You can’t have the pie and eat it, too

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Introduction I
Timothy Simms
Reinhold Pix
Reinhold Pix

Gestern war ja die Nominierungsversammlung für den Wahlkreis Freiburg-Ost für die Landtagswahl. Als Ko-Versammlungsleiter musste ich gestern abend ja neutral sein (und denke, dass mir das auch einigermaßen gelungen ist). Als Kreisvorstandsmitglied des KV Breisgau-Hochschwarzwald freue ich mich sehr, dass unser Abgeordneter Reinhold Pix wieder nominiert wurde. Trotz – oder vielleicht auch wegen – all seiner Ecken und Kanten ist er genau der richtige für den oft zitierten »ländlichen Raum«. Er hat uns im Schwarzwald in der Tat Türen geöffnet, die vorher vernagelt und barrikadiert waren. Er steht für ein bodenständiges, manchmal etwas ruppiges Grün jenseits der Großstädte. Und genau das brauchen wir auch in der Landtagsfraktion.

Insofern bin froh, dass Reinhold mit 42 Stimmen der 53 Wahlberechtigten wieder nominiert wurde. Wenn ich mich im Saal umgeschaut habe, habe ich viele Leute aus Gundelfingen, vor allem aber aus dem Dreisamtal und aus dem Hochschwarzwald gesehen. Ich denke, dass (fast) alle davon Reinhold gewählt haben.

Eigentlich also aller Grund, zufrieden zu sein. Ganz zufrieden bin ich nicht, und das hat damit zu tun, dass der Freiburger Gemeinderat Timothy Simms nur 11 Stimmen erhalten hat. Tim, den ich seit Jahren – u.a. aus dem Soziologiestudium und der Hochschularbeit – kenne und persönlich sehr schätze, hatte sich relativ kurzfristig für die Kandidatur beworben. Er hat das mit einer sehr urbanen Bewerbung getan, mit einem Schwerpunkt auf weit verstandene Kulturpolitik und – als Deutsch-Amerikaner – auf Migration und Integration. Auch das sind Themen, die ich gerne in der Fraktion vertreten gesehen hätte. Ebenso wie Reinhold ist Tim ein unabhängiger Geist; ebenfalls ein Vorteil.

Mein liebstes Ergebnis des Abends wäre also gewesen, dass beide nominiert worden wären. Das ist nun aber tatsächlich unmöglich. Ich hätte also mit beiden möglichen Entscheidungen leben können – als Kreisvorstandsmitglied des »ländlichen« KVs dann doch mit einer Präferenz für Reinhold. Insofern bin ich, wie gesagt, froh über das Ergebnis.

Vor der Versammlung bin ich davon ausgegangen, dass es knapper werden würde. Ich bin auch deswegen davon ausgegangen, weil die Nomierungsversammlung vor fünf Jahren heiß umkämpft war. So unschön das klingt: eine Nominierungsversammlung ist nur zu gewinnen, wenn der Kandidat oder die Kandidatin vorher parteiinternen »Wahlkampf« macht, wenn für die Person geworben wird, wenn, kurz gesagt, Leute mobilisiert werden. Ich weiss, dass Reinhold hier in den Tagen vor der Wahlversammlung noch einmal große Anstrengungen unternommen hat, was sich letztlich auch ausgezahlt hat. Um nicht falsch verstanden zu werden: es geht hier nicht darum, Leute zu überreden, für den einen oder den anderen zu stimmen, sich Stimmen in irgendeiner Form zu erkaufen. Vielmehr meine ich damit, dass der Kandidat bei denjenigen Wahlberechtigten, die von ihm und seiner Politik überzeugt sind, dafür wirbt, die Versammlung zu besuchen und so die potenzielle in eine tatsächliche Stimme umzuwandeln.

