Aneignung, Macht und kultureller Wandel

Rieselfeld culture

Wintersonnenwende – ein Fest, das in ziemlich vielen Religionen/Kulturen gefeiert wird. Ausgangspunkt ist eine beobachtbare Tatsache: die Tage werden wieder länger, es wird heller; gleichzeitig setzt oft der »richtige« Winter ein. Was daraus gemacht wird, wie gefeiert wird, all das ist Kultur. Und die ist bekanntlich extrem wandlungsfähig.

Ich mag das Konzept der kulturellen Aneignung. Menschen sind in der Lage dazu, sich Stücke aus unterschiedlichen Traditionen herauszubrechen und in ihre eigenen Traditionen zu übernehmen. Bei dieser Übernahme verändern sich Ideen und Rituale, es entsteht etwas Neues. Insofern ist kulturelle Aneignung ein Motor für kulturellen Wandel, für Innovation, ganz pathetisch gesagt auch für Fortschritt.

Was genau von wem wann erfunden wurde, interessiert vielleicht HistorikerInnen, spielt aber eigentlich keine Rolle. Finde ich jedenfalls. Oder ist das zu einfach? Wie weit müssen Traditionslinien und historische Assoziationen mitgedacht werden, wenn ein Ritual, ein Fest, eine kulturelle Angewohnheit, kurz, eine Praktik, angeeignet, verändert und übernommen wird?

Darf ich als Atheist einfach so Weihnachten feiern? Darf Coca-Cola den Weihnachtsmann als Werbefigur aufbauen und damit erst so richtig populär machen? Darf ich Sommer- und Wintersonnenwenden als Festtage kennzeichnen, auch wenn Nazis das ebenfalls getan haben? Wer legt fest, welche Haar- und Hautfarbe Maria in Krippendarstellungen hat? Wer darf Dreadlocks tragen, und was passiert, wenn Yoga zu einer beliebten Sportart wird? Was machen Rechtsextreme, die Dresscodes von Autonomen übernommen?

Ganz so einfach ist es alles also doch nicht. Das sind jetzt nicht unbedingt Fragen, die sich eindeutig beantworten lassen. Mir scheint, dass es mindestens drei Themenkomplexe sind, die hier mitschwingen.

1. Was ist überhaupt eine Kultur? Gibt es sowas wie »kulturelle Reinheit« oder ein (zu erhaltendes) kulturelles Erbe, das nicht »verunreinigt« werden darf? Und wenn ja, wer wacht über die Reinheit, wer entscheidet, was in Kultur A aufgenommen oder aus Kultur B entnommen werden darf, und was nicht? Ein Beispiel, wo das konkret wird, sind Sprachen – gilt nur, was die Académie française als Wort zulässt, oder sind Sprachen etwas, das sich ständig von unten her weiterentwickelt, auch durch die Übernahme von Wörtern aus anderen Sprachen? Mir ist letztere Haltung sehr viel sympathischer. Das hieße dann aber auch, dass eben keine zentrale Einrichtung gibt, die über die Reinheit wacht, sondern die Sprache (oder die Kultur) eben das ist, was sich letztlich durchsetzt. Das scheint zunächst demokratisch zu sein, ist es aber nicht – vielmehr gibt es eine ganze Reihe konkurrierender Pole, die mit dazu beitragen, dass sich eine sprachliche Neuerung durchsetzt (oder eben auch nicht). (Unterschiedliche) Massenmedien, Duden-Redaktion, Wissenschaft, Konzerne, ja, auch die Politik – alle haben einen Einfluss darauf, welche sprachlichen Neuschöpfungen sich durchsetzen. Wobei ich das mit dem Einfluss durchaus ernst meine. Es geht um unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten, nicht um ein Von-Oben-Durchsetzen-Können. Das funktioniert nur sehr begrenzt.

Letztlich führt das dazu, dass sich Sprache verändert. Egal, ob es Binnen-Is und Gender-Gaps sind, Anglizismen oder Modewörter, oder ob es Versuche sind, den Gebrauch bestimmter Wörter zu verhindern (aus welchen Motiven auch immer) – an dem, was im Nachhinein als normaler Sprachgebrauch betrachtet werden kann, wird aus ganz unterschiedlichen Richtungen gezerrt und gezogen. Unterschiedliche Normalitätserwartungen überlagern sich dabei und ko-existieren.

Und mit Kultur ist das letztlich nicht anders. Die gut verschlossene Dose »deutsche Kultur« mit Mindesthaltbarkeitsdatum gibt es nicht, es gibt vielmehr Netzwerke, Knoten und Wolken, die zusammen etwas bilden, was als Kultur einer bestimmten Zeit, Gruppe und Örtlichkeit rekonstruiert werden kann. Die Übergänge sind fließend, klare Grenzen können zwar (auch das ein Versuch, Kultur zu verändern) behauptet werden, durchsetzbar sind sie in der Regel aber nicht – wiederum unabhängig davon, was die Motive dafür sind, eine kulturelle Veränderung haben zu wollen. Das heißt aber auch: die Eigensinnigkeit und Widerständigkeit »der Kultur« (als Summe aktuell geltender Praktiken und Erwartungen) ist leider (und, denke ich an PEGIDA und ähnliches, zum Glück) größer, als viele das gerne hätten.

