Der Fluss ohne Form. Eine Kritik der Liquid Culture Declaration

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River art I

Jörg Blumtritt, Benedikt Köhler und Sabria David haben vor einigen Wochen eine Erklärung abgegeben – die Declaration of Liquid Culture.

Dem Spiel mit dem Adjektiv liquid (flüssig, auch: liquide, zahlungsfähig; vielleicht auch sowas wie das neue open) entsprechend nehmen die AutorInnen als ihr Leitmotiv das Bild des Flusses der Geschichte, der jetzt – an den Marschlanden der Postmoderne vorbei – in die konturenlose offene See der Gegenwart fließt. Orientierung auf diesem Meer – im Zusammenhang mit dem Internet kein neues Bild (Bickenbach/Maye 1997) – geben nur noch die Sterne.

I. Orientierung im Fluiden

Das Ende des Flusses ist erreicht, jetzt fließt alles, und diese Verflüssigung aller Lebenswelten wird von den AutorInnen auch ordentlich durchgespielt. Liquid Culture, Liquid Identity, Liquid Democray, Liquid Science – alles ist wackelpuddinglich geworden. Mich aber beschleicht beim Lesen des Manifests ein Unbehagen, das mir bekannt vorkommt: Ähnlich ging es mir mit Sherry Turkle (1984, 1997), wo sie Computerspiele und später das Internet als Orte fluide gewordener Identität beschreibt. Ich habe dem (in meiner Magisterarbeit zum virtuellen Parteitag) den »Wirklichkeitsverdacht« (Westermayer 2003; vgl. Westermayer 2012) gegenüber gestellt: Das Internet ermöglicht zwar das Spiel mit multiplen Identitäten, da aber, wo es auf die existierenden gesellschaftlichen Institutionen tritt, etwa auf Politik und Parteien, hört dieses Spiel auf. Das Handeln im Netz wird jetzt zu einem Handeln, das an den Erwartungen und Konventionen der sozialen Wirklichkeit orientiert ist – an diesen orientiert sein muss, um in einem vorwiegend außerhalb des Netzes verankerten Wirklichkeitsausschnitt ernst genommen zu werden.

Dieser Kipppunkte wird deutlich sichtbar, wenn PiratInnen in Spitzenämter ihrer Partei gewählt werden. Aus dem Twitter-Nickname, unter dem sie bisher bekannt waren, wird dann schnell der in den weiterhin wirkmächtigen Massenmedien verbreitete Geburtsname. Aus »Afelia« wird in diesem Diskurs wieder »Marina Weisband«.

Aber es ist nicht nur Gamification, die Verwandlung der Wirklichkeit in ein Rollenspiel, wenn das Spielerische zum Maßstab des Netzes gemacht wird, die mich irritiert. Die Auflösung und Verflüssigung von Identitäten und Institutionen ist ja kein Netzthema alleine, sondern – mit Manuel Castells (2002a, 2002b) gesprochen – ganz typischer Ausdruck der »Netzwerkgesellschaft«, der Ära des Informationskapitalismus, in der Raum und Zeit sich verflüssigen, Identitäten zu einer politischen Ressource werden und Arbeitsbeziehungen flexibilisiert werden.

Oder, um noch einen Schritt zurückzutreten, und das Kommunistische Manifest zur Hand zu nehmen:

»Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.«

In der englischen Fassung ist der letzte Satz noch prägnanter, sein Anfang wurde zu einem stehenden Begriff:

»All that is solid melts into air, all that is holy is profaned, and man is at last compelled to face with sober senses his real conditions of life, and his relations with his kind.«

Karl Marx und Friedrich Engels beschreiben hier das kapitalistische Grundprinzip schöpferischer Zerstörung, wie es ein anderer Ökonom benannt hat. Alles Feste verdampft – eine ständige Umwälzung von Innovationen und Moden treibt die kapitalistische, moderne Gesellschaft voran, nichts ist von Dauer.

Bei Blumtritt et al. tauchen neben dem Fluss auch die Ströme auf – das Castells oder Appadurai (1990) entlehnte Bild des »Flussraumes« – der Ströme, die in der Gegenwart die fest verankerten Landschaften und nationalen Container, in denen Gesellschaft sich abspielt, abgelöst haben.

