Blog ins Buch, die Dritte, oder: biografische Wühlarbeiten

Dotted

Eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on für bedruck­tes Papier kann ich nicht ver­heh­len. Wes­we­gen ich auch in regel­mä­ßi­gen Abstän­den auf die Idee kom­me, dass so ein Blog sich doch wun­der­bar eig­nen müss­te, in Buch­form gebracht zu wer­den. Also nicht, dass ich glau­be, dass das außer mir irgend­wen inter­es­siert. Aber trotz­dem, hät­te ich halt gerne. 

Im März 2010 bin ich das ers­te Mal auf „Blog­Boo­ker“ gesto­ßen, habe die­ses Tool nach eini­gen Expe­ri­men­ten dann aber wie­der ver­ges­sen, um es im Febru­ar 2022 erneut zu ent­de­cken. Neben gra­fi­schen Häß­lich­kei­ten erge­ben sich bei die­sem Weg vom Blog aufs Papier aller­dings zwei Pro­ble­me. Ers­tens wäre es ziem­lich viel Papier (ein paar tau­send Sei­ten), und zwei­tens, ver­bun­den damit, gibt es auch ziem­lich viel Schrott, der sich seit 2002 hier ange­sam­melt hat. In einem PDF lässt sich das noch igno­rie­ren, auch wenn dabei dann recht gro­ße Datei­en ent­ste­hen. Auf Papier: nee.

Wozu ein Tool nut­zen, wenn’s auch hand­ge­macht geht? Nach die­sem Mot­to habe ich in den letz­ten Tagen die Text­emp­feh­lun­gen aus der Sei­ten­spal­te und dann aus­ge­wähl­te und auch aus heu­ti­ger Sicht zumin­dest his­to­risch inter­es­san­te Bei­trä­ge aus den Jah­ren 2006 bis 2011 in Word gepackt – ich hat­te gewis­se Beden­ken, ob Libre­Of­fice mit die­ser Daten­men­ge klar­kommt, und fand den Weg über Scri­bus zu auf­wen­dig – und im Buch­for­mat lay­outet. Um dann fest­zu­stel­len, dass Print On Demand inzwi­schen ver­gleichs­wei­se spott­bil­lig gewor­den ist. Ich bin inso­fern gespannt dar­auf, „mein Blog“ (bzw. die genann­ten Aus­zü­ge) dem­nächst dann tat­säch­lich mal auf Papier in der Hand zu hal­ten. (Apro­pos: ich habe das Gefühl, das Word zwar bes­ser dar­in gewor­den ist, mit gro­ßen Text­men­gen und Bil­dern klar­zu­kom­men, aber bei Recht­schreib­prü­fung, diver­sen Auto­ma­tis­men und der Zwi­schen­ab­la­ge deut­lich nach­ge­las­sen hat …).

Blogtexte, Band I. Ausgewählte Texte 2008 bis 2025

Die Tex­te aus der Rand­spal­te habe ich für das Buch (→ hier als PDF) in vier Rubri­ken ein­sor­tiert. Unter Poli­ti­sche Fra­gen geht es v.a. um Bünd­nis 90/Die Grü­nen – und das Rin­gen dar­um, die ver­schie­de­nen Neu­erfin­dun­gen mei­ner Par­tei nach­zu­voll­zie­hen – mit Par­tei­en im All­ge­mei­nen, mit Baden-Würt­tem­berg und der Kli­ma­po­li­tik im Spe­zi­el­len. Zudem fin­det sich hier ein Text zum Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft und Poli­tik eben­so wie einer zum Hei­mat­be­griff. Die Kate­go­rie Sozi­al­wis­sen­schaft ent­hält eine Skiz­ze zum Ver­hält­nis von Umwelt­so­zio­lo­gie und Pra­xis­theo­rie – einen Pfad, den ich wohl wei­ter ver­folgt hät­te, wäre ich nicht „in die Poli­tik“ gewech­selt. Unter der Rubrik Netz, Medi­en und digi­ta­les Leben geht es um den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt des letz­ten Vier­tel­jahr­hun­derts – der Auf­stieg und Nie­der­gang von Twit­ter spie­gelt sich hier eben­so wider wie die in den 2020er Jah­ren plötz­lich auf den Bild­schir­men auf­tau­chen­de KI (und die Fra­ge, wie damit eigent­lich umzu­ge­hen ist). Und schließ­lich: Unter Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy fin­den sich Tex­te, die sich über­ge­ord­net – jen­seits mei­ner inzwi­schen recht regel­mä­ßi­gen monat­li­chen Rezen­sio­nen der aktu­el­len Lek­tü­re – mit Sci­ence Fic­tion auseinandersetzen. 

