Kurz zu Amazonfail, und dann darüber hinaus

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Nur ein kurzer Hinweis auf die Causa Amazonfail (etwa »Amazon-Fehlschlag«). Seit einiger Zeit listet Amazon keine Bücher mit LGBT-Content (Lesbian, Gay, Bi, Trans) in den Rankings, und damit auch nicht mehr in den Bestseller-Listen und Empfehlungen. Großer Netzaufschrei, weil Amazon-Amis das Netz »sauber« halten wollen, um die prüden Mainstream-KundInnen nicht zu verprellen.

Unerwartete Wendung: möglicherweise war Amazon nur sehr indirekt schuld – tehdely skizziert die Möglichkeit eines »Angriffs« auf das Reputationssystem von Amazon, und weev behauptet, es gewesen zu sein (oder vielleicht auch nicht). Das dort skizzierte Vorgehen: erstelle über die Programmierschnittstelle eine Liste sämtlicher Produkte, die mit »gay« oder »lesbian« gekennzeichnet sind, nutze ein paar Sicherheitslücken bzw. die Möglichkeit des billigen Outsourcens von Routinetasks aus, und bewerte all diese Titel hunderte Male als »adult only«. Fertig. Und Amazon wundert sich über verärgerte AutorInnen und KundInnen.

Keine Ahnung, was wirklich dahintersteckt. Zwei Dinge werden durch »amazonfail« aber definitiv sichtbar: das Potenzial von Nahezumonopolisten wie Amazon, zu steuern, was im Netz sichtbar ist und was nicht, und damit so etwas ähnliches wie Zensur auszuüben – ganz ohne Legitimation –, und zweitens, dass Trust- und Reputationssysteme sich mit genügend Geduld leicht »hacken« und zu allem möglichen missbrauchen lassen.

Eine weit vom eigentlich Fall entfernt liegende Schlussfolgerung, über die ich mir (unabhängig von den hundert damit verbundenen Umsetzungsproblemen) immer mal wieder Gedanken mache: wäre es an der Zeit, eine Verstaatlichung nahezumonopolisierter Netzräume zu fordern? Durch die Netzwerkstruktur des Internet gibt es immer wieder Nahezumonopole für bestimmte Funktionen – diejenigen, die diese als erste oder als für einen bestimmten Zeitraum beste anbieten, und dann verwendet werden, weil alle sie verwenden. Bei Google oder Amazon ist diese Monopolisierung nicht notwendigerweise gegeben, bei allem, was in Richtung »social software« geht, liegt es in der Natur der Sache, dass die Plattform oder das Medium, das »alle« verwenden, am ehesten auch von den denen genutzt wird, die später dazu kommen (Bsp. Facebook). Aufmerksamkeitsspiralen.

Interessant wird es, wenn diese Anbieter quasi-öffentliche Leistungen zur Verfügung stellen. Die Navigation im Netz (Google). Die Kommunikation in einem neuen sozialen Raum (Facebook). Ein Medium für schnelle, synchrone, auf bestimmter Nutzerkreise beschränkte many-to-many-Kurznachrichten (Twitter). Der Zugriff auf gedruckte Bücher weltweit (Amazon)? Wenn hier Nahezu-Monopol und böse Absicht zusammenkommen – oder auch nur Sicherheitslücken und damit Ausfälle – dann fallen relativ essentielle gesellschaftliche Leistungen aus. Die Sichtbarkeit von lesbischer oder schwuler Literatur, im aktuellen Fall.

Ist es tatsächlich der Markt, der hier am besten agiert. Oder bräuchte es – wenn schon keine Verstaatlichung dieser Leistungen; wie die EU-Suchmaschinenprojekte gezeigt haben, kommt dabei nicht unbedingt sinnvolles heraus – zumindest einen globalen ordnungspolitischen Rahmen, der garantiert, dass die Nahezu-Monopolisten eben nicht politisch nicht legitimierte Zensur etc. ausüben, bzw. Schnittstellen anbieten, um Aufmerksamkeitsmonopole aufzubrechen. Nur mal so als Denkanregung.

Warum blogge ich das? Nach fast zwei Tagen offline und Familie bin ich heute »ins Netz zurückgekehrt« – und habe dann (neben Mixas Osterwünschen) erstmal #amazonfail gesehen. Und mich gewundert.

Update: Charles Stross verweist auf eine Entschuldigung seitens Amazon – und auf die Möglichkeit menschlichen Versagens als Ursache.

