Allmählich füllt sich blog.gruene.de, das Blog zur Bundestagswahl, in dem die Mitglieder des „Spitzenteams“ von Bündnis 90/Die Grünen sich zu Wort melden und von ihren Wahlkampfauftritten berichten. Zu lesen gibt es da beispielsweise was über das stürmische Wetter im Emsland oder die Franckeschen Stiftungen in Halle. Die Diskussionsforen werden auch genutzt – ziemlich vieles, was dort zu lesen ist, ähnelt allerdings den Kommentaren der Sorte Mensch, die mit Vorliebe an grüne Infostände kommt, um ihren allgemeinen und generellen Ärger loszuwerden und alle Grüne für verrückt zu erklären. Die gibt es – in real life wie im Netz – leider weiterhin (ähnliches passiert einem durchaus auch z.B. auf den Diskussionsseiten zum Eintrag Bündnis 90/Die Grünen in der Wikipedia).
Wikimania
Noch bis Sonntag geht die erste internationale Wikipedia/Mediawiki-Konferenz Wikimania in Frankfurt am Main. Ich konnte leider nur heute hinfahren, war aber doch beeindruckt: die Frankfurter Jugendherberge war ziemlich voll (450 TeilnehmerInnen), und ein paar Leute kannte ich sogar aus der Mitarbeit an der Wikipedia (ein paar andere kannte ich noch nicht, habe mich aber interessant unterhalten; u.a. schreiben mindestens drei Leute sozialwissenschaftliche Diplomarbeiten über Wikipedia). Typisch für eine Geek-Konferenz: die Geschlechter waren doch eher ungleich verteilt (meine Schätzung: maximal 10 % Frauen).
Besucht habe ich Vorträge zu Wikipedia und Semantic Web, zu sozialen Dynamiken innerhalb der Wikipedia (dabei ging es vor allem um den Neutral Point of View (NPOV) und dessen Folgen und zum politischen Einfluss der Wikipedia. Besonders interessant fand ich neben dem NPOV-Workshop das Keynote-Statement von Jimmy Wales, dem Wikipedia-Gründer, und ein Poster aus der Poster-Session zum Thema „Mapping“.
Jimmy Wales nutzte seine Keynote dazu, zehn Herausforderungen zu skizzieren, die bisher nicht erfolgreich gelöst sind, für eine bessere Zukunft der Menschheit oder dergleichen aber unbedingt zu lösen wären. Seine Liste war:
1. Befreit die Enzyklopädien!
2. Befreit die Wörterbücher!
3. Befreit die Curricula! (Lehrbücher vom Kindergarten bis zur Universität)
4. Befreit die Musik! (vor allem klassische Musik, die zwar „Public Domain“ ist, aber nur in arrangierten und damit unter Copyright fallenden Notensätzen und in proprietären Einspielungen vorhanden ist)
5. Befreit Kunstwerke (d.h., macht Fotos von den Dingen, die in Museen hängen, frei verfügbar)
6. Befreit die Dateiformate – statt proprietäre Formate zu verwenden, die immer auch bedeuten, dass eine Firma letztlich die Kontrolle über die in diesen Formaten gespeicherten Daten behält
7. Befreit geographische Daten und Landkarten!
8. Befreit Produktcodes (eine Art ISBN für alle Produktarten, die gegen geringe Kosten für jedeN und seine/ihre Produkte verfügbar sein soll und Produkte möglichst automatisch in elektronischen Warenhäusern wie z.B. amazon auftauchen lässt …)
9. Freie Übersichten über das Fernsehprogramm statt Kabelmonopole!
10. Befreit Communities! (webbasierte Communities sollten darauf drängen, Foreneinträge und von ihnen erarbeitete Daten unter freie Lizenzen zu stellen und damit mitnehmen zu können).
Anders als der Spiegel es schreibt, sind diese zehn Punkte keine Prognosen, sondern Ziele (in der Diskussion wurden sie noch um zwei, drei weitere ergänzt – z.B. Open Access in der Wissenschaft, oder sicherzustellen, dass mit Steuergeldern erstellte Produkte unter freie Lizenzen kommen). Insbesondere hinter den Punkten 3, 6 und 8 verbinden sich aus meiner Sicht ziemlich ambitionierte Vorhaben, die das Bildungs- und Wissenschaftssystem, die Computerwelt und alles, was davon abhängt, und globale Handelsstrukturen ziemlich umwirbeln können.
