Aufschrieb zur Metropolcon 2026

Das ers­te Mal bei einer „Con“ war ich vor zwei Jah­ren. Das war dann gleich die rie­si­ge World­Con in Glas­gow, also das welt­wei­te Tref­fen der Sci­ence-Fic­tion- und Fan­ta­sy-Fans. Dort wur­de dafür gewor­ben, dass 2026 in Ber­lin die „Euro­Con“ statt­fin­den wer­de. Das klang inter­es­sant und geo­gra­fisch deut­lich bes­ser erreich­bar als zum Bei­spiel Seat­tle (World­Con 2025), so dass ich mich direkt mal anmel­de­te. Jetzt, im Juli 2026, mani­fes­tier­te sich die Metropolcon/EuroCon dann tat­säch­lich in Ber­lin, und mit meh­re­ren hun­dert, man­che sagen auch: knapp tau­send, ande­ren SF-Fans besuch­te ich sie. 

Heim­li­ches Mot­to „Ever­y­thing is run­ning smooth­ly“ – die Organisator*innen hat­ten ein gut gefüll­tes Pro­gramm zusam­men­ge­stellt, mit einem Mix aus deutsch­spra­chi­gen und eng­lisch­spra­chi­gen Panels. Die bei­den lite­ra­ri­schen Ehren­gäs­te, Aiki Mira und Becky Cham­bers, waren eben­falls eine sehr gute Wahl. In gewis­ser Wei­se ste­hen bei­de für den Grund­ton die­ser Metro­pol­con; viel­leicht liegt’s aber auch nur an den Panels und Ver­an­stal­tun­gen, die ich besucht habe. Aiki Mira schreibt Roma­ne und Kurz­ge­schich­ten, hat für meh­re­re davon Prei­se aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence-Fic­tion bekom­men. In Neon­grau ent­wi­ckelt sie bei­spiels­wei­se den Cyber­punk zeit­ge­nös­sisch wei­ter und sie­delt ihn in einem von Kli­ma­wan­del, AI und sozia­len Medi­en ver­än­der­ten, aber wie­der erkenn­ba­ren Ham­burg an. Becky Cham­bers ist sowohl für ihre Way­fa­rer-Serie bekannt, in der es um ganz gewöhn­li­che Men­schen am Ran­de eines galak­ti­schen Gemein­we­sens geht, als auch für die bei­den Monk-and-Robot-Bücher, Medi­ta­tio­nen über das Wesen des Menschen. 

Wie lässt sich Cyber­punk aus­brei­ten, in einer Zeit, in der „Tech­bros“ sich als größ­te Fans und Agen­ten die­ser Dys­to­pie outen? Was hat es mit ambi­ent que­er­ness auf sich, oder, wei­ter­ge­dacht, mit ambi­ent uto­pi­as, also mit dem Ver­such, Uto­pien zu erzäh­len, ohne die (lang­wei­li­ge) Uto­pie in den Mit­tel­punkt der Geschich­te zu stel­len? Und wie passt – bei Cham­bers – eine gewalt­freie Sicht auf die Welt und eine Begeis­te­rung für unse­re bio­lo­gi­sche Mit­welt zu den Erfor­der­nis­sen von Plot und Story? 