Kontrollierte »Reinheit« kann’s dann nur für isolierte, aus dem eigentlichen kulturellen Leben herausgenommene Praxisformen geben. Das führt dann zur geschützten Schwarzwälder Kirschtorte oder zur Aufnahme des Deutschen Brotkultur, der Schwäbisch-Alemannischen Fasnacht und des Singens der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Als Archiv erscheint mir das sinnvoll. Sollte es jedoch als Instrument der Normsetzung verstanden werden, dann bezweifle ich, das eine Aufnahme einer Praxisform in eine solche Liste großartig etwas ändert.

2. Kultur und Macht. Das schöne an der Idee der Aneignung ist die Tatsache, dass sie als aktiver Prozess verstanden wird, und eben nicht als »Überstülpen« oder als »Unterwerfung«. Menschen übernehmen Elemente einer »fremden« Kultur in ihr eigenes Handlungsrepertoire auf und verändern diese dabei – ganz schön subversiv.

Das ist allerdings insofern nur die halbe Wahrheit, als Aneignung ebenfalls nicht isoliert stattfindet, sondern etwas mit Macht und mit der Verfügung über Ressourcen zu tun hat. Was heute touristisch bunt erscheint, mag aus Not heraus geboren sein, und wer in einer Diasporasituation die eigene Tradition verändert, oder sich Elemente anderer Traditionen oder Kulturen aneignet, tut dies nicht unbedingt freiwillig, sondern sieht sich dazu gezwungen.

Zu diesem Komplex gehört dann andersherum auch die Frage, ob eine Aneignung in einem asymmetrischen Machtverhältnis nicht auch eine Form von Raub darstellen kann. Wenn das so ist, schränken die Machtverhältnisse erheblich ein, wer wessen Praxisformen übernehmen und verändern darf – möglicherweise (siehe Weihnachtsmann) ja auch mit Rückwirkungen auf die ursprüngliche Tradition. Aus dieser Sicht klingt die Erstellung einer Liste schutzwürdiger Kulturformen schon deutlich nachvollziehbarer.

3. Stichwort Weihnachtsmann und Coca-Cola: Asymmetrische Machtverhältnisse und damit unterschiedliche Einflüsse darauf, was als legitime Kulturäußerung gilt, finden selbstverständlich nicht nur zwischen »Kulturen« statt (was auch immer das sein mag). Fragen wie die nach Raub oder Aneignung, nach unterschiedlicher Durchsetzungskraft in Bezug darauf, was dauerhaft in den Diskurs einfließt und was randständig bleibt, drängen sich noch einmal besonders stark auf, wenn es um kommerzielle (oder, ähnlich argumentierbar, politische) Interessen geht. Hippies, die von einer Tour nach Goa »indische« Praxisformen mit nach Bochum oder Kreuzberg gebracht haben, und damit ihre eigenen Praktiken verändert haben, sind möglicherweise noch einmal ein anderer Fall als (auch wenn es die selben Personen sein können) findige Unternehmer, die in Köln oder im Prenzlauer Berg esoterische Workshops und Power-Yoga anbieten. Es erscheint fragwürdig, das in beiden Fällen die selben Maßstäbe angelegt werden sollen; gleichzeitig ist es allerdings gar nicht so einfach, zu klären, warum die Aneignung kultureller Formen im einen Fall akzeptabel und möglicherweise sogar wünschenswert ist, im anderen Fall jedoch auf Kritik stößt.

So richtig viel schlauer bin ich jetzt nicht. Was ich aus diesen Überlegungen mitnehme, ist jedenfalls der Punkt, dass das Konzept »Aneignung« alleine zu kurz greift. Ohne Berücksichtigung von Machtverhältnissen und Ressourcen kommt es schnell zu Fehlschlüssen, Überforderungen und zu einem Übersehen der eigentlichen Hintergründe kulturellen Wandels. Gleichzeitig bleibe ich dabei, dass ein Verständnis von Kultur als fließend und ständig im Wandel begriffen ebenso wie ein Menschenbild, das Menschen immer als lernende und sich entwickelnde Wesen betrachtet, hilfreich ist – gerade in Zeiten, in denen mal wieder Ängste geschürt werden.

