen“-Takes aus den sozia­len Medi­en. Nein, man kann auch sehr dif­fe­ren­ziert dar­auf gucken, wie LLMs wir­ken, wo Expe­ri­men­te damit coo­le Expe­ri­men­te sind, und wo es um Kapi­ta­lis­mus und Aus­beu­tung geht. 

Der Tagungs­tag selbst fand dann in der Uni Stutt­gart statt (ein High­light des Pri­mär­far­ben­bru­ta­lis­mus). Das abge­stürz­te UFO im Ein­gangs­be­reich war schon mal viel­ver­spre­chend, abge­se­hen davon fühl­te ich mich aber eher etwas lost – das übli­che Kaffeepausen-wenn-man-niemand-kennt-Problem. 

Die Vor­trä­ge waren v.a. Vor­trä­ge (in einem Hör­saal, der das Pri­mär­far­ben­bru­ta­lis­mus-Sche­ma fort­setz­te), die sich jeweils dar­an anschlie­ßen­den Gesprä­che dann lei­der aus mei­ner Sicht wenig ergie­big. Die Key­note von Maar­ten Hajer und Jero­en Oomen zu „Cap­ti­ve Futures“ und der Rol­le von Zukunfts­er­zäh­lun­gen für poli­ti­sches Enga­ge­ment war auf­schluss­reich, und auch die Vor­trä­ge von Dirk Brock­mann („Den­ken wie ein Pilz“), Adri­an Kel­ler („DNA Data Sto­rage“) und Thar­shan Mas­he­wa­ran („Pla­ne­ta­ry Suns­ha­de“) fand ich inter­es­sant. Mar­cus Ham­mer­schmitt prä­sen­tier­te als SF-Autor „in resi­dence“ drei mehr oder weni­ger pes­si­mis­ti­sche Zukunfts­sze­na­ri­en; ein ech­ter Aus­tausch zwi­schen Brock­mann und ihm kam dann aller­dings nicht zustan­de, weil bei­de, so mein Ein­druck, ein­fach über kom­plett unter­schied­li­che Din­ge rede­ten. Karl­heinz Stein­mül­ler trat als Con­fé­ren­cier zu Kel­ler auf, und mach­te das recht char­mant. The­re­sa Han­nig wie­der­um, die den Suns­ha­de-Vor­schlag als SF-Autorin kom­men­tie­ren soll­te, kon­fron­tier­te eher; das erschien mir an die­ser Stel­le nicht hilf­reich. Die Autorin Emma Bras­lavs­ky schließ­lich ging in ihrer Key­note noch­mals auf KI ein, mit einem recht kom­ple­xen Bogen von Mythen und der Ent­ste­hung des Ich-Bewusst­seins in Ver­bin­dung mit dem Auf­kom­men von Religionen. 

Für sich genom­men wie gesagt alles durch­aus inter­es­sant; ein Gan­zes hat es für mich aber nicht erge­ben. Zudem war an der einen oder ande­ren Stel­le spür­bar, dass es sich hier auch um eine Lehr­ver­an­stal­tung des IZKT han­del­te und das Publi­kum teil­wei­se aus (zwangs­ver­pflich­te­ten?) Stu­die­ren­den bestand, an die sich dann auch der Work­shop-Tag (an dem ich nicht teil­ge­nom­men habe und der viel­leicht eher als der Vor­trags­tag das „sci­ence meets sci­ence fic­tion“ umge­setzt hät­te) pri­mär rich­te­te. Viel­leicht lag es am Hör­saal als Ort, dass das alles recht fron­tal ablief und die Publi­kums­in­ter­ak­ti­on auf Slido da und ein paar weni­ge Fra­gen dort begrenzt war. Gefreut hät­te ich mich im Rah­men­pro­gramm auch über sagen wir einen Stand eines SF-Ver­lags oder ein paar Pos­ter aus dem IZKT. Für „Wir wol­len die Stutt­gar­ter SXSW sein“ war das dann doch ein biss­chen zu sehr Hochschule.