Das Internet als Netzwerk scheint diesen Erneuerungsprozess zu beschleunigen und auf eine qualitative neue Grundlage zu stellen. Gleichzeitig – und das ist die zentrale Aussage der Liquid-Culture-Declaration – verschwindet der Fortschrittspfeil des »Flusses« der Geschichte zugunsten eines offenen Ozeans, an dem nur noch die Sterne den Weg weisen.

Dabei fehlt allerdings die andere Seite der Medaille: auch Netzwerke bilden Strukturen, auch temporäre Projekte finden in Strukturierungen statt. Die Abhängigkeit der Praktiken von Erwartungen und Ressourcen ist geblieben.

Flussräume und Netzwerke mögen kontingent sein, aber sie sind nicht beliebig, sie sind nicht machtlos, und sie sind nicht ohne weiteres willentlich veränderbar. Die Form des Flusses mag sich geändert haben, er mag jetzt wie eine breite, offene Wasseroberfläche aussehen, aber unter dieser Oberfläche gibt es nach wie vor starke Strömungen, gibt es nach wie vor die Winde, die ein Schiff hierhin und dorthin treiben mögen. Es gibt Orte, die nicht oder nur schwer erreichbar sind, Untiefen, ja, Zonen des Ausgeschlossenseins aus dem Netzwerke (vgl. zu den sich wieder festigenden Strukturen im Internet auch Westermayer 2012).

Was aber passiert, wenn wir uns in das Meer hinaus treiben lassen? Vielleicht werden wir an einer anderen Küste angespült. Vielleicht geraten wir in einen Strudel. Oder wir werden, Gummienten und Plastikflaschen gleich, von Strudeln und Strömungen, von Gezeiten und Winden zu riesigen künstlichen Inseln verwoben, in denen der Sternenglanz des Kunststoffes nur noch als Lebensfeindlichkeit fortbesteht.

In der Erklärung von Blumtritt et al. sind es die Sterne, die den Weg weisen. Einmal vorausgesetzt, das Schiff ließe sich steuern, so ganz ohne externes Maß, ohne Radar und wohl auch ohne Ruder – welche Sterne sind es denn, an denen in der Liquid Culture eine Orientierung möglich ist? Die Stars der alten Medien? Die Sternchen, die in Twitter und Flickr vergeben werden können – bei Facebook das Like – um sekündliche Bestleistungen auszuzeichnen, und um dem wandernden Fokus der Aufmerksamkeit eine Ersatzwährung beizugeben? Und was anderes als diese Sternchen, Likes und Re-Tweets ist denn die Währung des Netzes? Und die Votes und Votings – sind sie etwas anderes?

Orientierung an diesen Sternen: Reicht das aus, um eine Richtung zu finden – oder ist es eine sich von Tag zu Tag erneuernde Kunststoffwelt, die die eigene Form, also die sich stetig drehende Spirale der Moden (Simmel 2001) nicht zu erkennen vermag, und die so im Glanz und Verlöschen der Sterne sich im Kreis dreht?

II. Die Liquiditäten

Betrachten wir die von Blumtritt et al. genannten beispielhaften Sphären, die verflüssig – liquidiert? – werden sollen, noch einmal im Einzelnen. Genannt werden Liquid Democracy, Liquid Identity, Liquid Economy, Liquid Science, Liquid Art und Liquid Dataism. Politik, Identität, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Technik, all diese Subsysteme, Sphären, Teilbereiche der Gesellschaft sollen heute – das Manifest hat ja einen fordernden Charakter – nur noch als liquide Gebilde verständlich und kommunizierbar sein.

1. Liquid Democracy: »Sprich mit uns, sprich nicht für uns« (Blumtritt et al. 2012)

Das Manifest setzt hier das demokratische Individuum an die Stelle von Mengen. Weiterbestehende Strukturen der Repräsentation seien in Zukunft bedeutungslos, die Demokratie soll durch Technik eine durch und durch direkte werden. Die flüssige Demokratie ist nach dem Grundsatz organisiert: »Jeder spricht mit gleicher Stimme, aber das nicht nur, um seine Vertreter zu wählen, sondern um direkt mitzugestalten.«

Soziotechnisches Modell im Hintergrund ist hier Liquid Democracy, also die von den Piraten popularisierte Idee einer Mischung aus direkter und repräsentativer Demokratie: Jede/r stimmt im großen Wahlcomputer direkt mit ab, setzt Themen – oder wählt eben doch eine themenbezogene VertreterIn.

