Gerne wird ja die „Dienstleistungswüste Deutschland“ beschworen, mangelnde Freundlichkeit des „Personals“ und so. Als dahingeworfener Gedanke dazu: was in den Debatten oft kaum vorkommt, ist die Doppelseitigkeit: Freundlichkeit als Einbahnstraße funktioniert nicht bzw. wird dann schnell zu einem aufgesetzten, antrainierten Lächeln der VerkäuferInnen, hinter dem grimmiger Ernst steckt. Die Geschäfte und Gelegenheiten, bei denen ich mich tatsächlich sehr freundlich behandelt fühlte, sind eher die, die bei mir den dringenden Wunsch hervorgerufen haben, mich ebenfalls freundlich zu verhalten, die also, kurz gesagt, authentisch gewirkt haben, wohl sogar authentisch waren. Was sich aber wiederum nicht antrainieren lässt, sondern was damit zu tun hat, dass den Leuten das, was sie machen, gefällt.
Die Zora lernt sprechen
Neurolinguistik ist ziemlich spannend, vor allem, wenn sie zuhause stattfindet.
Zora (2 3/4) kann schon ziemlich gut sprechen, aber sie macht auch noch ziemlich viele interessante (und für Kinder in ihrem Alter meine ich ziemlich typische) Fehler.
So verwendet sie die meisten Verben noch regulär, auch die, die es gar nicht sind (und findet auch nicht immer die richtige Beugungsform bei anderen). Dann gibt es Floskeln, die sie als ganze Floskeln verwendet, auch in Situationen, wo sie nur bedingt passen. („Ich will im großen Bett schlafen“ – „Warum?“ – „Weil es interessant ist“). Und schließlich erfindet sie Wörter (wenn ihr keine einfallen) und versucht, ob diese verwendbar sind („Das ist ein dakadaka.“). Übergeneralisiert wird natürlich auch: Alles, was abmachbar ist, ist „Schale“ – egal, ob an einer Frucht, die Rinde an einem Brötchen oder das Einwickelpapier ums Bonbon.
Am lustigsten aber klingen richtig-falsch zusammengesetzte Wörter: Heute morgen waren wir erst beim „Geldladen“ und dann beim „Brötchenladen“, und zwischen Kopf und Rumpf sitzt der „Kopfstiel“. „So ist das!“
Update zu Die Zora redet.
Lesenswert: Klimawandel und Alltagshandeln
Die hessische Landesstiftung der Heinrich-Böll-Stiftung, der BUND und das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) haben mit dem jetzt erschienenen Band Klimawandel und Alltagshandeln nicht nur die Dokumentation einer im Herbst 2006 stattgefundenen Tagung herausgegeben, sondern bieten – an der Grenze zwischen Wissenschaft und Politik – einen guten Überblick über den aktuellen Stand zur Frage, was im Alltag klimapolitisch und klimaschützerisch getan werden kann.
Der Band gliedert sich, grob gesagt, in drei Themengebiete. Im ersten, „Klimawandel, Klimapolitik, Klimaschutz“, gibt Uwe Fritsche vom Öko-Institut einen konzisen Überblick über den Wissensstand zum Klimawandel und reißt Handlungsfelder an. Klaus Wortmann diskutiert das Thema Energiesparen im Haushalt historisch, d.h. er arbeitet sozusagen Geschichte der „Energiesparbewegung“ seit den 1970er Jahren mit ihren Höhen und Tiefen, politischen Zuwendungen und alltäglichen Rückzügen auf. Anja Wirsing schließlich stellt eine Fotoaktion vor, mit der Frauen zum internationalen Frauentag Klimabotschaften positionieren (das Buch ist damit illustriert).
Im zweiten Abschnitt geht es dann um die Rahmenbedingungen. Werner Neumann diskutiert wirtschaftliche und strukturelle Probleme des Politikfeldes Energieeffizienz. Aus der Sicht des Verbraucherschutzes betrachtet Holger Krawinkel Glühbirnenverbote und ähnliche Aktionen und plädiert für ein Ministerium mit gebündelter Energiesparkompetenz. Hans Ackermann zeigt, wo tatsächlich Einsparpotenziale liegen und Hans-Peter Frank diskutiert das Stromsparförderprogramm der Stadtwerke Marburg.