2025 im Blog

Reflection

Neben den Pho­tos der Woche und mei­nen fast monat­li­chen Sci­ence-Fic­tion-Rezen­sio­nen dient mein Blog ja auch dazu, fest­zu­hal­ten, was mir bedenkens‑, erin­ne­rungs- oder sonst­wie auf­he­bens­wert erscheint.

Der Traum von digitaler Assistenz

Desk cat

In eige­ner Sache: in der aktu­el­len Aus­ga­be der Andro­me­da Nach­rich­ten Nr. 291 des SFCD ist mein Text „Der Traum von digi­ta­ler Assis­tenz“ (S. 44–45) erschie­nen. Die kom­plet­te Aus­ga­be gibt es hier als PDF.

Der Traum von digitaler Assistenz. Science Fiction oder schon Realität?

Egal, wohin man auch schaut – über­all begeg­net einem Arti­fi­ci­al Intel­li­gence (AI), ob gewollt oder nicht. Das sug­ge­riert, das bald Rea­li­tät sein könn­te, was heu­te noch Motiv der Sci­ence Fic­tion ist: eine all­zeit ver­füg­ba­re, all­wis­sen­de digi­ta­le Assistenz.

Wäre schön – aber mich gru­selt es dabei. Denk­bar wären auch ganz ande­re Tra­jek­to­ri­en gewe­sen. Immer­hin bin ich mit der ers­ten Gene­ra­ti­on per­sön­li­cher Com­pu­ter auf­ge­wach­sen, habe Tei­le mei­ner Jugend in Mail­bo­xen ver­bracht und war live dabei, als aus dem World Wide Web der Dot-Com-Boom wur­de – und platz­te. Com­pu­ter als Uni­ver­sal­ma­schi­nen, das Netz als uni­ver­sel­les Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um übten eine inten­si­ve Fas­zi­na­ti­on auf mich aus. Und mit­ten im Win­ter der Künst­li­chen Intel­li­genz Anfang des Jahr­hun­derts mal­te ich mir aus, wie hilf­reich ein Pro­gramm sein könn­te, das logi­sche Ent­schei­dun­gen begrün­det fällt, dabei hilft, Mails sinn­voll zu sor­tie­ren oder Tex­te von der einen in die ande­re Spra­che über­setzt. (Mei­ne dies­be­züg­li­chen Geh­ver­su­che in Tur­bo Pas­cal blie­ben dies – nai­ve Ansät­ze, und nicht von Erfolg gekrönt.)

Trotz­dem fin­de ich mich jetzt recht fest im Lager der AI-Kritiker*innen wie­der. Und wun­de­re mich, wie gene­ra­ti­ve Algo­rith­men und gro­ße Sprach­mo­del­le (LLMs) trotz aller wohl­be­grün­de­ter Kri­tik­punk­te inner­halb weni­ger Jah­re Teil des All­tags vie­ler Men­schen wer­den konn­te. Am Mit­tags­tisch dis­ku­tie­ren wir dar­über, wie eigent­lich das Geschäfts­mo­dell von Ope­nAI aus­sieht und wann die AI-Bla­se platzt (oder wann sie genü­gend Men­schen so in Abhän­gig­keit gebracht hat, dass ein mono­po­lis­ti­sches Abo-Modell unaus­weich­lich scheint.) Ich ärge­re mich dar­über, dass jede Soft­ware irgend­wel­che AI-Fea­tures mit­bringt, die abzu­schal­ten eher kom­pli­ziert gemacht wird. Und ich wun­de­re mich, wie Men­schen einer Soft­ware ver­trau­en kön­nen, die nicht weiß, was sie nicht weiß – son­dern dann halt plau­si­blen Bull­shit zusam­men­reimt. Was auf den ers­ten Blick beein­dru­ckend wirkt, fällt schnell zusam­men, wenn es um The­men­ge­bie­te geht, in denen man sich tat­säch­lich aus­kennt. Zwi­schen »klingt plau­si­bel« und »stimmt« gibt es kei­nen Zusam­men­hang – vie­len scheint aber ers­te­res zu reichen.

