Science Fiction und Fantasy im März 2026

Z. erin­ner­te mich dar­an, dass ich eigent­lich schon letz­ten Monat loben­de Wor­te über Chants of Sen­naar (2023, Run­disc) ver­lie­ren woll­te. Gekauft hat­te ich das in Frank­reich ent­wi­ckel­te Com­pu­ter­spiel wegen der – mich an Moe­bi­us und Ligne-clai­re-Comics erin­nern­den – Gra­fik. Es durch­zu­spie­len, war dann sehr viel ver­gnüg­li­cher als gedacht – die Haupt­per­son star­tet in einem in Gelb­tö­nen gehal­te­nen Tem­pel, muss ein paar ein­fa­che Puz­zle lösen, um Was­ser in die rich­ti­gen Kanä­le zu len­ken – um dann mit dem eigent­li­chen Inhalt des Spiels zu begin­nen, näm­lich dem Erler­nen ver­schie­de­ner Sprachen/Schriften. Dabei geht es um Begrif­fe und um eine ein­fa­che Gram­ma­tik. In den ver­schie­de­nen Leveln die­ses an den Turm von Babel erin­nern­den Bau­werks ändert sich die Farb­ge­bung und Ästhe­tik – und die recht rea­lis­tisch gestal­te­ten Sprach­sys­te­me. Unter­schied­li­che Level über­set­zend in Ver­bin­dung zu brin­gen, ver­än­dert den Turm selbst. Neben den Über­set­zungs­puz­zles gibt es in den ver­schie­de­nen Ebe­nen auch Auf­ga­ben, bei denen es not­wen­dig ist, bestimm­te Din­ge zu fin­den und anzu­wen­den, oder sich in einem bestimm­ten Rhyth­mus anzu­schlei­chen, um nicht gese­hen zu wer­den. Und am Schluss stellt sich her­aus, dass das Ende noch nicht das Ende ist, und die Auf­lö­sung des Geheim­nis­ses die­ses Turms kom­pli­zier­ter als gedacht ist. Wer Spaß an Logi­krät­seln und dem Erkun­den eines geheim­nis­vol­len Turms hat, dürf­te mit Chants of Sen­naar eini­ge unter­halt­sa­me Tage verbringen.

Sonst so: Von den rest­li­chen Fol­gen der ers­ten Staf­fel von Star Trek: Star­fleet Aca­de­my (Para­mount+) war ich sehr ange­tan; ein emo­tio­na­ler Abschluss der ers­ten Staf­fel. Und ja, wei­ter­hin Coming of Age und High­school in Space – und das Pro­blem über­gro­ßer Geg­ner samt Boss­kampf am Staf­fel­en­de, wie bei eini­gen der neue­ren Star-Trek-Pro­duk­tio­nen. Trotz­dem: Sci­ence Fic­tion wird hier sehr gut genutzt, um eine Geschich­te über Kon­flik­te und deren (diplo­ma­ti­sche) Lösung zu erzäh­len, und das in berüh­ren­der Form. Nach anfäng­li­chem Frem­deln mit dem Set­ting bin ich nun gespannt, wie es in der zwei­ten Staf­fel wei­ter­geht. Eine drit­te Staf­fel hat Para­mount+ lei­der gecan­celt – was dazu führt, dass es 2027 dann zum ers­ten Mal kei­ne Neu­ent­wick­lun­gen im Seri­en­un­ver­si­um gibt, und was die Fra­ge auf­wirft, ob’s an dem zu gerin­gen Publi­kums­zu­spruch lag oder ob wir hier ers­te Effek­te davon sehen, dass Para­mount+ jetzt zum Medi­en­im­pe­ri­um der Elli­son-Fami­lie aus dem Trump-Umfeld gehört. Eine schon in den 1960ern „woke“ Serie, bei der eine hip­pies­ke Schul­lei­te­rin zeigt, dass man­ches auch ohne Waf­fen­ge­walt geht – mög­li­cher­wei­se pass­te das nicht mehr ins Port­fo­lio. Was dann eben­so mög­li­cher­wei­se kein Ein­zel­fall ist und für die media­le Öffent­lich­keit auch „nach Trump“ nichts Gutes verheißt. 

Ansons­ten haben wir die drit­te Staf­fel der wei­ter­hin unter­halt­sa­men ame­ri­ka­ni­schen Ghosts-Vari­an­te (Net­flix) zu Ende geschaut (und uns gewun­dert, dass die Staf­feln 4 und 5 nicht auf Net­flix zu fin­den sind, son­dern nur anders­wo – Strea­ming war auch schon mal einfacher). 

