Vorneweg: Die Kolumne von Sascha Lobo bei Spiegel online finde ich insgesamt sehr gelungen und anregend. Über die letzte Ausgabe (Desinformation: Im Netz der Besserwisser) habe ich mich jedoch geärgert – und möchte versuchen, dem nachzugehen. Weil es erst einmal ja gar nicht so klar ist, was daran ärgerlich ist, dass da jemand versucht, für ein bisschen mehr Aufklärung zu plädieren.
„Vergemeinschaftung statt Expertise, oder: Wo Sascha Lobo falsch liegt“ weiterlesen
Kurz: Wikipedia-Widerstandsbewegung
Ich bin ja – ohne dort irgendwie aktiv zu sein – noch immer Administrator in der englischsprachigen Wikipedia. Heute lag dann eine diesbezügliche Mail in meinem Postfach:
Dear administrator,
We tried to get in contact with you almost a year ago, detailing our desires to utilise your account to help rid Wikipedia of the corruption and bureaucracy at every level that continues to plague it to this very day. We are hoping that, almost a year on, your circumstances may have changed and you may be more willing to aid us in achieving our goal. At the end of the day we all want the same thing – an encyclopedia that is informative and accurate, but one that is also run in a fair manner so all can contribute on an equitable level. As a reminder, here is an extract from our original message:
„We are currently expanding our portfolio of administrator accounts, and as yours remains dormant perhaps you could consider donating it to us – to do so will take you only two minutes: change the password (if desired) and then reply to this email with your login details. We’ll do the rest!“
Once more, thank you for your time and consideration, and naturally do not hesitate to contact us if you have any questions.
Kind Regards,
The Wikipedia Freedom Fighters
Auf deutsch: die „Wikipedia Freedom Fighters“ sammeln Administrations-Accounts, um für „eine Enzyklopädie zu kämpfen, die informativ und genau ist, die aber auch in fairer Weise regiert („to run“) wird, und es allen ermöglicht, gleichberechtigt dazu beizutragen.“ Auch wenn ich die Wikipedia in der einen oder anderen Form durchaus kritikwürdig finde – eine Widerstandsbewegung muss nicht sein. Oder?
Kurz: Kleinigkeiten
Die Wikipedia (bzw. genauer der Betreiber Wikimedia*) macht derzeit wieder seinen alljährlichen Spendenmarathon. Bisher habe ich mich da durchaus mal beteiligt. Dieses Jahr liegt meine Spende bei 1,23 Euro und einem Kommentar.

Heiße Debatte in der Wikipedia-SpenderInnen-Liste (Auszug)
Und ich bin bei weitem nicht der einzige, der nur eine Kleinigkeit spendet – und die Spendenliste gleichzeitig als Forum nutzt, um die Unzufriedenheit über Löschwahn, Vogonentum und Artikelsterben nutzt. Wer sich auch beteiligen will, kann hier spenden (Achtung: nicht nur einen Betrag reinschreiben, sondern auch ankreuzen, dass es nicht 20, 50 oder 100 Euro sein sollen).
* Wikimedia Deutschland e.V. sammelt die Spenden ein. Was einerseits schön ist, weil damit eine steuerliche Absetzbarkeit – gemeinnütziger Verein – gesichert ist. Andererseits kann Wikimedia Deutschland e.V. mit den Spenden gar nicht so richtig was sinnvolles anfangen (vgl. Tätigkeitsbericht, S. 22/23 (pdf)).
Ein Versuch über Wikipedia
Be bold! Mach’s einfach, wenn du etwas ändern willst. Was mich von Anbeginn an an der Wikipedia fasziniert hat, war dieser grundsätzliche Imperativ. Den meisten ist wahrscheinlich der „Neutral Point of View“ wichtiger, oder das kollaborative Prinzip, oder die enzyklopädische Qualität. Aber was mich lange Jahre dazu gebracht hat, viele Abende und Stunden in das Schreiben von Einträgen, in Editwars, aber mehr noch in lange Debatten um die sprichwörtliche Kommasetzung zu investieren, war wohl dieser Imperativ.
Der hat natürlich zunächst etwas sehr amerikanisches: Wenn du was ändern willst an der Welt, dann tue es einfach, nimm’s selbst in die Hand! Oder auch was von Pippi Langstrumpf: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Faszination strahlte das „Be bold!“ aber vor allem deswegen auf mich aus, weil sich ein riesiges Projekt mit vielen tausend MitstreiterInnen scheinbar allein an diesem – darf ich das Adjektiv verwenden – anarchistischen Grundsatz kristallisieren konnte. Natürlich ist das verkürzt, natürlich gab es auch von Anfang an andere Regeln (den wissensphilosophisch fragwürdigen neutralen Standpunkt, beispielsweise), und natürlich gab es das Gottkönigtum von Jimbo Wales als Letztinstanz. Trotzdem: der Geist, den ich mit der Wikipedia verbinde – seit 2002 war ich an der englischsprachigen Wikipedia beteiligt – lässt sich am ehesten in diesem „Be bold!“ zusammenfassen – immer zusammengedacht mit einer von mir als angelsächsisch empfundenen, stark deliberativ-diskursiven Atmosphäre des Problemlösens durch Kommunikation auf Augenhöhe. Im schlimmsten Fall dann ein „agree to disagree“.
„Ein Versuch über Wikipedia“ weiterlesen
Kurzeintrag: Internetional
Ein paar Gedankenschnipsel: „Early adaptors“ haben sich dran gewöhnt, dass „das Internet“ in englischer Sprache stattfindet (stimmt zwar gar nicht, China ist groß im Kommen, usw.). Damit verbunden ist die Erfahrung des Internets als internationalem Raum (oder vielleicht sogar als Raum einer transnationalen Öffentlichkeit). Im Zuge der Popularisierung und Ausdehnung neigen englischsprachige Angebote (z.B. Flickr) zur Lokalisierung. Das hat zwei Seiten: die Übersetzung des Interface (die teilweise so schlecht gemacht ist, dass das englische Interface besser verständlich ist als z.B. das deutsche). Und die Lokalisierung der Inhalte. Eine gut gemachte Übersetzung der Benutzeroberfläche sollte niemand stören. Eine Content-Lokalisierung kann zu erheblichen Konflikten führen, wie dieser Kommentarstrang zeigt, den ich bei Reddit gefunden habe, und der Anlass für diesen Kurzeintrag war. Ein Fazit aus dem Kommentarstrang: wer in Deutschland in deutscher Sprache eine Website wie Reddit benutzt, will möglicherweise trotzdem lesen, was weltweit spannendes und/oder kurioses passiert. Nebeneffekt: die englischen Sprachvarianten – auch der Wikipedia – sind eben nicht national, sondern haben einen internationalen Charakter. Insbesondere solange auch Menschen aus nicht-englischsprachigen Ländern sich daran beteiligen.
Bleibt also die Frage: Globale Öffentlichkeit oder lokale Web‑2.0‑Gemeinschaften?
(P.S.: Eine Auto-Übersetzung von Tags wäre auch noch interessant in diesem Kontext)


