Facebook ändert mal wieder die Geschäftsbedingungen – diesmal nicht still und heimlich, sondern im »Dialog mit der Community«. Im Kern geht es dabei darum, an wen Facebook Daten ungefragt weitergeben darf. Als Datenschutzzuckerle gibt es dann »Opt-out«-Möglichkeiten – wie auch heute schon bei den sogenannten Privacy-Einstellungen. Anders gesagt: die Voreinstellung ist die, dass die bei Facebook gespeicherten Nutzerdaten mehr oder weniger öffentlich sichtbar sind, und dass sie an – ausgewählte – Dritte weitergegeben werden. Wer das nicht will, muss seine oder ihre Einstellungen ändern (wie das Schritt für Schritt geht, steht hier).
Das kommt in Deutschland nicht gut an (siehe auch dieses Interview mit Falk Lüke, Verbraucherzentrale). Die Stiftung Warentest bewertet Facebook hinsichtlich des Datenschutzes jetzt schon mit schlechten Noten. Die Landwirtschaftsministerin – die, wenn ich mich recht erinnere, aufgrund einer der letzten grünen Amtshandlungen in der vorletzten Legislaturperiode im Verbraucherschutzbereich auch für Verbraucherschutz im Netz zuständig ist – die Ministerin Aigner also schreibt deswegen einen offenen Brief und droht mit Ausdruck^wAustritt, sollte sich nichts ändern. Das ist in der sogenannten Community gleich mal auf breiten Anklang gestoßen. PolitikerInnen der Grünen, der Linken und der SPD rufen dagegen innerhalb von Facebook zu Facebook Privacy Control Now! auf, recht stylish und mit Aktionsideen. Also das Grundprinzip der symbolischen direkten Aktion. Was ist davon zu halten?
Während ich es durchaus sinnvoll finde, durch schlechte Noten, offene Briefe und Aktionen wie Privacy Now auf das Problem aufmerksam zu machen – und es natürlich nicht ausreicht, sondern letztlich politische Schritte stattfinden müssen, aber dazu wie zu der Frage, was eigentlich das Problem ist, gleich mehr – bezieht der CCC hier eine Position der Fundamentalopposition. Zumindest, wenn die bei Spiegel Online zusammengefassten Aussagen so stimmen – noch weiter komprimiert und auf den Punkt gebracht: wer seine oder ihre Daten einer Datenkrake in die Hand gibt, ist doch eh selbst schuld.
Damit wären wir beim Problem. Denn natürlich hat der CCC recht. Trotzdem sind soziale Netzwerke in kürzester Zeit zu einer sehr beliebten Kommunikationsplattform geworden. Das betrifft jetzt nicht nur Facebook, sondern alles von Wer-kennt-wen über die Vz-Gruppe bis hin zu XING & Co. All diese Plattformen haben gemeinsam, dass sie privat organisierte und marktwirtschaftlich finanzierte Netzwerkräume bereitstellen, die jedoch faktisch als zumindest semi-öffentliche Infrastruktur wahrgenommen werden.
Was es bedeutet, bei Facebook zu sein
Bei Facebook zu sein, heißt eben nicht, einem Klub beizutreten (auch wenn das den faktischen Geschäftsbeziehungen eigentlich eher entspricht), sondern vermittelt ein Gefühl irgendwo zwischen Marktplatz, Pausenhof und interaktivem Telefonbuch. Und das sind alles öffentliche Orte. Dies gilt insbesondere für die großen, nicht spezialisierten Netzwerke.
Gleichzeitig – und das ist eine strukturelle Besonderheit sozialer Medien – sind diese weitgehend netzwerkförmig organisiert; möglicherweise als homologe Entwicklung zur Netzwerkstruktur spätmoderner Gesellschaften im Sinne Castells. Jedenfalls bilden die »friends« und »friends of friends« sich überlappende Scheinwerferkegel der vernetzten Sichtbarkeit, die – je nach Aktivität und Vernetztheit – im direkten Fall ein paar hundert Personen umfassen, im Fall der »friends of friends« einige tausend oder gar zehntausend Personen (XING schreibt diese Zahlen immer so schön dazu – dort habe ich beispielsweise 217 direkte Kontakte, 24759 Kontakte von Kontakten, und 1,2 Mio. Kontakte von Kontakten von Kontakten). Je mehr »Hubs« (stark vernetzte Knoten) im Sinne von Barabási bei den Kontakten dabei sind, desto schneller wachsen die Zahlen der Freundesfreunde. Ein Beispiel für solche Netzwerkknoten sind, um bei Facebook zu bleiben, prominente grüne PolitikerInnen mit, die den Kreis der »Freundesfreunde« schnell erweitern. Beispielsweise hat Volker Beck bei Facebook 2973 »Freunde«.