Ich bin davon ausgegangen, dass auch Tim in diesem Sinne mobilisieren würde. Er hat das – wohl bewusst – nicht gemacht, sondern sich mit seiner Bewerbung der Versammlung gestellt. Demokratietheoretisch ist das vorbildhaft – faktisch hat Politik doch zu viel mit Macht zu tun, als dass die Annahme, dass die Mehrzahl der TeilnehmerInnen einer Nominierungsversammlung dort hinfährt, ohne nicht vorher schon zum einen oder zum anderen zu tendieren. In einem relativ weiten Rahmen ist es dann auch egal, wie die Reden ausfallen, welche Fragen gestellt und welche Unterstützungsstatements geäußert werden. Vielleicht lassen sich damit die Mitglieder, die einfach als Wahlberechtigte gekommen sind, ohne sich vorher festgelegt zu haben, in die eine oder in die andere Richtung bewegen. Wahlen und Abstimmungen auf Parteitagen scheinen mir aber nur dann zu gewinnen zu sein, wenn im Vorfeld, schon vor der eigentlichen Verhandlung, viele von einer Sache oder einer Person überzeugt worden sind, sich ihre Meinung also schon gebildet haben – und dann auch teilnehmen.

In dieser Perspektive wird eine Nominierungsversammlung dann zu einem Ort, an dem es weniger darum geht, wer am Abend besser auftritt, spannender spricht, die wichtigeren Themen vertritt – sondern zu einem Ort, an dem sich entscheidet, wem es vorher besser gelungen ist, in der Partei für sich zu werben. Und natürlich – das hatte Tim in seiner Bewerbungsrede angesprochen – sind die Voraussetzungen dafür nicht gleich. Gerade in der Situation, dass ein neuer Kandidat oder eine neue Kandidat gegen den oder die amtierende(n) Abgeordnete(n) antritt, scheint es ohne massive Werbung im Vorfeld nicht klappen zu können.

Es ließe sich jetzt noch viel dazu sagen, wie undemokratisch es ist, das letztlich die – mehr oder weniger zufällige – Zusammensetzung der Wahlversammlungen in den aussichtsreichen Kreisen darüber entscheidet, wer mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in den Landtag gewählt wird; dass Macht zu einer geomathematischen Angelegenheit wird. Solange wir in Baden-Württemberg kein Listenwahlrecht haben, ist die Situation aber so. Und natürlich ist es eine Illusion, zu glauben, dass ein Landesparteitag, der eine Liste aufstellt, nach komplett anderen Regeln abläuft. Auch dort sind es – neben allen anderen Faktoren – eben auch die vorher mobilisierten Netzwerke und Gruppen, die mit darüber entscheiden, wie aussichtsreich eine Kandidatur ist.

Trotzdem hätte die Listenwahl den Vorteil, dass die räumliche Begrenzung weniger strikt ausfällt. Natürlich könnte Tim – als überzeugter Freiburger ist das aber sehr unwahrscheinlich – es noch in einem anderen Wahlkreis versuchen, etwa in Tübingen oder in Stuttgart. Aber dass dort jemand »von außerhalb« nominiert wird, ohne dass es dafür sehr gute Gründe gibt, kommt kaum vor – schon alleine deshalb, weil die Frage, wie groß das potenziell mobilisierbare Netzwerk innerhalb der lokalen Partei ist, eben eine entscheidende Bedeutung hat. Diese lokale Begrenzung würde also bei einer Listenwahl aufgeweicht (durch das Delegiertenprinzip und den Wunsch, die eigene Region auch im Parlament vertreten zu sehen, gibt es de facto auch bei der Aufstellung von Listen gewisse »Proporze«). Dann könnte ich meinen Kuchen haben und ihn essen.

So muss ich dabei bleiben, gleichzeitig zufrieden und unzufrieden mit dem Wahlergebnis zu sein.