Blogtexte, Band II. Weitere Texte 2006 bis 2011

Wäh­rend die Samm­lung der mir wich­ti­gen Tex­te orga­nisch gewach­sen ist und eine Ten­denz zu neue­ren Bei­trä­gen auf­weist (ursprüng­lich war es mal ein „Fünf Emp­feh­lun­gen“, zu denen immer mal wie­der eine dazu kam, und eine ande­re ent­fernt wur­de), und in die­ser Aus­wahl schon bis­her und auch wei­ter­hin über die Rand­spal­te des Blogs auf­ruf­bar ist, ist das Ergeb­nis der „Wühl­ar­bei­ten“ für die Tex­te aus den Jah­ren 2006 bis 2011 (→ hier als PDF) zumin­dest für mich – und mög­li­cher­wei­se die eine oder ande­re Zeitgenoss*in – noch span­nen­der. Vie­les, was heu­te rele­vant ist, deu­te­te sich damals schon an. Man­che Debat­ten wer­den immer wie­der geführt. In ande­ren Tex­ten schim­mert ein gewis­ser Opti­mis­mus durch, der der Rea­li­tät nicht stand­ge­hal­ten hat.

Bei den poli­ti­schen Fra­gen ver­schiebt sich mein Fokus: am Anfang steht die inner­grü­ne Debat­te um das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men. Dann geht es um Lis­ten­auf­stel­lun­gen und Koali­ti­ons­bil­dun­gen, um die gro­ße netz­po­li­ti­sche Fra­ge des Jah­res 2009 (Netz­sper­ren ein­füh­ren oder rechts­wid­ri­ge Bei­trä­ge löschen? – ver­bun­den mit dem Auf­kom­men der als poten­zi­ell star­ker Kon­kur­renz emp­fun­de­nen Pira­ten­par­tei) und eini­ge hoch­schul­po­li­ti­sche Fein­schme­cker­the­men (Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung an Hoch­schu­len, die Fra­ge der Akkre­di­tie­rung im Bolo­gna-Sys­tem sowie anhand des Falls Gut­ten­berg die Pla­gi­ats­de­bat­te). Mit dem Jahr 2010 taucht die Tri­as aus grü­nem Boom, Fuku­shi­ma und Stutt­gart 21 im Blog auf. Der Wahl­kampf wird beglei­tet, genau beob­ach­tet, die Hal­tung der SPD und die Kam­pa­gne der FDP kri­tisch beäugt. Am Schluss des poli­ti­schen Bogens steht 2011 die Wahl von Win­fried Kret­sch­mann zum baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten an – samt der etwas ban­gen Fra­ge, ob er habi­tu­ell so bleibt „wie er ist“, und ob das mit der „Poli­tik des Gehört­wer­dens“ etwas wer­den kann. Bei­de Fra­gen hat die Geschich­te – aus mei­ner Sicht posi­tiv – beant­wor­tet. Und Stutt­gart 21 ist immer noch nicht fer­tig gebaut, wäh­rend der Atom­aus­stieg in Deutsch­land (fast) unum­kehr­bar scheint. 

Im The­men­feld Sozi­al­wis­sen­schaft fin­den sich Neben­pro­duk­te mei­nes spä­ter abge­bro­che­nen Pro­mo­ti­ons­vor­ha­bens. Tech­nik­so­zio­lo­gie und Pra­xis­theo­rie, Wis­sens- und Wis­sen­schafts­so­zio­lo­gie geben sich hier die Hand, in dem Ver­such, eine Theo­rie zu bas­teln, um nach­hal­ti­gen Kon­sum und öko­lo­gi­sche Lebens­sti­le erklä­ren und erfor­schen zu kön­nen. Aus heu­ti­ger Sicht inter­es­sant: ein wis­sens­so­zio­lo­gi­sches Plä­doy­er dafür, sich beim The­ma Homöo­pa­thie nicht zu ver­kämp­fen. Hier habe ich dann ande­re Pfa­de ein­ge­schla­gen, wäh­rend eine pra­xis­theo­re­ti­sche und wis­sens­so­zio­lo­gi­sche Fun­die­rung mei­ne ange­wandt-poli­ti­sche Wahr­neh­mung, wür­de ich jeden­falls behaup­ten, heu­te noch prägt.