Siehe dazu auch: http://ross.typepad.com/blog/2005/08/jimbos_problems_1.html
Das Poster zum Thema „Mapping“ ist unter Places & Spaces anzuschauen bzw. dort ist das dem Poster zugrunde liegende Forschungsprojekt erläutert – Katy Börner und Deborah MacPherson haben ganz unterschiedliche Wege zusammengestellt, wie Wissen über tatsächliche, aber auch über ganz abstrakte Gegebenheiten in Karten umgewandelt wurde – vom U‑Bahn-Plan, der die Gedankenstränge in einer Dissertation visualisiert, bis hin zu diversen „Maps of all sciences“, die ausgehend von Veröffentlichungen und Zitierungen disziplinäre Strukturen und dergleichen darstellen. Anregend.
–
> Bericht im Heise-Newsticker
> Bericht in Spiegel online dazu
> Ein weiterer Bericht in Spiegel online
> Photos von der Wikimania 2005 bei flickr
> Medienecho zur Wikimania: Überblick bei Netzpolitik.org
Umzug
I. Ich bin von Xanga zum LiveJournal umgezogen. Ob ich dadurch häufiger was schreibe, weiß ich nicht; insgesamt gefällt’s mir aber besser. Und wie immer bei derartigen Umzügen: es steckt ein bißchen Arbeit darin, die alten Einträge zu konvertieren (schließlich wollte ich sie nicht wegwerfen, in so was bin ich schlecht).
II. Umgezogen bin ich aber auch im RealLife: Zusammen mit meiner Freundin (und Katze) in eine Erdgeschosswohnung in einem alten Haus in Günterstal. Da wohne ich jetzt schon eineinhalb Monate, inzwischen haben wir uns ziemlich komplett eingerichtet, es sind wirklich alle Kisten ausgepackt, etc. Das Leben kann also weitergehen.
Und ansonsten: Gründe dafür, warum ich momentan kaum dazu komme, viel zu schreiben, gibt es auch jenseits des Umzugs einige: da ist meine Diss., die irgendwann mal fertig werden will, da ist Wikipedia, und da ist meine Arbeit als Soziologe im Institut für Forstbenutzung und Forstliche Arbeitswissenschaft mit der Endphase eines Projekts.
Altes aus Xanga, Teil X
Saturday, May 03, 2003
Dr. Who?
Eines der unbekannteren Werke von Douglas N. Adams ist ein Skript für die BBC-Fernsehserie Dr. Who mit dem Titel „Shada“. Die BBC bringt nun dieses Skript dankenswerterweise als „Webcast“ zum Leben – ein mit Flash-Animationen unterstütztes Hörspiel, als eine Hommage an den vor einem Jahr verstorbenen Douglas Adams.
> BBC – Cult Television – Doctor Who Homepage
Friday, April 25, 2003
Diaspora-Wahlkampf im Kino
… die Grünen am Sympathischten, wenn sie denn mal auf Plakaten, Podiumsdiskussionen oder im Gespräch mit Jugendlichen vorkamen – und nicht nur als Standardstandortnachteil in Wichmanns Standardspruch. Herr Wichmann von der CDU ist ein Dokumentarfilm, der hart an Realsatire grenzt, oder manchmal auch ganz klar Realsatire ist. Da gibt es den Wahlkämpfer Wichmann, 25 Jahre jung, CDU, Junge Union, Jura-Student in Berlin, Kreistagsabgeordneter in der Uckermark, der sich Hoffnungen macht, als Direktkandidat den letzten Außenminister der DDR, Meckel (SPD) zu besiegen. Am Schluss sind all seine Anstrengungen inkl. A0-Plakaten dann doch grade mal einen Prozentpunkt wert. Bis dahin verfolgt die Kamera den Wahlkämpfer und seine Freundin (Reality-TV? Aber nicht doch …) und vor allem die vielen Passantinnen und Passanten, die an Wahlkampfmaterial und hohlen Versprechen (Wichmann hat eine wunderbare Gabe, niemand ausreden zu lassen, jedem nach dem Wort zu reden und nur ganz selten mal schlagfertig zu sein) nicht wirklich interessiert sind. Im Altersheim (so holt die CDU also ihre Stimmen) weiss Wichmann nicht, was er sagen soll, und bei Jugendveranstaltungen macht er sich selbst zum völlig indiskutablen Kandidaten, indem er gegen „Kuschelpädagogigk“ argumentiert statt sich auf eine Diskussion einzulassen.