Was mir der Abend aber auch nochmal gezeigt hat: es ist sehr leicht, und der Zuschnitt des Wahlkreises verleitet geradezu dazu, Stadt und Land als Binarität zu konstruieren; festgemacht an der Zugehörigekit zum einen oder zum anderen Kreisverband, und dann schnell – ich habe es am Anfang dieses Textes ja auch getan – polarisierbar auf »Landthemen« und »Stadtthemen«. Es ist sehr leicht möglich, so zu tun, als wären das sich ausschließende Gegensätze; meiner Beobachtung nach haben beide Kandidaten sich auch genau so positioniert. Reinhold als Agrar- und Tourismuspolitiker, für den selbst Verbraucherschutz im Boden verankert ist – und Tim als Großstadtkulturpolitiker, für den der ländliche Raum nur Ausflugskulisse ist.

Auch deswegen bin ich mit dem Verlauf der Nominierungsversammlung nicht ganz zufrieden: den ich bin fest davon überzeugt, dass es gerade wir Grüne sind, denen es gelingen kann, diesen scheinbaren Gegensatz zu überwinden. Kultur findet auch außerhalb der Stadtgrenzen statt, und Agrar- und Verbraucherpolitik spielt sich auch im städtischen Supermarkt ab. Dazu kommt die reale Unschärfe der schönen Polarität. Wer mit der Höllentalbahn vom Freiburger Hauptbahnhof bis in den Schwarzwald hochfährt, fährt durch ein Kontinuum aus Innenstadt, Gründerzeitstadtviertel, suburbaner Vorstadt, suburbaner Gemeinde, ländlicher Gemeinde. Die Grenzen sind längst nicht so fest gezurrt, wie manche das gerne hätten.*

Da liegt vielleicht auch ein Thema, mit dem ich mich in Zukunft stärker beschäftigen könnte – nicht nur mit dem politischen Hintergrund als Vorstandsmitglied des »ländlichen« Kreisverbandes Breisgau-Hochschwarzwald, der »urban« geprägt und in der Stadt Freiburg wohnt, sondern auch mit dem, was mir in meiner beruflichen Beschäftigung mit Agrarsoziologie und Forstpolitik so unter die Finger gekommen ist. Ich werde darüber nachdenken!

Warum blogge ich das? Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es legitim ist, derartige Gedanken – die ja auch ein bißchen dem Heile-Welt-Bild innerparteilicher Mitbestimmung widersprechen – öffentlich zu machen. Trotzdem sehe ich es als Aufgabe an, über die Grenzen hinaus zu denken, statt sie zu verfestigen. Und das Nachdenken über die gestrige Nominierungsversammlung mit ihrem für mich nicht ganz einfachen Ergebnis ist dazu ein Anlass.

* Nebenbei gesagt: auch unter dem Aspekt interessant, dass die Abgrenzung Stadt/Landkreis ein klares soziales Konstrukt mit vielen Kontingenzen ist – zum Beispiel gehören zur Stadt Freiburg auch einige richtig ländliche Gemeinden am Tuniberg – die viel damit zu tun hat, welcher Gemeinde in den 1960er und 1970er Jahren ein Hallenbad versprochen werden konnte und wo ein Bürgerhaus gebaut wurde. Die naturale »Bioregion« zieht dagegen ganz andere Grenzen, die ihre eigene Wirkmächtigkeit haben.

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11 Kommentare zu You can’t have the pie and eat it, too

  1. filtor sagt:

    nicht zum text, nur zum titel: it’s not the pie, it’s the cake that you (supposedly) can’t have and eat it, too.

  2. Till sagt:

    Och, sag doch lieber mal was zum Inhalt.

    Zum Titel: Google meinte, dass pie nicht so ungewöhnlich ist, hatte wegen dem »too« am Schluss extra nochmal nachgeschaut. Jedenfalls für eher kleine Fallzahlen von »nicht so ungewöhnlich«.