Flüssig ist das ganze, weil RepräsentantInnen nicht für vier, fünf oder sieben Jahre gewählt werden, sondern jederzeit Delegationen entzogen und neu vergeben werden können, wenn die Wellen und Strudel der Aufmerksamkeit andere Argumente in den Vordergrund gespült haben.

Eine solche verflüssigte Demokratie müsste tatsächlich ohne Parteien und ohne RepräsentantInnen im herkömmlichen Sinn ausgestaltbar sein. Wie jede Utopie vergisst sie die Wirkmächtigkeit existierender Strukturen (auch das ein Prozess, der am Beispiel der Piraten sehr schön zu beobachten ist). Der idealtypische Endpunkt einer solcherart aufgetauten Demokratie sind diverse Hive-Mind-Konzepte der SF-Literatur – von den Borg bis hin zur Demarchy in Alastair Reynolds »Revelation Space«, in der jede/r per Gehirnimplantat ständig an politischen Entscheidungen beteiligt ist.

Wer aber entscheidet, was zur Entscheidung ansteht, wann ein Diskussionsprozess, ein Voting abgeschlossen ist? Was passiert mit dem Hive Mind, wenn doch nicht alle gleich sind, sondern sich Kasten- und Klassenstrukturen auch in politischer Beteiligung abbilden? Heute schon gibt es große Kritik daran, dass direktdemokratische Beteiligungsformate eher auf die white male middle class abzielen als auf jede andere menschliche Konfiguration. Es mag ein schöner Traum sein, dass jeder Mensch aktiv und passiv in gleicher Weise seine (bzw. ihre) Stimme erheben können wird. Solange dieser Traum nicht verwirklicht ist, ist es fatal, politische Verfahren ohne Reflektion auf dieser Grundlage aufzubauen (das Gender-Problem der Piraten) – denn dann werden damit bestehene Ungleichheiten festgeschrieben.

Ich halte es für eine letztlich empirisch offen Frage, ob die diversen Tools für Liquid Democracy hieran etwas ändern werden, aber ich habe große Zweifel daran. Dies gilt umso mehr, wenn Fragen der Nutzbarkeit und der Verknüpfung von Sachfragen und Informationsgewinnung hinzu kommen.

Die Informatik ebenso wie die Luhmann’sche Systemtheorie lehrt uns, dass sich letztlich alles in ein 1/0-Schema packen lässt. Entsprechend kann jedes politische Problem in ja/nein-Entscheidungen – möglicherweise verästelt über Alternativen – verpackt werden. Die faktische Arbeit des Regierens – mit all ihrer Machtbelastetheit – besteht aber nur zu einem winzigen Bruchteil aus ja/nein-Entscheidungen. Es geht beispielsweise darum, Interessengruppen anzuhören, es geht darum, juristische Verästelungen auf Nebenwirkungen abzuklopfen, es geht darum, Abwägungsentscheidungen zwischen unterschiedlichen Risiken und Modellen zu treffen – und das alles im Rahmen etablierter (und durch eine entsprechende Rechtssprechung und deren Bürokratie abgesicherter) Pfade und Schranken.

Auch aus dieser Perspektive heraus erscheint Liquid Democracy als Unwahrscheinlichkeit. Öffnen wir doch lieber demokratische Verfahren – aber eben immer auch mit den Strukturen und Nebeneffekten im Blick. Das wäre das »sprich mit uns« der Manifest-Überschrift, das durch Liquid-Democracy-Tools eben nicht verwirklicht wird. Und es wäre eine klare Orientierung, eine Struktur. Ob das funktionieren kann, in den beschriebenen Pfadabhängigkeiten, probiert die grün-rote »Bürgerregierung« in Baden-Württemberg gerade aus. Ausgang offen.

