Als Soziologe sollten mir Klassen, Schichten und Milieus vertraut sein, von Marx über Bourdieus „feine Unterschiede“ bis zu Modellen wie den Sinus-Kartoffeln. Trotzdem eröffnen die Epstein-Files und die Debatten darum noch einmal einen ganz anderen Blick auf, nun ja, die Klassenlage unserer globalen Gegenwartsgesellschaft.
Die, in Ermangelung eines besseren Wortes, Elite scheint tatsächlich nach anderen Regeln zu leben. Dabei stehen nicht Geschmacksunterschiede im Vordergrund, es geht nicht um kulturelle Abgrenzung, sondern um ein feines Netzwerk gegenseitiger Gefälligkeiten innerhalb einer gar nicht so homogenen Ingroup.
Kapitalsorten im Bourdieuschen Sinne erweisen sich dabei in einem gewissen Maß als austauschbar, um Anschlussfähigkeit an dieses elitäre Geflecht herzustellen. Es sind eben nicht nur die „Tech Bros“ und sonstige Superreiche (ökonomisches Kapital), die in Epsteins Netz auftauchen, sondern ebenso Menschen, die für intellektuelle oder kulturelle Leistungen berühmt sind (da dürfte in den meisten Fällen dann eh ein Transfer kulturellen Kapitals in, platt gesagt, Geld stattgefunden haben), politische Figuren und der eine oder andere aufstrebende Techno-Magier.
Es würde zu kurz greifen, die globale Elite und das Epstein-Netzwerk gleichzusetzen. In zweierlei Hinsicht: wir sollten nicht vergessen, dass diese Akten öffentlich geworden sind, weil Epstein Verbrechen begangen hat, die vermutlich von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen bis zu Menschenhandel reichen. Der Anlass dafür, dass dieses ansonsten unterhalb der Stratosphäre unsichtbare Netzwerk sichtbar geworden ist, ist der Zufall der dann doch erfolgten Strafverfolgung. Unerwartet, weil diese Klasse sich als oberhalb staatlicher und gesetzlicher Gewalt gesehen hat.
Und jede weitere Verhaftung in der Folge, jeder Rücktritt und jede Konsequenz zeigt, dass es gar nicht so sein müsste, dass Regeln durchaus auch für Superreiche gelten könnten, egal, ob es um Steuern geht oder um Straftatbestände – und zeigt durch unsere Überraschung, durch unsere enttäuschten Erwartungen zugleich, wie außergewöhnlich es ist, in unserer Gesellschaft an „diese Menschen“ die gleichen Maßstäbe anzulegen wie an alle anderen.
Gleichzeitig, und das ist mein zweiter Punkt, glaube ich nicht, dass die globale Oberschicht und das Epstein-Geflecht identisch sind. Wir sehen einen durch Zufälle zu Tage getretenen Ausschnitt, aber vieles bleibt verborgen. Ich vermute, dass es viele weitere, sich überlappende Gefälligkeitsnetzwerke in dieser Stratosphäre gibt. Die müssen gar nicht auf Straftaten basieren; der ganz normale Jet-Set-Alltag reicht da schon aus. Ein Indiz: es tauchen erstaunlich wenig Namen aus Deutschland in den Epstein-Files auf. Und das, wo wir einen Kanzler haben, der gerne im Privatflugzeug unterwegs ist, Wirtschaftsbosse global agierender Unternehmen in Deutschlands medialer Öffentlichkeit genauso heimisch sind wie Schauspieler*innen oder Talkshow-Hosts.
Eine Klasse für sich, die gibt es hierzulande auch; und bei aller Provinzialität rühmt sie sich doch ihrer globalen Verbindungen. Insofern meine Vermutung, dass sich da oben weitere Geflechte formen, wachsen, miteinander interagieren usw.
Ist das ein Problem? Ja, und zwar ein gewaltiges, insofern es eben nicht um einen distinguierten Lebensstil geht, sondern letztlich um Macht und um eine Erschütterung des impliziten menschenrechtlichen Wertefundaments. Eine Oberschicht, für die ganz offenbar andere Regeln gelten, ist ein politisches Problem. Das gilt erst recht, wenn der US-Präsident neben vielem anderen diesen neuen Feudalismus verkörpert.
Und wenn man sich dann noch einige der Entwicklungen der letzten Dekaden anschaut: das Auseinanderklaffen der Vermögensentwicklung: die immer stärkere Konzentration gesellschaftlichen Reichtums; der wahrgenommene Verfall öffentlicher Infrastruktur; die Tatsache, dass viele Superreiche keine Steuern zahlen – und, nicht zuletzt, der um Größenordnungen höhere Beitrag des Jetsets zur Klimakrise: dann ist der jetzt enthüllts Blick auf das stratosphärische Netzwerk mehr als nur eine Beobachtung. Vielmehr kann dem die Kraft zukommen, Paradigmen zu verschieben. Da und dort wurden Vergleiche mit der Kluft zwischen Adel und dem dritten Stand kurz vor der französischen Revolution gezogen. Ob es soweit kommt – wer weiß?
Mindestens jedoch lässt sich eine Erschütterung in den Heldengeschichten feststellen. Und möglicherweise der genauere Blick darauf, für wen Tech-Milliardäre und andere Stratosphärenangehörige eigentlich sprechen, wenn sie das Wort ergreifen.