  3. filtor sagt:

    inhaltlich kann ich dazu wenig sagen, da ich mich weder für die grüne partei noch den wahlkreis so besonders interessiere. kann auch nicht abschätzen, ob ein fünftel der stimmen für einen neuling, der gegen den amtsinhaber antritt, nun so besonders wenig ist. und was für eine bedeutung die kandidatur noch hat – denn von einem sieg wird timothy simms ja nicht ausgegangen sein.
    was du zur struktur innerparteilichen wahlkampfs und zur überzeichnung des stadt-land-gegensatzes schreibst, klingt plausibel.
    jedenfalls gut, dass solche dinge öffentlich besprochen werden – mehr rückmeldungen anderer involvierter wären natürlich noch besser.

  4. herbert heiler sagt:

    Till hat die Stadt – Land – Wahlkreis – Thematik
    bereits sehr differenziert und deutlich dargestellt.
    Vielleicht noch einen kleinen Kommentar aus meiner Sicht zum Thema »Mobilisieren und Werbung für seine Person machen«.
    Wenn ein Kandidat davon ausgeht, dass er am Wahlabend durch seine Rede überzeugt, auch die die eigentlich schon festgelegt sind dadurch gewinnt,dann ist dass entweder sehr naiv oder es handelt sich um eine Spasskandidatur, um den Namen für andere Positionen zu erwärmen.
    Als Mitentscheider des Abends (neues Grünes Mitglied) war ich doch sehr überrascht über den Inhalt der Rede von Herrn Simms. Weshalb sollte ich einen Landtagskandidaten aufstellen für den absolut
    ländlichen Wahlkreis, welcher die politischen
    Schwerpunkte in der Integration und der Kunst/Kultur sieht? Diese Zweifel konnte er einfach nicht ausräumen.Zudem ließ er es offen, ob er das Stadtratsmandat aufgiebt – oder nicht. Das hat mich sehr verunsichert, hier brauchts eine Festlegung.
    Nach meiner Einschätzung war die Bewerbung nicht ausgereift und ein Schnellschuss ohne Konzept.
    Herr Simms hat seine Qualitäten, welche in einem urbanen Wahlkreis zum Tragen kommen könnten.

  5. Kay Karpinsky sagt:

    So ländlich ist der Wahlkreis 46 auch wieder nicht. Gemessen am Bevölkerungsschwerpunkt ist er überwiegend städtisch und suburban.
    In der grünen Sichtweise sind solche Wahlkreise gerne mal »ländlich«. Das liegt historisch bedingt daran, dass ganz zu Beginn nahezu alle Landtagsmandate in städtischen Wahlkreisen errungen wurden, später dann auch in suburbanen. In wirklich ländlichen Wahlkreisen hatten und haben grüne KandidatInnen bedingt durch das Wahlsystem kaum Chancen. Das hat man natürlich schon bald als Problem erkannt und bemühte sich so, kontinuierlich vor allem in aussichtsreichen suburbanen Wahlkreisen Personen zu nominieren, die die Themen des ländlichen Raumes bedienen konnten. Neben Freiburg I betrifft das aktuell auch den WK Leonberg.
    Bei der hier beschriebenen Konstellation kam noch hinzu, dass ein »Neuer« gegen einen amtierenden Abgeordneten antrat. Sowas geht erfahrungsgemäß nur dann gut, wenn sich zuvor in der Mitgliedschaft eine gewisse Unzufriedenheit mit der bisherigen Arbeit des Abgeodneten breitgemacht hat. Das war hier aber offensichtlich nicht der Fall. Man gesteht Abgeordneten gerne zwei oder drei Legislaturperioden zu, da allgemein bekannt ist, wie lange es dauert, sich in bestimmte Felder detailliert einzuarbeiten und innerhalb einer Fraktion ein Standing zu erarbeiten. Einige schaffen es dann sogar, nach zehn oder 15 Jahren aus freien Stücken abzutreten.
    Eine insgesamt ausgewogene Zusammensetzung der Fraktion kann man in Baden-Württemberg über KandidatInnenaufstellungen kaum herbeiführen. Zwar können wir Grünen mehr als etwa SPD oder FDP ganz gut einschätzen, welche Wahlkreise sicher, aussichtsreich, wackelig oder aussichtslos sind. Die Bereitschaft, den Wahlkreis für Auswärtskandidaturen freizuräumen, ist allerdings gering, da alle Erfahrung zeigt, dass lokale Persönlichkeiten besser Stimmen ziehen können – die voraussichtliche Untersteller-Kandidatur in Stuttgart IV darf da auch mit Interesse beobachtet werden.
    Die Gefahr ist da, dass wie 2006 in manchem aussichtslosen Wahlkreis durch einen etwas zu laschen Wahlkampf Stimmen verschenkt werden.