2. Liquid Identity: Wir sind viele (Blumtritt et al. 2012)

Hier ließen sich jetzt lange Erörterungen des Für und Widers postmoderner multipler und fluider Identitätskonzepte einschieben. Wie stabil sind Lebensstile, wie patchworkartig Identitäten? Menschen handeln in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlichen Erwartungen gemäß – Praktiken, auch Praktiken der Selbststilisierung und Ästhetisierung, sind kontextuiert. Aber bleibt nicht, selbst in radikalen Theorien, ein Kern der auf sich selbst bezogenen Eigenwahrnehmung, ein Identitätskern für sich?

Oder, wenn die praxistheoretischen Annahmen über die Routinehaftigkeit menchlichen Handelns stimmen: Wer hält es denn aus, ständig eine andere, ein anderer zu sein? Wer kann zwischen mehr als einer Handvoll Rollen wechseln, ohne sich komplett zu verlieren?

Identitäten sind politischer geworden, und sie sind wandelbarer geworden. In sozialen Beziehungen bleiben sie jedoch eine Notwendigkeit, die ihrer Verflüssigung Grenzen setzt – stabile Kommunikation funktioniert nur, wenn ich mir über die Zeit tragfähige Erwartungen über mein Gegenüber machen kann, egal ob per Avatar, Nickname oder sonstwie als eindeutige Person gekennzeichnet.

Identitäten sind nichts naturwüchsiges. Authentisch werden sie dadurch, dass sie in ihrem Gebrauch den selbst geschaffenen Erwartungen genügen. Aber Identitäten sind auch nichts völlig beliebiges, völlig frei wählbares – der große Irrtum einiger postmoderner Lebensstilkonzepte. Sie haben biographische Hintergründe, sie sind in immateriellen und materiellen Ressourcen verankert, und sie entwickeln sich weiter.

3. Liquid Economy: Sharing is Caring (Blumtritt et al. 2012)

Blumtritt et al. schreiben hier:

»Teilen ist das neue Haben. Güter sind nicht nur zum Besitzen da, sondern zum Teilen, Tauschen, Weiterschenken und gemeinsam Nutzen. Konsum ist kein Selbstzweck.«

Das ist sicherlich eine resonanzfähige Idee – nicht nur in Richtung der Open-Source-Bewegung, sondern auch in Richtung von ganz materiellen Commons und urbaner Subsistenzstrategien, die mit der Nachhaltigkeitsdebatte verknüpft sind. Warum das hier als »liquid« bezeichnet wird, erschließt sich mir nicht.

Bei aller Sympathie bleibt die Frage: Trägt es eine Wirtschaft, wenn …

»Wir arbeiten, weil wir es wollen und wo wir es wollen. Wir arbeiten gerne mit anderen zusammen – auch wenn nicht immer am selben Projekt. Was uns wichtig ist, bezahlen wir. Wir spenden, wir beteiligen uns mit Geld oder mit unserer Arbeitsleistung. Wir verwalten nicht, wir handeln. Was uns fehlt, das gründen wir.«

Oder ist Liquid Economy, so wie sie hier konzipiert wird, nicht eher so etwas wie die Selbstbeschreibung einer kleinen, neuen kreativen Klasse? Die, die es sich – materiell und von anderen Ressourcen wie Bildung und Zeit her – leisten können, zu spenden, zu gründen, Projekte anzufangen und Projekte abzulehnen? Was ist mit der Selbstausbeutung der Kleinstselbstständigen? Was ist mit der unsichtbaren Arbeit, die auch getan werden muss – wer erledigt die, wenn die Wirtschaft liquide geworden ist?

Insofern bleibt hier ein fahler Nachgeschmack – das, was den einen das große offene Meer neuer, ja unbegrenzter Möglichkeiten ist, ist den anderen die Frage, ob sie sich an das stinkende Floß klammern müssen, um nicht zu ertrinken.

4. Liquid Science: Was ist Wahrheit? (Blumtritt et al. 2012)

Ich muss das hier jetzt im Volltext zitieren, weil es schön ist. Ob es wahr ist, weiß ich nicht. Aber erst einmal der Text:

Die Welt ist, was der Fall ist und nicht, worauf wir uns verständigen, dass sie zu sein hat. Es gibt keinen Kompromiss. Wenn wir keinen Konsens finden, was wir für wahr halten, dann bleiben wir besser uneins. Die Meinung der Mehrheit hat keinen Anspruch auf Wahrheit. Gleichzeitig steht alles Wissen in Frage. Kein Konsens ist festgeschrieben. Nur wenn unser Konsens das Beharren und Provozieren der Trolle übersteht, ist er stabil genug, die wirklichen Herausforderungen zu bestehen.