Das sind nur eini­ge der Fra­gen, die ver­tieft bespro­chen wur­den, und die mir in abge­wan­del­ter Form auch in ande­ren Panels wie­der begeg­ne­ten, etwa bei den bei­den Dis­kus­si­ons­run­den des Car­co­sa-Ver­lags zu Kim Stan­ley Robin­son und zu Ursu­la K. Le Guin. Stan­ley Robin­sons Green Earth kommt nach zehn Jah­ren in einer deut­schen Über­set­zung neu her­aus. Er selbst war per Video­schal­te aus Kali­for­ni­en zuge­schal­tet und beant­wor­te­te mun­ter Fra­gen zum Stand des Kli­ma­schut­zes und der Lie­be zu Land­schaf­ten, zu sei­ner Dar­stel­lung von Wissenschaftler*innen – hier berich­te­te er, dass er auf ganz nahe Beob­ach­tun­gen zurück­grei­fen konn­te, da sei­ne Frau lan­ge für eine natio­na­le Ein­rich­tung als Wis­sen­schaft­le­rin gear­bei­tet hat – und zur depri­mie­ren­den poli­ti­schen Lage in den USA. Im Panel zu Ursu­la K. Le Guin gab Karen Nöl­le Ein­bli­cke in die Pra­xis der Über­set­zung und Han­nes Rif­fel schil­der­te, wie er von The Dis­pos­se­sed zur Sci­ence Fic­tion und letzt­lich zu Car­co­sa kam. Und auch hier: nicht die gro­ßen Held*innen, son­dern die in der Rei­se­ta­sche mit­ge­schlepp­ten uto­pi­schen Ver­satz­stü­cke, die zusam­men dann eine Geschich­te erge­ben, die Mög­lich­keits­räu­me aufmacht. 

Aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence Fic­tion bleibt mir Nils Wes­ter­boer in Erin­ne­rung – nicht nur als dies­jäh­ri­ger Kurt-Laß­witz-Preis­trä­ger, son­dern auch mit einer sze­ni­schen Lesung aus sei­nem Meis­ter­werk Lyne­ham (das nicht ganz geglück­te Ter­ra­forming von Perm aus Per­spek­ti­ve a. der Kin­der und b. der psy­cho­lo­gisch wie zeit­lich weit ent­fern­ten Mut­ter) und mit einem ers­ten Teaser zur Ver­fil­mung von Athos 2643, die nächs­tes Jahr ins Kino kom­men soll. Die ers­ten Bil­der gaben die Atmo­sphä­re des Buchs gut wie­der, und auch Ver­glei­che mit dem Namen der Rose (nur im Welt­raum) dürf­ten nicht zu weit her­ge­holt sein. 

Im Übri­gen gab es meist zeit­gleich mehr als ein Panel, das ich unbe­dingt sehen woll­te. Auch das macht eine gute Con aus, den­ke ich. Und nicht alles war Podi­ums­dis­kus­si­on – Kon­zer­te am Abend, die von Klas­sik (zu Ray Brad­buy) bis zu den „Gam­ma Rats“ mit cyber­punk-inspi­rier­tem 8‑Bit-Rock reich­ten; die Dis­co, zu der nicht John Scal­zi auf­leg­te; rumä­ni­sche SF-Kurz­fil­me samt der Wahr­heit über die Mond­lan­dung und Kaf­fee­klatsch ohne Kaf­fee, aber mit Autor*innen wie Charles Stross im direk­ten Aus­tausch. Oder auch eine Run­de „Turf“ rund um den Ver­an­stal­tungs­ort – all das run­de­te das Pro­gramm ab. Signiert wur­de natür­lich auch, und wer woll­te, konn­te sehr vie­le Bücher und diver­ses SF- und Fan­ta­sy-bezo­ge­ne Krims­krams erwer­ben, tie­fer in Schreib­tech­nik- und Ver­öf­fent­li­chungs­fra­gen ein­tau­chen oder sich in die mehr­stün­di­ge, aber straff gelei­te­te Mit­glie­der­ver­samm­lung des SCFD setzen.

Apro­pos Ver­an­stal­tungs­ort: das silent green in Ber­lin pass­te gan­ze her­vor­ra­gend zu die­ser Euro­Con. Ein Kre­ma­to­ri­um, Anfang des 20. Jahr­hun­derts eröff­net, in den 1990er Jah­ren um eine unter­ir­di­sche Lei­chen­hal­le erwei­tert, 2002 geschlos­sen und zum Kul­tur­quar­tier umge­baut: das wirkt erst ein­mal irri­tie­rend. Aber sowohl der his­to­ri­sche Kup­pel­saal als auch die eher bru­ta­lis­tisch wir­ken­den unter­ir­di­schen Tei­le des Ver­an­stal­tungs­or­tes har­mo­ni­sier­ten mit den The­men der Con. 