  6. Till sagt:

    Kay, die fehlende Ländlichkeit des WK 46 aus deiner Sicht scheint mir ein Effekt der Durchschnittsbildung zu sein – sehr hohe Bevölkerungsdichte in der Stadt Freiburg, dann einige suburbane Gemeinden und – je höher es in den Schwarzwald hinaufgeht – neben der Stadt Titisee-Neustadt dann einige für bad.-württ. Verhältnisse richtig ländliche Gemeinden. Also anders als bei den eher homogenen suburbanen Wahlkreisen im mittleren Neckarraum, durch die Heterogenität zwischen Stadt und Schwarzwalddörfern aber auch nochmal anders als im Allgäu oder in der Hohenlohe (und natürlich nicht zu vgl. mit Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern).

    Mal sehen, wenn die aktuell progn. 20% tatsächlich zu Stande kommen, wie dann die Fraktion aussieht …

  7. blumentopf sagt:

    @Kay Karpinsky & Till:

    Wie ist denn in dieser Hinsicht der WK Tübingen einzustufen?

    Bei der CDU unterlag interessanterweise am Wochenende die überaus populäre »städtische« Kandidatin Lisa Federle, Stimmenkönigin der letztjährigen Gemeinderatswahl, knapp einem Beamtentyp mit Schnauzbart und bisherigem Ortsvorsteher des 1280 Seelen Dorfes Baisingen. »Die Versammlung sang zum Abschluss das Lied der Deutschen.« Lapidarer Kommentar der Neckarprawda Schwäbisches Tagblatt: »Kehrt in Richtung Mappus-CDU«.

    Die fünf grünen Kandidat_innen sind wohl alle eher städtisch.

  8. Till sagt:

    Nicht uninteressant sind hier die interaktiven Karten des statistischen Landesamtes. Ich habe hier mal drei Screenshots gemacht. Die erste Karte zeigt die grünen Stimmen bei der Landtagswahl 2006, die zweite das selbe für die Wahlkreise (2006 nicht identisch mit 2011, dort sind noch ein paar Schwarzwaldgemeinden zu Freiburg I dazugekommen). Die dritte Karte ist die Bevölkerungsdichte nach Gemeinden. Orange/rot eingezeichnet sind die Kreisgrenzen – Breisgau-Hochschwarzwald ist das »Spiegelei« im Südwesten.


    Grüne Stimmanteile bei der Landtagswahl 2006 nach Gemeinden: weiß < 7%, dunkelgrün > 11%


    Grüne Stimmanteile bei der Landtagswahl 2006 nach Wahlkreisen


    Bevölkerungsdichte nach Gemeinden: hellblau < 110 Ew/km²; babyblau < 260 Ew/km²; blau < 410 Ew/km²; dunkelblau > 410 Ew/km²

    Jetzt können wir das ganze auch noch übereinanderlegen (quick & dirty … – die Wahlkreis-Grenzen 2006 sind hier schwarz eingezeichnet):

    Sichtbar wird hier, dass der WK 46 tatsächlich sowohl bei den Stimmen als auch bei der Bevölkerungsdichte einen Gradienten von West nach Ost aufweist. Beim WK Tübingen (genau in der Mitte der Karte) ist das nicht so ausgeprägt.

