Routinebruch

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Wie schnell die Dinge doch vertraut werden! Und wie sehr sie, wenn sie denn praktisch sind, so in alltägliche Routinen und Praktiken eingebunden werden, dass der Umgang kein Nachdenken mehr erfordert.

Dass das so ist, fällt – eine alte Weisheit der Techniksoziologie – immer dann auf, wenn die eingeübten Routinen scheitern. Also latente Panik und Organisationsstress, weil morgen der öffentliche Nahverkehr in Freiburg bestreikt wird. Kein Schlafwandeln zur Straßenbahnhaltestelle, sondern die aktive Überlegung, wie ich bloß zum Bahnhof komme – und abends wieder weg davon. Aber der Anlass für diesen Text ist nicht der Streik der öffentlichen Dienste, so lästig wie nachvollziehbar er sein mag. Ein anderes Stück Technik tut nicht mehr: das Nexus 7, mein Tablet, gut eineinhalb Jahre ist es alt geworden.

Und es hat sich in der Tat eingepasst in Alltagsroutinen; so gut, dass das erst auffällt, wenn der schnelle Griff, um nochmal etwas nachzuschauen, ins Leere geht. Wenn die Kinder keinen Anlass haben, sich in ihrer »Computerzeit« um das »große Handy« (und die dort vorzufindenden besseren Spiele) zu streiten, weil es schlicht nicht funktioniert. Und sich abends gemütlich in den Sessel zu kuscheln, das Tablet in der Hand – auch das geht nicht mehr, weil es nicht mehr geht. (Und ja, auch die Tendenz zur Anthropomorphisierung ist da, ganz klar …)

Was genau passiert ist, ist dagegen nicht wirklich ersichtlich. Es spielt auch keine große Rolle. Das Nexus 7 lud nicht richtig. Die Warnungen vor dem extrem niedrigen Akkustand wurden ignoriert. Ein letztes Aufblinken des »Akku leer«-Symbols um die Mittagszeit, am Abend dann kein Lebenszeichen mehr. Egal, an welchem Ladegerät. Und auch die Tricks aus dem Netz (lange auf diese Taste drücken, sehr lange auf die andere Taste drücken) änderten daran nichts.

Aus dem Netz ist jedenfalls ersichtlich, dass andere durchaus von ähnlichen Problemen berichten. Das Nexus 7 hatte seine Macken. Gerade nach den letzten Betriebssystemupdates kam es immer wieder einmal vor, dass es – vielleicht war der Speicher vollgelaufen – spontan neu startete. Oder dass es manchmal erst nach längerem Druck auf den Einschaltknopf angehen wollte. Auch die Wechsel zwischen Apps, der Startvorgang – all das war nicht mehr ganz so butterweich wie am Anfang. Gewöhnungseffekte? Speicherprobleme? Die größer gewordenen Ansprüche immer neuer Android-Versionen? Irgendetwas davon wird es gewesen sein.

Aber an diese Macken konnten wir uns gewöhnen, ebenso wie an den einen oder anderen kleinen Kratzer. Im Großen und Ganzen funktionierte das Tablet, war – wenn es nicht gerade an der Steckdose hing, oder wenn jemand anderes es in der Hand hatte – da, wenn es gerufen wurde.

Vielleicht ist der Akku kaputt. Oder es ist ein Defekt an der USB-Schnittstelle. Vielleicht wurde das Gerät einmal zu oft unsanft behandelt. Auch hier kann ich nur Vermutungen äußern, was das eigentliche Problem ist.*

Was jetzt? Die Phantomschmerzen legen es nahe, sofort einen Ersatz zu beschaffen. Oder doch eine Reparatur zu versuchen. Mal schauen, ob das Geschäft im Rieselfeld, das mit Smartphone-Reparaturen wirbt, auch hier etwas tun kann. Oder doch zum Hersteller einschicken, obwohl die Garantiezeit abgelaufen ist?

Jedenfalls sind an die Stelle des praktischen Routinehandelns jetzt bewusste Entscheidungen und Abwägungen getreten. Trial and error, die Suche nach Informationen. Auch der homo oeconomicus tritt zum Vorschein. Ein (gebrauchter) Ersatz, das gleiche Modell, vielleicht mit 16 statt mit 8 Gigabyte Speicher, würde etwa 125 Euro kosten.

Aber hat das dann nicht vielleicht doch die selben Probleme? Dann gibt es, für etwa 150 bis 175 Euro, andere Android-Tablets. Oder für 200 bis 250 Euro, je nach Ausstattung, die 2013er-Version des Nexus 7.

