Die Programm-BDK ist vorbei, ich sitze im Zug nach Hause, und noch hält das gute Gefühl an: Wir haben ein realistisches, links akzentuiertes Programm beschlossen. Bei einer Enthaltung, das ist fast noch besser als ein Durchwinken mit 100 Prozent. Wir könnten morgen anfangen, das umzusetzen, und das Land würde ein besseres werden. Deutschland erneuern: ja, genau dafür haben wir jetzt eine richtig gute Blaupause. Und Claudia, Winfried, Katrin, Jürgen und Steffi haben uns ebenso wie die gelungene Schlussinszenierung mitgegeben, dass es sich lohnt, zu kämpfen.
Kurz: SPD und die Quote
Item 1. Spiegel online stellt fest, dass die SPD dreist lügt, wenn sie behauptet, als einzige Partei für eine echte Frauenquote zu sein – Grüne (und z.T. Linke) waren hier deutlich schneller und gründlicher.
Item 2. Der neue Tumblr Herrenclubs, der schön visualisiert, wie ungebrochen die männliche Herrschaft vielerorts ist.
Item 3. Aus 1 und 2 folgt logisch die Frage danach, wie viele Kanzlerinnen, weibliche Parteivorsitzende und weibliche Fraktionsvorsitzende die SPD bisher hatte. Und der Tumblr gibt auch gleich (weil auch andere wohl auf diesen logischen Gedanken gekommen sind) die Antwort: null.
Das Rätsel SPD – eine Verfahrensfrage
Wie bei uns eine Idee den Weg ins Wahlprogramm findet, habe ich 2010 mal ausführlicher aufgeschrieben. Kurz gesagt: Es gibt den Wahlprogrammentwurf des Bundesvorstands, es gibt Änderungsanträge dazu (von Gliederungen, Bundesarbeitsgemeinschaften oder 20 einzelnen Mitgliedern), und weil das sehr viele werden können – diesmal 2600 – laufen diese durch eine Antragskommission, die schaut, was (modifiziert) übernommen werden kann, was durch andere Anträge erledigt ist, und was kontrovers abgestimmt werden muss.
Heute hatte die SPD ihren Bundesparteitag zum Wahlprogramm. Irgendwie lief der Stream nicht bei mir, und dann hatte es auch noch schönes Wetter, das ich dann lieber draußen genossen habe, statt den Genossen zuzuschauen. Über Twitter habe ich ein paar Schnippsel Parteitag mitgekriegt: Lange Reden, Claudia war auch da, und Peer Steinbrück hat nochmal betont, dass er Kanzler werden will – ist ja heutzutage keine Selbstverständlichkeit. Ach so: Und diverse Meldungen der Form „der Antrag XYZ aus BaWü wurde gegen das anderslautende Votum der Antragskommission doch ins Programm aufgenommen“. [Nachtrag: Inzwischen hat sich dieses Rätsel gelöst, siehe ganz unten.]
Kurz: Wer wäre wir?
Ich weiß, es ist furchtbar gemein, sich über mühsam erdachte Wahlslogans anderer Parteien lustig zu machen. Die SPD hat heute ihren Claim für die Bundestagswahl 2013 vorgestellt, und er lautet … „Das Wir entscheidet“.
Hmm. Ich kann nachvollziehen, wieso eine Agentur zu diesem Claim kommen kann. „Wir entscheiden“ = Demokratie, „Wir nicht ich“ = Soziales, „Das Wir entscheidet“ = Sozialdemokratie. Aber irgendwie lädt der Claim doch zu Scherzen ein. „Das Peer entscheidet“. „Das TriumWIRat“. „Ist das jetzt ein plural majestatis?“ (Dass zudem ein Diskussionspapier einer Uni zu Nationen im Globalisierungstrend auch „Das ‚Wir‘ entscheidet“ heißt, sei mal außen vor gelassen).
Also, Spott. Nicht nur nicht, sondern auch andere. Und wenn ich mir nochmal ganz genau anschaue, dann war vielleicht Peer Steinbrück nicht unschuldig. Der twitterte nämlich dies:
Drei Sätze: „Was Ihr sofort wissen sollt:“ – „Wir haben einen Wahlkampfslogan:“ – „Das Wir entscheidet.“
In Satz eins gibt es „Ihr“ (das sind wir, die wir Steinbrücks Tweets lesen) und damit implizit ein „Wir“. Dieses „wir“ taucht in Satz 2 auf. Wir, die SPD, haben einen Wahlkampfslogan. Und der lautet: „Das Wir entscheidet“. Wer entscheidet nun? Ihr oder wir?
P.S.: Ich gespannt auf den grünen Claim.
Nachtrag (10.04.2013): Den grünen Claim kenne ich noch nicht, aber im Netz kursiert derzeit die Anzeige einer Zeitarbeitsfirma, die ebenfalls auf „Das WIR entscheidet“ als Slogan gekommen ist. Passt.