Unser Wissen fließt. Alles, was wir über die Welt wissen, ist im stetigen Fluss. Wir passen unsere Modelle der sich verändernden Welt an – und nicht die Welt unseren Modellen. Wie sich unsere Timeline ständig erneuert, so fließen neue Daten in unser Wissen und verändern unsere Modelle von der Welt.
Ununterbrochen sind wir damit beschäftigt, die unterschiedlichen Schläuche, durch die unsere Daten zu uns fließen, zusammenzuführen, die Ströme zu vermischen und weiterzuleiten. Manchmal wird ein Schlauch brüchig. Bevor er platzt, lassen wir ihn fallen und nehmen seine Daten aus unserem System.

Wikipedia ist ein Versuch, diese Art der Wahrheitsfindung zu institutionalisieren. Im Ergebnis gibt es ein brauchbares Nachschlagewerk, und auf der Hinterbühne harte Konflikte und machtbasierte Auseinandersetzungen zwischen Admins. Wikipedia ist gut darin, das an anderer Stelle erarbeitete Wissen über die Welt zusammenzutragen, und – hier vielleicht in der Tat liquid – in der Enzyklopädie anzupassen, wenn das Wissen sich verändert.

Wikipedia kann und will kein neues Wissen generieren. Konflikthaft wird es dort, wo unterschiedliche Wahrheiten aufeinanderprallen, und dort, wo wissenschaftliches Wissen mit Unsicherheit behaftet ist. Wikipedia ist eine stabile Momentaufnahme des expliziten Teils des kollektiven Hintergrundwissens bereithält.

Wikipedia ist ein Filter. Was Wikipedia nicht enthält, ist nicht relevant – so die Selbstbeschreibung. Der Versuche, das nicht-relevante Komplementär zur Wikipedia zu bilden, gibt es viele, sie sind unübersichtlich, und sie sind wenig erfolgreich.

Das ist die eine Ebene des Zweifels, der die Vermachtung der Erkenntnissuche und die fehlende Anschlussfähigkeit wissenschaftlicher Praktiken an die standardisierte Darstellung von Wissen mitmeint.

Die andere Ebene des Zweifels bezieht sich auf den zweiten Teil des Zitats: der Anspruch, das je eigene Wissen über die Welt immer auf dem neusten Stand zu halten, und es gegebenenfalls umzuwerfen. Menschliche Gehirne funktionieren nicht so, wissenschaftliche Revolutionen erst recht nicht. Wir nehmen vorwiegend das wahr und für wahr, was uns in unseren Ansichten bestätigt. Unsere sozialen Kontakte bilden einen Kontext, der uns bestätigt. Natürlich besteht unsere Timeline zum größeren Teil aus Menschen, denen wir inhaltlich folgen können, und nur zum kleineren Teil aus solchen, mit denen wir uns ständig streiten wollen. Wer wollte schon permanent getrollt werden? Der hehre Anspruch an liquid science fällt dem Alltag zum Opfer.

5. Liquid Art: Der Einzige und sein geistiges Eigenthum. (Blumtritt et al. 2012)

Sagte ich schon, dass die Liquid-Culture-Declaration ein Manifest des Neoliberalismus ist? Wie anders wäre ein Satz wie der zu erklären: »unsere Galeristen und Sammler sind die Venture Capitalists, die den Kreativen die Arbeit finanzieren und sie bei Erfolg groß machen« – ich spitze zu: Kunst sollten nebenbei geschehen und öffentlich gemacht werden, wenn sie gut ist, wird der Markt sie schon finden und zu großer Blüte führen. Dafür bedarf es dann keiner wie auch immer definierten Hochkultur, keinen slow media, sondern es »blühen die Volkssprachen«. Der Schöpfer, die Schöpferin wird im Pop zur leeren Figur, inhaltlich beliebig anzufüllen.

Wie war das mit der Liquid Economy, der Selbstverwirklichung in der tätigen Arbeit. Findet die nicht erst in der Aussage, »Siehe, dies ist mein Werk?« ihre Befriedigung?

