Science Fiction und Fantasy im Juli 2026 (der Rest)

Sunset clouds, Gundelfingen

Anfang Juli habe ich die Dan­de­l­ion Dynasty zu Ende gele­sen; dazu habe ich hier eini­ges auf­ge­schrie­ben. Den Rest­mo­nat habe ich mit fünf (teil­wei­se kur­zen) Roma­nen und einem, hm, Sach­buch verbracht. 

Das Sach­buch heißt How To Build A Dra­gon Or Die Try­ing: A Sati­ri­cal Look At Cut­ting-Edge Sci­ence (2019) und wur­de von einem Vater-Toch­ter-Duo geschrie­ben (2021 auch als Dra­chen­zucht für Ein­stei­ger auf deutsch erschie­nen). Paul Knoepf­ler ist ein Pro­fes­sor für Zell­bio­lo­gie, sei­ne Toch­ter Julie Knoepf­ler hat sich die Fra­ge, ob es mög­lich wäre, mit Hil­fe von Gen­tech­nik etc. zu züch­ten, in einem Schul­pro­jekt in der 8. Klas­se gestellt. Das Ergeb­nis ist ein Buch, das mal sehr nach Teen­ager-Vor­stel­lun­gen eines Dra­chen­haus­tiers klingt und mal nach Wis­sen­schaft. Hier und auch in eini­gen ande­ren Punk­ten hät­te dem Buch ein etwas stren­ge­res Lek­to­rat gut getan; so gibt es doch den Ein­druck vie­ler unnö­ti­ger Wie­der­ho­lun­gen und Zwi­schen­zu­sam­men­fas­sun­gen. Und Sati­re, die das Buch auch sein will, ist halt kei­ne Sati­re, wenn vor jedem über­trei­ben­den oder sar­kas­ti­schen Satz erst ein­mal dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass es sich hier um Sati­re han­delt. Ein biss­chen schwing da die Angst mit, dass irgend­wer das tat­säch­lich als Anlei­tung lesen könn­te. Ich fand das Buch trotz die­ser sprach­li­chen Schwä­chen inter­es­sant zu lesen – von den Über­le­gun­gen, was wohl eine gute Grund­la­ge wäre, um einen Dra­chen zu züch­ten – Eidech­sen, Vögel, Komo­do-Wara­ne – über Wir­bel­tier­bau­plä­ne, die Gene­tik von Federn und Schup­pen bis hin zur Fra­ge, wie Flug­fä­hig­keit (wenig Gewicht), Intel­li­genz (gro­ßes Gehirn) und Feu­er­spu­cken (kom­pli­zier­te Mecha­nis­men) in ein Tier pas­sen könn­ten. Bei Wie­der­käu­er­mä­gen zur Methan­her­stel­lung (Feu­er) fühl­te ich mich an Ken Lius Silk­punk-Dra­chen erin­nert. Gut gefal­len hat mir der Abschluss des Buchs, der aus­lo­tet, wel­che ethi­schen Fra­gen eigent­lich damit ver­bun­den wären, einen Dra­chen in die Welt zu brin­gen – vom Blick auf das Wohl­be­fin­den des Tiers über die poten­zi­el­le Waf­fen­taug­lich­keit bis zu öko­lo­gi­schen Fra­gen. Dabei kom­men auch die pro­ble­ma­ti­sche­ren Sei­ten von Crispr/Cas und Klo­nen als Hype-Tech­no­lo­gien der 2010er Jah­re nicht zu kurz. Rea­lis­ti­sche­rer Fan­ta­sy-Wel­ten­bau wäre eher ein Neben­ef­fekt der Lek­tü­re, ins­ge­samt geht des den Knoepf­lers wohl eher um die Auf­for­de­rung, mit zell­bio­lo­gi­schen Tech­ni­ken ver­ant­wor­tungs­voll umzugehen.

Dra­chen, äh, Dino­sau­ri­er, tauch­ten dann auch in der ers­ten Fol­ge der vier­ten Staf­fel von Star Trek: Stran­ge New Worlds (Para­mount+) auf. Ins­ge­samt habe ich die­se Fol­ge als Hom­mage an A Prin­cess of Mars und ähn­li­che Pulp-Geschich­ten gele­sen. Bonus: ein gigan­ti­sches Zeit­rei­se­pa­ra­dox. Weni­ger gut gefal­len hat mir die zwei­te Fol­ge der vier­ten Staf­fel – hier wird zum Stil­mit­tel „Body Hor­ror“ gegrif­fen. Das wird zwar gut umge­setzt, und genutzt, um die Psy­cho­lo­gie eini­ger Haupt­cha­rak­te­re aus­zu­lo­ten, aber ist ers­tens nicht mei­nes und führt zwei­tens für mei­nen Geschmack viel zu viel an Über­sinn­lich­keit in den Star-Trek-Kanon ein. Geis­ter? Wirklich?

„Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy im Juli 2026 (der Rest)“ weiterlesen

Science Fiction und Fantasy im Februar 2024

Hamburg XXXIII

Vor­teil an Pen­del­stre­cken: viel gele­sen krie­gen. Zuerst aber ein Blick auf sons­ti­ge Medi­en. Die Gra­phic Novel Unfol­low (2020) von Lukas Jüli­ger fand ich dann doch eher verstörend/irritierend. Aber viel­leicht sind auch Gra­phic Novels nicht so ganz mein Format.

Auf dem Bild­schirm gese­hen habe ich einen der Net­flix-Wes-Ander­son-Kurz­fil­me (nach Roald Dahl), sowas wie Wes Ander­son als Essenz. Hat was. Dann haben wir Tomor­row­land (2015) ange­schaut – ein biss­chen Gib­sons Gerns­back-Kon­ti­nu­um, ein biss­chen Wer­bung für Dis­neys Ver­gnü­gungs­park. Ins­ge­samt nicht so rich­tig überzeugend.

Wow-Effekt dafür bei der zwei­ten Staf­fel The Wit­cher (Net­flix), naja vor allem Auf­grund des har­ten Über­ra­schungs­mo­ments ganz am Schluss. Ansons­ten soli­de gemach­te Fantasy.

Gele­sen habe ich Veno­mous Lump­su­cker (2022) von Ned Beau­man – eine düs­te­re und böse Sati­re auf Zer­ti­fi­kats­han­del, Kapi­ta­lis­mus und liber­tä­re Sei­fen­bla­sen­träu­me. Ober­fläch­lich geht es in die­sem Buch um die Welt in ein paar Jahr­zehn­ten. Das Arten­ster­ben hat sol­che Aus­ma­ße ange­nom­men, dass sich rund um den Erhalt der letz­ten Arten und Öko­sys­te­me ein Wirt­schafts­zweig ent­wi­ckelt hat – mit han­del­ba­ren Schutz­rech­ten, mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­nen und kor­rup­ten Regi­men. Der (wenn ich das rich­tig sehe, fik­ti­ve) titel­ge­ben­de Lump­fisch steht in der Ost­see kurz vor dem Aus­ster­ben. Ent­spre­chend ist die Haupt­per­son, eine Bio­lo­gin, nicht gewillt, einem mul­ti­na­tio­na­len Kon­zern den Per­sil­schein für deren Abbau­rech­te im letz­ten Habi­tat die­ses Fisches zu geben. Dem Kon­zern gefällt das nicht, auch des­we­gen, weil da schon abge­baut wur­de – und über­haupt: im Zwei­fel gibt es ja Gen­ban­ken. Bis dann ein unvor­her­ge­se­he­nes Ereig­nis dazu führt, dass eine wil­de Jagd auf die letz­ten Lump­su­cker beginnt. Eine Jagd, die Beau­man für eine exzel­lent zuge­spitz­te Sati­re diver­ser Aus­wüch­se unse­rer Gegen­warts­ge­sell­schaft nutzt.

Nach­dem mir die­ses Buch sehr gut gefal­len hat, habe ich dann Beau­mans älte­res The Tele­por­ta­ti­on Acci­dent (2012) gele­sen, damit bin ich aller­dings nicht so rich­tig warm gewor­den, bzw. konn­te erst gegen Schluss des Buches was damit anfan­gen. Set­ting hier sind die 1930er Jah­re, Ber­lin, Paris, Los Ange­les, es geht um poli­tik-des­in­ter­es­sier­te Kunst, Bohe­me und Möch­te­gern-Bohe­me – und immer wie­der um Lust und Ver­lan­gen der männ­li­chen Haupt­per­son. Das Ende dage­gen hat Poten­zi­al, bzw. spielt mit Potenzialitäten.

Ganz was ande­res: Rebec­ca Camp­bells Band Arbo­rea­li­ty (2022) – ich wür­de das als mit­ein­an­der ver­schlun­ge­ne Vignet­ten aus einer Zukunft nach der Kli­ma­kri­se bezeich­nen, ver­or­tet zwi­schen Van­cou­ver und Seat­tle, zusam­men­ge­hal­ten durch Bäu­me (und durch Per­so­nen, die bzw. deren Kin­der und Enkel immer wie­der auf­tau­chen). Nicht auf­re­gend, ohne gro­ße Action, immer aus der indi­vi­du­el­len Per­spek­ti­ve, aber gera­de des­we­gen ein­drück­lich und lesenswert.