  9. Kay Karpinsky sagt:

    Im WK Tübingen gibt es durchaus ein Ost-Südwest-Gefälle, nur ist das nicht erkennbar, da erstens der Schwellenwert von 11% zu niedrig ist, um die Unterschiede noch zu erkennen. Zweitens ist Rottenburg am Neckar eine sehr großflächige Gemeinde und die Ergebnisse der Dörfer am westlichen Ende sind so auch nicht ersichtlich.
    Tübingen ist nun aus grüner Sicht ein weitgehend urbaner Wahlkreis mit Umland und ein paar Dörfern am westlichen Rand. Aus CDU-Sicht ist es ein teils ländlicher, teils suburbaner Wahlkreis mit einer komischen Stadt am östlichen Rand. Die Zusammensetzung der Mitgliedschaft ergibt bei der CDU gerne mal eine antiurbane Grundstimmung, deren Nutznießer im vorliegenden Fall der Ortsvorsteher des tübingenfernsten Dorfes war. Als Gegenkandidat ist der jetzt natürlich sehr dankbar.
    Durch den Wahlkreisneuzuschnitt verliert der WK Tübingen drei Tübinger Vororte an den WK Reutlingen. Aus grüner Sicht nutzt das vor allem den Reutlingern, ohne dass Tübingen einen Schaden daraus hätte. Für 2006 ist noch ein sich auf den gesamten Wahlkreis erstreckender Palmerbonus (ca. drei Prozentpunkte) zu berücksichtigen. Auch der WK Biberach riss nur durch den Metzgerbonus (ca. sieben Prozentpunkte) aus dem Grundmuster aus, auch wenn Oberschwaben für eine ländliche Region tatsächlich sehr grün ist.

    Zur Zusammensetzung der Fraktion nach dem jüngsten Umfrageergebnis (37/25/20/7/5):
    Die von mir unter Berücksichtigung einiger schwierig zu erklärender Annahmen ermittelte Sitzverteilung wäre 65 – 43 – 33 – 11 – 9. Der Einzug der PDL ist für die Mandate der anderen ohne Belang, da alle Regierungsbezirke in den Ausgleichsmodus übergehen. Die SPD gewänne einen Wahlkreis (Mannheim-Nord), vier Wahlkreise wären grün: Stuttgart-Mitte (mit deutlichem Vorsprung), Heidelberg (knapper Dreikampf), Freiburg-West (knapp vor SPD) und Tübingen (knapp vor CDU, Palmerbonus schon rausgerechnet). Die grüne Verteilung auf die Regierungsbezirke wäre 13 – 8 – 7 – 5. Damit kämen beim gegenwärtigen Trend auch Wahlkreise wie Schorndorf, Schwäbisch Hall, Sinsheim oder Offenburg in Reichweite eines Mandats. Auf die Zusammensetzung der Fraktion dürfte man also tatsächlich gespannt sein.

  10. Till sagt:

    Kay, das macht mich jetzt aber doch neugierig. In zweierlei Hinsicht. Zum einen die Kleinigkeit, wie du unten die Regierungsbezirke sortierst (7-5 Südwürttemberg/Südbaden oder andersherum?). Und zum anderen natürlich, wie du zu dieser Prognose kommst … (Auch die schwierig zu erklärenden Annahmen müssten sich ja letztlich erklären lassen, sonst ist’s Homöopathie, oder?).

  11. Kay Karpinsky sagt:

    Die Reihenfolge der Bezirke ist S – KA – FR – TÜ.

