Science Fiction im Juni (und Juli) 2026

Shadows of fall VI

Über die Metro­pol­con, die ich letz­tes Wochen­en­de besuch­te, muss ich mal an ande­rer Stel­le noch schrei­ben. Erwäh­nen kann ich aber schon mal das dort ent­deck­te Sci Phi Jour­nal, ein Online-Maga­zin für phi­lo­so­phisch ange­hauch­te Sci­ence Fic­tion. Auf der Rück­fahrt aus Ber­lin habe ich etwas dar­in her­um­ge­stö­bert und war sehr angetan. 

Ange­guckt habe ich mir den Rest der zwei­ten Staf­fel von One Pie­ce (Net­flix), und fühl­te mich bei allem bun­ten Quatsch dann doch ganz gut und tief­sin­ni­ger als erwar­tet unter­hal­ten. Und außer­dem habe ich mir Paul (2011) ange­schaut (zwei Nerds fah­ren zu einer Con­ven­ti­on, kom­men an der Area 51 vor­bei und gabeln ein eher unaus­steh­li­ches Ali­en auf, mit dem sie ein Road Movie erle­ben). Eher Fan Ser­vice, aber ganz amüsant. 

Gele­sen habe ich zum einen den gera­de her­aus­ge­kom­me­nen neu­en Mur­der­bot-Roman von Mar­tha Wells (Plat­form Decay, 2026). Eine Ret­tungs­mis­si­on auf einem rie­si­gen Orbi­tal­ring geht erst ein­mal ziem­lich schief. Neben dem Innen­le­ben von Mur­der­bot (und eini­gen Über­le­gun­gen zu Befrei­ungs­be­we­gun­gen) fand ich hier vor allem das World­buil­ding inter­es­sant – so ein Orbi­tal ist sehr, sehr groß und bie­tet Platz für ganz unter­schied­li­che Interieurs …

Vor allem habe ich den Juni und den Juli bis jetzt aber damit zuge­bracht, Ken Lius Dan­de­l­ion-Dynasty-Epos zu Ende zu lesen. Und, wow, ich bin beein­druckt! Vor­ne­weg: Epos ist hier wört­lich zu neh­men. Wäh­rend der ers­te Band, The Grace of Kings (2015), 640 Sei­ten hat­te, und der zwei­te, The Wall of Storms (2016), den ich im April gele­sen habe, bei 880 Sei­ten raus­kommt, bil­den der drit­te und der vier­te Band zusam­men eine Geschich­te. The Vei­led Thro­ne (2021) und Spea­king Bones (2022) kom­men zusam­men auf gut 2000 Sei­ten. Das ist lang, und manch­mal nimmt Liu auch eher unge­wöhn­li­che Abzwei­gun­gen (etwa, wenn es auf vie­len Sei­ten um die Aus­ein­an­der­set­zung zwei­er kon­kur­rie­ren­der Restau­rants geht). Kate­go­ri­siert wird die Dan­de­l­ion Dynasty von Liu als Silk­punk. Gemeint ist mit Silk­punk hier dann doch etwas mehr, als dass gro­ße Tei­le der Geschich­te in einer Art Asi­en spie­len, Sei­de als Schrift­trä­ger und als Grund­la­ge der „silkmo­tic force“ – elek­tri­scher Ladung – die Basis für vie­le Erfin­dun­gen und Ele­men­te die­ser Welt dar­stellt. Und ja, so eine Art Dra­chen tau­chen auch auf. Genau­so gut jedoch könn­te das Epos als lan­ge, lan­ge Aus­ein­an­der­set­zung um die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen von Poli­tik ver­stan­den wer­den. (Oder, um noch­mal Liu selbst zu fol­gen, als Re-Inter­pre­ta­ti­on des ame­ri­ka­ni­schen Grün­dungs­my­thos vor dem Hin­ter­grund des han-chi­ne­si­schen Impe­ri­ums, und spricht von einer Remy­tho­lo­gi­sie­rung der Moder­ne – spannend). 

Eini­ge Cha­rak­te­re spie­len sehr lan­ge Spie­le, ande­re kämp­fen heiß­blü­tig für Refor­men, und wie­der ande­re erle­ben Intri­gen und gera­ten wider Wil­len in Posi­tio­nen der Macht. Oder, noch­mal anders beschrie­ben, geht es im drit­ten und vier­ten Band der Dan­de­l­ion Dynasty dar­um, wie der Kreis­lauf aus Erobe­rung, Gräu­el­ta­ten, Trau­ma und Rache ver­las­sen wer­den kann. Den, das zeich­net die­se Bücher aus: Han­deln hat hier Kon­se­quen­zen, man­che gute Tat zieht viel spä­ter schreck­li­che Fol­gen nach sich. Die ver­schie­de­nen Phi­lo­so­phien und Gott­hei­ten von Lius Welt wir­ken genau­so lebens­echt wie die fan­tas­ti­sche Tier­welt die­ser Inseln (und des Kon­ti­nents hin­ter dem Sturmwall). 