»Das fließende Werk hat keinen Anfang und kein Ende, es lebt weiter. Es ist eine gesellschaftliche Wertschöpfung. Kultur ist keine Ware, sondern ein Prozess.«

Gerade an dieser Stelle, gerade da, wo es um verflüssigte Kultur geht, frage ich mich schon, wer von den drei AutorInnen welchen Satz geschrieben hat. Denn das gemeinsame Werk ist alles andere als einheitlich. »Liquid« umhüllt hier ganz verschiedenes – Doctorows Maker-Kultur ebenso wie die Selbstbezüglichkeit der Netzgemeinde (»Kultur ist unser Kult.«), den bildungsbeflissenen Verweis auf die sinkende Bedeutung der Autorenschaft ebenso wie den populären Remix des Ein-Bisschen-Mit-Content-Generators.

Trotzig schließt der Kulturteil: »Es ist unser Kult. Nur wir selbst haben alles Recht daran.«, macht die Netzgemeinde zur herme(neu)tischen Gemeinschaft, in der eigenen Kulturprodukte frei zirkulieren und gemischt werden. Die vorhandenen Schnittstellen zur Kulturindustrie, die außenstehenden Maschinen der Bilderproduktion und deren Ströme, die Verwertungsinteressen der Venture Capitalists – sie alle werden als Selbstverständlichkeit brav ignoriert.

6. Liquid Dataism: Nousphere (Blumtritt et al. 2012)

Das (Daten-)Netz als technische Erweiterung des Körpers, des Gehirns – warum nicht? Aber ein im Netz existierendes Datenleib zu postulieren – ist das »Liquid Dataism« oder schon »Liquid Dadaism«?

Wie unsere Körper sich im Raum bewegen, so auch unsere Daten im Netz. Das Netz spannt uns neue Dimensionen auf, in denen wir leben. Unsere Daten sind unser Leib im Internet.

Im überschwellenden Hypegesang hilft es, wie es Blumtritt et al. in den ersten Sätzen dieses Absatzes auch machen, sich noch einmal darauf zu besinnen, dass der extrakorporale Datenverkehr keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist. Wenn Goethe mehrmals täglich Briefe an seine im Schattenriß präsente Liebschaft verschickte, dann war das ebenso eine Erweiterung des Körpers, wie es Mails, Tweets und digitale Profile sind. So viel hat sich hier gar nicht geändert – also kein Grund, gleich in das Netz übersiedeln zu wollen, und den Körper im Datenleib zu transzendieren. Und, nur zur Erinnerung: auch hinter Bits und Bytes stecken Kupferdrähte und Rechenzentren. Nationale Grenzen durchziehen das Netz, ebenso wie die digtale Welt maßgeblich durch die Profitinteressen einzelner Konzerne gestaltet ist. Der unentdeckte Kontinent der Freiheit ist auch hier nur in den Nischen zu finden.

Nur wenn wir aufhören, dem Netz nahezu religiöse Verehrung entgegenzubringen und als Gegenleistung Wunder zu erwarten, wird es als das wahrnehmbar, was es ist.

III. LCD

Die Liquid Culture Declaration, kurz LCD, vermag mich nicht zu überzeugen. Sie ist anregend, sonst hätte ich keine 3000 Wörter dazu geschrieben. Aber als Manifest, also im ursprünglichen Sinne als Passagierliste für das Schiff, das die so harmlos in der Sonne glitzenden Weiten des Ozeans der Zukunft befahren soll, taugt es nicht – zu heterogen sind die Akteure, die hier auf einem Dampfer mit dem stolzen Namen ›Air Liquide‹ zusammengebracht werden sollen. Und überhaupt: Wozu Manifeste, wenn doch alles im Fluss ist?

Literaturangaben

Appadurai, Arjun (1990): »Disjuncture and Difference in the Global Cultural Economy«, in Theory, Culture & Society, Vol. 7 (1990), S. 295-310.

Bickenbach, Matthias / Maye, Haran (1997): »Zwischen fest und flüssig – das Medium Internet und die Entdeckung seiner Metaphern«, in Gräf / Krajewski (1997): Soziologie des Internet. Handeln im elektronischen Web-Werk. Frankfurt am Main / New York: Campus, S. 80-98.

