Freitag: Sitzung der BAG WHT in Berlin
Samstag: taz.lab Bildungskongress in Berlin
Sonntag: grüner Länderrat in Köln
Wenn alles so klappt wie vorgesehen, sind das etwa 15 Stunden Bahnfahrt in den nächsten drei Tagen.

Das Blog von Till Westermayer * 2002
Freitag: Sitzung der BAG WHT in Berlin
Samstag: taz.lab Bildungskongress in Berlin
Sonntag: grüner Länderrat in Köln
Wenn alles so klappt wie vorgesehen, sind das etwa 15 Stunden Bahnfahrt in den nächsten drei Tagen.
Heute ist ja Girls’ day, also ein Tag, an dem bundesweit Mädchen (vor allem) männerdominierte Berufe kennenlernen sollen. Ob dieser seit zehn Jahren durchgeführte Tag tatsächlich Wirkung auf die Berufswahl zeigt, ist umstritten (in der gedruckten taz von heute war dazu auch eine schöne Comic-Reportage). Die Organisation „Girls’ day“ geht jedenfalls davon aus, dass sich zumindest das Geschlechterbild der beteiligten Firmen ändert – das wäre ja auch schon was.
Als geschlechterstereotypen brechende Intervention finde ich das Konzept gar nicht so schlecht. Jetzt kommt u.a. von Bundesfamilienministerin Schröder die Forderung, parallel auch einen „Boys’ day“ durchzuführen (siehe auch das grüne Männermanifest). Also Jungen in eher „weibliche“ Berufsfelder hineinschnuppern zu lassen. Auch das klingt für sich genommen erst einmal nach einer sinnvollen Intervention.
Trotzdem bin ich mir unsicher, ob ich das Konzept ingesamt gut finde. Das hat etwas mit der unklaren Wirkung zu tun, vor allem aber mit der dunklen Seite vieler gender-bezogener Maßnahmen, nämlich dem Reifizierungseffekt („Verdinglichung“). Kurz gesagt: gerade dadurch, dass es Angebot speziell für Frauen bzw. speziell für Männer gibt, gerade dadurch, dass besonders auf das Geschlecht geachtet wird, wird dessen soziale Relevanz gestärkt. Selbst ein „Girls’ day“ kann da möglicherweise den paradoxen Effekt haben, die Vorstellung zu stärken, dass die dort besuchten Berufsfelder „Männerarbeit“ darstellen – schließlich wird ein großer Aufwand betrieben, um einmal im Jahr die Ausnahme „auch Mädchen können das“ sichtbar zu machen.
Zudem wird, gerade wenn es „Girls’ days“ und „Boys’ days“ gibt, auf einer Metaebene die Botschaft vermittelt „Mädchen und Jungen sind unterschiedlich und müssen – als Gruppen – unterschiedlich behandelt werden“. Oder: „alle Mädchen interessieren sich ‚eigentlich‘ nicht für Technik, alle Jungen interessieren sich ‚eigentlich‘ nicht für Humandienstleistungen – deswegen muss hier besonderer Werbeaufwand betrieben werden, um diese ‚untypischen‘ Berufe schmackhaft zu machen“. Das mag als statistische Tatsachenbeschreibung stimmen (also: viele Mädchen …, viele Jungen), trifft aber eben auch die Mädchen, die sich auch ohne „Girls’ day“ für Technik interessieren und die Jungen, die sich auch ohne „Boys’ day“ für z.B. das Erziehungswesen begeistern.
Damit sind wir bei einem generellerem Dilemma genderpolitischer Maßnahmen: indem die Interessen von Frauen bzw. von Männern als Gruppeninteressen behandelt werden, werden individuelle Unterschiede der Kategorie Geschlecht zugeschrieben. Das ist deswegen ein Dilemma, weil ja beides stimmt: es ist vermutlich so, dass eine Mehrheit der Mädchen sich nach x Jahren Sozialisation und Schule weniger für Technik interessiert als die meisten Jungen. Es ist auch richtig, dass die hier angelegte berufsspezifische Geschlechtertrennung sowohl individuell (weil sie es allen, die eine dem „Geschlechtstypischen“ zuwiderlaufende Neigung haben, schwer macht) als auch gesellschaftlich (weil „Talente vergeudet werden“) ein Problem darstellt. Nur tragen Maßnahmen, die dieses Problem lösen wollen, indem sie gruppenspezifische Zuweisungen als gruppenspezifische Eigenschaften thematisieren, immer auch dazu bei, diese Zuweisungen zu stärken.