Für mich am spannendsten der dritte Teil des Buchs: „Die alltägliche Praxis: Im Alltag klimaschonend handeln“. Immanuel Stieß vom ISOE geht ausführlich auf eine alltagsökologische Perspektive in der Klimadiskussion ein. Dabei geht es nicht nur um die energetischen Effekte verschiedener Bedürfnisfelder und die alltäglichen Handlungsmöglichkeiten; diese alltagsökologische Perspektive wird in den Rahmen des großen Wandlungsprozesses der Technisierung und Verwissenschaftlichung alltäglichen Handelns gestellt. Eindringlich macht Stieß klar, warum KonsumentInnen und Haushalte Schlüsselakteure für den Klimaschutz sind – und wie ein praktikabler Weg zu einem postfossilen Alltag aussehen kann. Er nennt hier insbesondere vier Punkte:
- Energieeffiziente Angebote und Produkte müssen in die alltägliche Lebensführung integrierbar sein, sie müssen „alltagskompatibel, breit verfügbar und leicht zu handhaben sein“ und sich in Alltagsroutinen integrieren lassen.
- Information zum Klimaschutz muss eine einfache Orientierung erlauben, als Positivbeispiel nennt Stieß die EU-Energieverbrauchslaben von A++ bis G.
- Die unterschiedliche Lebenswirklichkeit unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen muss berücksichtigt werden.
- Die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten und ‑ressourcen unterschiedlicher Gruppen müssen berücksichtigt sein, bspw. sind die Anfangsinvestitionen in sparsame Geräte schwierig – es kann sich nicht jeder leisten, sparsam zu sein.
Als weitere Positivfaktoren nennt Stieß alltagsnahe und gut verständliche Öko-Ratgeber, die EcoTopTen-Initiative des Öko-Instituts und neue Kommunikationsformen wie Stromwechsel-Partys.
Elke Dünnhoff vom Heidelberger ifeu geht im Detail auf Gründe ein, die das Energiesparen erschweren. Dazu gehört die zunehmende technische Ausstattung der Haushalte (von Kaffeemaschinen über Mobiltelefone bis zur Waschmaschine und zur Glühbirne), dabei zunehmend „intelligente“ Geräte mit Standby-Modus. Handlungsansätze in privaten Haushalten gliedert sie nach den drei Maßnahmenarten „Nutzungsverhalten“, „Kleininvestitionen“ und „Kaufentscheidungen“. Wichtig an ihrem Beitrag finde ich, dass sie ausführlich auf Hemmnisse zum Stromsparen eingeht, u.a. dass der Stromverbrauch der Geräte nicht sichtbar ist.
Zum Teil Alltagsökologie gehören weiterhin ein Bericht von Hans Ackermann aus dem Alltag eines Energiesparhaushalts und ein Überblick von Ramona Siefke über Erfahrungen aus der Energieberatung der Verbraucherzentralen.
Ein wichtiges Thema sprechen zwei weitere Beiträge an – einmal wissenschaftsnah (Stieß und Dünnhoff) und einmal praktisch (Bettina Sickenberger) geht es um das Zusammenbringen von Energiesparpolitik/Energiekostenanstieg und sozialen Konsequenzen, Sozialpolitik. Stieß und Dünnhoff berichten über eine mit der Hans-Böckler-Stiftung durchgeführte Studie zu den Auswirkungen steigender Energiekosten auf Haushalte, die ALG II bzw. Sozialhilfe beziehen. Sickenberger stellt den „Einsparservice“ der Caritas Frankfurt am Main vor, bei der „Arbeitslose“ zur Vor-Ort-Energieberatung eingesetzt werden.
Doris Hayn (ISOE) schließlich macht in ihrem Beitrag zum Ernährungshandeln deutlich, dass Klimaeffekte alltäglichen Handelns nicht nur dort stattfinden, wo direkt Strom durch irgendwelche Geräte fließt. Zugleich geht es darum, wie schwierig es ist, die versteckten Klimaeffekte zu verringern und alltägliche Praktiken zu verändern. Die Darstellung der Komplexität des Alltags erscheint mir sehr hilfreich und macht sehr klar, warum einfache Rezepte nicht unbedingt funktionieren. Auch Hayn betont, dass klimapolitische Handlungsempfehlungen alltagskompatibel sein müssen, und es nicht zu ständigen Abwägungsprozessen kommen kann. Zugleich hält sie fest, dass das Handlungsfeld Ernährung deutlich zeigt, dass Klimaschutz letztlich „(einschneidende) Veränderungen von Verbrauchs- und Konsumgewohnheiten, von Lebensweisen und Lebensstilen“ notwendig machen wird. Da braucht es zwar auch Umweltratgeber, die alltagskompatible Tipps geben, aber noch viel mehr Unterstützung der privaten Akteure durch politische Rahmen und wirtschaftliche Angebote.