Hoffnung am Ende der Welt

SEC, Glasgow - II

Die Welt drau­ßen ist mal wie­der ziem­lich am Ende. Zeit­ge­nös­si­sche Sci­ence Fic­tion reagiert dar­auf auf drei Arten: sie setzt sich ers­tens direkt damit aus­ein­an­der – da sind wir dann bei „Cli­Fi“, Cli­ma­te Fic­tion und Ver­wand­tem, sei es Kim Stan­ley Robin­son, sei es T.C. Boyle, sei es mit ande­rer Per­spek­ti­ve Neal Ste­phen­son. Oder bei Wer­ken, die ande­re Pro­ble­me, die wir gera­de haben, direkt lite­ra­risch ver­ar­bei­ten. Aus­gren­zung und Inklu­si­on beispielsweise. 

Die zwei­te Reak­ti­on ist Eska­pis­mus. Das muss nichts schlech­tes sein. Sci­ence Fic­tion lan­det dann bei­spiel­wei­se bei der neus­ten Form der Space Ope­ra. Einen sehr guten Über­blick dar­über, was da alles drun­ter passt, gibt Jona­than Stra­han in sei­ner gera­de erschie­ne­nen Antho­lo­gie New Adven­tures in Space Ope­ra. Mit Nor­man Spin­rad spricht er davon, dass es sich bei Space Ope­ra nach wie vor um „straight fan­ta­sy in sci­ence fic­tion drag“ han­delt. Das gilt auch für das, was in den 2020er Jah­ren pas­siert, nach dem Höhe­punkt der „new space ope­ra“. Nur dass die­se Tex­te diver­ser und mul­ti­per­spek­ti­vi­scher sind, und sich kri­ti­scher mit den Poli­ti­ken und Macht­ver­hält­nis­sen in den jeweils ima­gi­nier­ten Wel­ten aus­ein­an­der­set­zen, als dies davor der Fall war. 

Drit­tens, und damit sind wir beim The­ma die­ses Tex­tes, erschei­nen eine Viel­zahl von Geschich­ten und Büchern, die irgend­wo zwi­schen „cozy“, Hope­punk und Solar­punk ein­sor­tiert wer­den kön­nen. Obwohl es Über­schnei­dun­gen gibt, ist Solar­punk doch noch ein­mal etwas ande­res als Cli­ma­te Fic­tion, und ist „cozy“ SF&F nicht iden­tisch mit der 2020er-Fas­sung von Space Ope­ra. Wir kom­men gleich zu Defi­ni­tio­nen – hier sei aller­dings schon ein­mal gesagt, dass die­se Grenz­zie­hun­gen weni­ger hart sind, als sie manch­mal erschei­nen, und teil­wei­se noch im Ent­ste­hen befind­lich sind. Mir geht es vor allem dar­um, einen Blick auf etwas zu wer­fen, was ich als aktu­el­len Trend in Sci­ence Fic­tion (und ein­ge­schränkt: Fan­ta­sy) wahrnehme.

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SF im Herbst und Winter 2022

In Kür­ze dann also Weih­nachts­fe­ri­en – ein guter Zeit­punkt, um noch­mal drauf zu gucken, was ich seit dem letz­ten Post aus die­ser Rei­he gele­sen (und ange­schaut) habe. 