Der lan­ge Bogen die­ser 2000 Sei­ten erzählt, wie es nach der Inva­si­on der Lyu­cu im Reich Dara wei­ter­geht. Wir fol­gen den ver­schlun­ge­nen Pfa­den von Kuni Garus Kin­dern und Kai­se­rin Jia. Timu ver­schlägt es als Kon­sor­te der Pékyu Tan­va­na­ki in die von Lyu­cu erober­ten Inseln Dasu und Rui (Ukyu-taa­sa bzw. „unre­de­e­med Dasu“, je nach poli­ti­scher Sicht­wei­se), Thé­ra geht den „inter­es­san­ten Weg“ hin­ter den Sturm­wall nach Ukyu-Gon­dé, um die Agon – die dor­ti­gen Gegen­spie­ler der Lyu­cu, die die­sen von außen sehr ähn­lich wir­ken – als Ver­bün­de­te zu gewin­nen (und es kommt natür­lich anders als gedacht), Kron­prinz Phy­ro wird von sei­ner Stief­mut­ter Jia vom Thron fern­ge­hal­ten und Fara, Deck­na­me „Dan­de­l­ion“, die wir als klei­ne Schwes­ter ken­nen­ge­lernt haben, wür­de sich am liebs­ten Kunst und Male­rei wid­men. Und das ist nur ein klei­ner Teil der han­deln­den Per­so­nen – Zomi Kido­su taucht eben­so auf die wie wild zusam­men­ge­wür­fel­te „Blos­som Gang“, deren Talen­te zusam­men die Welt ver­än­dern könn­ten. Und und und. (Und neben arran­gier­ten, poli­ti­schen Hei­ra­ten gibt es auch die eine oder ande­re Liebesgeschichte.)

Ken Liu selbst spricht auf sei­ner Web­site davon, dass es ihm hier um „Ingenieur*innen statt Magier*innen“ geht – die auf das zurück­grei­fen, was mit west­li­chem Blick als „asia­tisch“ gele­sen wird:

„In the silk­punk world of my novels, this view of tech­no­lo­gy is domi­nant. The voca­bu­la­ry of the tech­no­lo­gy lan­guage reli­es on mate­ri­als of his­to­ri­cal importance to the peo­p­le of East Asia and the Paci­fic islands: bam­boo, shells, coral, paper, silk, fea­thers, sinew, etc. The grammar of the lan­guage puts more empha­sis on biomimetics–the air­ships regu­la­te their lift by ana­lo­gy with the swim blad­ders of fish, and the sub­ma­ri­nes move like wha­les through the water. The engi­neers are cele­bra­ted as gre­at artists who trans­form the exis­ting lan­guage and evol­ve it toward ever more beau­tiful forms.“

Kurz gesagt: „It’s epic fan­ta­sy with a hea­vy dose of sci­fi — I mean, Luan Zya lite­ral­ly pro­claims, ‘the uni­ver­se is kno­wa­ble,’ a mani­festo of the sci­en­ti­fic view of the cosmos.“

(In Ukyu-Gon­dé kom­men, um das zu ergän­zen, dann Kno­chen, Seh­nen und ande­re Kör­per­tei­le der Gari­na­fin und ande­rer Tie­re als Mate­ri­al zum Ein­satz – pas­send zur kul­tu­rel­len Spra­che die­ses Kontinents.)

Wer sich auf die Dan­de­l­ion Dynasty ein­lässt, erlebt vie­le Stun­den in einer plau­si­blen, aber kul­tu­rell ande­ren Regeln fol­gen­den Welt.Gleichzeitig ist das Buch auch da rea­lis­tisch, wo es um Gräu­el geht – aus einer Ideo­lo­gie der kul­tu­rel­len Rein­heit erwächst ein Ter­ror­re­gime, Ver­rat endet blu­tig, und bei aller Nach­voll­zieh­bar­keit der Moti­ve (und Begeis­te­rung über die dahin­ter ste­hen­de Inge­nieurs­kunst) blei­ben Waf­fen Waf­fen. Das Ende – Vignet­ten zei­gen, wie sich die Welt von Dara Jahr­zehn­te nach dem „Ende“ der Hand­lung wei­ter­ent­wi­ckelt hat – ver­söhnt dann eini­ger­ma­ßen. Viel­leicht steckt in die­sem Epos hier sogar der Kern einer rea­lis­ti­schen Uto­pie („mel­ding past-reinter­pre­ta­ti­on with future-hopecrafting“).