Und ich bin ganz ange­tan von der fünf­ten Staf­fel von For All Man­kind (Apple), die gera­de ange­lau­fen ist – und mehr oder weni­ger ges­tern spielt, also in einem alter­na­tiv­ge­schicht­li­chen Jahr 2012 (huch: das ist „in echt“ auch schon wie­der ganz schön lan­ge her …). Wie rea­le Ereig­nis­se und die Film­ge­schich­te ver­mischt wer­den, und wie ein Jahr 2012 aus­sieht, dass unse­rem 2012 in eini­gen Punk­ten tech­nisch weit vor­aus ist (Raum­fahrt, fort­ge­schrit­te­ne Mars-Besied­lung, Video­kon­fe­ren­zen), poli­tisch (und pop­kul­tu­rell) aber auch nicht bes­ser dran ist – das ist auch in der fünf­ten Staf­fel, der ers­ten Fol­ge nach zu urtei­len, gut gelun­gen. Eben­so hat mir gefal­len, dass die Cha­rak­te­re, die aus den vor­he­ri­gen Staf­feln bekannt sind und wei­ter mit­spie­len, nun recht rea­lis­tisch geal­tert gezeigt wer­den. Auch dies­be­züg­lich ist sich die Serie in ihrem Rea­lis­mus treu geblieben.

Damit zu den Büchern. Über Hope­land (2023) von Ian McDo­nald habe ich schon sepa­rat etwas geschrie­ben.

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Science Fiction und Fantasy im Frühjahr 2022, Teil II

Miri im Regal

Nach­dem ich vor ein paar Tagen etwas zu den Fil­men und Seri­en geschrie­ben habe, die ich in die­sem Früh­jahr ange­schaut habe, nun zur (digi­tal) gedruck­ten Literatur.

Ich fan­ge „meta“ an – mit zwei Büchern, die sich auf unter­schied­li­chen Enden der Kom­ple­xi­täts­ska­la mit SF als Lite­ra­tur­gen­re aus­ein­an­der­set­zen. Das ist zum einen der im Ori­gi­nal fran­zö­si­sche Comic Die Geschich­te der Sci­ence-Fic­tion (2021) von Xavier Dol­lo und Dji­bril Moris­se­te-Phan. Nett, auch die Idee, Autor*innen und deren erfun­den­de Wel­ten als Teil der Lehr­ge­schich­te auf­tau­chen zu las­sen – aber irgend­wie wur­de mir nicht so ganz klar, an wen sich das rich­tet. Für eine tie­fer­ge­hen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschich­te der SF ist’s dann doch zu ober­fläch­lich, zudem sind sei­ten­lan­ge in Groß­buch­sta­ben ver­fass­te Info­bo­xen eher nicht so pri­ckelnd. Einer gan­zen Rei­he der Buch‑, Film- und Comic­emp­feh­lun­gen, die am Rand des Comics emp­foh­len wer­den, bezie­hen sich auf die fran­zö­si­sche Gen­re­ge­schich­te und sind hier nicht erhält­lich. Wer noch nichts über die Geschich­te der Sci­ence Fic­tion als Gen­re weiß, wird durch die­ses Buch eher ver­wirrt – wer sich schon damit aus­kennt, wird rela­tiv bald unge­dul­dig. Viel­leicht wäre das gan­ze als inter­ak­ti­ve Web­site inter­es­san­ter als als gedruck­tes Buch. 

Am ande­ren Ende der Kom­ple­xi­täts­ska­la liegt Diet­mar Daths Nie­ge­schich­te. Sci­ence Fic­tion als Kunst- und Denk­ma­schi­ne (2019). Auf fast tau­send Sei­ten ent­wi­ckelt Dath – der ja auch selbst Autor im Gen­re ist – eine an Bei­spie­len und bio­gra­fisch-poli­tisch Exkur­sen rei­che Ana­ly­se der Funk­ti­on von Sci­ence Fic­tion, die auch für Genrekenner*innen noch Ent­de­ckun­gen bereit hält. Das ist aller­dings ein Werk, das stu­diert wer­den muss. Ins­be­son­de­re die zugrun­de­lie­gen­de Theo­rie, die im Begriff des alge­bra­ischen „Auf­he­bungs­funk­tors“ und der „Neg­in­duk­ti­on“ mün­det, stellt Grau­brot oder schlim­me­res dar, und muss erst ein­mal durch­dacht wer­den, um die rest­li­chen 900 Sei­ten mit Genuss und Erkennt­nis­ge­winn zu lesen. Deut­lich wird jeden­falls die Ein­bet­tung der SF-Kunst­pro­duk­ti­on in ihre jewei­li­gen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se – und deut­lich wird auch, dass das in Geschich­ten gepack­te Nach­den­ken dar­über, wie der Lauf der Din­ge wäre, eigent­lich nie unpo­li­tisch ist, und trotz­dem nicht ein­fach nur ein Werk­zeug ist, son­dern einen eige­nen lite­ra­ri­schen Anspruch entwickelt.