Ange­schaut eigent­lich vor allem zwei Seri­en: Die Rin­ge der Macht, also die – naja – Ver­fil­mung von Tol­ki­ens Sil­ma­ril­li­on. Mir hat das ganz gut gefal­len, gab aber wohl auch ganz ande­re Reak­tio­nen dar­auf. Und Baby­lon 5dazu hat­te ich ja schon aus­führ­lich geschrie­ben. Inzwi­schen bin ich gut eine Staf­fel wei­ter, die Geschich­te hat meh­re­re uner­war­te­te Wen­dun­gen genom­men, sich für eine Serie aus den 1990er Jah­ren aber erstaun­lich gut gehal­ten. Falls jemand zwi­schen den Jah­ren nichts vor hat …

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SF im Sommer 2022

Almost there

Der Som­mer ist zwar noch nicht zu Ende – hier in Baden-Würt­tem­berg haben die Som­mer­fe­ri­en gera­de erst vor ein paar Tagen ange­fan­gen – aber den­noch haben sich bereits eine gan­ze Rei­he von gele­se­nen und ange­schau­ten Wer­ken der SF ange­sam­melt, auf die ich ger­ne hin­wei­sen möchte.

Audio­vi­su­ell: ich höre ja kei­ne Pod­casts, habe aber fest­ge­stellt, dass es im SF-Fan-Bereich eini­ges gibt (Geek’s Gui­de to the Gala­xy, Retro Rocket, …) – mal sehen, viel­leicht wird da doch noch das eine oder ande­re regel­mä­ßig gehör­te For­mat dar­aus. Wobei ich auch immer wie­der fest­stel­le, dass das typi­sche Pod­cast-For­mat „Zwei Leu­te reden“ nicht unbe­dingt meins ist. Eine Per­son, die mit wenig drum­her­um – und ohne Radio­fea­ture­per­fek­ti­on – etwas erzählt, gefällt mir meist bes­ser. Falls da irgend­wer Emp­feh­lun­gen im SF-Bereich hat, ger­ne her damit.

Noch ein Abo­ser­vice, Apple TV, dann läuft’s noch nicht mal auf dem gro­ßen Bild­schirm. Trotz­dem hat mir die Serie For All Man­kind (2019 ff.) bis dato gut gefal­len; ich bin jetzt etwa bei der Hälf­te der 2. Staf­fel. Die ers­te Staf­fel erin­ner­te da und dort stark an Mary Robi­net­te Kowal Lady-Astro­naut-Rei­he. Wir star­ten in den 1960ern, im Unter­schied zur rea­len Geschich­te set­zen hier die Sowjets den ers­ten Fuß auf den Mond. Dar­aus ent­wi­ckelt sich ein space race, dass viel mäch­ti­ger wird, als es in unse­rer Welt je war, mit Mond­ba­sis und Plä­nen für den Mars. Die­ses Ren­nen um die „Erobe­rung“ des Welt­alls – als har­te, rea­lis­ti­sche SF gezeigt – bie­tet jedoch nur den Hin­ter­grund für die Lebens­ge­schich­ten von fünf, sechs oder sie­ben Personen/Familien mit allen Dys­funk­tio­na­li­tä­ten und Pro­ble­men. Neben einem Hauch Dallas/Denver Clan kommt viel Poli­tik und Zeit­ge­schich­te vor – Eman­zi­pa­ti­on, Ras­sis­mus, eine aus begrün­de­ter Angst nur im ver­bor­ge­nen statt­fin­den­de les­bi­sche Lie­bes­ge­schich­te usw. Die ers­te Staf­fel spielt in den spä­ten 1960ern/frühen 1970ern vor dem Hin­ter­grund des Viet­nam-Kriegs, die zwei­te dann Mitte/Ende der 1980er Jah­re, mit einer ent­spre­chend ange­pass­ten Ästhe­tik und – dank einer guten Mas­ke – rea­lis­tisch geal­ter­ten Figu­ren sowie nach und nach immer mehr Abwei­chun­gen von unse­rer Zeit­li­nie (klar, dass der Fokus auf den Welt­raum auch in ande­re Berei­che ausstrahlt).

