Über die Metropolcon, die ich letztes Wochenende besuchte, muss ich mal an anderer Stelle noch schreiben. Erwähnen kann ich aber schon mal das dort entdeckte Sci Phi Journal, ein Online-Magazin für philosophisch angehauchte Science Fiction. Auf der Rückfahrt aus Berlin habe ich etwas darin herumgestöbert und war sehr angetan.
Angeguckt habe ich mir den Rest der zweiten Staffel von One Piece (Netflix), und fühlte mich bei allem bunten Quatsch dann doch ganz gut und tiefsinniger als erwartet unterhalten. Und außerdem habe ich mir Paul (2011) angeschaut (zwei Nerds fahren zu einer Convention, kommen an der Area 51 vorbei und gabeln ein eher unausstehliches Alien auf, mit dem sie ein Road Movie erleben). Eher Fan Service, aber ganz amüsant.
Gelesen habe ich zum einen den gerade herausgekommenen neuen Murderbot-Roman von Martha Wells (Platform Decay, 2026). Eine Rettungsmission auf einem riesigen Orbitalring geht erst einmal ziemlich schief. Neben dem Innenleben von Murderbot (und einigen Überlegungen zu Befreiungsbewegungen) fand ich hier vor allem das Worldbuilding interessant – so ein Orbital ist sehr, sehr groß und bietet Platz für ganz unterschiedliche Interieurs …
Vor allem habe ich den Juni und den Juli bis jetzt aber damit zugebracht, Ken Lius Dandelion-Dynasty-Epos zu Ende zu lesen. Und, wow, ich bin beeindruckt! Vorneweg: Epos ist hier wörtlich zu nehmen. Während der erste Band, The Grace of Kings (2015), 640 Seiten hatte, und der zweite, The Wall of Storms (2016), den ich im April gelesen habe, bei 880 Seiten rauskommt, bilden der dritte und der vierte Band zusammen eine Geschichte. The Veiled Throne (2021) und Speaking Bones (2022) kommen zusammen auf gut 2000 Seiten. Das ist lang, und manchmal nimmt Liu auch eher ungewöhnliche Abzweigungen (etwa, wenn es auf vielen Seiten um die Auseinandersetzung zweier konkurrierender Restaurants geht). Kategorisiert wird die Dandelion Dynasty von Liu als Silkpunk. Gemeint ist mit Silkpunk hier dann doch etwas mehr, als dass große Teile der Geschichte in einer Art Asien spielen, Seide als Schriftträger und als Grundlage der „silkmotic force“ – elektrischer Ladung – die Basis für viele Erfindungen und Elemente dieser Welt darstellt. Und ja, so eine Art Drachen tauchen auch auf. Genauso gut jedoch könnte das Epos als lange, lange Auseinandersetzung um die Möglichkeiten und Grenzen von Politik verstanden werden. (Oder, um nochmal Liu selbst zu folgen, als Re-Interpretation des amerikanischen Gründungsmythos vor dem Hintergrund des han-chinesischen Imperiums, und spricht von einer Remythologisierung der Moderne – spannend).
Einige Charaktere spielen sehr lange Spiele, andere kämpfen heißblütig für Reformen, und wieder andere erleben Intrigen und geraten wider Willen in Positionen der Macht. Oder, nochmal anders beschrieben, geht es im dritten und vierten Band der Dandelion Dynasty darum, wie der Kreislauf aus Eroberung, Gräueltaten, Trauma und Rache verlassen werden kann. Den, das zeichnet diese Bücher aus: Handeln hat hier Konsequenzen, manche gute Tat zieht viel später schreckliche Folgen nach sich. Die verschiedenen Philosophien und Gottheiten von Lius Welt wirken genauso lebensecht wie die fantastische Tierwelt dieser Inseln (und des Kontinents hinter dem Sturmwall).
Der lange Bogen dieser 2000 Seiten erzählt, wie es nach der Invasion der Lyucu im Reich Dara weitergeht. Wir folgen den verschlungenen Pfaden von Kuni Garus Kindern und Kaiserin Jia. Timu verschlägt es als Konsorte der Pékyu Tanvanaki in die von Lyucu eroberten Inseln Dasu und Rui (Ukyu-taasa bzw. „unredeemed Dasu“, je nach politischer Sichtweise), Théra geht den „interessanten Weg“ hinter den Sturmwall nach Ukyu-Gondé, um die Agon – die dortigen Gegenspieler der Lyucu, die diesen von außen sehr ähnlich wirken – als Verbündete zu gewinnen (und es kommt natürlich anders als gedacht), Kronprinz Phyro wird von seiner Stiefmutter Jia vom Thron ferngehalten und Fara, Deckname „Dandelion“, die wir als kleine Schwester kennengelernt haben, würde sich am liebsten Kunst und Malerei widmen. Und das ist nur ein kleiner Teil der handelnden Personen – Zomi Kidosu taucht ebenso auf die wie wild zusammengewürfelte „Blossom Gang“, deren Talente zusammen die Welt verändern könnten. Und und und. (Und neben arrangierten, politischen Heiraten gibt es auch die eine oder andere Liebesgeschichte.)
Ken Liu selbst spricht auf seiner Website davon, dass es ihm hier um „Ingenieur*innen statt Magier*innen“ geht – die auf das zurückgreifen, was mit westlichem Blick als „asiatisch“ gelesen wird:
„In the silkpunk world of my novels, this view of technology is dominant. The vocabulary of the technology language relies on materials of historical importance to the people of East Asia and the Pacific islands: bamboo, shells, coral, paper, silk, feathers, sinew, etc. The grammar of the language puts more emphasis on biomimetics–the airships regulate their lift by analogy with the swim bladders of fish, and the submarines move like whales through the water. The engineers are celebrated as great artists who transform the existing language and evolve it toward ever more beautiful forms.“
Kurz gesagt: „It’s epic fantasy with a heavy dose of scifi — I mean, Luan Zya literally proclaims, ‘the universe is knowable,’ a manifesto of the scientific view of the cosmos.“
(In Ukyu-Gondé kommen, um das zu ergänzen, dann Knochen, Sehnen und andere Körperteile der Garinafin und anderer Tiere als Material zum Einsatz – passend zur kulturellen Sprache dieses Kontinents.)
Wer sich auf die Dandelion Dynasty einlässt, erlebt viele Stunden in einer plausiblen, aber kulturell anderen Regeln folgenden Welt.Gleichzeitig ist das Buch auch da realistisch, wo es um Gräuel geht – aus einer Ideologie der kulturellen Reinheit erwächst ein Terrorregime, Verrat endet blutig, und bei aller Nachvollziehbarkeit der Motive (und Begeisterung über die dahinter stehende Ingenieurskunst) bleiben Waffen Waffen. Das Ende – Vignetten zeigen, wie sich die Welt von Dara Jahrzehnte nach dem „Ende“ der Handlung weiterentwickelt hat – versöhnt dann einigermaßen. Vielleicht steckt in diesem Epos hier sogar der Kern einer realistischen Utopie („melding past-reinterpretation with future-hopecrafting“).