Fast schon his­to­risch inter­es­sant dann die Bei­trä­ge im netz­po­li­ti­schen Teil. Den Anfang macht eine Doku­men­ta­ti­on eines heu­te ver­mut­lich weit­ge­hend ver­ges­se­nen poli­ti­schen Streits: die – von mir nach wie vor genutz­te – Foto­platt­form Flickr, damals zu Yahoo! gehö­rig, führ­te 2007 eine als über­grif­fig emp­fun­de­ne Rege­lung ein: als „unsafe“ oder „rest­ric­ted“ gekenn­zeich­ne­te Fotos durf­ten auf­grund einer har­ten Inter­pre­ta­ti­on lan­des­ty­pi­scher Geset­ze von Nutzer*innen, die in Sin­ga­pur, Hong­kong oder Deutsch­land regis­triert waren, nicht mehr geöff­net wer­den. Als Reak­ti­on gab es koor­di­nier­te Pro­test­ak­tio­nen, die in der Netz­öf­fent­lich­keit eine gewis­se Auf­merk­sam­keit erreg­ten. Für mich der Aus­gangs­punkt, mich mit Platt­for­men, Abhän­gig­kei­ten und social graphs zu befas­sen.

Face­book taucht 2007 als neue Platt­form auf, die damals noch Mög­lich­kei­ten bie­tet, per API Dritt­an­bie­ter-Anwen­dun­gen lau­fen zu las­sen – und fin­det sich 2010 mal wie­der im Mit­tel­punkt poli­ti­scher Auf­merk­sam­keit, weil die AGBs heim­lich geän­dert wer­den. Twit­ter kommt 2008 als Teil des ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampfs in der deut­schen poli­ti­schen Öffent­lich­keit an – das fin­det eben­so Wider­hall in mei­nem Blog wie die Social-Media-Kam­pa­gne von Barack Oba­ma und heiß dis­ku­tier­te Fra­gen, was die­se neu­en „Web 2.0“-Möglichkeiten für Wahl­kämp­fe und inner­par­tei­li­che Orga­ni­sa­ti­on bedeu­ten. Ob das „Wur­zel­werk“ (so der Name der grü­nen par­tei­in­ter­nen Platt­form bei Ein­füh­rung) eine Lösung dar­stellt? Erstaun­lich, wie schein­bar fest die sich in den Jah­ren zwi­schen 2006 und 2011 eta­blie­ren­de Web 2.0‑Infrastruktur auch heu­te noch ist: die Stra­te­gie von Goog­le (damals noch eher auf der Sei­te von not evil, trotz abseh­ba­rer Welt­herr­schafts­stra­te­gie) und die Struk­tu­rie­rung der Wiki­pe­dia sind wei­ter­hin Themen. 

Der Abschnitt endet mit zwei Tex­ten aus dem Jahr 2011, die aus heu­ti­ger Sicht auf Epo­chen­mar­ker hin­wei­sen. Das eine ist eine wis­sens­so­zio­lo­gisch begrün­de­te Aus­ein­an­der­set­zung mit Sascha Lobos Kri­tik am Exper­ten­tum als Brei­ten­sport, die in einem Plä­doy­er für Medi­en­kom­pe­tenz endet. Spä­tes­tens seit der Coro­na-Pan­de­mie leben wir in einer Welt, in der die ver­schwö­rungs­ori­en­tier­te Ver­brei­tung von Falsch­in­for­ma­tio­nen noch einem eine ganz ande­re Bedeu­tung erreicht hat.