Das Buch wird ergänzt durch eine Kurzvorstellung der beteiligten Einrichtungen und einen Überblick über Websites und Umweltratgeber für Klimaschutz.
Wie auch schon in der Gewichtung in dieser Kritik deutlich geworden ist, sind einige Teile des Buches für mich sehr viel interessanter als andere. Neben dem Überblick über den Stand der wissenschaftlich-politischen Klimadebatte sind dies vor allem die explizit alltagsökologischen Beiträge. Bei anderen schimmert dann doch zu sehr der Vortragsstil einer Tagung durch; statt weitergehenden Informationen findet sich dann das textuelle Äquivalent einer PowerPoint-Präsentation. Das und der relativ hohe Preis sind sicherlich Punkte, die gegen Klimawandel und Alltagshandeln sprechen. Für alle, die politisch oder wissenschaftlich mit dem Thema zu tun haben, ist die Anschaffung jedoch sinnvoll, insofern hier entscheidende Eckpfeiler für eine alltagsorientierte Herangehensweise an Klimapolitik gesetzt werden.
* * *
Hayn, Doris / Zwengel, Ralf (Hrsg.) (2008): Klimawandel und Alltagshandeln. Essen: Klartext. 186 Seiten, 14,95 Euro. Verlagsinformation. Bei Amazon bestellen.
Lesenswert: Wovon Menschen leben
Die Münchener anstiftung ist eine der kleineren, wenig bekannten Stiftungen – umso interessanter erscheint mir das, was dort gearbeitet wird. Ein in jeder Hinsicht handfestes Ergebnis der Arbeit der anstiftung ist das Buch „Wovon Menschen leben. Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes“ der Soziologinnen Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner (mit Fotografien von Cornelia Suhan).
Ich bin auf dieses Buch gestoßen, weil mich das Thema Nachhaltigkeit und Lebensstile aufgrund meines Promotionsvorhabens beschäftigt. Aber anders als viele andere Bücher zu diesem Themenfeld geht es bei „Wovon Menschen leben“ nun zwar auch um die wissenschaftliche Auseinandersetzung: um einen neuen Begriff von Arbeit, der in der Tradition von Bennholdt-Thomsen die Bedeutung von Subsistenz, also Produktion, die sich am eigenen Leben und nicht am Markt orientiert, in den Vordergrund stellt; um die Frage, wie Subsistenz und das Leben in einer funktional differenzierten Gesellschaft zusammenpasst (oder ob es nicht eben gerade die informellen Zwischenstücke sind, die das Funktionieren einer solchen Gesellschaft erst ermöglichen); um den Zusammenhang zwischen Subsistenz, Individuum und Gemeinschaft; und nicht zuletzt um die Frage, ob Subsistenz (im Sinne der Konsumverzicht positiv wertenden Suffizienzstrategie) zu mehr Nachhaltigkeit im Alltag führen kann.
Das ist jedoch nur die eine Seite des Buches. Die andere besteht aus 28 Porträts einzelner Menschen und Paare, zu deren Alltag „Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes“ gehört. Diese Porträts sind die Grundlage intensiver Interview- und Beobachtungstätigkeit der Forscherinnen, werden hier aber nicht nüchtern präsentiert, sondern die Autorinnen nehmen bewusst Stellung, gehen auf die Position der Befragten ein und stellen diese mitfühlend und „unverhohlen sympathisierend“ dar. Begleitet werden diese Porträts von schönen Fotografien und einer DVD, auf der Videomaterial aus den Interviews enthalten ist. Geordnet haben die Autorinnen die Porträts nach vier Kategorien: „Für andere sorgen“, „Nahraum gestalten“, „Natur erleben – Natur bewahren“, „Selber machen“ – damit sind auch die Themen angesprochen, die das Buch als rote Fäden durchziehen.