Ganz anders die SF-Komö­die Big­Bug (2022) – ein Film von Jean-Pierre Jeu­net, der mit Die fabel­haf­te Welt der Amé­lie bekannt wur­de. Statt in eine ver­klär­te fran­zö­si­sche Ver­gan­gen­heit geht es hier in eine absurd über­dreh­te Zukunft, in der Robo­ter und Andro­ide für die durch­ge­styl­te Klein­fa­mi­lie min­des­tens so wich­tig sind wie flie­gen­de Autos und voll­au­to­ma­ti­sier­te Ein­fa­mi­li­en­häus­chen. Wer eine ernst­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung mit KI oder ähn­li­chem erwar­tet, ist hier fehl am Platz; wer sich auf bun­te Kos­tü­me, absur­de Cha­rak­te­re und einen immer wil­der wer­den­den Plot ein­las­sen kann, wird sich vergnügen.

Wie­der gele­sen habe ich Samu­el Delanys Babel 17 (1966), nach­dem ich zufäl­lig – auf Twit­ter, wo auch sonst – auf eine Rezen­si­on von Jo Walt­on aus dem Jahr 2009 gesto­ßen bin, in der sie her­vor­hebt, wie modern die­ser Roman ist – mit einer weib­li­chen Haupt­per­son, einem gegen die Gewohn­hei­ten der Mili­ta­ry SF rea­lis­tisch gezeich­ne­ten Krieg zwi­schen zwei Mäch­ten, vie­len Ideen über den Zusam­men­hang zwi­schen Spra­che, Erkennt­nis und Pro­gram­mie­rung, lin­gu­is­ti­schen Expe­ri­men­ten, Drei­er-Lie­bes­be­zie­hun­gen als ein stan­dard­mä­ßig not­wen­di­ger Bestand­teil von Raum­schiff­be­sat­zun­gen und der­glei­chen mehr. Für heu­ti­ge Ver­hält­nis­se ein dün­nes, schnell gele­se­nes Buch, das völ­lig zu recht wei­ter erhält­lich ist. Und ein Anlass, über die Pen­del­be­we­gung der Geschich­te und nie enden­de Kämp­fe um gesell­schaft­li­chen Fort­schritt nachzudenken.

Eben­falls lei­der nur ein dün­nes Buch, aber dafür sehr gegen­wär­tig, ist Becky Cham­bers A Pray­er for the Crown-Shy (2022). Der Titel bedarf viel­leicht einer Erläu­te­rung – kro­nen­scheu bezieht sich hier auf die Bäu­me, die neben­ein­an­der wach­sen, sich aber nie berüh­ren. Das Buch ist der zwei­te Band ihrer Monk-and-Robot-Rei­he. Wäh­rend im ers­ten Teil Dex in die Wild­nis gegan­gen ist und dort dem Robo­ter Mos­scap begeg­ne­te – einem Über­bleib­sel einer ver­ges­se­nen indus­tri­el­len Zeit die­ser post­in­dus­tri­el­len Zivi­li­sa­ti­on -, geht es nun den ande­ren Weg: Dex wird zu Mos­scaps Reiseleiter*in/Weggefährt*in/Anthropolog*in auf dem Weg durch Pan­ga. Die­ser Kunst­griff im Sin­ne Gar­fin­kels ermög­licht es Cham­bers, uns zu zei­gen, wie Pan­ga – viel­leicht eine Uto­pie? – funk­tio­niert und wie die Men­schen hier in Gemein­schaf­ten leben. Viel pas­siert in die­sem Buch nicht. Dex und Mos­scap rei­sen durch eini­ge Orte, reden mit­ein­an­der, phi­lo­so­phie­ren. Und trotz­dem oder genau des­we­gen ist die­ses ent­spann­te Buch genau das rich­ti­ge für unse­re sehr gegen­tei­li­ge Zeit.

