Ich hatte mir ja gewünscht, dass dieses Jahr langweilig wird. Leider scheint auch 2015 der Pratchett’sche Fluch „May you live in interesting times“ zuzuschlagen. Der Anschlag auf die Redaktion der Charlie Hebdo – den ich als Anschlag auf die Pressefreiheit lese – und die folgenden Ereignisse haben mich schockiert. Warum das so ist, wie das mit einer kleiner werdenden Welt zusammenhängt, und warum mich diejenigen irritieren, die jetzt anfangen, Meinungsfreiheit (gegenüber dem Staat und gegenüber der Gesellschaft) zu relativieren, darüber könnte ich viele Worte verlieren, lasse es aber an dieser Stelle bleiben. Für heute: Je suis Charlie, je suis Ahmed, je suis juif.
Kurz: Liberales Logo gesucht
Die wichtigste Nachricht über die Blau-Gelben mit ihrem traditionellen Dreikönigsschießen scheint zu sein, dass sie sich ein neues Logo gegeben haben.* Das sorgte für einiges an Spott, könnte aber funktionieren. Zum Beweis verweise ich auf die folgende Abbildung 1:

Abb. 1.: Logos verschiedener kleiner liberaler Parteien
Sofort entdeckt, oder? Aber ob ein bisschen Magenta hilft, Wärme zu verstrahlen – ich bin nicht überzeugt davon. Cyan, Gelb und Magenta können zu jeder beliebigen Farbe gemischt werden, entsprechend beliebig erscheinen die Ex-Liberalen, die jetzt unter „Freie Demokraten“ firmieren.
Aber wer eine linksliberale Partei sucht, muss auch nicht da oben gucken, sondern sollte lieber Ausschau nach Grün halten.
* P.S.: So jedenfalls Medienberichte, inkl. BILD. Laut horizont.de sei es allerdings nur eine „Arbeitsfassung“ des neuen Logos. Balken rechts statt links, vielleicht?
P.P.S. (12:34): Laut Spiegel Online sieht die Endfassung ähnlich aus. Nur dass das stechende Cyan-Hellblau tatsächlich beibehalten werden soll, statt auf wärmeres Dunkelblau zu setzen. Und dass der Magenta-Balken mit „FDP“ unten statt oben steht. Quietsch!
P.P.P.S.: Wo habe ich diese Farben zuletzt gesehen? Ich glaube, Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre waren derartig „frische“ Knallfarbkombinationen mal in.
P.P.P.P.S.: (Und jetzt habe ich oben glatt die österreichischen Start-up-Wirtschaftsliberalen NEOS vergessen – wo die doch auf Pink pur setzen!)
Ein letztes P.S. (13:37): Auf fdp.de ist der neue Auftritt schon umgesetzt und wirkt dort stimmig (wenn auch sehr hellblau-magenta-dominiert, die gerade zitierten NEOS liegen nahe). Wann und wie soziale Medien, Ortsverbände, Landesverbände und Fraktionen folgen werden, wird interessant zu beobachten sein. Ich tippe auf eine einige Monate dauernde Umstellungsphase. Was noch nicht zum neuen Auftritt passt, ist die Domain – und unter dem naheliegenden freie-demokraten.de findet sich derzeit noch eine handgemachte Sammlung von FDP-Dokumenten, offensichtlich eine private Website.
Kurz: Ein Jahr Ländle-Wahlkampf steht bevor
Programme gibt es noch keine (unseres entsteht in einem mehrstufigen Prozess bis Herbst 2015), so stehen doch die Personen fest, die im Frühjahr 2016 Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden wollen: Winfried Kretschmann hat angekündigt, wieder anzutreten (und ist ja auch recht beliebt). Die SPD wird wohl Finanzminister und Landesvorsitzenden Nils Schmid ins Feld führen. Und die CDU-Basis hat unlängst, ein bisschen überraschend, den Noch-Landtagspräsidenten Guido Wolf, demnächst Fraktionsvorsitzender der CDU, demnächst evtl. auch Parteivorsitzender der CDU, zum designierten Kandidaten gekürt. Im Januar wird ein CDU-Parteitag das Basisvotum dann aller Wahrscheinlichkeit nach bestätigen.