Eher schrecklich als lustig sind dann die Szenen, wo stolz mit der Ablehnung des Zuwanderungsgesetzes und ziemlich viel Nationalstolz argumentiert wird. Hilft aber alles nichts, Wichmann kämpft gegen Windmühlen, da hilft auch ein Lob von Frau Merkel für den „jungen Mann“ nichts.
Herr Wichmann von der CDU ist ziemlich viel ostdeutscher Alltag 2002, ziemlich viel Wahlkampfalltag, ziemlich viel Politikverdrossenheit – und erregte im kleinen Wohnzimmerkino des Friedrichsbaus in der „grünen“ Stadt Freiburg vor allem Lacher und ab und zu ungläubige Ausrufe. Es bleibt die Hoffnung, dass politikverdrossene Menschen vielleicht irgendwann Leute wählen, die sich tatsächlich dafür interessieren, was die WählerInnen bedrückt, statt sich mit hohen Sprüchen frischen Wind vorgaukeln zu lassen.
> Film bei BR-online: Denk ich an Deutschland: Herr Wichmann von der CDU
Tuesday, April 15, 2003
Lieblingsonlinecomic
Irgendwie schon seltsam. Wie an jedem Wochentag noch kurz der Blick auf den Unicorn Jelly Onlinecomic (Genre: philosophische Science Fiction) – aber irgendwas ist anders als sonst. Ach so, ja. Der Mausklick wäre unnötig gewesen – Unicorn Jelly ist endgültig vorbei. Die Rätsel sind gelöst, der Jahrhundertausende umspannende Handlungsbogen hat sein Ende und seinen Anfang gefunden.
Schade. Unicorn Jelly war immer anders als erwartet, die Charaktere waren lebendiger als sonst irgendwo im Web und gleichzeitig seltsamer. Die Wendungen der Geschichte unvorhersehbarer, die poetischen Momente poetischer, die Trauer um die Toten trauriger und die Scherze witziger.
Vielleicht war es grade die Form Fortsetzungsroman, die Unicorn Jelly zu etwas besonderem gemacht hat, die die plötzlichen Handlungsstrangwechsel der mit DelxuePaint von Jennifer Reitz handgezeichneten Folgen erträglich gemacht hat. Ich bin nicht von Anfang an dabei gewesen, sondern habe irgendwo in der Mitte angefangen, dann ersteinmal den ersten Teil gelesen und mich dann jeden Montag wieder gefreut, dass eine neue Unicorn Jelly-Folge nach dem comiclosen Wochenende da war. Zuverlässig, jeden Tag (anders als z.B. die taz heute). Unicorn Jelly jetzt von Anfang bis Ende lesen zu können, dürfte doch einen ganz anderen Leseeffekt haben. Am Stück? Naja, es sind über 600 Folgen – das würde dann doch ganz schön lange dauern.
Ich bin jedenfalls gespannt, ob es ein Nachfolgeprojekt geben wird. Schön wär’s jedenfalls!
> UNICORN JELLY anime manga comic strip by Jennifer Diane Reitz
Monday, March 24, 2003
Internet statt Propaganda
Bis jetzt scheint sich das Internet als wirkungsvolles Gegenmittel gegen die Medienpropaganda der Kriegsparteien durchzusetzen. Dies gilt nicht nur für Seiten wie Indymedia oder auch Wikipedia, auf denen Freiwillige Berichte einstellen, und in einem erstaunlich hohen Maß auch für die etablierten Medien (vom Tagesschau-Ticker bis Spiegel-online) sondern auch für speziell zur (kritischen) Beobachtung des Irak-Kriegs etablierte Webprojekte.
Iraq Body Count versucht mit einem Netzwerk von Freiwilligen ausgehend von Presseberichten eine ständig aktualisierte Minimal- und Maximalabschätzung der zivilen Kriegstoten durchzuführen; die Datengrundlage wird dabei genau bekanntgegeben, Banner stehen zum Einbinden in Websites bereit.
Electronic Iraq versammelt Berichte direkt aus dem Irak und kombiniert diese mit einer Übersicht über die weltweite Presse.
> Iraq Body Count
> Electronic Iraq
Sunday, March 23, 2003
Nachtrag: 22032003
Inzwischen sind auf Indymedia auch einige Bilder von der Demo am 22.03. zu finden: indymedia germany | Bilder von der Freiburger Anti-Kriegsdemo | 22.03.2003 23:33; allerdings mehr aus dem antikapitalistischen Block heraus …