The­ma­tisch ein biss­chen ähn­lich – aber viel action­rei­cher – ist Osmo Unknown and the Eight­pen­ny Woods (2022) von Catheryn­ne Valen­te, ein sehr schön geschrie­be­nes Jugend­buch. Die Rei­se­grup­pe besteht hier aus dem Teen­ager Osmo Unknown aus einem welt­ab­ge­schie­de­nen Dorf sowie aus einem unhöf­li­chen Dachs und dem men­schen­scheu­en Pan­go­lin-Mäd­chen Never aus dem Wald. Nach einem schreck­li­chen Ereig­nis müs­sen die drei die Unter­welt der Eight­pen­ny Woods fin­den – und am Schluss her­aus­fin­den, was es mit der Hoch­zeit von Wald und Tal auf sich hat. Sti­lis­tisch ähnelt das Buch den Fairy­land-Büchern von Valen­te mit sur­rea­len Ele­men­ten, die in der Logik der Geschich­te aber voll­kom­men not­wen­dig sind. Mit A Pray­er for the Crown-Shy hat die Ent­ste­hungs­ge­schich­te, wäh­rend der Pan­de­mie geschrie­ben wor­den zu sein, gemein­sam – und viel­leicht des­we­gen den uto­pi­schen Unter­ton, die Fra­ge nach dem Glau­ben an eine soli­da­ri­sche Menschheit. 

Last Exit (2022) von Max Glad­stone ist auf den ers­ten Blick eine typi­sche ame­ri­ka­ni­sche Fan­ta­sy-Road-Saga im Stil von Ame­ri­can Gods, auch wenn die Stra­ße hier und dort durch düs­te­re Schre­ckens­wel­ten statt durch Wüs­ten und Can­yons führt. Auf den zwei­ten Blick geht es dar­um, wie Men­schen damit leben kön­nen, zu ent­de­cken, dass aus mathe­ma­tisch-magi­schen Par­al­lel­wel­ten die Apo­ka­lyp­se droht, und beim Ver­such, etwas dage­gen zu unter­neh­men – noch auf der Uni -, zunächst ein­mal schei­tern. Die Geschich­te spielt eini­ge Jah­re spä­ter, als Zel­da Qiang ihre dama­li­gen Freund*innen aus den inzwi­schen eta­blier­ten Lebens­wel­ten reißt, um es ein zwei­tes Mal zu ver­su­chen. Neben­bei ist Last Exit eine Coming-of-Age-Geschich­te, eine Geschich­te über Ver­rat, und eine Geschich­te dar­über, wie es ist, dro­hen­des Unheil lie­ber zu igno­rie­ren. Da lie­ßen sich dann Par­al­le­len zu unse­rer Zeit mul­ti­pler Kri­sen finden.

Etwas rat­los hat mich The City Insi­de (2022) von Samit Basu zurück­ge­las­sen. Das ist eigent­lich ein Roman über Social Media, in ein Indien/Delhi etwas in der Zukunft gelegt. Die auf­ge­bau­te Welt ist ein­drucks­voll – „Rea­li­ty Pro­du­cer“ mana­gen das per­fek­tio­nier­te Leben von „Flow“-Stars, wäh­rend die Luft vor der Tür so heiß und toxisch ist, dass Atem­schutz­mas­ke und Kühl­pack not­wen­dig sind, um kli­ma­ti­sier­te Räu­me zu ver­las­sen. Unter­schied­lichs­te Rea­li­tä­ten, Kas­ten, Klas­sen kreu­zen sich. Die Super­rei­chen spie­len Intri­gen aus, die Regie­rung ist tota­li­tär, im Unter­grund gibt es einen semi-kri­mi­nel­len Wider­stand. Und mit Joey haben wir eine span­nungs­rei­che und leben­di­ge Haupt­per­son. Trotz­dem passt das alles am Schluss nicht zusam­men, das Buch bricht abrupt ab, ohne zu einer Auf­lö­sung zu kom­men, und auch die „dele­ted sce­nes“ – ist es das Kapi­tel 10, oder sind es tat­säch­lich dele­ted sce­nes – hel­fen nicht wirk­lich wei­ter. Das hät­te mehr sein können.