Und der zwei­te, den Band schlie­ßen­de Text hält das selt­sa­me Gefühl fest, wie es ist, in der­sel­ben Twit­ter-Time­line zeit­gleich irrele­van­te Bana­li­tä­ten und Live-Tweets aus Utøya (dem rechts­extre­men Anschlag auf ein nor­we­gi­sches Som­mer­la­ger) wahr­zu­neh­men. „Die moder­ne Gesell­schaft kennt kei­ne Pau­sen­tas­te“, schrei­be ich da, und fra­ge mich, wie ein Umgang mit dem Ein­bruch des fas­sungs­los machen­den Schre­ckens in den All­tag aus­se­hen könnte. 

Um den Bogen von damals nach heu­te zu schla­gen: Eine Pau­sen­tas­te für den ste­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­strom haben wir noch immer nicht, bräuch­ten die­se aber drin­gen­der denn je. Und nein, damit mei­ne ich kei­ne Inter­net­sper­ren, wie wir sie heu­te in auto­kra­ti­schen Län­dern erle­ben, son­dern eine Umgangs­form mit Ter­ror, die nicht zu des­sen Wir­kungs­stei­ge­rung und auch nicht zu des­sen Nor­ma­li­sie­rung beiträgt.

Kurz: Der langsame Abschied von den US-Plattformen

Wäh­rend die ver­gan­ge­nen Kon­to­aus­zü­ge von Bestel­lun­gen bei Ama­zon (vie­les E‑Books, aber auch ande­res, von Kla­mot­ten und Spie­len bis hin zu Haus­halts­ge­rä­ten) nur so wim­mel­ten, fin­den sich im März nur noch zwei Ama­zon-Buchun­gen – noch nut­ze ich Ama­zon Prime und einen Video­ka­nal*. Dass das so ist, war eine halb­be­wuss­te Ent­schei­dung; ein Unter­bre­chen der ein­ge­üb­ten Prak­ti­ken beim Online-Bestel­len, in zwei­er­lei Hin­sicht: ein­mal, dar­über nach­zu­den­ken, ob ich Was-Auch-Immer wirk­lich haben will, und ein­mal, um es dann eben nicht bei Ama­zon zu bestel­len, son­dern zu gucken, ob das Ding auch anders­wo im Netz zu fin­den ist. Und meis­tens ist das so.

Schwer fällt mir die­ser Abschied von „der“ Online-Han­dels­platt­form vor allem in einem Punkt: bei digi­ta­len Büchern. Hier habe ich noch kei­nen guten Work­flow gefun­den, um eng­lisch­spra­chi­ge Wer­ke anders­wo zu bestel­len und zu lesen. Ein Ver­such, ein SF-Buch über Goog­le Books zu kau­fen, ende­te damit, dass sich das gekauf­te Buch weder auf dem PC noch auf einem der Mobil­ge­rä­te öff­nen lässt, weil irgend­wel­che Kopier­schutz­re­geln es ver­hin­dern. Und eigent­lich wür­de ich ger­ne die bei­den Kind­le-Lese­ge­rä­te, die hier rum­schwir­ren, wei­ter nut­zen. Vor­erst behel­fe ich mir, erst ein­mal kei­ne neu­en Bücher zu kau­fen (es gibt noch sehr viel unge­le­se­ne in diver­sen Sta­peln), bzw. im Zwei­fel auf auch über ande­re Platt­for­men erhält­li­che gedruck­te Fas­sun­gen aus­zu­wei­chen. Auf die Dau­er ist das aber kei­ne Lösung. Wenn also jemand einen erprob­ten Weg kennt, digi­ta­le Bücher ohne Ama­zon zu erwer­ben und zu lesen, neh­me ich hin­wei­se ger­ne ent­ge­gen (und ja, theo­re­tisch lie­ße sich Calib­re als Cli­ent-Ser­ver-Sys­tem auf­set­zen, das mir momen­tan aber noch zu kompliziert …). 

Deut­lich schwie­ri­ger als der Abschied von Ama­zon sieht es bei den ande­ren Platt­for­men aus. Na gut, Twitter/X hat mich raus­ge­wor­fen, seit­dem habe ich kei­ner­lei Lust ver­spürt, dahin noch ein­mal zurück­zu­keh­ren. Bei Meta nut­ze ich Face­book (und Insta­gram für den grü­nen Orts­ver­band, und Whats­app für ein paar weni­ge Kon­tak­te). Micro­soft wird mit Win­dows 11 und Copi­lot, mit Abo-Model­len für MS Office etc. zuneh­mend unat­trak­tiv, noch läuft auf einem mei­ner bei­den pri­va­ten Rech­ner aber Win­dows, und auf dem Dienst­lap­top eh – da habe ich aber kei­nen Ein­fluss drauf. Dito das Dienst­han­dy, das das gan­ze Apple-Öko­sys­tem hin­ter sich her­zieht. Ganz schwie­rig sieht’s bei Pay­pal und bei Goog­le aus, da sehe ich noch kei­ne wirk­lich gute Alter­na­ti­ve für die Art, wie ich deren Pro­duk­te aktu­ell nut­ze. Auch da: ger­ne Tipps in den Kommentaren!