„Der Traum von digi­ta­ler Assis­tenz“ weiterlesen

Kurz: In der Blase

Es gibt vie­le Grün­de, „AI“ zu kri­ti­sie­ren – das reicht von Bias in den zugrun­de­lie­gen­den Daten über Umwelt­aspek­te bis hin zu der Tat­sa­che, dass gro­ße Sprach­mo­del­le prin­zi­pi­en­be­dingt eher plau­si­bel klin­gen­de „Fak­ten“ erfin­den als kei­ne Ant­wort zu geben. Nichts­des­to­trotz scheint eine grö­ße­re Zahl an Men­schen in ChatGPT, Gemi­ni, Per­ple­xi­ty etc. so etwas wie all­wis­sen­de Ant­wort­ma­schi­nen zu sehen. Und ja: die Text­ver­ar­bei­tung (und die Bild­ge­ne­rie­rung) wirkt erst ein­mal sehr beein­dru­ckend. Die rea­len Anwen­dungs­fäl­le sind dann aber viel klei­ner, als der Hype ver­mu­ten lässt.

Aber selbst wer von „AI“ begeis­tert ist, soll­te die Fra­ge des Geschäfts­mo­dells zur Kennt­nis neh­men. Hin­ter der Ober­flä­che ste­cken die sel­ben paar gro­ßen Model­le – trai­niert auf dem Inter­net und Raub­ko­pien des gesam­ten Buch­markts. Immer neue, noch grö­ße­re Model­le wer­den ange­kün­digt, die noch mehr Daten in einen kom­pri­mier­ten Such­raum ver­wan­deln, noch mehr Strom und noch mehr Gra­fik­kar­ten als Rechen­ba­sis benö­ti­gen. Pro­fi­ta­bel sind die Fir­men hin­ter den gro­ßen Model­len nicht. Und die inves­tier­ten Sum­men ste­hen in kei­nem Ver­hält­nis zu den Ein­nah­men; auch dann nicht, wenn Abo-Model­le etc. berück­sich­tigt wer­den. Zudem sind, anders als bei ande­ren Anwen­dun­gen, zusätz­li­che Nutzer*innen teuer.

Cory Doc­to­row geht auf die Fra­ge der „AI“-Blase tie­fer und poin­tier­ter ein, als ich das könn­te. Typisch für eine sol­che öko­no­mi­sche Bla­se: alle wol­len dabei sein, egal, ob es im kon­kre­ten Fall Sinn ergibt oder nicht. Und zu oft tref­fen Manager*innen die Ent­schei­dung, dar­auf zu wet­ten, dass Schreib­tisch­ar­beit durch „AI“ ersetzt wer­den kann – ohne zu beden­ken, dass damit letzt­lich nur Arbeit ver­scho­ben wird, hin zu Nach­ar­beit und Kon­trol­le, die (wo auch immer erwor­be­ne) mensch­li­che Exper­ti­se vor­aus­setzt. Vibe Coding mag für Pro­jekt­chen funk­tio­nie­ren – für pro­duk­ti­ve Soft­ware eher nicht. Das ist schlicht eine Risi­ko­rech­nung mit Blick auf Sicher­heits­lü­cken und ähnliches.

Bis­her wab­belt die Bla­se – die nicht nur Doc­to­row dia­gnos­ti­ziert, son­dern auch die Deut­sche Bank beim Blick auf den US-Markt – mun­ter vor sich hin. Wenn sie platzt, wenn dann bei­spiels­wei­se Ope­nAI von heu­te auf mor­gen den Betrieb ein­stellt, wird das ziem­lich düs­ter wer­den. Die Erwar­tung, dann „told you so“ sagen zu kön­nen, mag zwar per­sön­lich befrie­di­gend sein – so rich­tig glück­lich macht mich das jedoch nicht.