Und wo geht’s jetzt raus? Vermutlich bleibt einem und einer pragmatisch gesehen zunächst einmal gar nichts anderes übrig, als in Kauf zu nehmen, dass Maßnahmen etwa aus dem Bereich des Gender Mainstreamings ganz häufig den Nebeneffekt einer Reifizierung von Geschlechtszuschreibungen und damit eine Vertiefung der Wahrnehmung „Männer und Frauen sind unterschiedlich“ mit sich bringen, und dass sie in vielen Fällen trotzdem sinnvoll sind. Es ist aber ganz gut, sich zumindest klar darüber zu werden, dass diese Maßnahmen auch solche Konsequenzen haben können.
Eigentlich müsste es aber einen Schritt weiter gehen, das heißt hin zu einer politischen Thematisierung individueller Unterschiede, die nicht an gesellschaftliche Gruppen gebunden wird. Praktisch könnte das am Beispiel „Girls’ day“ heißen, dass es zweimal im Jahr einen „Berufserkundungstag“ für alle Kinder eines bestimmten Alters gibt – und dass diese an einem dieser zwei Tage an einer Aktion in einem Berufsfeld teilnehmen sollen, das sie persönlich interessiert. Der zweite Berufserkundungstag muss dann allerdings in einem Berufsfeld stattfinden, das von dem jeweiligen Kind (bzw. eigentlich: dem oder der Jugendlichen) als uninteressant, fremd, weit weg bezeichnet wird.
Warum blogge ich das? Weil ich mir selbst unsicher bin, wie es politisch und wissenschaftlich am besten wäre, mit dem Reifizierungseffekt umzugehen. Dieser ist dann ein Problem, wenn die Annahme geteilt wird, dass an das wahrgenommene Geschlecht gebundene soziale Erwartungen tatsächlich für einen großen Teil des geschlechtsspezifischen Verhaltens zuständig sind („doing gender“). Diese Annahme erscheint mir sehr plausibel. Ich kann jetzt wissenschaftlich beschreiben, wie diese Kopplungen üblicherweise aussehen, und kann z.B. statistisch zwischen Männern und Frauen als Gruppen unterscheiden. Gleichzeitig ist jede dieser Beschreibungen zunächst einmal ein Beitrag dazu, die Kopplung zwischen Geschlecht und sozialer Erwartung zu festigen. Und umso mehr es nicht nur um Beschreibung und Analyse, sondern auch um Intervention geht – nicht nur wie hier bei der Berufswahl, sondern auch z.B. bei Maßnahmen wie der Teilzeitarbeit als „Lösung“ für das Vereinbarkeitsproblem „der Frau“ – desto problematisch wird es, dass eine Orientierung an Geschlechterkategorien diese stärkt. Alternativen dazu bietet die queer theory an – da scheint es mir bisher aber an einer skalierbaren politischen Umsetzbarkeit zu hapern.

Ausbruch des Eyjafjallajökull, Daníel Örn, CC-BY
Vulkanausbrüche sind ein gutes Beispiel für Naturereignisse, die große Konsequenzen für menschliche Gesellschaften haben, ohne dass es sich dabei um menschgemachte Katastrophen handelt. Oder wer hätte bis vor kurzem jemals die Vermutung geäußert, dass ein Vulkanausbruch auf Island zu Chaos in Zügen der Deutschen Bahn führen könnte?
„Vulkan greift Flugverkehr an!“ weiterlesen
Zu meinem Facebook-Text ist mir gerade noch ein Nachtrag eingefallen. Es gäbe auch netzpolitisch noch einiges dazu zu sagen, dass aber ein anderes Mal.
Eine These dort war ja, dass „social networks“ letztlich aus ich überlappenden Teilöffentlichkeiten bestehen. Anders gesagt: jede/r hat dort seine oder ihre „private Öffentlichkeit“. Das lässt sich aber auch andersherum betrachten. Hilfreich ist dazu Goffmanns Bild von der Vorder- und der Hinterbühne. Goffman beschreibt, dass es je nach Rahmung der sozialen Interaktion unterschiedliche Interaktionsregeln gibt. Typisches Beispiel: im Parlament (Vorderbühne) hauen die PolitikerInnen verbal aufeinander ein, beim Parlamentsabend (Hinterbühne) trinken sie dann trotzdem gemeinsam ein Bier. Etwas moderner ausgedrückt: die kommunikationsrelevanten sozialen Praktiken sind situativ eingebettet, und es lässt sich recht klar zwischen Praxisbündeln für „öffentliche“ und für „private“ Sphären unterscheiden.