Einer dieser drei Männer – grüner Landesvater, kühler Finanzer oder Maxi-Landrat – wird also im Frühjahr 2016 Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden. Bis dahin ist es noch etwas hin, die Wahl wird wohl im März 2016 stattfinden. Und obwohl Winfried Kretschmann dafür geworben hat, nicht jetzt schon in den Wahlkampf zu starten, wird es wohl darauf hinauslaufen. Die CDU wird sich noch weniger als in den letzten dreieinhalb Jahren auf konstruktive Oppositionspolitik einlassen, sondern noch einen Zahn Fundamentalkritik zulegen (und sei es auch in Gedichte verpackt). Bisher sind’s die Nebensätze, die verräterisch sind – so hat Guido Wolf angekündigt, dass die jetzigen GemeinschaftsschülerInnen noch ihren Abschluss machen dürfen. Klingt erst mal nett, heißt im Klartext, dass die CDU die über 200 neuen Gemeinschaftsschulen im Land auslaufen lassen möchte, wenn sie denn die Chance dazu bekommt. Gleichzeitig wird – auch das war in den Haushaltsreden der CDU schon zu hören – das Blauen vom Himmel versprochen, beispielsweise die Rücknahme von Kürzungen und Verschiebungen bei den Beamtengehältern bei gleichzeitig striktem Sparkurs. Passt irgendwie nicht zusammen, interessiert aber keine WahlkämpferIn am Landtagsredepult.
Aber auch in der Koalition wird das Klima 2015 vermutlich rauer werden. Bisher liegen wir in den Wahlumfragen vor der SPD und das soll auch so bleiben. Selbstverständlich sieht der kleinere Koalitionspartner das anders und wird noch stärker versuchen, sich zu profilieren. Auch hier dürfte die Bildungspolitik ein Themenfeld werden, in dem 2015 interessant wird – und dass in der Innenpolitik grüne Projekte aus dem Koalitionsvertrag nicht mit Priorität 1 bearbeitet worden sind, ist auch kein Geheimnis. Ich vermute, dass 2015 keine neuen großen Vorhaben mehr aufs Landesgleis gesetzt werden, dass aber bei allem Profilierungswillen beiden Parteien auch klar ist, dass Streit in der Koalition beiden schadet. Auch insofern wird 2015 ein landespolitisch interessantes Jahr werden.
Die SPD-Wahlwoche würde das Problem nicht lösen
WELT und Spiegel online ist zu entnehmen, dass SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sich einige Gedanken dazu gemacht hat, wie die Wahlbeteiligung gesteigert werden kann. Mit Blick auf den Kern von Demokratie ist eine hohe Wahlbeteiligung ein sinnvolles Ziel, auch wenn z.B. die PEGIDA-Märsche Menschen anlocken, bei denen ich mir gar nicht so sicher bin, ob ich mich über deren Wahlrecht freuen soll – und obwohl taktisch gesehen eine geringere Wahlbeteiligung durchaus auch gut für kleinere Parteien (wie Bündnis 90/Die Grünen) sein kann.
Aber gehen wir mal davon aus, dass eine höhere Wahlbeteiligung für eine Demokratie grundsätzlich etwas Gutes ist. Heute liegt sie bei Bundestagswahlen bei rund 70 Prozent, bei Landtags- und Kommunalwahlen oft noch einmal deutlich darunter. Wikipedia visualisiert schön, wie die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen in den ersten Jahren der jungen Bundesrepublik angeklettert auf ein Niveau von 86–87 Prozent angestiegen ist, dann 1972 einen Spitzenwert von über 90 Prozent erreicht hat und sich seitdem – mit einigen Schwankungen – im Rückgang auf das heutige Niveau von rund 70 Prozent befindet. Der erste deutliche Einbruch erfolgte dabei von 1987 auf 1990 – die erste Wahl, in der auch in der ehemaligen DDR (die bei der „Volkskammerwahl“ von 93 Prozent Wahlbeteiligung erreichte) der Bundestag gewählt wurde.
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Aneignung, Macht und kultureller Wandel
Wintersonnenwende – ein Fest, das in ziemlich vielen Religionen/Kulturen gefeiert wird. Ausgangspunkt ist eine beobachtbare Tatsache: die Tage werden wieder länger, es wird heller; gleichzeitig setzt oft der „richtige“ Winter ein. Was daraus gemacht wird, wie gefeiert wird, all das ist Kultur. Und die ist bekanntlich extrem wandlungsfähig.
Ich mag das Konzept der kulturellen Aneignung. Menschen sind in der Lage dazu, sich Stücke aus unterschiedlichen Traditionen herauszubrechen und in ihre eigenen Traditionen zu übernehmen. Bei dieser Übernahme verändern sich Ideen und Rituale, es entsteht etwas Neues. Insofern ist kulturelle Aneignung ein Motor für kulturellen Wandel, für Innovation, ganz pathetisch gesagt auch für Fortschritt.
Was genau von wem wann erfunden wurde, interessiert vielleicht HistorikerInnen, spielt aber eigentlich keine Rolle. Finde ich jedenfalls. Oder ist das zu einfach? Wie weit müssen Traditionslinien und historische Assoziationen mitgedacht werden, wenn ein Ritual, ein Fest, eine kulturelle Angewohnheit, kurz, eine Praktik, angeeignet, verändert und übernommen wird?