Soweit zum Lesen von Tex­ten über Sci­ence Fic­tion – jetzt zur SF selbst.

Von dem nige­ria­nisch-bri­ti­schen Autor Tade Thomp­son habe ich Rose­wa­ter (2016) gele­sen – ein gar nicht so ein­fach auf einen Punkt zu brin­gen­der Roman aus den 2050er/20260er Jah­ren. Er spielt weit­ge­hend in Nige­ria, an einem Ort namens Rose­wa­ter, der durch eine gigan­ti­sche, undurch­dring­li­che Kup­pel gekenn­zeich­net ist, die das Ali­en Worm­wood errich­tet hat. Die Haupt­per­son, Kaa­ro, ist/war Spe­zi­al­agent mit psy­chi­schen Fähig­kei­ten – und soll nun her­aus­fin­den, war­um „Sen­si­ti­ve“ wie er plötz­lich erkran­ken und ster­ben. Neben der durch­aus packen­den (und mei­nes Erach­tens gut ver­film­ba­ren) Hand­lung kann der Roman auch als Aus­ein­an­der­set­zung mit Hybri­di­sie­rung und lokaler/globaler Kul­tur in Nige­ria gele­sen werden.

Auf Up against it (2011) von Lau­ra Mixon bin ich gesto­ßen, weil Cory Doc­to­row über die jetzt erschie­ne­ne Neu­auf­la­ge get­wit­tert hat. Und hey – es ist extrem bedau­er­lich, Mixon und ihr Buch erst jetzt ent­deckt zu haben. Mich erin­ner­te das Set­ting etwas an The Expan­se (der ers­te Band davon ist eben­falls 2011 erschie­nen), ins­be­son­de­re mit Blick auf die Kon­flik­te zwi­schen Erde und Astro­iden-Sied­lung, letz­te­re der Ort der Hand­lung. Zugleich ist Mixon eine wür­di­ge Nach­fol­ge­rung der cyber­pun­ki­gen Spiel­art der Space Ope­ra (ich den­ke da an Bruce Ster­lings Schis­ma­trix [das Mixon die Idee eines Viri­di­an Move­ments von ihm über­nom­men hat, spricht für sich und für sie] oder die Welt­raum-Bücher von Micha­el Swan­wick), und auch der eine oder ande­re Bezug zu Snow Crash von Neal Ste­phen­son lie­ße sich her­stel­len. Die inein­an­der ver­schränk­ten Fokus­punk­te, die Mixon benutzt, sind zum einen der Blick von Geoff, einem Teen­ager, der lie­ber (Nano-)Dinge zusam­men­hackt, als etwas sinn­vol­les zu tun, und der der Admi­nis­tra­to­rin Jane, die das Wohl­erge­hen der gan­zen Kolo­nie vor Augen hat, und gleich­zei­tig in Macht­spie­len gefan­gen ist. Geoffs Bru­der kommt ums Leben – was erst wie ein Unfall aus­sieht, ist ein Mord – und nur der Beginn einer Ent­wick­lung, die ganz Pho­caea in Gefahr brin­gen kann. Mir hat’s sehr gut gefallen.