Ich habe mich jetzt gefragt, was Facebook eigentlich für eine Bühne ist. Die Antwort ist ein klares „kommt drauf an“. Facebook kann sowohl Vorder- wie auch Hinterbühne sein, und ist manchmal für ein und diesselbe Person beides. Es koexistieren also verschiedene kommunikative Praktiken. Beispiel (um bei der Politik zu bleiben): eine Politikerin inszeniert sich hier als thematische Expertin (Vorderbühne) für ihre große „private Öffentlichkeit“ – ein anderer Politiker nutzt Facebook als Forum „öffentlicher Privatheit“ (Hinterbühne) und kommuniziert dort über Bahnverspätungen, seine Erkältung oder den Ärger über unaufschiebbare Termine. Beide Statusmeldungen können kurz hintereinander von einem Nutzer oder einer Nutzerin gelesen werden.
Anders gesagt: Facebook verwirrt die Unterscheidung zwischen Vorder- und Hinterbühne. Damit ist Facebook nicht alleine (hier kommt mir sowohl Sennett in den Sinn, der über soviel Intimitätsverlust vermutlich die Hände über den Kopf zusammenschlagen würde, als auch andere Beispiele, an denen die klare situative Rahmung versagt: das reicht von „Big Brother“ und „geskripteten Dokumentarfilmen“ als Beispielen für klar inszenierte öffentliche Privatheit bis hin zu der Frage, ob eigentlich Arbeitsplätze Vorder- oder Hinterbühnen sind – aus dem Büro, das gerade noch Hinterbühne war, wird beim Eintreten der Kundin plötzlich eine komplett andere Situation. Auch hier als Koexistenz unterschiedlicher Bündel kommunikativer Praktiken und Erwartungen).
Etwas weiter gedacht: Facebook verwirrt nicht nur die Unterscheidung zwischen „privat“ und „öffentlich“, sondern kann sogar dazu genutzt werden, durch die teilöffentliche Inszenierung von Privatheit den Anschein von Authentizität zu erwecken. Der Politiker, der dort über Zugverspätungen redet, macht dies vielleicht, um seinem Ärger darüber, schon wieder warten zu müssen, Luft zu machen. Vielleicht macht er es aber auch, um ganz andere Dinge zu kommunizieren (oder bewirkt dies zumindest zugleich) : „ich fahre auch nur mit dem Zug“, „ich bin ökologisch“, „wir sind uns da ganz ähnlich“, „ihr könnt an dem teilhaben, was mich bewegt“. Es überschneiden sich bei Facebook etc. also nicht nur Nutzungspraktiken, die der Unterscheidung privat/öffentlich unterliegen, sondern auch Nutzungspraktiken, die der Unterscheidung authentisch/künstlich unterliegen.
Wie gesagt: das ist nicht unbedingt etwas, was nur Facebook und andere soziale Netzwerke betrifft. Auch andere halb-öffentliche Orte sind ähnlichen Überschneidungen heterogener Praxisbündel ausgesetzt. Es hilft vielleicht, Facebook etc. dabei weniger als einen Ort zu betrachten, sondern eher als Infrastruktur bzw. als Medium. Auch im Medium „E‑Mail“ oder „Brief“ können sowohl private wie auch öffentliche Kommunikationen stattfinden. Möglicherweise sogar in direkte zeitlicher Abfolge zwischen identischen KommunikationsteilnehmerInnen. Anders als bei diesen Medien ist aber bei social networks die faktische und öffentlich sichtbare Interpenetration unterschiedlicher Stile und Praktiken. Auch in meiner Mailbox mischen sich private und öffentliche, authentische und künstlich inszenierte Mails. In den überlappenden Teilöffentlichkeiten sozialer Netzwerke stehen diese aber doch stärker miteinander verwoben dar. Zum sozialen Netzwerk kommt das Netz der Bezüge und Kommentierungen, das Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Kommunikationspraktiken herstellt.
Verwirrrend wird es daher dann, wenn – und da scheinen mir die metakommunikativen Praktiken in social networks noch nicht ganz ausgereift – NutzerInnen nicht wissen, womit sie es zu tun haben. Wenn also die beobachteten Kommunikationspraktiken und die daran gerichteten Erwartungen nicht übereinstimmen. Wenn die professionell-öffentliche Politikerinnen-Kommunikation mit authentisch-privaten Kommentaren versehen wird, die die Inszenierung stören. Oder wenn PolitikerInnen, die Facebook als teilöffentliches Medium betrachten, das beispielsweise für einen Wahlkampf genutzt werden kann, nach der Wahl aufhören, zu twittern und Facebook zu nutzen, und die vorher der authentischen Person zugeschriebene Aufrechterhaltung der Kommunikation nun plötzlich umkippt und entsprechende Erwartungen enttäuscht werden.