Warum blogge ich das? Eigentlich wollte ich was zur Feminismusdebatte schreiben, und zum Spagat zwischen Anschlussfähigkeit und bewusster Verwendung und Weiterentwicklung von Sprache. Dann kam eine längere Facebook-Debatte darüber hinzu, ob aus antirassistischer Perspektive Mariendarstellungen mit blonden Haaren nicht problematisch sind. Ein dritter Anstoß war Pegida, aber auch die Studien zu gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die bis weit in die Mitte der Gesellschaft in Deutschland rassistische und antisemitische Haltungen feststellen, und damit verbunden die Erkenntnis, dass wir in einem Land leben, in dem viele Menschen Haltungen haben, die ich ganz und gar nicht teile. Wie damit umgehen? Vor all diesen Hintergründen entstand dann dieser Text über kulturelle Aneignung. Zu überlegen, was der jetzt jeweils mit den Anstössen zu tun hat, sei der LeserIn überlassen.

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3 Kommentare zu Aneignung, Macht und kultureller Wandel

  1. Lars sagt:

    so sympathisch mir diese Haltung ist, ganz bin ich nicht damit einverstanden. Wenn ich an Konzepte wie »erfundene Traditionen« denke oder die »Writing Culture«-Debatte in der Ethnologie oder aktuellere Diskussionen aus der pragmatischen Kultursoziologie und STS resp. ANT-Kontexten, dann kann man zunaechst einmal hingehen und fragen: wer behauptet hier eigentlich, dass es sich beim Adventskranz, beim Floete spielen und beim generischen Maskulinum um Kultur handelt? Zweitens wäre nicht nur nach den Urhebern zu fragen, sondern auch nach dem Adressaten dieser Behauptung: Wer wird für diese Kultur überhaupt als relevant erachtet? Bös gesagt, Adventskranz, Flöte und generisches Maskulinum sind an sich bedeutungslos, wenn es nicht in Abgrenzung oder im Vergleich zu etwas anderem bewertet wird. Damit wird es aber plötzlich wieder wichtig, wer mit welchen Absichten sich worauf beruft. Die subversive Aneignung ist ja gerade deswegen subversiv, weil sie sagt: schaut her, wir, die bisher nicht als Teil dieser Kultur betrachtet wurden, nehmen euer wertvolles und nutzen es für ganz andere nichtintendierte Zwecke und haben dabei noch ein ganz anderes Publikum im Sinn. Die Rede von kulturellem Wandel ist dann eher irreführend, weil sie letztlich davon ausgeht, dass es da einen Bestand an Kultur gäbe, der sich nun irgendwie ändern würde.
    Dein Yoga-Beispiel funktioniert ja genauso: die Individualreisende nimmt für sich in Anspruch, sich selbst verändert zu haben, eine andere Lebensführung gewählt zu haben und steigt dabei in einen Diskurs ein, der »alte Kulturen« mit Authentizität oder Weisheit gleichsetzt. Im Gegensatz zum Yoga-Studio nimmt die nicht in Anspruch, die indische Kultur in eine Warenforn zu überführen und andere zu beeinflussen, lediglich sich selbst transformiert zu haben – selbst dann, wenn dies im Rahmen eines hochorganisierten Kulturmarktes in Goa geschah. Und die Menschen in Goa werden sicherlich auch eine Interpretation von den seltsamen Europäern und Amerikanern haben, die dort auftauchen.

    Nun, PEDIGA klammert sich dabei an einen ähnlichen, alten Orientalismus-Diskurs, der Westen/Abendland/Christentum/Fortschritt dem Osten/Orient/Ungläubigen/Rückschritt gegenüber stellt. Die Formulierung, dass man das ja wohl noch sagen dürfe (und sich dabei gegen die Mainstream-Medien abzugrenzen), zeigt diese Funktionsweise des Kulturdiskurses (von wem/in wessen Namen/gegen wen?) sehr schön. In gewisser Weise ist PEDIGA subversiv, weil sie sich bestimmter Momente des legitimen Kulturdiskurses bedient und vermeintlich andere Ziele verfolgt und andere Gruppen zu repräsentieren in Anspruch nimmt. Auf den zweiten Blick sind sie es aber dann doch nicht, weil sie nur radikalisieren, was die Asyl- und Migrationspolitik seit Jahren betreibt. Sie bedienen den selben Kulturdiskurses, den etwa die ehemalige EU-Kommission unter Barroso führte.

  2. Lars sagt:

    Nochwas: aus dem oben gesagten folgt dann auch, dass die Netzwerk-/Wolken-/diffuses-Obekt-Metapher nicht greift. Viel eher wäre herauszuarbeiten, wer zu einem gegebenen Zeitpunkt behauptet , das dieses Ensemble an Objekten, Werten, Praktiken Kultur sei, wie lange sie schon diese Einheit bilden solle und wer dazu gehöre oder nicht. Dann bekommt man auch die Machtfrage in den Blick. Der Preis ist dann die Verabschiedung von einem emphatischen Kulturbegriff.

  3. Pingback: “Kultur” gibt es nur als claim gegen andere | Schneeschweigistan

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