Vor zwei Wochen war es noch kalt genug, um Seeoberflächen zu betreten. Inzwischen fühlt es sich eher nach Frühling an. Der kann jetzt auch ruhig mal kommen (angeblich soll’s hier in Freiburg ab Mittwoch 15 °C und mehr haben …). Genug Eisfotos!
Die digitale Revolution geht auf die Straße
Heute durfte ich auf der Stuttgarter Stopp-ACTA-Demo für Bündnis 90/Die Grünen eine kurze Rede halten. Da waren etwa 2500 Menschen, wie bei der letzten ACTA-Demo (bei der ich in Freiburg war) viele Jüngere. In Stuttgart massiv präsent waren die lokalen Piraten, die wohl auch die Demo organisiert haben.
Anbei nun mein Redezettel, den ich allerdings nicht 1:1 abgelesen habe. Wer lieber den Wortlaut der Rede sehen will, kann hier das Video davon auf Youtube ansehen (mit Dank an Alvar Freude fürs Filmen; Update 26.02.: Link korrigiert).
Liebe Leute,
ich hatte ja erst überlegt, ob ich es bei 140 Zeichen belassen soll, aber ein bisschen mehr habe ich schon zu sagen. Mein Name ist Till Westermayer, bei Twitter unter dem Handle _tillwe_ zu finden, und ich bin heute hier als Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg. Ich überbringe euch die Grüße und die Unterstützung der GRÜNEN in Baden-Württemberg, im Bund und in Europa!
Wir GRÜNE unterstützen die Proteste gegen ACTA. Zusammen haben wir schon einiges bewegt. In vielen europäischen Staaten wurde die Unterzeichnung des ACTA-Abkommens „zurückgestellt“ – was auch immer das heißen mag. Die Kommission hat den Entwurf nun dem Europäischen Gerichtshof zur Überprüfung vorgelegt. Das ist der Erfolg von uns allen, die wir gegen Abkommen und Gesetze wie ACTA protestieren, im Parlament und auf der Straße. Aber dieser Erfolg darf uns nicht täuschen: ACTA ist noch nicht tot!
„Die digitale Revolution geht auf die Straße“ weiterlesen
Gauck auf der Goldwaage
Ich weiß, es nervt. Aber je länger die Debatte um Joachim Gauck anhält, desto weniger sehe ich, dass er auch nur gut darin wäre, gesellschaftlichen Debatten anzustoßen. Einer, an dem man sich reiben kann, sagen die, die ihn jetzt aus grüner Sicht verteidigen. Aber wer eine große Reibungsfläche bietet, wird leicht zum geistigen Brandstifter.
Konkret wird das an einem langen Zitat aus einem NZZ-Interview, das die publikative als Transkript veröffentlicht hat. Ein langer, langer Satz – eher ein Gedankenstrom – aus diesem Zitat lohnt der näheren Betrachtung, dazu als Kontext die beiden Sätze zuvor.
Das ganze eher als akademische Übung – mir ist bewusst, dass ich hier haarspalterisch (und doch methodisch eher freihändig) Gaucks Worte auf die Goldwaage lege. Ich finde es dennoch hilfreich, sich einmal ganz genau anzuschauen, was Gauck sagt, und zu überlegen, was er damit meinen könnte – auch, um sowas wie latente Deutungsmuster freizulegen. Mir ist klar, dass meine Deutungen hier nicht frei von Voreingenommenheit sind – ich bitte gegebenenfalls um begründeten Widerspruch.
Kurz: Reden wir noch, oder schreiben Sie schon?
Auch Lobo wirft sich jetzt auf die „Stille Post im Netz“. Hauptthese: Korrekt zitieren, ordentlich journalistisch arbeiten – das gehört zur Medienkompetenz einer guten deutschen Social-Media-NutzerIn dazu. (Nebenbei: Dass der Vorwurf der Verkürzung diejenigen, die eine kritische Meinung zu Joachim Gauck geäußert haben, nur so halb trifft, zeigt Anatol Stefanowitsch im Sprachlog). Ordentlich journalistisch arbeiten, im Netz, sonst wird das nichts mit der politischen Kommunikation dort.
Ich weiß jetzt, warum mich diese Aussage irritiert: Weil Sascha Lobo Twitter auf das Zitieren und Retweeten verkürzt, das soziale Netz als Netzwerk aus Zitaten darstellt. Ja. Das ist es auch. Aber gerade Twitter ist eben auch Konversation. Eine Form einer textuellen Kultur der Mündlichkeit. Mehr Gerede als Geschriebenes.
Natürlich: Die digitale Differenz der Speicherbarkeit, Durchsuchbarkeit und identischen Kopierbarkeit unterscheidet Twitter vom lebhaften Gespräch in der Kneipe. Eine Kommunikations- und Konversationsform sui generis, vielleicht. Eine, bei der noch immer nicht so ganz klar ist, was eigentlich die sozialen Nutzungsregeln sind (damit meine ich nicht die formalen, aufschreibbaren, sondern die Erwartungen an die damit verbundenen Praktiken).
Wenn ein Politiker eine andere Politikerin auf Twitter neckt, ist dass dann zitierbar? Journalistisch verwertbar? Oder hat’s eher den Status des zufällig in der Bundestagskantine belauschten Austauschs in der Essensschlange? Und wenn da einer sagt: „Gauck sei doch für Sarrazin“ – ist das dann a. verwerfliche, uninformierte, dumme Kampagne, eine b. verkürzte mündliche Meinungsäußerung oder c. das notwendige Grundrauschen der Meinungsbildung des politischen Twitters, die eben nicht in Form geschliffener Essays stattfindet?
P.S.: Kultursendungen im Radio sind sozusagen das Gegenteil davon: verskriptete Mündlichkeit.
Photo of the week: Ice in the sunshine XIX
Und auch diese Woche nochmal eines meiner Eisfotos, auch wenn inzwischen hier mit plus 5 Grad schon fast wieder frühlingshafte Temperaturen herrschen.
Noch eine kleine Beobachtung zur Debatte um Gauck: Ich komme mir gerade nicht so vor, als würde ich mich in einer „Filter-Bubble“ befinden, sondern gleich in zwei, die sich überschneiden. Die eine ist der Meinung, dass Joachim Gauck nicht nur konservativ ist, sondern richtig weit rechts steht, und gräbt dafür Belege aus. Die andere ist der Meinung, dass Gauck ein toller Kandidat ist, und dass es jetzt – mit den Filter-Bubble-Artikeln und der einen oder anderen Sprachregelungen – auch eine gute Keule gibt, mit der auf jeden, der sich irgendwie kritisch äußert, drauf geschlagen werden kann. In der Schnittmenge dieser beiden Blasen* ist es ziemlich laut und hört sich ungefähr so an, wie wenn meine Kinder sich streiten („Nein!“ – „Doch!“ – „Nein!“ – „Du bist blöd!“ – „Du bist blöd!“). Und ich fühle mich jedesmal mitgemeint, nur weil ich glaube, dass Gauck kein guter grüner Kandidat ist, und finde, dass diese Meinung durchaus auch geäußert werden kann, und dass es gute Argumente dafür gibt. Das ist das.
* Eigentlich sind’s weniger Blasen als Hoch- bzw. Tiefdruckgebiete, die aufeinander zu rauschen.