Was eine Reparatur kosten würde, ist unklar. Ein Ersatzteil für die USB-Buchse kostet etwa 40 Euro, ein neuer AKku etwa 50 Euro – nur die Materialkosten. Und dann bräuchte es ja noch jemand, der oder die sich damit auskennt. Selbst defekte Geräte werden bei Ebay für 75 bis 100 Euro angeboten (wobei ich mich ja frage, wie riskant es ist, ein »totes« Tablet inkl. aller Zugangsdaten in Speicherresten zu verkaufen). Wenn das Mainboard ausgetauscht werden müsste, wären es, soweit sich das irgendwelchen Foren entnehmen lässt, schnell 200 Euro.

Damit ergibt sich also das typische Problem der Gegenwart, dass es vermutlich billiger ist, ein Hightech-Gerät neu zu kaufen, als es reparieren zu lassen. Nachhaltig ist das nicht. Eineinhalb Jahre Lebenszeit für Hightech sind zu kurz, selbst wenn in Betracht gezogen wird, dass wir – also insbesondere die Kinder – nicht immer sanft mit dem Nexus 7 umgegangen sind. Gekoppelt damit, dass mit jedem neuen Betriebssystemupdate der Speicherhunger wächst, und alle paar Monate ein noch schnelleres, noch besseres Nachfolgemodell auf den Markt geworfen wird, wird es, auch ohne an geplante Obsoleszenz zu glauben, schwierig, derartige Technik lange zu nutzen.

Und selber reparieren? Da fehlen mit Werkzeuge, Kenntnisse und auch das Geschick. In solchen Momenten denke ich, dass es nett wäre, ein Repair Cafe oder einen Makerspace in Freiburg zu haben. Gibt es aber, soweit ich das sehe, bisher nicht.

Ich habe es ja nicht so mit dem Christentum, aber vielleicht warte ich jetzt einfach erst einmal ab, bis Ostern. Ein Tablet-Fasten, sozusagen, aus der Not heraus geboren.

Mal sehen, wie schnell die Phantomschmerzen nachlassen, ob auch nach zwei Wochen noch immer der (inkorporierte) Wunsch da ist, möglichst schnell wieder ein Tablet in der Hand zu halten. Praktisch ist es ja schon, selbst im Vergleich zum Smartphone. Ein hervorragendes Unterhaltungsmedium.

Sicher ist, dass es, wenn ich denn noch einmal ein Tablet kaufe (oder dieses reparieren lasse), wieder ein Android-Gerät wird. Das hat nur zur Hälfte etwas damit zu tun, dass mir das Betriebssystem gefällt; die andere Hälfte ist die selbstgewählte Abhängigkeit zu einem »Ökosystem« – hier dem von Google. Denn hier kenne ich nicht nur die Bedienabläufe, hier habe ich auch die Apps, die ich verwende, herausgesucht, teilweise auch gekauft. Die lassen sich mit ein paar Klicks auch auf ein neues Gerät wieder installieren – solange es mit dem Google Playstore zusammenarbeitet.

Interessanterweise – auch das zeigt noch einmal den Charakter als Unterhaltungsmedium – sind mit dem (vorübergehenden) Verlust des Tablets kaum Datenverluste verbunden. Am schlimmsten vielleicht noch die Spielstände einiger heiß geliebter Spiele der Kinder, die noch nicht von Google Play synchronisiert werden. Aber lokal gespeichert war auf dem Nexus 7 fast nichts. Bücher und viele CDs liegen in der Cloud von Amazon, anderes in der von Google. Als Arbeitswerkzeug habe ich das Tablet nicht genutzt, die Mails liegen nach wie vor auf dem Server, Dokumente ebenso, von sozialen Netzwerken nicht zu reden. Und weil die Kamera des Nexus 7 miserabel war, gibt es keine Photos, die ich vermissen würde (wenn doch, sind sie bei Flickr oder Facebook oder in der Dropbox gelandet). Und was ich auf dem Tablet fürs Blog geschrieben habe, steht dort.

Summa summarum ist das Tablet also ein Lesegerät für die Cloud. Und auch da stellt sich mir nochmal die Frage, ob das nachhaltig ist. Ich habe da so meine Zweifel, will aber ungern drauf verzichten.

Warum blogge ich das? Nennen wir’s Trauerarbeit …

* Es ist jedenfalls nicht das wohl häufigste Problem mit Smartphones und Tablets – zerbrochenes Glas. Ich finde es in dem Zusammenhang interessant, wie oft – z.B. in der Straßenbahn – Menschen zu sehen sind, die iPhones und ähnliche Geräte verwenden, bei denen ganz offensichtlich erhebliche Sprünge im Display vorhanden sind.

