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Das Blog von Till Westermayer – seit 2002

Bei den Grünen wird ja derzeit weiterhin ein/e Nachfolger/in für Reinhard Bütikofer gesucht. Neben allgemeiner Unlust und anderen Karriereplänen gibt es ein interessantes Phänomen bei den derzeit für die Bewerbung um diesen Posten absagenden – eine ernst genommene egalitäre Familienkonzeption. Ulrike Winkelmann schreibt in der taz dazu:

Hermenau ist dabei nicht die Einzige, die auf ein Kind verweist. Die Männer tun dies meist nicht ganz so offen – einmal abgesehen vom schleswig-holsteinischen Landeschef Robert Habeck (siehe Interview). Es stellt sich heraus, dass die jüngeren grünen Männer mit der Emanzipation jedenfalls insoweit Ernst machen, als Sie sich auch an die Lebenspläne ihrer Partnerin gebunden fühlen – da ist ein Umzug nach Berlin mit allem, was der Bundesvorsitz an familienfeindlichen Strapazen verspricht, nicht selbstverständlich.

In der Frankfurter Rundschau beschreibt Vera Gaserow das Phänomen als »Generation Kann-gerade-nicht« – und sagt zwar, »dass die Grünen-Nachwuchsgeneration auf die Unvereinbarkeit von Familie und Politik hinweist, dass sie durch ihr Selbstverständnis innerfamiliärer Rollenverteilung dafür empfindlicher ist als andere, das macht sie sympathisch«, geht aber dann doch von eigentlich vorgeschobenen Gründen aus. Ich glaube das nicht. In dieser – mehr oder weniger auch meiner – Generation gibt es (sicherlich unterschiedlich ausgeprägt) tatsächlich ein anderes Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit, familiärer Arbeitsteilung und Egalität als noch bei Fischer oder gar Gedöns-Schröder. Zumindest in bestimmten Kreisen ist Emanzipation tatsächlich zu einem Selbstverständlichkeitsanspruch gefordern.

Das ist auch gut so, aber damit stehen Bündnis 90/Die Grünen gleichzeitig vor einer Herausforderung, die etwas mit der eigenen Programmatik zu tun hat, die aber – wenn ich die Zeichen der Zeit richtig deute – auch ganz andere Organisationen, etwa in der Wirtschaft, betrifft: an die Stelle von Mann/Karriere-Frau/zuhause mit Kind und Double-Income-No-Kids sind heute in meiner Generation vielfach Familiengründungswünsche getreten, die egalitäre gemeinsame Verantwortung, Karriere- und Kinderwünsche zusammenbringen. Anders gesagt: auch jüngere Männer stehen jetzt vor dem »Frauenproblem«, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen. Mit 60-Stunden-Jobs ist das offensichtlich nicht möglich. Einen – ich benutze jetzt bewusst die männlichen Formen – Teilzeitbundesvorsitzenden, Teilzeitminister, Teilzeitbürgermeister, Teilzeitkonzernchef oder auch Teilzeitabteilungsleiter sieht unsere Gesellschaft allerdings bisher nicht vor. Genau dieses Dilemma werden auch die Grünen so schnell nicht lösen können; vermutlich wird’s dann doch wieder ein Mann oder eine Frau ohne familiäre Verpflichtungen (oder mit einer nichtegalitären Famileinvorstellung). Aber dass es jetzt im Raum steht, und dass damit ein Problem umrissen wird, das eben auch zur Implementation des postbürgerlichen grünen Wertespektrums dazugehört, ist wichtig. Ein Beispiel dafür, dass eine Partei durchaus Vorreiterfunktionen in derlei Belangen einnehmen kann, ist die Quote: in den 1980er Jahren bei den Grünen eingeführt, gibt es jetzt zunehmend ernsthaftere Überlegungen, sie auch anderswo zu übernehmen. Norwegen mit seiner 40%-Quote für Aufsichtsräte (im übrigen: eine Quote für Männer und für Frauen!) ist hier nur die Spitze eines in den nächsten Jahren auftauchenden Eisbergs.

Warum blogge ich das? Weil das Beispiel ein schönes Schlaglicht auf ein Thema wirft, das mir sowohl politisch als auch wissenschaftlich wichtig ist. Und das zeigt, dass »Gender« schon längst keine Frauenfrage mehr ist.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 20. März 2008 und wurde abgelegt unter "Politik & Gesellschaft, So grün, so grün, Soziologisch gesehen". Du kannst die Kommentare verfolgen mit dem Kommentarfeed. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

4 Kommentare

  1. […] Westermayer hatte ja schon vor einer Woche gefragt: Sind die Grünen bereit für Männer, die ‘Frauenthemen’ ernst nehmen? “an die Stelle von Mann/Karriere-Frau/zuhause mit Kind und Double-Income-No-Kids sind heute […]

  2. 2Wolfgang G. WettachNo Gravatar am Freitag, 28. März 2008 um 06:52 – Permalink

    Nur eine Woche später bin ich in meinem Blog (jetzt mit Deinem Design) darauf eingegangen: »Das Private ist politisch« – Derzeitige direkt-URL: http://wolfgang.ughugh.de/wp-trackback.php?p=19

  3. 3Till WestermayerNo Gravatar am Freitag, 28. März 2008 um 10:17 – Permalink

    Freut mich in doppelter Hinsicht – dass Du das Thema aufgenommen hast, und es wagst, das Theme auszuprobieren (noch nicht ganz ideal ist die Menüleiste oben, theoretisch lassen sich auch Untermenüpunkte definieren – Seite einer anderen Seite zuordnen – aber das ist im aktuellen CSS noch etwas rabiat gelöst).

  4. 4till we *) . Blog » Kurz: Ratzmann-Rückzug und grüne Kindererziehung am Donnerstag, 4. September 2008 um 17:08 – Permalink

    […] scheint nicht zu gehen, und so reiht sich Ratzmann (wie ich meine, sehr verständlicherweise) in die Reihen derjenigen ein, die wegen Erziehungszeiten nicht für den Bundesvorsitz in Frage kommen […]

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