Ein bißchen – aber mit anderen Gewichtungen, und einer anderen Aussage – erinnert das Buch an Ulrich Becks „Eigenes Leben“, das ebenfalls auf die Kombination aus Analyse, Porträt und Fotografie aufbaut. Allerdings ist Becks Blick auf die Welt ein anderer. Vielleicht macht folgendes Zitat die Grundhaltung der Autorinnen am besten deutlich:
Wir wollten nicht nach den Defiziten der Menschen Ausschau halten – z.B. ihrer mangelnden Bereitschaft in Sachen umweltbewusstes Handeln -, wir wollten vielmehr wissen, welche positiven Ansätze es für Nachhaltigkeit, sprich die Erhaltung der natürlichen und sozialen Ressourcen, im ganz normalen Alltag ganz normaler Leute gibt. (S. 18)
Auch das Buch selbst ist – vielleicht sogar ein bißchen unüblich für das Thema beim oekom-Verlag – als schön gestaltetes Hardcover erschienen; das passt zur Grundhaltung, die die theoretischen Überlegungen und die Porträts durchzieht: die Vorstellung, dass auch im hier und jetzt ein „gutes Leben“ im besten Sinne möglich ist.
* * *
Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner (2007): Wovon Menschen leben. Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes. München: oekom. 301 Seiten plus DVD, Hardcover. 24,90 Euro. Bei Amazon kaufen.
Mit der neuen Rubrik „Lesenswert“ möchte ich kurze Hinweise auf interessante Bücher geben.
Greendex: wer lebt wie grün?
Die amerikanische National Geographic Society hat vor kurzem das Ergebnis eines 14-Länder-Vergleichs vorgestellt, den Greendex. Dabei geht es um den Beitrag von a. Konsumentscheidungen und b. Kontextbedingungen für den Konsum in unterschiedlichen Ländern zu einem nachhaltigen Lebensstil, wohl vor allem an den CO2-Emissionen festgemacht.
Befragt wurden 14.000 Haushalte in den 14 Ländern mit einem 65 Variablen umfassenden Survey, die dann zum „Greendex“ – einem Punktewert – zusammengefasst wurden. Etwa 60 % der Fragen beziehen sich dabei auf Konsumentscheidungen, also Bereiche, in denen unterschiedliches Verhalten möglich ist. Prinzipiell sind solche Untersuchungen nichts neues, auch die Umweltbewusstseinsbefragungen des Umweltbundesamtes gehen in diese Richtung, interessant ist hier vor allem der Ländervergleich.
Dabei kommt – bezogen auf das Verbraucherverhalten in den einzelnen Ländern – folgende Reihenfolge heraus:
1. Brasilien, Indien (je 60 Punkte)
2. China (56,1 Punkte)
3. Mexiko (54,3 Punkte)
4. Ungarn (53,2 Punkte)
5. Russland (52,4 Punkte)
6. Großbritannien, Deutschland, Australien (je 50,2 Punkte)
7. Spanien (50,0 Punkte)
8. Japan (49,1 Punkte)
9. Frankreich (48,7 Punkte)
10. Kanada (48,5 Punkte)
11. USA (44,9 Punkte)
Die niedrigen Punktzahlen der Schwellenländer sind mit einem geringeren materiellen Wohlstand verbunden (Zahl der Autos, Wohnungsgröße), zum Teil wohl auch vom Klima abhängig (Heizungsbedarf etc.). Dass die USA ganz hinten liegen, ist nicht besonders erstaunlich – erstaunlich ist aber der große Abstand zu den übrigen Ländern.
Deutschland liegt insgesamt im Mittelfeld, bezogen auf die Industrieländer relativ weit vorne. Das mag etwas damit zu tun haben, dass „umweltfreundliches Verhalten“ hierzulande schon ziemlich lange thematisiert wird (vgl. Telepolis-Artikel).
Auf der Website Greendex lässt sich – wie inzwischen auf vielen anderen Seiten ähnliche Fußabdrücke etc. zu finden sind – auch der persönliche „Greendex“ berechnen.
Bis auf die Frage 9, die so nur Sinn macht, wenn die entsprechenden Geräte vorhanden sind, sieht der Fragebogen für die Berechnung erst einmal ganz vernünftig aus. Bei mir kommt ein Score von 61 heraus, was mich freut, aber nicht besonders überrascht (kein Auto, relativ viel Regionales und Recycling, Niedrigenergiemietswohnung).
Eine Information habe ich auf der Seite bisher nicht gefunden: welcher Score wäre tatsächlich nachhaltig? Bei ähnlichen Rechnern zum „Fußabdruck“ kommt dann ja meist heraus, dass beim persönlichen Lebensstil weltweit zwei bis drei Planeten notwendig wären (bei mir: 1,6) – diese Information scheint mir hier zu fehlen.
Warum blogge ich das? Weil’s mich wissenschaftlich und politisch interessiert und hier globale Daten mit einem persönlichen Kalkulator verbunden werden, was ich interessant finde.