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7 Antworten auf Kurz zu Amazonfail, und dann darüber hinaus

  1. Ich würde zwar lieber von Vergesellschaftung als von Verstaatlichung sprechen, aber ich muss deinen Überlegungen durchaus recht geben. Eine quasi-monopolistische Stellung von privaten Unternehmen ist umso bedenklicher je mehr Menschen sich im Netz bewegen. Google ist sicher das herausragendste Beispiel, bei Twitter würde ich erst mal abwarten, ob sich das so weiterentwickelt. Notwendig fände ich allemal deutlichere rechtliche (und damit staatliche) Regelungen und deren Durchsetzung, wie mit Daten umgegangen werden darf und wie nicht. Die Wirtschaft ist für die Menschen da und nicht umgekehrt!

  2. Till sagt:

    Das mit der Verstaatlichung war auch eher Provokation. Was die Netzproblematik nochmal zu etwas Besonderem jenseits der generellen Notwendigkeit eines ordnungspolitischen Rahmens macht (oder im Zeitalter der Globalisierung von Waren und Finanzströmen vielleicht auch nicht), ist der globale Aspekt. Selbst auf meinen provokanten Begriff der »Verstaatlichung« hin müsste die Frage ja erstmal lauten: welcher Staat?

  3. Echo sagt:

    Ich glaube nicht wirklich, dass Verstaatlichung die Antwort auf derartige Probleme ist, dafür sind die Staaten selbst einfach nicht vertrauenswürdig genug. Zu viele Staaten versuchen sich ja jetzt schon selbst an Internetzensur.

    Gerade der amazonfail Fall hat ja gezeigt, wie selbstregulativ das Internet agieren kann, denn dieser Punkt ist eindeutig an Twitter gegangen, egal ob jetzt wirklich corporate evil dran Schuld war oder Hacker.

    So schnell wie der Aufschrei durchs Netz gegangen ist konnten die »alten« Medien nicht einmal blinzeln.

  4. gornorff sagt:

    Di,14.04 9:00 MEZ, Petition steht jetzt bei 21′000, wächst also nicht mehr so schnell wie zu Beginn. Leider focussieren viele blogger + twitterer allein auf das tatsächlich erfolgte LGBT- deRanking. In echt hat die Aussortier-Funktion auch die RANKS von z.B. Behinderten-Literatur (Ratgeber zu Sex mit Behinderung)entfernt. Die meisten Kommentare zur Petition lehnen sich gegen den Grundgedanken der Zensierbarkeit auf, wenn auch viele ( falsch) glaubten, die Bücher an sich seien aus dem Verkauf verschwunden. Gefahr der Hysterie im selbstregulativen Netz. Ich hoffe, es wird eine ruhige, unhysterische gesellschaftliche Funktion der Netzkontrolle entstehen. Verstaatlichung oder Vergesellschaftung sind zu kompliziert, setzen zudem voraus, dass der Inhaber auch zukünftig korrekt ist ( hm – Berlusconi ? ). Ärgerlich war, wie lange Spiegel-Online gepennt hat, als guardian.co.uk und wall street journal schon seit 12. + 13.04 das Thema bearbeiteten.

  5. Till sagt:

    Nur so am Rande bemerkt: hieße dass dann auch, dass profitorientierten Unternehmen + Öffentlichkeit eher zu trauen ist als dem Staat? Und wenn ja, warum?

  6. gornorff sagt:

    @Till 5 – generell ist Vertrauen immer eine Lotterie ( bei Operationen, beim GV). Hat der Netzbetreiber eine klare Zielsetzung wie »Geld verdienen, Kunden halten« ist das verlässlicher als verschwurbelte staatliche Zielsetzungen wie »Reinhaltung, Schutz, Wertesystem«. Zudem kann das selbstregulative Netz einen erfolgsorientierten Betreiber eher in die Schranken weisen. Testfall wird das Google-Imperium. Ein Aufeinanderprallen von Staat + Netzgigant hatten wir ja gerade bei GEMA vs. YouTube/google. Leider gab’s da keine Petition.

  7. ihdl sagt:

    Ich bezweifele, ob zumindest in Moment von einer staatlichen Lösung dieses Problems etwas besseres zu erwarten ist als das, was wir bisher haben.

    Wäre nicht auch eine Art Ordnungspolitk jenseits von Staat möglich? Eine netzgesellschaftlicher Normenbildungsprozess, an dem alle möglichen Akteure und Institutionen mitwirken. So richtig kann ich mir das zwar auch nicht vorstellen, aber ich finde es spannend, was in dieser neuen Welt zu Zeit zu beobachten ist.

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