(Gleiches gilt natürlich ebenso, wenn nicht PolitikerInnen und der Wahlkampf betrachtet werden, sondern beispielsweise ebenso für Stars und für Unternehmen oder andere Organisationen, deren Angehörige sich als privat und authentisch inszenieren – und dann eine große Erwartungsenttäuschung produzieren, wenn diese Inszenierung nicht aufrecht erhalten werden kann.)
Literatur
Goffman, Erving (1971): Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum. Gütersloh: Bertelsmann.
Goffman, Erving (1998 [1969]): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München / Zürich: Pieper.
Schatzki, Theodore R. (1996): Social Practices. A Wittgensteinian Approach to Human Activity and the Social. Cambridge: Cambridge University Press.
Sennett, Richard (1996): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt am Main: Fischer.
Warum blogge ich das? Weil mir das heute morgen – unter der Dusche – so einfiel und mir dann keine Ruhe gelassen hat.
In gut einer Woche soll ich ja beim taz.lab mit über die Frage „Privilegien gratis: Wie (un)gerecht ist die Campus-Maut?“ diskutieren. Mal abgesehen davon, dass ich ziemlich überzeugt davon bin, dass in den Panel-Aufmacher zu viele verschiedene Fragestellungen reingepackt wurden, bin ich immer noch am Nachdenken darüber, was ich eigentlich davon halten soll, dass es darum gehen soll:
Wir wollen in dem Panel darüber sprechen, wo Bildungsarmut in der Republik herrscht und wie man Bildungsungerechtigkeit besser bekämpfen kann: Indem man die Studiengebühren abschafft? Oder indem man das Schulsystem radikal umbaut?
Mich stört vor allem das „oder“, das ja impliziert, dass es einen exkludierenden Zusammenhang zwischen der Abschaffung von Studiengebühren und dem Umbau des Schulsystems gibt. Ich will nach wie vor beides.
Aber darüber werde ich noch ein bißchen weiter nachdenken. Hier geht’s mir jetzt erstmal um die Ergebnisse eines kleinen Experiments. Ich hatte bei Twitter vorher mal ganz offen nachgefragt,
Was ist das zentrale Problem, wenn es um Bildungs(un)gerechtigkeit in Deutschland geht?
Darauf hagelte es zwar nicht gerade Antworten, aber die, die kamen, waren sich alle ziemlich einig:
1 x der Bildungsföderalismus,
6 x das Schulsystem („Das hört sich zu einfach an, aber zentral ist m.A. das dreigliedrige Schulsystem. Es soll Unterschiede zementieren – und tut es.“, „große Klassen, zuwenig individuelle Förderung der Schwächeren, die nicht in ihrer Freizeit von Akademikereltern gefördert werden“, „frühe Selektion“, „vielleicht ist ein problem, dass es für hauptschüler und real-schüler immer weniger sinnstiftenden und fair entlohnte arbeit gibt, alles dem gymi-fetisch nachrennt (jeder muss da drauf, da ist die elite) und diesen bedienen… wir kommen so schnell zum kern… dreigliedrigkeit ist das problem und fehlende möglichkeiten für kostenloses lebenslanges lernen…“, „Bildungsungerechtigkeit: zu wenig bzw. keine echten Ganztagesschulen; G8 setzt intensive Mitarbeit der Eltern voraus – ‚Opfer‘ des jetzigen Schulsystems sind nur begrenzt politisch mobilisierungsfähig; so weit auf die Schnelle“)
Hochschulpolitische Themen oder gar das Stichwort Studiengebühren wurden nicht genannt. Finde ich erstmal interessant und werde bis zum 24.4. auch weiter darüber nachdenken, was das bedeutet. Na gut, ehrlich gesagt überrascht es mich inhaltlich gar nicht so sehr.
Bleibt also die Frage: schließt ein Umbau des Schulsystems die Abschaffung von Studiengebühren und anderen Zugangshürden aus – oder macht deren Abschaffung gar unnötig? Ich sehe das nicht so, finde aber, dass es sich durchaus lohnt, da weiter drüber zu diskutieren. Hier im Blog und dann live in Berlin.
Warum blogge ich das? Als Teil meiner Vorbereitung auf die Podiumsdiskussion beim taz.lab.