Blumtritt, Jörg / Köhler, Benedikt / David, Sabria (2012): »Declaration of Liquid Culture«, elektronisches Dokument, URL: http://memeticturn.com/declaration-of-liquid-culture/, Abruf Juni 2012.

Castells, Manuel (2002a): Das Informationszeitalter. Bd.1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Opladen: Leske+Budrich.

Castells, Manuel (2002b): Das Informationszeitalter. Bd. 2: Die Macht der Identität. Opladen: Leske+Budrich.

Marx, Karl / Engels, Friedrich (1999) – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 4, 6. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1959, Berlin/DDR. S. 459-493, ursp. 1848, hier: http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm#Kap_I, die englische Fassung zitiert nach http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/communist-manifesto/ch01.htm.

Simmel, Georg (2001): Philosophie des Geldes. Köln: Parkland, Orig. 1920.

Turkle, Sherry (1984): Die Wunschmaschine. Vom Entstehen der Computerkultur. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Turkle, Sherry (1995): Life on the Screen. Identity in the Age of the Internet. New York: Simon & Schuster.

Westermayer, Till (2003): »Politische Online-Kommunikation unter Wirklichkeitsverdacht: Der Virtuelle Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg«, in kommunikation@gesellschaft, Jg. 4, URL: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B5_2003_Westermayer.pdf.

Westermayer, Till (2012): »Fest, flüssig, flüchtig: Aggregatzustände des Politischen im Netz«, diskurs.dradio.de, Debattenportal des Deutschlandfunk, 26.03.2012, URL: http://diskurs.dradio.de/2012/03/26/fest-flussig-fluchtig-aggregatzustande-des-politischen-im-netz/.

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5 Antworten auf Der Fluss ohne Form. Eine Kritik der Liquid Culture Declaration

  1. Stephan sagt:

    Hi,
    bin auf Deinen/Ihren Blog gestoßen. Hab ein bißchen rumgeklickt und dann sofort die Lust am Weiterlesen verloren, aber nicht wegen der Inhalte, sonderen wegen des einem entgegenschlagenden KEYWORD-TERRORS in der Artikel-Übersicht. Wenn da als erstes ein genauso langer Absatz mit Keywords wie der Text-Anfang vom eigentlichen Artikel zu sehen ist, dann kommt nur eine Botschaft rüber: Google ist mir wichtiger als Du, Leser.
    Mann, mann, mann, kann man da nur noch sagen.

    • Till sagt:

      Na, wenn’s nur das ist (und nicht meine manchmal bleiwüstigen langen langen Texte, seltsame Begriffe und der eine oder andere Tippfehler): RSS existiert, ein Volltext-Feed für mein Blog – ganz ohne Keywords (die da übrigens vor allem stehen, um im Blog ähnliche Artikel auffindbar zu machen) – existiert, und RSS-Reader existieren auch. Wohl bekomm’s!

  2. Till sagt:

    P.S.: Auf eine etwas freundlicher formulierte Bemerkung zur Usability hätte ich vermutlich auch freundlicher reagiert. Nach wie vor wundert mich an der Kritik, dass sie für die Einzelartikelansicht gar nicht zutrifft – da stehen die Tags nämlich ganz unten.

  3. Stephan sagt:

    Ach, war doch freundlich genug (höchstens war ich etwas rüde…).

    Für die Einzelansicht trifft es natürlich nicht zu, aber eben für die Übersicht und das wirkt, zumindest auf mich, ziemlich abschreckend – und erinnert an diese vielen »Blogs«, die nur zum Klicksfangen geschrieben werden und die einen nur nerven, wenn man über Goolge auf sie kommt. Aber der hier ist ja nicht so einer, da ist es oberste Bürger-, äh, Surferpflicht, mal den Finger in die Wunde zu legen ;-) … selbst wenn’s für die meisten Blogleser gar keine sein sollte.

    Vielleicht kann man mit der Blogsoftware die Keywords (oder sind’s Kategorien?) ja auch verbergen oder in der Übersicht nach unten packen. Oder nur rechts auflisten oder ins Menü packen, dann kann man nämlich draufklicken und sie ergeben auch für den Leser einen Sinn.

  4. Pingback: In eigener Sache: Leistungsschau 2012 | till we *)

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