Von Mal­ka Older ist der zwei­te Band ihrer auf einem zur neu­en Hei­mat der von der Erde geflo­he­nen Mensch­heit gewor­de­nen „Steampunk“-Jupiter („Giant“) spie­len­den Detek­tiv­se­rie („cozy space ope­ra detec­ti­ve mys­tery“) erschie­nen, und The Impo­si­ti­on of Unneces­sa­ry Obs­ta­cles (2024) hat mich – viel­leicht weil ich das Set­ting schon kann­te – dann doch mehr abge­holt als der ers­te Band. Uni­ver­si­tä­ten und deren inter­ne Poli­tik spie­len eine Rol­le, und natür­lich die nicht ganz ein­fa­che Bezie­hung zwi­schen Mos­sa und Plei­ti, den bei­den Haupt­fi­gu­ren. Und Io kommt auch vor.

R.F. Kuangs Roman Babel (2022) war in den Schlag­zei­len, weil er vom Hugo-Preis­ver­lei­hungs­ko­mi­tee kur­zer­hand von der Short­list gestri­chen wur­de, wohl aus vor­aus­ei­len­der Angst vor mög­li­chen chi­ne­si­schen Zen­sur­ver­su­chen. Der Roman spielt zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts in einem bri­ti­schen Impe­ri­um, das auf lin­gu­is­ti­sche Magie setzt statt auf Koh­le. Genau­er gesagt: in der Über­set­zung in ihren Bedeu­tun­gen aus­ein­an­der­ge­hen­de Wort­paa­re, die in Sil­ber ein­gra­viert wer­den, ver­ur­sa­chen hier magi­sche Wir­kun­gen. Der Roman ist auch ein Roman über Über­set­zun­gen, vor allem aber einer über Kolo­nia­lis­mus (aus der Per­spek­ti­ve von „Robin Swift“, in Kan­ton auf­ge­wach­sen, dann nach Lon­don und schließ­lich nach Oxford gebracht, um die magi­sche Über­set­zungs­kunst zu erler­nen) und – bevor es in der Oxford-Vari­an­te der Zau­ber­schu­le all­zu gemüt­lich wird – über Klas­sen­kampf, Revo­lu­ti­on und die Fra­ge, wann Gewalt ein­ge­setzt wer­den darf und wann nicht. Ein­drucks­voll und zurecht ein Anwär­ter auf den Hugo.

Und noch­mal eine Vari­an­te des Zau­be­rei­schul-Motivs – dies­mal in James Isling­tons The Will of the Many (2023). Der Roman spielt in einem Pseu­do-Rom, mit einer rigi­den sozia­len Schich­tung, die dar­auf beruht, einen Teil des eige­nen Wil­lens wei­ter­zu­ge­ben. Wer an der Spit­ze der­ar­ti­ger Pyra­mi­den – Reli­gi­on, Mili­tär, Ver­wal­tungs­ap­pa­rat haben je ihre eige­nen – steht, wird zum Super­held. Und wer ganz unten steht, wird halb­tot nur als Wil­lens­lie­fe­rant am Leben erhal­ten. In die­sem Set­ting ist der Wai­se Vis unser Fokus­punkt – er wird adop­tiert und kommt als 17-jäh­ri­ger Spi­on in die hie­si­ge Vari­an­te der Eli­te-Zau­be­rei-Aka­de­mie, die durch har­te Aus­wahl und auf­fäl­lig vie­le töd­li­che Unglü­cke von sich reden macht. Wem er dort trau­en kann und wem nicht, wer wel­che Intri­gen spinnt und was echt ist, und was insze­niert – das zeigt sich erst im Lauf des Geschich­te. Und auch hier spielt Impe­ria­lis­mus eine Rol­le – Vis leb­te vor der Inva­si­on durch das Pseu­do-Rom in einem bis dato selbst­stän­di­gen Insel­kö­nig­reich. Teil der Aka­de­mie ist ein mys­te­riö­ses Laby­rinth. Ohne das Ende vor­weg­zu­neh­men: da ist dann auch noch­mal man­ches ganz ande­res, als es scheint. Inso­fern bin ich schon sehr auf den zwei­ten Band gespannt.