Warum dieser kleine Exkurs in die Small-World-Theorie? Meine Statusupdates bei Facebooks sind nicht weltweit sichtbar, sondern nur für »friends of friends«. Mit einigen stark vernetzten Knoten in meinem »Freundeskreis« heißt das, dass potenziell mehrere zehntausend Menschen sehen, was ich z.B. über den Kauf von Blumenerde, Kinderanekdoten oder politische Meinungen schreibe. Gleichzeitig sind diese großen netzwerkförmigen Teilöffentlichkeiten nur ein Bruchteil der 400 Millionen aktiven NutzerInnen von Facebook.
Als Zwischenfazit möchte ich erstmal festhalten, dass es sich bei Facebook (und bei ähnlichen großen sozialen Netzwerken) um sich überlappende soziale Räume handelt. Bei durchschnittlich 130 »friends« pro NutzerIn, und der Annahme, dass sich die direkten Nutzerkreise zu fünfzig Prozent überlappen, wären dies also über den Daumen gepeilt 9000 »friends of friends« je NutzerIn. Als »Kommunikationsraum« wahrgenommen werden davon vermutlich vor allem die direkten Kontakte. Wer bei Facebook seinen Status updatet, hat also das Gefühl, mit durchschnittlich 130 Personen aus dem eher engeren Freundeskreis zu kommunizieren, ist – selbst bei der Freigabe »friends of friends« – bereits für ein paar tausend Personen sichtbar und – um zur Politik und dem CCC zurückzukommen – macht eigentlich etwas ganz anderes, nämlich eine große Data-Mininig-Machine mit persönlichen Vorlieben und Eigenheiten zu füttern.
Ich hatte bei Twitter (und damit automatisch auch bei Facebook) gefragt, warum Menschen Facebook nutzen. Darauf haben mir drei Leute geantwortet, und die Antworten finde ich durchaus aufschlussreich. Sie ersetzen natürlich keine Netzethnographie, wie sie ja durchaus auch betrieben wird, aber sie sagen etwas daraus aus, wozu Facebook eigentlich da ist, und warum es genutzt wird, obwohl es Datenschutzbedenken, das Gefühl, sich einer Krake auszuliefern und all so was gibt.
Erste Antwort: um Kontakt mit meiner riesigen Familie zu halten, der sonst eher schwierig herzustellen wäre.
Zweite Antwort: um »elegant« mitzukriegen, was so abgeht – nämlich bei Freunden und KollegInnen aus dem Studium. Gleichzeitig »leider« aber auch, um mitzukriegen, was PolitikerInnen äußern, die über andere Kanäle nicht kommunizieren.
Dritte Antwort: Facebook ist wie Kneipe, ohne den Hintern hochkriegen zu müssen.
In allen drei Fällen geht es um echte soziale Kommunikation, um soziale Zusammenhänge, die heute nicht mehr an einem Ort festgemacht sind, sondern über Räume und Zeitzonen verstreut sind. Aus dieser Perspektive ist Facebook ein Resonanzraum, in dem Tratsch und Neuigkeiten aus mehr oder weniger bestehenden sozialen Zusammenhängen ihr Echo finden. Auch Politik lebt von solchen Resonanzräumen – nur dass es nicht notwendig ist, das Parteitagsfoyers oder die Stammkneipe aufzusuchen, sondern dass das Echo jetzt direkt an den Bildschirm geliefert wird. Es geht also um die Aufrechterhaltung von Kontakten in (diesmal soziologisch gesprochen) den sozialen Netzwerken, um das Auf-dem-Laufenden-Bleiben in der eigenen sozialen Sphäre, und nicht zuletzt um einen gewissen Unterhaltungswert (Stammtisch).
Was für die Pflege von weak ties in Kauf genommen wird
Der Mehrwert, den Facebook (und ähnliche Netzwerke, so sie nur für die jeweilige soziale Sphäre genügend groß sind), liefert, ist also die triviale Nebenbeikommunikation, die aber ganz entscheidend zur Fortführung der sozialen Konstruktion beiträgt, in Netze, Gruppen und imaginäre Gemeinschaften eingebunden zu sein. Oder anders gesagt: Facebook ist ein Tool zur computerunterstützen Pflege von »weak ties« (was den einen oder anderen ganz engen Kontakt nicht ausschließt). Dass es bei Facebook eher um entferntere Kontakte geht, lässt sich anekdotisch z.B. daran festmachen, dass ich es als amüsant empfinde, wenn Facebook mir empfiehlt, doch wieder stärkeren Kontakt zu meiner Partnerin zu suchen – den haben wir tagtäglich, aber eben gerade nicht per »computer-mediated weak-tie care« (CMWC).