Nachtrag 2: Besser und erfolgreicher wäre – das ergab ein Pretest auf Twitter – auch der sozialdemokratisch-kulinarische Slogan „Das Bier entscheidet“, der sich weiterentwickeln lässt zu „Currywurst und Bier – für die SPD stimmen wir“. Damit würde der verbliebene SPD-Markenkern maximal ausgereizt.
Nachtrag 3 (11.04.2013): Die Leiharbeitsfirma hat sich inzwischen überlegt, dass sie es nicht gut findet, was die SPD zu Leiharbeit sagt, und ihr den Slogan doch lieber nicht überlassen will. Also doch Currywurst und Bier. Oder „$slogan“.
Kurz: Netzpolitische Umfallerpartei SPD

Foto: SPD-Pressefoto
Heute entscheidet der Bundesrat darüber, ob er zum Leistungsschutzrecht den Vermittlungsausschuss anrufen soll (Antrag Schleswig-Holstein). Mit der neuen rot-grünen Mehrheit im Bundesrat wäre es mit einem solchen Einspruch möglich gewesen, das Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts für Presseverlage erheblich zu verzögern, vielleicht sogar über den Tag der Bundestagswahl hinaus. Zudem wäre es möglich gewesen, die Hürde für die Überstimmung des Einspruchs im Bundestag auf die Kanzlermehrheit zu erhöhen. Dann wären angebliche CDU/CSU/FDP-NetzpolitikerInnen gefragt gewesen, ob sie in der Frage Leistungsschutzrecht im Bundestag ihrem Gewissen oder der Kanzlerin folgen.
Aber das ist Konjunktiv – denn seit gestern sieht es so aus, dass die SPD mal wieder aus vorgeblich staatsmännischem Verhalten und realistischer vermutlich Angst vor den großen Verlagen umkippt – Kraft in NRW, Scholz in Hamburg, und Steinbrück im Bund. Die Pressemitteilung dazu ist fast schon amüsant, heißt es dort doch:
„Die SPD lehnt das Leistungsschutzgesetz der Bundesregierung ab. […] Das Gesetz ist im Bundesrat lediglich ein Einspruchsgesetz und kann daher angesichts der noch bestehenden Mehrheitsverhältnisse im Bundestag jetzt nicht aufgehalten werden. Es gibt deshalb keine Aussichten auf ein erfolgreiches Vermittlungsverfahren. Die erforderliche neue Mehrheit dafür kann mit der Bundestagswahl am 22. September herbeigeführt werden. […] Ein neues, taugliches Gesetz wird zu den ersten Maßnahmen einer neuen rot-grünen Regierung gehören.“
Anders gesagt: Die SPD lehnt das Gesetz ab, tut nichts dagegen, möchte aber in einer rot-grünen Bundesregierung dann ein ähnliches, besseres Gesetz einführen. Uns Grüne hat sie dazu bisher nicht gefragt – im Entwurf zum Wahlprogramm steht eine klare Ablehnung. Ich sage: irgendwie leider typisch SPD. Und die NetzpolitikerInnen in der SPD leiden mehr oder weniger still.
P.S.: Plan B: Entschließungsantrag Hamburg und Baden-Württemberg (pdf), der Kritik äußert, einen Konsens zwischen Verlagen, UrheberInnen und digitalen VerwerterInnen finden will und vermutlich heute im Bundesrat eine Mehrheit bekommt.
P.P.S.: Nach gestern zu erwarten: die Anrufung des Vermittlungsausschusses wurde nur von Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bremen unterstützt. Die anderen rot-grünen oder rot(-roten) Ländern waren nicht dabei, schwarz-gelb erst recht nicht. Der (aus meiner ganz persönlichen Sicht durchwachsene) Entschließungsantrag aus Hamburg und Baden-Württemberg fand eine Mehrheit. Dann also mal schauen, ob rot-grün die Bundestagswahl gewinnt, und was dann passiert … (die Wahlprogrammentwürfe beider Parteien widersprechen sich in diesem Punkt).
P.P.P.S.: Grüne Kommentare dazu: Tabea Rößner, MdB, Matti Bolte, MdL NRW, Malte Spitz, Bundesvorstand, Patrick Jedamzik, Volker Beck, MdB, PM Bundestagsfraktion …
P.P.P.P.S.: Und als letztes noch der Hinweis an alle, die jetzt gerne mehr öffentlich sichtbaren Dissens der Grünen in rot-grünen Landesregierungen gehabt hätten: Soweit ich Einblick in das Räderwerk von Regierungen habe, wird im Normalfall alles dafür getan, dass dieser Streit – den es definitiv immer wieder gibt – nicht öffentlich wird. Warum sollte das gerade beim Leistungsschutzrecht – aus Sicht der meisten PolitikerInnen eine kleine presserechtliche Regelung, wenn ich das mal so zugespitzt sagen darf – anders sein?