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11 Kommentare zu Routinebruch

  1. blumentopf sagt:

    Da bin ich jetzt aber mal gespannt ob eine nachhaltige Lösung gefunden wird (Stichwort »Welt retten«) oder ob die Bequemlichkeit obsiegt.

    Tippe das übrigens auf einem 14 Jahre alten Laptop. ;-)

  2. Till sagt:

    Das fiese ist ja der Vergleich (und die wachsenden Ansprüche). Mein Desktop-PC zuhause dürfte etwa zwölf Jahre alt sein. Lange Zeit war ich sehr zufrieden damit. Ähnlich meine beiden Notebooks – ein vielleicht 15 Jahre altes Lifebook, und ein vielleicht sieben Jahre altes Eee-Netbook. Im Vergleich mit dem Google-Nexus-Tablet und dem vielleicht zwei Jahre alten Dienst-Ultrabook kommen mir all diese Geräte entsetzlich langsam vor. Viele neuere Websites laufen darauf nicht mehr. Ich nutze den Desktop-PC trotzdem weiter, z.B. zur Buchhaltung – aber ein Gefühl von »zäh« bleibt. Was zum Teil auch an den gestiegenen Anforderungen der Software liegen mag, zu einem großen Teil aber eben auch darauf zurückgeht, dass ich mich an schnellere Geräte gewöhnt habe …

  3. Andy sagt:

    Ich gehe davon aus, dass das Laden des Bootloaders nicht funktioniert hat?
    (siehe: http://www.droid-life.com/2012/12/27/fix-nexus-7-refusing-to-charge-try-this-trick/ oder https://support.google.com/googleplay/troubleshooter/3337561?hl=en-CA#ts=3337943 oder http://www.abovetopsecret.com/forum/thread961164/pg1).
    Bevor das Gerät auf dem Müll landet, gibt es bestimmt jemanden im näheren Umfeld, der sich der Sache annehmen würde? Habe als Laie auch schon diverse Geräte selber repariert.

    • Till sagt:

      Hi, erstmal danke für die Hinweise – die bei mir allerdings nicht funktioniert haben. Die Fehlerbeschreibung klingt in der Tat ähnlich, aber ich komme noch nicht mal zum Punkt »Bootloader«. Soweit ich das ohne entsprechende Werkzeuge feststellen kann, fließt schlicht gar kein Strom durch die USB-Schnittstelle*. Sollte es in meinem Bekanntenkreis Menschen geben, die über entsprechende Kenntnisse, Werkzeuge und Fähigkeiten verfügen, wäre mir alles lieber als die Optionen »Müll« und »Neupreis für Reparatur zahlen«.

      * Indiz 1: Es tut sich nichts, egal wie lange ich auf welche Knöpfe drücke; Indiz 2: Ich habe einen externen Akkupack, der normalerweise blinkt, wenn ich darüber ein Gerät lade. Beim Nexus passiert nichts.

  4. Marks sagt:

    Frag doch mal beim CCC in Freiburg nach, die hatten in 2013 ein Reperaturcafe organisiert. Evtl. ist wieder was in Planung oder sie können Dir jmd. vermitteln. http://www.badische-zeitung.de/freiburg/erstes-reparatur-caf-des-chaos-computer-clubs-in-freiburg–76335346.html

  5. Pingback: Links vom Rhein, 28. März 2014 | Hendryk Schäfer

  6. Hanno sagt:

    Du arbeitest doch in Stuttgart (?) – da gibt es ein Repair Cafe, findet aber wohl nur selten statt:
    http://repaircafe.org/de/locations/

  7. hörbert sagt:

    Die Geräte sind einfach zu austauschbar und emotionale Bindungen zu Geräten sind eher selten geworden. Tja, dann wird es wohl doch das Nachfolgemodell des Tabletts werden, weil die Reparatur mal wieder »nicht wirtschaftlich« ist?
    Richtig schlimm wird es, wenn sich auch noch funktionierende Geräte im Schrank stapeln – alte Handys beispielsweise. Nachhaltig ist da nur die Müllproduktion.
    Ich stimme für einen Reparaturversuch, koste es was es wolle!

  8. Andy sagt:

    Hallo Till, konntest du das Gerät reparieren lassen?

  9. Pingback: Fortsetzung folgt: Was wurde eigentlich aus …? | till we *)

  10. Pingback: Kurz: Ein Lebenszeichen vom Tablet | till we *)

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