Eben­falls irri­tie­rend, aber doch eher posi­tiv irri­tie­rend, fand ich Dark Fac­to­ry (2022) von Kathe Koja. In einem Satz wür­de ich sagen: eine schwu­le Lie­bes­ge­schich­te in der durch ubi­qui­tä­re vir­tu­el­le Rea­li­tät noch ein­mal ganz anders gewor­de­nen urba­nen DJ- und Club-Sze­ne der Zukunft gekreuzt mit einem Hauch magi­schem Rea­lis­mus. Inter­es­san­te Haupt­per­so­nen. Und ein sehr eige­ner Schreib­stil mit Sze­nen­wech­seln mit­ten im Satz, eini­gen Neo­lo­gis­men, die nicht erklärt wer­den (wie über­haupt hier nichts erklärt wird), ein dem Gegen­stand ange­mes­se­nes Tem­po. Nett: in die­ser Zukunft scheint deut­sche Kul­tur gera­de hip zu sein, zumin­dest bei der Benen­nung von Cafes, Clubs und Blu­men­lä­den in bei­spiels­wei­se London. 

Herbstlektüre 2021

Es folgt – wie immer in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den – ein Update dazu, was ich in den letz­ten Wochen/Monaten so gele­sen bzw. ange­schaut habe, also im Bereich Sci­ence Fic­tion und Fantasy. 

Wenn ich mit dem Audio­vi­su­el­len anfan­ge, dann hat mir die Ani­ma­ti­ons­se­rie Insi­de Job (Net­flix) recht gut gefal­len. Dys­funk­tio­na­les Team ver­sucht, in einer der für die Ver­de­ckung von Ver­schwö­run­gen aller Art zustän­di­gen gehei­men Fir­men genau das zu tun, und hat damit mehr oder weni­ger Erfolg. Der eine oder ande­re Scherz mag vor­her­seh­bar sein, ins­ge­samt scheint mir die­se Art von apo­ka­lyp­ti­schem Humor ganz gut ins Jahr 2021 zu passen.

Nur teil­wei­se begeis­tert bin ich dage­gen von Jona­than Stran­ge & Mr Nor­rell (Prime), der Seri­en­ver­fil­mung des Buchs von Susan­na Clar­ke. An und für sich ist die Serie gut gemacht – es geht um die Wie­der­kehr (oder auch nicht) der Magie im frü­hen 19. Jahr­hun­dert in Eng­land, mit peri­oden­ty­pi­schen Kos­tü­men, Aus­stat­tun­gen usw. Aber irgend­wie passt die Serie nicht zu mei­ner (atmo­sphä­ri­schen) Erin­ne­rung an das Buch. 

Ach ja. Dune. Die Neu­ver­fil­mung habe ich mir auch ange­schaut (im Stream, nicht auf der gro­ßen Lein­wand), und … hm. Die Ver­fil­mung ist sehr nah an dem Buch von Frank Her­bert, umfasst aber nur den ers­ten Teil des ers­ten Buchs der Serie. Und eigent­lich ist damit auch schon das größ­te Pro­blem ange­spro­chen: 2 1/2 Stun­den lang geht es um Expo­si­ti­on, die Vor­ge­schich­te wird ange­deu­tet, die ein­zel­nen Akteu­re wer­den vor­ge­stellt, und in der zwei­ten Hälf­te des Films in die bekann­te kri­sen­haf­te Aus­gangs­si­tua­ti­on in der Wüs­te gebracht, auf der der Rest von Dune auf­baut. Sehr schö­ne Bil­der, ins­be­son­de­re die Archi­tek­tur – auch die der bru­ta­lis­ti­schen Beton-Raum­schif­fe – hat mir gut gefal­len. Die Schauspieler:innen machen ihre Sache gut. In der Sum­me, abge­se­hen von ein paar Moder­ni­sie­run­gen, aber letzt­lich gar kei­ne so gro­ße Dif­fe­renz zwi­schen Lynch und Villeneuve. 

Zu den Büchern. 

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