    Zu meinen Annahmen: Aus dem Vergleich zwischen Ergebnissen Bund (Zweitstimme) und Land kann man einige Effekte des Landtagswahlrechtes erkennen.
    1. Lagerinterne Stützstimmen zur Stärkung der Region: Wo SPD-KandidatInnen wackeln, grüne aber chancenlos waren (bis 2006 auch durch geringe Wahlkreisgrößen), war die Tendenz zu beobachten, dass rotgrüne WechselwählerInnen stärker zur SPD neigten als im Landesschnitt, dadurch war das grüne Resultat auffallend schlecht. Zu beobachten in der Vergangenheit zum Beispiel in Stuttgart III und IV, Göppingen, Geislingen, Heilbronn, Heidenheim, Pforzheim und besonders im WK Balingen. In umgekehrter Richtung wirkt der Effekt in Baden-Baden und Konstanz. Durch Änderung der Zweitmandatsregelung sind in einigen Wahlkreisen Verschiebungen zu erwarten.
    2. Geringe Mobilisierung durch Chancenlosigkeit des eigenen lokalen Kandidaten: Auffallend ist die niderige Wahlbeteiligung in Wahlkreisen, die nur den direkt gewählten CDU-Abgeordneten durchbrachten. Auch hier kann es gerade in kleineren Wahlkreisen diesmal ein Ahaerlebnis geben.
    3. Personalisierung: Bei Austausch populärer KandidatInnen im Allgemeinen Wegfall ihrer Boni, bei Wiederkandidatur oft Verstärkung des Effektes, Einfluss auf lagerinterne WechselwählerInnen, Auswärtskandidaturen haben es oft schwer.

    Im Einzelnen für Grüns: Wegfallender Bonus 2011 in Tübingen (Palmer), Biberach (Metzger – Mandat wird kaum zu halten sein), Ulm (Oelmayer). Geringe Auswirkungen für Bietigheim (Untersteller, war Auswärtskandidatur) und Karlsruhe (Rastätter, aber Kontinuität durch Splett).
    Verstärkung des Effektes oder Halten des hohen Niveaus zu erwarten in Stuttgart II (Wölfle), Leonberg (Murschel), Nürtingen (Kretschmann), Weinheim (Sckerl), Freiburg I (Pix), Kehl (Kornmeier), Bodensee (Hahn).
    Verbesserungen durch Wahlrechtsänderung für Stuttgart III und IV, die Göppinger und Rems-Murr-Wahlkreise, Schwäbisch Hall, Mannheim II, die Ortenau-Wahlkreise, Ravensburg, Wangen.

    Ferner hat die NRW-Wahl gezeigt, dass die Zuwächse derzeit im mittleren Bereich am stärksten sind (in den Hochburgen sind mancherorts Grenzen erreicht, in der Diaspora hängt es noch).

    Für die Sitzverteilung kommt es letztlich nur darauf an, welche Wahlkreise die CDU nicht gewinnt. Da wären nach der jüngsten Umfrage Stuttgart-Mitte, Mannheim-Nord und Freiburg-West (ob grün oder SPD, ist egal) eindeutig, knapp wären vor allem Heidelberg und Tübingen. Der etwas paradoxe Effekt ist da nun, dass Wahlkreise, die man der CDU abnimmt, anderenorts Ausgleichssitze kosten können.

    Von den sieben grünen Mandaten für den RB Freiburg gingen sechs ziemlich sicher nach Freiburg-West, Freiburg-Ost, Konstanz, Breisgau, Emmendingen und Lörrach. Den siebten Sitz würden vermutlich Offenburg und Kehl untereinander ausmachen. Auch in den Bezirken Karlsruhe (HD, KA I und II, MA-Süd, Weinheim, Baden-Baden, und zwei aus dem Trio Sinsheim/Enz/Ettlingen) und Tübingen (TÜ, RT, UL, FN, RV) wäre die Situation ziemlich berechenbar. Nur im RB Stuttgart ist nach den fünf Sicheren (S I, II und IV, NT, LB) ziemlich viel möglich.

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