* Es wäre groß­ar­tig, wenn Star Trek sich ent­schei­den könn­te, über eine ande­re Platt­form als Para­mount+ via Ama­zon Prime ver­füg­bar zu sein.

Falls mich jemand auf Bluesky sucht …

Contrail

… bin ich da wei­ter­hin nicht zu finden.

Mit jeder wei­te­ren Musk-Eska­pa­de bin ich dann doch froh drum, Ex-Twit­ter zwangs­wei­se ver­las­sen zu haben.

Nach den Nerds, die schon vor ein paar Mona­ten von Twit­ter ins Fedi­ver­se gewech­selt sind, wird es jetzt auch gro­ßen und bekann­ten Accounts zu heiß. Der place to be scheint – nach­dem Post, News, Threads, etc. sich alle als nicht so dol­le her­aus­ge­stellt haben – der Twit­ter-Able­ger Blues­ky zu sein. Und weil alle dahin­ge­hen, gehen alle dahin. Sofern sie denn einen der noch knap­pen Invi­te-Codes bekommen. 

Mar­kus Becke­dahl beschreibt die­sen Exodus hier viel bes­ser, als ich das könn­te. Und er beschreibt – am Schluss der Kolum­ne – auch ganz gut, war­um das nur bedingt eine gute Idee ist.

Letzt­lich ist Blues­ky eine wei­te­re kom­mer­zi­el­le Platt­form mit dem Ziel, irgend­wann Geld zu ver­die­nen. Bis­her lässt sich da ange­nehm die Zeit ver­brin­gen, nach allem, was ich dazu höre. Ob das auf Dau­er so sein wird, und was pas­siert, wenn z.B. in grö­ße­rem Aus­maß Trol­le auf­tau­chen, bleibt abzu­war­ten. Und auch wenn es aktu­ell nur eine Pos­til­lon-Sati­re ist – nie­mand kann aus­schlie­ßen, dass eines Tages Musk oder ein*e andere*r durch­ge­knall­te Superreiche*r Blues­ky kauft und die eige­nen Regeln etabliert.

Ich ver­ste­he, dass das Fediverse/Mastodon auf eini­ge abschre­ckend wirkt. Die tech­ni­sche Kom­ple­xi­tät wird nicht so gut hin­ter einer schi­cken Ober­flä­che ver­steckt, wie das bei kom­mer­zi­el­len Platt­for­men der Fall ist. Die Mast­o­don-App für ios hat so ihre Macken. Und: eini­ge Ele­men­te der Kul­tur, die sich dort eta­bliert hat, ner­ven (sie­he dazu auch hier). Alles ver­ständ­lich. Trotz­dem füh­le ich mich bei Mast­o­don inzwi­schen gut ein­ge­rich­tet wohl. Viel­leicht ist eine lang­sa­me­re und weni­ger zu vira­len Aus­brü­chen nei­gen­de Platt­form in die­sen Zei­ten gar nicht so schlecht. 

Wer mich bei Mast­o­don sucht, fin­det mich dort unter @_tillwe_@mastodon.social. Und wer selbst wech­seln will, dem wür­de ich aller­dings nicht die­se Groß­in­stanz emp­feh­len, son­dern lie­ber etwas loka­les, norden.social, sueden.social, oder hier in der Frei­bur­ger Regi­on freiburg.social.