Eben­falls Space Ope­ra, aber ganz anders gear­tet, sind eini­ge der Kurz­ge­schich­ten und Novel­len von Ali­et­te de Bodard, die ich erst jetzt für mich ent­deckt habe. Wäh­rend ich mit der Urban Fan­ta­sy Of Dra­gons, Feasts and Mur­ders (2020) nicht viel anfan­gen konn­te, viel­leicht auch, weil ich mich in die S/M‑Beziehung zwi­schen den bei­den Haupt­per­so­nen nicht so rich­tig ein­füh­len konn­te, bin ich an ihren Xuya-Uni­ver­se-Geschich­ten hän­gen geblie­ben. Im ein­zel­nen sind das die Novel­len On a Red Sta­ti­on, Drif­ting [2012], The Cita­del of Wee­ping Pearls [2015], The Tea Mas­ter and the Detec­ti­ve [2018] und Seven of Infi­ni­ties [2020] sowie diver­se Kurz­ge­schich­ten. Die gemein­sa­me Welt (zum Teil tau­chen auch Per­so­nen aus der einen Novel­le im Hin­ter­grund der ande­ren auf) ist ein viet­na­me­sisch gepräg­tes Welt­raum­im­pe­ri­um. Wer­te wie die Ach­tung der Fami­lie und eine strik­te Hier­ar­chie zie­hen sich hier eben­so durch wie AIs, die auf Har­mo­nie­leh­ren auf­bau­en, über­licht­schnel­le Schif­fe steu­ern und Raum­sta­tio­nen kon­trol­lie­ren oder Memo­ry­chips, die den Rat der ver­stor­be­nen Älte­ren immer parat hal­ten – kom­bi­niert mit quee­ren Roman­zen, Kri­mi­nal­fäl­len und Sozi­al­stu­di­en. Eine lesens­wer­te und zu recht mehr­fach preis­ge­krön­te Mischung.

Adri­an Tchai­kovs­kys Elder Race (2021) wirkt erst ein­mal wie Fan­ta­sy – es gibt eine Köni­gin und mit­ein­an­der im Krieg lie­gen­de König­rei­che, es gibt Gerüch­te über Magie und dunk­le Dämo­nen, und auf dem Berg in einem Turm lebt ein Zau­be­rer. Rela­tiv bald ist klar, dass der ein Anthro­po­lo­ge ist (des­we­gen auch die Ver­glei­che mit Le Guin in den Buch­be­spre­chun­gen; ganz die­sen Sta­tus erreicht das Buch mei­ner Mei­nung nach aber nicht), dass es hier um eine ver­ges­se­ne Kolo­nie geht, und dass das, was wie Magie aus­sieht, eigent­lich Tech­no­lo­gie ist. Inter­es­sant wird das Buch durch die dop­pel­te Per­spek­ti­ve – mit Lynes­se sind wir in einem Aben­teu­er­ro­man, mit Nyr in einer Lost-Colo­ny-Geschich­te, und das wech­selt von Kapi­tel zu Kapi­tel, bis die Per­spek­ti­ven begin­nen, sich zu schneiden.

Defi­ni­tiv kei­ne Sci­ence Fic­tion ist dage­gen Fran­ce­s­ca Mays Wild and Wicked Things (2022) – Eng­land nach dem ers­ten Welt­krieg, es gibt Magie, die aller­dings nach dem Ein­satz im Krieg ver­bo­ten und ver­pönt ist. Annie Mason kommt nach Crow Island, um das Erbe ihres Vaters anzu­tre­ten und den Kon­takt zu ihrer Freun­din Bea­tri­ce wie­der her­zu­stel­len. Es gibt Gerüch­te dar­über, dass Magie auf Crow Island gelebt wird – ins­be­son­de­re die Par­tys im Delacroix-Haus sind berüch­tigt. Annie fühlt sich zu Emmel­ine Delacroix hin­ge­zo­gen – und gerät immer tie­fer in die Welt der Magie, die ihre Kos­ten hat. Das Buch ist fes­selnd geschrie­ben und bringt das Zeit­ge­fühl die­ser Zwi­schen­kriegs­zeit sehr gut rüber; in gewis­ser Wei­se muss­te ich daher beim Lesen an Vogts Anar­chie Déco den­ken – bei­den Büchern gemein­sam ist die unge­fäh­re Epo­che, eine que­e­re Lie­bes­ge­schich­te und eben eine Alter­na­tiv­welt­ge­schich­te, in der es Magie gibt – aber so rich­tig leben­dig wird all das für mich bei May und nicht bei den Vogts. 

Nicht wirk­lich emp­feh­len möch­te ich am Schluss Kame­ron Hur­leys Empire Ascen­dant (2015), den zwei­ten Teil ihrer World­brea­k­er-Geschich­te. Ich muss­te mich eher durch­ar­bei­ten, die Viel­zahl an Per­spek­ti­ven mit jeweils unter­schied­li­chen Kon­ven­tio­nen lässt den Über­blick schnell ver­mis­sen. Wer epi­sche Fan­ta­sy – hier ver­mischt mit Par­al­lel­wel­ten – mag, wird eini­ges an Empire Ascen­dant span­nend fin­den, mir war das zu voll­ge­packt, und teil­wei­se auch zu grau­sam. Band 2 gele­sen habe ich vor allem, weil ich am Schluss von Band 1 wis­sen woll­te, wie es wei­ter­geht.. Teil 3 wer­de ich aber erst mal nicht lesen.