Damit sind wir schlussendlich beim Problem angelangt. Menschen nutzen Facebook primär nicht als Unterhaltungsmedium (auch wenn es gewisse Ähnlichkeiten zur para-sozialen Interaktion mit Soap-Charakteren geben mag, und der eine oder die andere gerne einmal Bauernhofmafia spielt), sondern als Infrastruktur zur Pflege raumzeitlich auseinandergezerrter sozialer Netzwerke. Der Mehrwert, dieses ganz grundlegende menschliche Bedürfnis zu erfüllen, nämlich das Gefühl vermittelt zu bekommen, Teil der als solche erlebten eigenen Gruppe zu sein, an deren Trivialkommunikation teilzuhaben, auf dem laufenden zu sein und bei Bedarf soziale Kontakte aktivieren zu können – der Mehrwert, dieses Bedürfnis in einer historisch neuen Situation durch Computerunterstützung zu erleichern (asynchron, unaufdringlich, multimedial), ist so hoch, dass dafür so ziemlich alles in Kauf genommen wird. Vermutlich wäre es ehrlicher, wenn dieser Mehrwert nicht durch Datenweitergabe, sondern durch ein Bezahlmodell erkauft würde (wobei ich nicht das Gefühl habe, dass z.B. das XING-Premium-Angebot so wahnsinnig gut läuft …).
Aus einem etwas anderen Blickwinkel: die großen sozialen Netzwerke sind gerade auch deswegen interessant sind, weil sie groß sind – weil sie zwar gut dazu geeignet sind, Teilöffentlichkeiten in einer sozialen Sphäre herzustellen, aber eben nicht, wie z.B. die Parteicommunities oder »Stay friends«, auf eine Sphäre beschränkt sind, sondern übergreifende weak ties unterstützen. Insofern gibt es eine natürliche Tendenz hin zum Oligopol – aufzuhalten wohl nur durch technische Vernetzungen über einzelne, konkurrierende soziale Netzwerkangebote hinweg.
Und die Alternative?
Hier liegen vermutlich auch die Visionen des CCC – wer den Mehrwert der weiträumigen Kontaktpflege haben will, soll doch bitte dezentrale und echt freie Lösungen nutzen, statt sich in die Fänge einer Firma zu begeben. Auf dem Papier klingt die Strategie, kommerzielle lock-ins zu vermeiden, gut. Faktisch funktioniert sie aber nicht, oder jedenfalls nur als Nischenlösung. Dann liegt aber nicht nur der Komfortvorteil, sondern auch der Größenvorteil auf der anderen Seite. Selbst wenn immer wieder darüber geschimpft wird, dass Facebook lahmt – das Wurzelwerk ist noch viel schlimmer, und wer keinen eigenen Server betreiben möchte, um Kontakt zu seiner Familie zu halten oder den Stammtisch an den Schreibtisch zu holen, steht in der Technoutopie einer freien Gesellschaft schnell blöd da.
Es wird also, so bitter das ist, vermutlich dabei bleiben, dass die Infrastruktur zur weiträumigen Kontaktpflege kommerziell bereitgestellt wird. Auch die Variante, soziale Netzwerke als echte öffentliche Räume anzubieten – der Pausenhof der Internetautobahn, quasi – ist vermutlich zum Scheitern verurteilt, insofern die algorithmische Kompetenz anderswo sitzt. Oder erinnert sich noch jemand an die durch die EU organisierte und finanzierte öffentlich-rechtliche Konkurrenz zu Google?
Diese Situation heißt aber nun nicht, dass die Anbieter machen und lassen können, was sie wollen. Hier ist vielmehr Netzpolitik in einem ernst gemeinten Sinn gefragt: nämlich als Notwendigkeit, die privat angebotene Infrastruktur sozialer Netzwerke politisch zu regulieren – ohne sie dabei kaputt zu machen. Stichworte sind hier die Durchsetzung von Datenschutz, Verbraucherrechte, aber auch die Garantie gewisser offener Standards. Vielleicht auch sowas wie ein Recht, die eigenen Daten mitnehmen zu können – oder sie umzuziehen –, wenn eine Plattform verlassen wird. Gleichzeitig stößt Netzpolitik damit auf das Dilemma, auf das sie fasst immer stößt – das Netz ist global, der Nationalstaat lokal. Es geht also auch darum, Lösungen zu finden, die unterschiedliche rechtliche und kulturelle Standards erlauben, aber trotzdem transnationale Kontakte und Kommunikationen ermöglichen und fördern. Letztlich liegt hier der Kern der Sache. Dass der politische Lösungsapparat in Gang gesetzt ist – Stichwort Enquete – ist hier nur gut.
Warum blogge ich das? Weil mir »Facebook ist böse« zu platt ist, und sich an der aktuellen Aufregung um die Datenschutzfrage bei Facebook schön zeigen lässt, dass Teilhabe an der digitalen Gesellschaft letztlich die Regulation von privat organisierten Infrastrukturen notwendig macht, die es bisher schlicht nicht gab.