Tech­nisch ist es nicht aus­ge­schlos­sen, dass jemand eines Tages eine Brü­cke baut zwi­schen dem W3C-stan­dar­di­sier­ten Pro­to­koll des Fedi­ver­se und dem Sys­tem, das unter der Hau­be von Blues­ky steckt. Bis­her gibt es die­se Brü­cke nicht, und wenn die übli­che kom­mer­zi­el­le Platt­form­lo­gik greift, dann wird es sie auch nicht lan­ge geben. Wäre schön, wenn es anders läuft. (Zur Erin­ne­rung: Twit­ter fing mal mit offe­ner API und ganz vie­len Zugriffs­mög­lich­kei­ten für Apps an – bis die­ses gan­ze Öko­sys­tem nach und nach zer­stört wur­de, um die Inter­ak­tio­nen samt Wer­be­kun­den-Views auf twitter.com zu holen). 

Das mal als aktu­el­ler Stand – auch mei­ne Hal­tung hier ist sicher nicht in Stein gemei­selt, ich habe, wie gesagt, durch­aus Ver­ständ­nis dafür, dass Blues­ky zur Zeit attrak­tiv wirkt und vie­le anzieht. FOMO tut ein übri­ges – aber das hal­te ich aus. Inso­fern bin ich bis auf wei­te­res nicht auf Blues­ky zu finden. 

Pass auf, was du dir wünscht. Politische Netzkommunikation und die Verteidigung der Gegenöffentlichkeit

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Pass auf, was du dir wünscht. Neben diver­sen direkt­de­mo­kra­ti­schen Uto­pien des Alle-stim­men-jeder­zeit-über-alles-ab gehör­te zu den Pro­jek­tio­nen, die Ende der 1990er Jah­re auf das damals frisch aus dem Ei geschlüpf­te „World Wide Web“ gewor­fen wur­den, auch die Idee, dass es sich hier­bei um das ers­te demo­kra­ti­sche Mas­sen­me­di­um han­deln könnte. 

Jede und jeder wür­de sei­ne eige­ne Sei­te ins Netz stel­len kön­nen. Es wür­de direk­te, nie­der­schwel­li­ge Rück­ka­nä­le geben, so dass eine Kom­mu­ni­ka­ti­on ohne insti­tu­tio­nel­le Hür­den mög­lich wäre. Jour­na­lis­ti­sche Gate­kee­per wür­den ihren Job ver­lie­ren, weil sie in Zei­ten der direk­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht mehr gebraucht wür­den. Die Zei­tung wür­de täg­lich per­so­na­li­siert aus­ge­lie­fert wer­den. Idea­ler­wei­se wür­de alles direkt kom­men­tier­bar wer­den, jede Web­site zum Ort des gesell­schaft­li­chen Dis­kur­ses wer­den. Und selbst­ver­ständ­lich wür­de nur noch die Kraft der Argu­men­te ohne Anse­hen der Per­son zäh­len. Schließ­lich wäre alles sofort über­prüf­bar. Vor­ur­tei­le wür­den in der text­ba­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on ausgeblendet. 

So wur­de das „damals“ gedacht.

Es kam genau­so, und doch anders, und wahr­schein­lich hät­ten schon die Fla­me­wars und Dis­kus­si­ons­kul­tu­ren im Use­net, in Chat­rooms und in Mail­box­fo­ren als Vor­zei­chen dafür gese­hen wer­den müs­sen. Trol­le, Fla­mes, anony­me Belei­di­gun­gen und hate speech, ja selbst Dis­kus­sio­nen dar­über, wie mit „Bots“ umzu­ge­hen ist – all das sind kei­ne neu­en Phä­no­me­ne, son­dern Stan­dard­mo­ti­ve der Netzethnographie.

Für die jün­ge­ren Leser*innen: vor dem World Wide Web fand Netz­kom­mu­ni­ka­ti­on zu einem gro­ßen Teil im Use­net (und ähn­lich in Mail­box­sys­te­men) statt, einer Rei­he per Mail bedien­ba­rer, the­ma­tisch sor­tier­ter Dis­kus­si­ons­fo­ren. Für die his­to­risch Inter­es­sier­ten bie­tet das WZB-Pro­jekt Kul­tur­raum Inter­net hier eine Viel­zahl von Fund­stel­len aus einer längst ver­gra­be­nen Vergangenheit.

Und heu­te?

„Pass auf, was du dir wünscht. Poli­ti­sche Netz­kom­mu­ni­ka­ti­on und die Ver­tei­di­gung der Gegen­öf­fent­lich­keit“ weiterlesen